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Infektionskrankheiten

Aus den Tropen nach Europa

18.09.2007
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Infektionskrankheiten

Aus den Tropen nach Europa

Von Daniela Biermann

 

Es wird wärmer in Europa. Das lädt ungebetene Einwanderer wie die Tigermücke ein, hier heimisch zu werden. Sie sind Überträger tropischer Krankheiten wie Chikungunya-Fieber.

 

Ungewöhnlich viele Fälle grippeähnlicher Erkrankungen beobachteten Ärzte im August in den benachbarten Dörfern Castiglione Cervia und Castiglione Ravenna in Norditalien. Die Patienten hatten hohes Fieber und klagten über starke Muskel- und Gelenkschmerzen. Auf der Suche nach der Ursache stießen die Gesundheitsbehörden auf einen exotischen Erreger: das Chikungunya-Virus. In 36 der fast 200 Verdachtsfälle in der Region konnten sie das Virus aus den Tropen nachweisen (Stand 4. September).

 

Bisher kam Chikungunya-Fieber nur in Afrika und Asien vor. Doch der Klimawandel ermöglicht es den Virusüberträgern, hauptsächlich Mücken der Gattung Aedes, sich nun auch in nördlicheren Breiten anzusiedeln. Die Tigermücke Aedes albopticus habe sich in den vergangenen fünf Jahren in Italien stark vermehrt, berichtet Dr. Klaus-Jörg Volkmer vom CRM Centrum für Reisemedizin in Düsseldorf in einer Pressemitteilung. Zu den 22 Virusarten, die sie übertragen kann, gehören auch das Gelbfieber-, Denguefieber- und West-Nil-Virus. Für die derzeitige Chikungunya-Epidemie in Italien wird sie als Überträger verantwortlich gemacht. Die italienischen Behörden vermuten als Ausgangspunkt einen Reisenden, der sich in Südindien mit dem Virus infiziert hat. Nach seiner Rückkehr stach ihn wahrscheinlich eine Tigermücke und die Ausbreitung des Tropenfiebers nahm seinen Lauf.

 

Das Robert-Koch-Institut (RKI) hält den Import des Virus und seines Überträgers nach Deutschland im Moment für sehr unwahrscheinlich. Die klimatischen Bedingungen für ihre Vermehrung sind (noch) ungünstig. So ist die Tigermücke bisher nördlich der Alpen nicht gesichtet worden. Und solange kein ausreichend großes Reservoir an Überträgern vorhanden ist, kann eine Epidemie nicht ausbrechen. Wie sich die kommende Klimaerwärmung auf die Mückenbestände auswirken wird, lässt sich schwer abschätzen.

 

Heimische Malariaüberträger

 

Doch selbst wenn der passende Vektor zugegen ist, muss es nicht zu einer Epidemie kommen. In Deutschland gibt es zurzeit sechs heimische Arten von Anophelesmücken, die alle potenzielle Malariaüberträger sind. Allerdings kommen sie relativ selten vor, sodass sie bisher nur in vereinzelten Fällen in Deutschland Malaria übertrugen. Genau wie in den italienischen Chikungunya-Fällen schleppten vermutlich Reisende die Erreger, Parasiten der Gattung Plasmodium, ein. Zwar wächst durch die Globalisierung und den damit zunehmenden Fernreiseverkehr die Zahl der importierten Erreger. Das RKI geht von 500 bis 1000 infizierten Heimkehrern pro Jahr aus. In Europa werden infizierte Personen im Normalfall jedoch schnell isoliert, sodass die Mücken keine Möglichkeit haben, sich zu infizieren. Ein gut funktionierendes Gesundheitssystem kann so den Infektionskreislauf unterbrechen.

 

Schwieriger wird dies, wenn die Erreger in Wildtieren einen Zwischenwirt finden. Zum Beispiel hat sich das West-Nil-Virus in den USA seit 1999 stark ausgebreitet. Vereinzelt trat es auch in Südeuropa auf. Sein natürliches Reservoir bilden vor allem Vögel. Im April gaben Bernhard-Nocht-, Paul-Ehrlich- und Robert-Koch-Institut vorläufig Entwarnung für Deutschland. In einer umfangreichen Studie werteten sie Proben von Zugvögeln, Tieren, Menschen mit neurologischen Symptomen und Blutspendern aus. Zwar fanden sie in einigen Proben Antikörper, die auf eine durchgemachte Infektion hinwiesen, jedoch nicht das West-Nil-Virus selbst. Derzeit bestehe also keine Gefahr einer Epidemie in Deutschland. »Angesichts des Klimawandels brauchen wir aber mehr dieser Studien«, forderte Reinhard Kurth, Präsident des RKI in einer Presseerklärung.

 

Die Verbreitung von Erregern mit Wildtierreservoir hängt vor allem von ökologischen Schwankungen ab. So habe es in Deutschland in diesem Jahr schon mehr als 1200 Fälle von Hanta-Virus-Infektionen gegeben, sagte Professor Dr. Thomas Benzing, Direktor der Klinik IV für Innere Medizin in Köln, vergangene Woche. 2006 waren rund 100, 2005 knapp 450 Fälle der meldepflichtigen Erkrankung registriert worden. Das RKI erklärt dies durch den zyklischen Anstieg und Abfall der Nagetierdichte alle zwei bis vier Jahre ohne direkten Zusammenhang zu besonders kalten oder warmen Jahreszeiten. Rötelmäuse übertragen den in Deutschland verbreiteten Virus-Untertyp Puumala. Bei einer Infektion, meist ausgelöst durch das Einatmen infektiöser Partikel, kann es zu Nierenversagen und anderen lebensgefährlichen Komplikationen kommen.

 

Anzunehmen ist dagegen ein Einfluss des Klimas auf die Ausbreitung von Krankheiten ohne Vektor. Im Sommer 2006 verursachte das Bakterium Vibrio vulnificus Wundinfektionen bei Badenden in der Ostsee. »Wahrscheinlich waren diese Bakterien schon immer in der Ostsee, aber erst durch hohe Wassertemperaturen über 20 Grad werden sie aktiv und können für den Menschen gefährlich werden«, sagte Regine Szewzyk vom Umweltbundesamt.

 

Auch die Leishmaniose ist auf dem Vormarsch. Wärmeliebende Sandmücken (Phlebotomen) übertragen den verantwortlichen Parasiten. Bisher sind sie in den  Tropen, Subtropen und auch im Mittelmeerraum verbreitet. Sie benötigen eine Jahresdurchschnittstemperatur von mindestens 10 Grad Celsius. Diese Temperaturgrenze liegt im Moment auf der Höhe von Köln. Hunde sind Hauptwirte für den Erreger, da sie von den Sandmücken als Nahrungsquelle bevorzugt werden. Auf Sizilien beispielsweise sind bis zu 60 Prozent der Hunde infiziert. Derzeit geht in Deutschland eine Übertragungsgefahr wohl nur von importierten Infektionen aus. So können Urlauber und ihre Hunde oft unerkannt den Parasiten im Gepäck, beziehungsweise im Blut haben. Wissenschaftler vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin halten eine Übertragung auf die einheimischen Phlebotomus-Arten und die Weitergabe der Infektion an einheimische Wirte jedoch für denkbar.

 

Bei gleichbleibender Kohlenmonoxid-Emission könnten die Temperaturen bis 2100 um 1,8 bis 4 Grad steigen. Das ist zum Beispiel zu niedrig für Dengue-Fieber-Ausbrüche, aber ausreichend für West-Nil-Fieber-Epidemien. Das Bernhard-Nocht-Institut kommt jedoch zu dem Schluss, dass ökologische und sozioökonomische Faktoren einen größeren Einfluss auf die Verbreitung von Krankheiten ausüben als das Klima. Sie sehen für keine der genannten Krankheiten momentan eine Epidemiegefahr für Deutschland. Voraussetzung ist allerdings die Erhaltung der Standards in der Gesundheitsversorgung.

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