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Arthrose

Knorpel auf dem Rückzug

09.09.2015
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Von Annette Mende, Berlin / Verschleiß ist nicht die einzige Ursache für den Knorpelabbau bei Arthrose. Daneben können die Gene, eine niederschwellige Entzündung und Veränderungen des Knochens eine Rolle spielen. Forscher verstehen heute immer besser, wie es zur Arthrose kommt, und testen auch schon diverse therapeutische Ansätze.

»Arthrose ist keine reine Verschleiß­erkrankung«, sagte Professor Dr. Ingo Arnold vom Roten Kreuz Krankenhaus Bremen bei einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie in Berlin. Es handele sich vielmehr um eine Krankheit des ganzen Organs, zu dem neben dem schwindenden Knorpel auch die umgebenden Weichteile und die Muskulatur gehören. Ebenso überholt sei die Vorstellung, dass ausschließlich Belastung Arthrose induziert.

 

Das Beispiel der Fingerarthrose zeige, dass die Hormone eine weitaus wichtigere Rolle bei der Krankheitsentstehung spielen als die Belastung der Gelenke. Denn Frauen erkranken neunmal häufiger als Männer an dieser Polyarthrose der Hände, selbst wenn sie diese zuvor nie übermäßig beansprucht haben. Und auch die Gene entscheiden mit, ob jemand an Arthrose erkrankt oder nicht. »Das haben Zwillingsstudien und Untersuchungen der Nachfahren von Arthrose-Patienten gezeigt«, so Arnold. Mittlerweile habe man zehn Gene identifiziert, die eindeutig mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko assoziiert sind.

Übergewicht schadet doppelt

 

Übergewicht ist erwiesenermaßen ein wesentlicher Trigger für die Entstehung und Progression einer Kniegelenk­arthrose. Doch die naheliegende Erklärung »Das Gelenk muss zu viel Gewicht tragen und deshalb geht eben der Knorpel kaputt« greift sehr wahrscheinlich zu kurz. »Mittlerweile wissen wir, dass vom weißen Fettgewebe freigesetzte Zytokine bei der Knorpeldestruktion eine große Rolle spielen«, sagte Arnold. Diese unterschwellige, chronische Entzündung setze dem Knorpel ebenso zu wie die in Adipo­zyten gebildeten Hormone Adiponektin und Leptin.

 

Der Einfluss dieser metabolischen Faktoren sei so gravierend, dass er möglicherweise sogar die mechanische Überbelastung durch die überschüssigen Kilos überschatte. »Das belegt auch die Beobachtung, dass kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und Angina Pectoris einen Risikofaktor für Arthrose darstellen«, so der Experte. Denn auch an der Entstehung dieser Erkrankungen sei vermutlich eine schleichende Entzündung beteiligt.

 

Auch Sport und die damit verbundenen Verletzungen können eine Arthrose auslösen. Kritisch sind in diesem Zusammenhang sogenannte High Impact Sportarten mit repetitiven und hohen Stoßbelastungen wie Fußball, Eishockey oder Handball, vor allem, wenn sie bereits in jungen Jahren intensiv betrieben werden. Warum das so ist, zeigen Untersuchungen mit jugendlichen Eishockey- und Basketballspielern. »Bei ihnen kommt es zu Veränderungen in den Wachstumsfugen des Knochens«, erklärte Arnold.

 

Die noch nicht verschlossene Wachstumszone des Oberschenkelknochens werde vermehrt aufgespreizt, wodurch ein knöcherner Anbau entstehe, ein sogenanntes Cam-Impingement. Der Name setzt sich zusammen aus den englischen Begriffen Cam für Nockenwelle und Impingement für Zusammenstoß. Ein Cam-Impingement kann das benachbarte Hüftgelenk durch dauerhaftes Anschlagen und Einklemmen beschädigen und ist so ein Wegbereiter für eine Arthrose. »Viele Hüftgelenkarthrosen, die wir früher als idiopathisch bezeichnet haben, sind es also gar nicht, sondern haben diese Ursache«, sagte Arnold. Rechtzeitig erkannt, kann der betroffene Bereich – meist der Übergang zwischen Hüftkopf und Schenkelhals – operativ geglättet und einer Arthrose so vorgebeugt werden.

 

Kraft- statt Ausdauertraining

 

Apropos Sport: Dieser stellt mit Ausnahme der erwähnten Sportarten an sich natürlich keinen Risikofaktor dar, sondern ist im Gegenteil als Prävention zu empfehlen. Am effektivsten ist dabei ein moderates Krafttraining. Sollen die Knie im Fokus stehen, ist vor allem der Kniestreckmuskel zu trainieren, denn dieser gibt Arnold zufolge dem Kniegelenk die entscheidende Führung. Entgegen früherer Annahmen profitierten auch ältere Menschen jenseits der 70 von einem gezielten Training. »Es ist bekannt, dass Ältere pro Jahr 6 Prozent ihrer Muskelmasse verlieren. Doch neuere Untersuchungen zeigen, dass auch sie sehr wohl einen wesentlichen Muskelzuwachs durch Krafttraining erzielen können.« Durch den Aufbau vor allem des Kniestreckers ließen sich Schmerzen und Funktion von Patienten mit Kniegelenkarthrose nachweislich verbessern.

Wichtig sei, dass die Patienten über mindestens zwölf Wochen mindestens dreimal wöchentlich trainieren. Ein moderates Krafttraining sei dabei effektiver als ein Ausdauertraining. Beide Trainingsformen sollten möglichst nicht innerhalb einer Einheit kombiniert werden, denn dann bleibe der gewünschte Erfolg aus. »Mit Krafttraining beeinflussen wir die Myofibrillen, mit Ausdauertraining die Mitochondrien. Beide Effekte heben sich merkwürdigerweise gegenseitig auf, wenn wir die Trainingsformen mischen«, begründete der Mediziner.

 

Ob auch die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit Kollagen-Hydrolysaten der Arthrose vorbeugen kann, ist umstritten. Arnold war mit einer Empfehlung zurückhaltend: »Ex vivo haben einige dieser Mittel einen entzündungshemmenden Effekt. Doch die Zusammensetzung der einzelnen Präparate und auch verschiedener Chargen desselben Präparats unterscheiden sich so stark, dass man sie nicht miteinander vergleichen kann.« Erwiesen sei dagegen, dass ein Vitamin-K-Mangel das Arthroserisiko erhöht. Wer vorbeugen möchte, sollte daher grüne Gemüsesorten, Milchprodukte, Sauerkraut, Pilze und Tomaten essen.

 

Ist die Arthrose einmal da, lässt sie sich mit Medikamenten leider nicht wieder beseitigen. Gegen die Schmerzen können Ärzte orale Arzneimittel, hauptsächlich NSAR, verordnen, oder Corticoide, Hyaluronsäure oder plättchenreiches Plasma direkt in das betroffene Gelenk spritzen (intraartikulär). Letztere Methode ist laut Arnold der oralen Therapie überlegen, wobei wohl auch ein relativ starker Placebo­effekt eine Rolle spielt.

 

Das Problem ist, dass eine beginnende Arthrose momentan nur invasiv, also bei einer Gelenkspiegelung sicher diagnostiziert werden kann. »Das Röntgenbild kommt etwa zehn Jahre zu spät«, bedauerte der Orthopäde. Spezielle MRT-Untersuchungen, mit denen sich die Morphologie des Knorpels erkennen lässt, oder die bestimmte Biomarker mit berücksichtigen, seien vielversprechende neue Diagnosemethoden, die momentan jedoch leider noch sehr teuer seien.

 

Therapie früher beginnen

 

Eine frühe Diagnose ist sehr wichtig für die Erfolgsaussichten der therapeutischen Bemühungen. »Beispielsweise muss die Schmierung des Gelenks mit Hyaluronsäure früh im Krankheits­verlauf erfolgen, sonst wirkt sie nicht mehr«, sagte Arnold. Die Wirksamkeit der intraartikulären Hyaluronsäure- Gabe lasse sich durch Hinzunahme des Proteoglykans Lubricin um den Faktor zehn steigern. Ein entsprechendes Präparat könnte im Laufe der nächsten Jahre auf den Markt kommen, hofft Arnold.

 

Als weitere therapeutische Optionen der Zukunft sieht er Wachstumsfaktoren, die mittels viraler Vektoren oder durch Injektion in betroffene Gelenke gebracht werden. Ein Beispiel sei hier der Wachstumsfaktor FGF-18 (Sprifermin), der in ersten prospektiv-randomisierten Studien bereits seine knorpelerhaltende Wirkung gezeigt habe. Auch ein monoklonaler Antikörper gegen Syndecan-4, ein die Knorpeldegeneration förderndes Pro­tein, sei ein vielversprechender Ansatz, der sich bereits in fortgeschrittener klinischer Entwicklung befinde. /

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