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Kontrazeptiva

Pille soll Folatspiegel optimieren

14.09.2010  15:18 Uhr

Von Gudrun Heyn, Berlin / Folate sind essenziell für eine gesunde embryonale Entwicklung. In naher Zukunft können Frauen im gebärfähigen Alter mithilfe oraler Kontrazeptiva rechtzeitig ausreichend hohe Spiegel auf­bauen.

Zunächst klingt es wie ein Widerspruch: Präparate, die eigentlich zur Verhütung einer Schwangerschaft dienen, sollen nun dabei helfen, bei Neugeborenen Fehlbildungen zu verhindern. Doch Bayer Schering Pharma hat überzeugende Argumente für sein neues Plus-Konzept.

»Wenn Frauen bereits zu Beginn einer Schwangerschaft hohe Folat­spiegel aufweisen, kann das Risiko für Neuralrohrdefekte deutlich ge­senkt werden«, sagte Dr. Joachim Marr vor Journalisten in Berlin. Gleich mehrere orale Kontrazeptiva in Kom­bination mit Folat hat die Firma daher in der Entwicklung.

 

Studien belegen Risikoreduktion

 

Neuralrohrdefekte gehören zu den häufigsten Fehlbildungen, die zum Tode oder zu Behinderungen führen. In Deutschland beträgt die Prävalenz 6,7 auf 10 000 Geburten. Damit ist der Neuralrohrdefekt (NRD) wesent­lich häufiger als etwa eine Chromo­somenanomalie. Unterschieden wer­den die Spina bifida, bei der sich das Neuralrohr über der unteren Wirbelsäule nicht geschlossen hat und die Anenzephalie, bei der sich wesentliche Teile des Gehirns und der Schädelknochen nicht ent­wickeln.

 

Beachtliches Defizit

 

Doch das Risiko eines NRD kann durch die Gabe von Calcium-L-Methylfolat oder von Folsäure erheblich gesenkt werden. »Alle Studien, die zu diesem Thema bislang durchgeführt wurden, haben dies gezeigt«, sagte Professor Dr. Wolfgang Holzgreve vom Universitätsklinikum Freiburg. So konnte etwa eine Studie in China mit mehr als 247 000 Schwangeren nachweisen, dass die perikonzeptionelle Gabe von 400 µg Folsäure pro Tag in Gebieten mit einer hohen NRD-Prävalenz sogar zu einer Risikoreduktion von 85 Prozent führen kann. Aber auch angeborene Herzfehler sowie Fehlbildungen von Nieren und Gliedmaßen treten unter der Gabe von Folsäure oder Calcium-L-Methylfolat seltener auf.

Hintergrund

Folate sind natürlicherweise in Lebensmitteln vorhanden. Im menschlichen Körper liegen sie zu 98 Prozent in der Form Methyltetrahydrofolat (5-MTHF) vor. Calcium-L-Methylfolat ist die stabile Calcium-Komponente des 5-MTHF. Dagegen ist Folsäure die rein synthetische Form des Vitamins B9. Im Körper muss sie erst in die biologisch aktive Folatform überführt werden.

Damit Zellteilungsprozesse optimal ablaufen können, benötigen Schwangere etwa 600 µg Folat pro Tag. Um diesen Bedarf zu decken, sollten sie jeden Tag bis zu 700 g Obst und Gemüse verzehren. Dies ist in der Praxis kaum erreichbar. So werden mit der Nahrung durchschnittlich nur 250 µg aufgenommen. In mehr als 50 Ländern der Welt werden daher Grundnahrungsmittel mit Folsäure angereichert. Mit beachtlichem Erfolg: In den USA etwa ging die Zahl der Kinder mit NRD um 27  Prozent zurück. Allerdings erfolgt in Deutschland bisher aufgrund rechtlicher Bedenken keine Anreicherung von Lebensmitteln mit Folsäure. Seit mehr als 15 Jahren empfehlen hierzulande Fachgesellschaften, wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Schwangeren eine Supplementierung mit 400 µg Folsäure am Tag durch die Einnahme entsprechender Präparate. Diese sollte mindestens vier Wochen vor Empfängnis und in den ersten drei Monaten danach erfolgen.

 

Rechtzeitige Prophylaxe

 

Denn die kritische Phase für den Verschluss des Neuralrohres liegt gleich zu Beginn einer Schwangerschaft. Wenn der Verschluss zwischen dem 24. und dem 28. Tag nicht gelingt, bleibt er manifest, auch nach der Geburt. Zudem kann es bis zu zwölf Wochen dauern, ausreichend hohe Erythrozytenfolatspiegel zum Schutz der Ungeborenen aufzubauen. Trotz dieser Erkenntnisse nehmen nur rund 10 Prozent aller Schwangeren in Deutschland Folsäure bereits zum richtigen Zeitpunkt ein.

 

Mit dem neuen Plus-Konzept kann sich dies ändern. Eine Modellrechnung zeigt, dass durch eine Anreicherung oraler Kontrazeptiva mit Folat etwa die Hälfte aller Neuralrohrdefekte in Deutschland verhindert werden könnte. Zudem wäre eine hohe Compliance bis zum Absetzen der Pille garantiert. Anfang nächsten Jahres wird die Zulassung für das erste Dienogest-Präparat plus 400 µg Folat (Valette® Plus) erwartet. Im vierten Quartal 2011 sollen zwei drosperinonhaltige Produkte folgen. / 

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