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Adenokarzinom

Leben ohne Magen

10.09.2013  16:53 Uhr

Von Maria Pues / Nachdem im vergangenen Jahr die ärztliche Behandlungsleitlinie Magenkarzinom aktualisiert wurde, steht seit Kurzem auch eine Patientenleitlinie zur Verfügung – für Patienten mit der folgenschweren Diagnose Magenkarzinom eine wichtige Unterstützung.

Oft trifft die Diagnose Magenkarzinom Menschen in höherem Lebensalter: Zwischen 71 und 76 Jahre alt sind die meisten Betroffenen bei Diagnosestellung, manche auch deutlich älter. Jünger als 50 Jahre ist kaum ein Patient. Für Ärzte und Patienten bedeutet das aus mehreren Gründen eine besondere Herausforderung. Mediziner müssen bei der Wahl einer geeigneten Therapie nicht selten mehrere Komorbiditäten berücksichtigen. Die Patienten müssen Gewohnheiten und Lebensrhythmus, dessen Wichtigkeit im Alter stets sehr betont wird, häufig in erheblichem Maß umstellen – kein leichtes Unterfangen, bei dem Unterstützung besonders wichtig ist. Schließlich betrifft es auch eine Patientengruppe, die über heute gebräuch­liche Informations­wege wie etwa das Internet häufig nicht erreichbar ist.

Die Diagnose Magenkarzinom trifft die Patienten in den meisten Fällen unerwartet. Oft befindet sich der Tumor bereits in einem fortgeschrittenen Stadium, da Frühsymptome praktisch ganz fehlen. Gelegentlich zeigen sich anfänglich dyspeptische Beschwerden, Appetitlosigkeit und Leistungsabfall, doch diese Symptome können theoretisch auch auf andere Erkrankungen oder das Alter zurückgeführt werden. Zu Alarmsignalen kommt es erst sehr spät: Schluckstörungen, wiederkehrendes Erbrechen, Appetitlosigkeit, auffälliger Gewichtsverlust und gastrointestinale Blutungen (Teerstuhl) nennt die ärztliche Leitlinie. Unter anderem eine rasche gastroskopische Untersuchung ist dann angezeigt. Welche Therapieentscheidung folgt, hängt dabei nicht nur von der Klassifizierung des Tumors ab (siehe Kasten), sondern auch von der Verfassung des Patienten.

 

Vor allem operative Methoden, Chemotherapie und Bestrahlungstherapie kommen zur Behandlung infrage, sofern der Patient diese verkraften kann. Bei hochbetagten multimorbiden Pa­tienten in schlechtem Allgemeinzustand (Untergewicht) ist dies häufig nicht mehr der Fall, sodass die Behandlung sich auf eine palliative Versorgung beschränken muss. Deren Ziel ist es, neben einer Lebensverlängerung die Lebensqualität möglichst lange zu erhalten. Das gilt auch, wenn der Tumor bereits zahlreiche Metastasen gebildet hat.

 

Kommt eine kausale Therapie infrage, so steht eine operative Entfernung des Tumors im Vordergrund, der eine Bestrahlungs- und/oder Chemotherapie vorangehen oder folgen kann. Bei der Operation werden das Tumorgewebe plus 5 cm (bei einem Tumor vom intestinalen Typ) beziehungsweise plus 8 cm (beim diffusen Typ) nicht betroffenes Gewebe entfernt. In der Praxis bedeutet dies häufig die Entfernung (fast) des gesamten Magens.

Patientenleitlinie

Patienten finden in der Broschüre unter anderem Empfehlungen zur Ernährung, Hinweise zu Patientenrechten, Adressen von Beratungsstellen und Informationen über eine psychoonkologische Betreuung oder auch Sterbebegleitung. Die Leitlinie bietet außerdem ein Glossar mit wichtigen medizinischen Fachbegriffen. Die Patientenbroschüre ist als PDF-Datei per Download erhältlich unter www.krebshilfe.de. Dort gibt es außerdem eine Bestellmöglichkeit.

Drastsische Ernährungsumstellung

 

Betroffene müssen sich anschließend daran gewöhnen, ihre Ernährung auf bis zu zehn kleine Mahlzeiten zu verteilen. Unter anderem fetthaltige oder blähende Nahrungsmittel werden häufig schlecht vertragen. Ein Ernährungstagebuch kann dabei helfen herauszufinden, was einem bekommt oder nach welchen Mahlzeiten die Verdauung besonders stark rebelliert. Da die vor Keimen schützende Säurebarriere fehlt, müssen Patienten besonders auf Hygiene achten. Unter anderem Fleisch, Fisch und Eier in ihren rohen Versionen eignen sich aus diesem Grund nicht als Nahrungsmittel. Trotz fehlender Säure kommt es bei manchen Patienten zu Refluxsymtomen. Diese werden durch aufsteigende Verdauungssäfte wie Gallenflüssigkeit ausgelöst. Sich nach dem Essen nicht hinzulegen, zur Nacht den Oberkörper höher zu lagern sowie säurebindende Arzneimittel können die Symptome lindern.

 

Probleme bereiten häufig auch fetthaltige Nahrungsmittel, die in der verkürzten Passagezeit im Darm nicht wie gewohnt sorgfältig mit den Sekreten aus Bauchspeicheldrüse und Leber/Gallenblase durchmischt werden können. Fettstühle, häufig mit Blähungen und Durchfall, sind dann die Folge. Neben einer fettreduzierten Kost können hier Granulate (!) mit Lipasen, die während der Mahlzeit einzunehmen sind, die Beschwerden lindern.

Häufigkeit und Risikofaktoren

Die Zahl der Magenkarzinom-Erkrankungen nimmt in Deutschland seit Jahrzehnten kontinuierlich ab. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten sind hierzulande jährlich knapp 20 000 Menschen betroffen. Rund zwei Drittel der Patienten sind männlich. Als Risikofaktoren gelten ein hoher Nitritgehalt der Nahrung, eine Infektion mit Helicobacter pylori, Rauchen und ein hoher Alkoholkonsum. Eine Therapie mit Protonenpumpenhemmern stellt keinen Risikofaktor dar. Der regelmäßige Verzehr von frischem Obst und Gemüse senkt das Risiko. Während die Fünf-Jahres-Überlebensrate im Frühstadium 80 bis 90 Prozent beträgt, liegt sie im häufigeren Spät­stadium nur noch bei rund 20 Prozent. 

Vitamin B12 substituieren

 

Eine ausreichende Versorgung mit Vitaminen sicherzustellen, gestaltet sich häufig als schwierig. Während Energie, die meisten Vitamine und Mineralien durch bilanzierte Trinknahrung sinnvoll ergänzt werden können, fehlt vielen Betroffenen früher oder später infolge des Mangels an Intrinsic Factor das Vitamin B12. Es sollte sinnvollerweise durch Depotspritzen substituiert werden.

 

Als besonders belastend empfinden Betroffene häufig das sogenannte Dumpingsyndrom, das entsteht, weil der Speisebrei nach der Mahlzeit zu rasch in den Dünndarm gelangt. Mediziner unterscheiden Früh- und Spätdumpingsyndrom. Bei der Frühform kommt es rasch nach dem Essen infolge einer Umverteilung von Flüssigkeit im Körper zu einem Blutdruckabfall mit Schweißausbrüchen und Zittern sowie zu Durchfall. Patienten sollten sich dann mit hochgelagertem Oberkörper hinlegen.

 

Beim Spätdumpingsyndrom können sich ähnliche Symptome zeigen; charakteristisch tritt aber zusätzlich Heißhunger auf. Grund ist hierbei ein rascher Abfall des Blutzuckers infolge einer starken Insulinausschüttung nach einer Mahlzeit. Den Blutzuckerabfall kann man akut mit ein wenig Traubenzucker bremsen. Vorbeugend sollten Betroffene darauf achten, bei ihren Mahlzeiten Nahrungsmittel, die rasch eine starke Insulinausschüttung verursachen, zu reduzieren oder zu meiden. /

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