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Mukositis

Die Qual im Mund

06.09.2016
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Von Martin J. Hug / Andauernde Mundtrockenheit und Entzündungen der Mundschleimhaut können äußerst schmerz­haft und belastend sein. Häufig sind ältere Menschen und ­Tumor­patienten betroffen. Ziel ist es, frühzeitig prophylaktisch und therapeutisch einzugreifen und möglichst die Ursachen der Mukositis zu beseitigen.

Der Verdauungstrakt aller Säugetiere ist von einem kontinuierlichen Schleimhautepithel (Mukosa) ausgekleidet. Histologisch handelt es sich um ein mehrschichtig unverhorntes Platten­epithel mit sero-mukösen Spei­chel­drüsen. Diese halten durch die Sekre­tion von Flüssigkeit und Schleim den Transportweg für Nahrungsmittel geschmei­dig und unterstützen den Verdauungsprozess über die Bereitstellung von Enzymen und Elektrolyten.

Unter normalen Bedingungen produzieren die Epithelien des Mund- und Rachenraums etwa 1,5 l eines je nach Stimulation dünn- oder dickflüssigen Sekrets, das auch eine Reihe von antimikrobiell wirksamen Stoffen enthält. Damit stellt die Schleimhaut eine ­wirksame Barriere gegen das Eindringen von Mikroorganismen dar.

 

Gerade die Mukosa des oberen ­Gastrointestinaltrakts unterliegt einer ständigen mechanischen Belastung. Daher wird dieses Gewebe unentwegt erneuert. Eine Unterfunktion des Schleimhautepithels führt zu mechanischer Reizung der Oberfläche, während eine Überfunktion eine verstärkte ­Flüssigkeitssekretion auslöst. Ist die ­Integrität der Schleimhaut durch entzündliche oder mechanische Einflüsse gestört, kann dies zum Verlust der ­Barrierefunktion führen.

 

Aufgrund der hohen Dichte an sensorischen Nervenfasern im oberen Gastrointestinaltrakt können entzündliche Prozesse und Verletzungen dieses Gewebes äußerst schmerzhaft sein. Im frühen Kindesalter wird dies beim Durchbruch der Milchzähne besonders deutlich. Das Zahnfleisch kann anschwellen und sich sogar entzünden. Diese erste Mukositis raubt sowohl dem Kleinkind wie auch dessen Angehörigen häufig den Schlaf.

 

Stadien der oralen Mukositis

 

Während das Zahnen eine lästige, aber letztlich harmlose Erstmanifestation einer Mukositis darstellt, gibt es eine Reihe von Ursachen, die die Mundschleimhaut deutlich dramatischer schädigen. Da das Erscheinungsbild ­einer Mukositis höchst variabel sein kann, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits 1979 die Schweregrade in Stadien eingeteilt (Tabelle 1). Diese Klassifizierung wurde von vielen Fachgesellschaften adaptiert und gilt bis heute (1, 2).

 

Chronische Entzündungen des Mund- und Rachenraums sind außer­ordentlich schmerzhaft und quälen die Patienten sehr. Häufig leiden sie auch an Mundgeruch; in schweren Fällen fallen sogar Zähne aus. Je nach Ausprägung, Lokalisation und Dauer einer Mukositis können neben der Nahrungsaufnahme auch das Sprechen und die Selbstwahrnehmung der Patienten deutlich eingeschränkt sein. Scham und soziale Isola­tion sind häufig die Folge und erhöhen den Leidensdruck der Betroffenen. Eine Untersuchung an Patientinnen mit Eierstockkrebs zeigte, dass eine Mukositis die Lebensqualität fast so dramatisch reduziert wie das Chemotherapie-induzierte Erbrechen (3).

Tabelle 1: Schweregrad und Symptomatik einer Mukositis entsprechend der WHO-Klassifikation

Schweregrad Optisches Erscheinungsbild Nahrungsaufnahme
keine Veränderung nicht beeinträchtigt
I geringe Rötung nicht beeinträchtigt
II fleckförmige Ausbreitung leichte Beeinträchtigung; feste Nahrung kann ­gegessen werden
III konfluierend, fibrinös flüssige Nahrung ­notwendig
IV Ulzerationen, Nekrose, ­Spontanblutungen orale Nahrungsaufnahme unmöglich

Auch viele ältere Menschen leiden an Mundtrockenheit (Xerostomie) und Mukositis – was von der Umwelt häufig kaum beachtet und von den Betroffenen oft verschwiegen wird. Verschliffene Sprache, Nuscheln und ungewollter Gewichtsverlust können Anzeichen sein, auf die Apotheker in der Beratung achten sollten. Bestehen anticholinerg wirksame Medikamente in der Anamnese, sollte besonders bei Senioren auf die Begleitsymptomatik einer Xero­stomie hingewiesen werden.

 

Vielfältige Ursachen

 

Entzündungen der Mundschleimhaut können verschiedene Gründe haben. Gerade im Anfangsstadium werden entzündliche Prozesse nur durch eine gründliche Inspektion des Mund-Rachen-Raums, zum Beispiel beim Zahnarzt, entdeckt. Das ist umso wichtiger, als schlecht sitzende Zahnprothesen, kosmetische Eingriffe (Zungen- und/oder Wangenpiercings) sowie schlechte Zahn- und Mundhygiene besonders häufige Auslöser sind. Der Zahnarzt sollte auf die gefährlichen und schmerzhaften Konsequenzen einer chronischen Irritation der Mundschleimhaut hinweisen.

 

Eine länger andauernde Mundtrockenheit kann einer Mukositis Vorschub leisten, da Schleimhautzellen ohne schützenden Flüssigkeitsfilm rasch zugrunde gehen. Eine Xerostomie resultiert aus einer unzureichenden Sekretion der Speicheldrüsen (Hyposalivation), die ihrerseits verschiedene Ursachen haben kann. Die Funktion der Speicheldrüsen nimmt mit steigendem Alter ab, und die Prävalenz einer Mundtrockenheit ist bei Frauen höher als bei Männern (4).

 

Neben Stoffwechselerkrankungen führen Autoimmunerkrankungen wie das Sjögren-Syndrom, bei dem sukzessive fast alle exokrinen Drüsen des Körpers zugrunde gehen, oder das Heerfordt-Mylius-Syndrom, eine chronische Entzündung der Ohrspeichel- und ­Tränendrüsen, zu einer massiven Be­einträchtigung der Speichelsekretion. Auch Infektionen der Speicheldrüsen (infektiöse Sialadenitis) durch Mikro­organismen können eine Xerostomie auslösen.

 

Eine überraschend hohe Zahl von Arzneimitteln kann Mundtrockenheit hervorrufen. Eine besonders ausgeprägte Senkung der Speichelsekretion bewirken Anticholinergika wie Oxybutynin, Tolterodin und Trospiumchlorid, die zur Behandlung von Harninkontinenz eingesetzt werden. ZNS-wirksame Pharmaka wie Antidepressiva, Beruhigungs- und Schlafmittel können ebenso wie die häufig verordneten Indikationsgruppen der Antihistaminika und Antihypertonika eine Mundtrockenheit auslösen. Diese Nebenwirkung ist einer der Gründe dafür, dass viele dieser Medikamente in Werken wie der Priscus-Liste als für Senioren potenziell ungeeignet eingestuft werden.

Oft kann die Symptomatik durch einen Wechsel des Wirkstoffs oder ­gegebenenfalls Absetzen des Medi­kaments gelindert werden. Bei der ­Abgabe von Arzneimitteln, die Mundtrockenheit hervorrufen können, sollte der Apotheker auf diese Neben­wirkung hinweisen und lindernde Maßnahmen vorschlagen.

 

Ein Wechsel auf ein besser verträgliches Medikament ist bei Patienten, die aufgrund einer Krebserkrankung mit einer Chemo- oder Strahlentherapie behandelt werden, leider nur selten möglich. Jedoch beeinträchtigen diese Therapien die Speicheldrüsenfunktion oft erheblich. Dies wird durch die emotionale Belastung, die aus der Diagnose resultiert, noch verstärkt. Deshalb sind prophylaktische Maßnahmen zur Vermeidung einer Xerostomie bei diesen Patienten schon sehr früh angezeigt.

 

Tumortherapie als Auslöser

 

Aufgrund des antiproliferativen Wirkmechanismus können eine Strahlentherapie und systemisch wirksame Zytostatika nicht nur indirekt über die Minderung der Speichelsekretion, sondern auch direkt das Schleimhautepithel schädigen. Dabei liegt die Prävalenz einer Mukositis bei Krebspatienten unabhängig von der Tumorentität bei über 20 Prozent und ist bei einer Bestrahlung des Kopf-Hals-Bereichs fast unvermeidbar (Grafik). Eine durch Chemo- oder Strahlentherapie verursachte Mukositis kann manchmal vier Wochen bis zur Abheilung andauern (5).

 

Nicht jede Chemotherapie hat zwingend eine Mukositis zur Folge. Ähnlich wie andere Nebenwirkungen, zum Beispiel Übelkeit und Erbrechen, Haarausfall und Diarrhö, korrelieren entzündliche Veränderungen der Schleimhaut mit der Toxizität des Zytostatikums oder des gewählten Therapieprotokolls. Tabelle 2 zeigt das in Studien ermittelte Risiko für eine höhergradige Mukositis (Grad 3/4) je nach Chemotherapie-Protokoll und den dabei eingesetzten Wirkstoffen.

 

Aber selbst unter Therapien, die weder eine Mundtrockenheit noch eine direkte Schädigung der Schleimhaut hervorrufen, kann eine Mukositis auftreten. Bei vielen Tumorpatienten nehmen die Leuko- und Lymphozytenzahlen während einer Chemo- oder Strahlentherapie deutlich ab. Diese als ­Neutropenie und Lymphozytopenie bezeichnete Nebenwirkung – manchmal sogar therapeutisch beabsichtigt – vermindert die Immunabwehr gegenüber mikrobiellen Krankheitserregern.

 

Gerade die Mundschleimhaut ist als eine erste Eintrittspforte für Mikroorganismen dann besonders gefährdet. Ein besonderes Problem stellt dabei die Veränderung der natürlichen Mundflora dar. Zwar wurden inzwischen mehr als 500 unterschiedliche Mikroorganismen als Bewohner der Mundhöhle identifiziert (6), jedoch gehören die häufigsten Vertreter zu den Familien Prevotella, Streptococcus und Veillo­nella. Bei neutropenen Patienten kommt es zur Zunahme an gramne­gativen Erregern, Vermehrung von ­Pilzen der Gattung Candida und Reaktivierung von früher erworbenen Virusstämmen wie Herpes simplex, Varicella zoster oder Cytomegalieviren (7).

Eine besonders aggressive Form der Mukositis, die häufig nicht auf die Mundschleimhaut beschränkt ist, sondern auch die Augenbindehäute, den Urogenital- und den gesamten Gastrointestinaltrakt betrifft, ist ein Kennzeichen der sogenannten Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion (Graft versus Host Disease, GvHD). Dies ist eine gefürchtete immunologische Komplika­tion, die nach allogener Stammzelltransplantation auftreten kann. Im Unterschied zu einer klassischen ­Organabstoßung greifen hier die im Transplantat des fremden Spenders enthaltenen T-Lymphozyten den Empfängerorganismus an. Man geht davon aus, dass das Risiko für die Entwicklung einer GvHD mit steigender Kompatibilität des humanen ­Leukozyten-Antigens (HLA) zwischen Spender und Empfänger abnimmt. Dennoch entwickeln 30 bis 40 Prozent aller Patienten nach erfolgreicher Knochenmarktransplantation eine GvHD (8).

 

Warum gerade Epithelgewebe von dieser Immunreaktion so dramatisch betroffen ist, ist noch nicht abschließend geklärt. Es gibt Hinweise, dass spezifische Liganden wie E-Catherin auf den Epithelzellen lokalisiert sind, die T-Zellen zur Ausschüttung von Zytokinen stimulieren, was eine lokale Entzündungskaskade in Gang setzt (9). Da die GvHD eine gravierende und nicht selten lebensbedrohliche Komplikation darstellt, stehen antiinflamma­torische und immunsuppressive Maßnahmen als therapeutische Optionen im Vordergrund.

 

Es liegt auf der Hand, dass eine ­Mukositis meist nicht nur eine einzige Ursache hat, sondern durch das Zusammentreffen verschiedener Faktoren begünstigt wird. Daher überrascht es nicht, dass es trotz der Häufigkeit und des hohen Leidensdrucks dieser Erkrankung kein Patentrezept gibt. Viele Ansätze in der Prophylaxe und Therapie sind empirischer Natur und – wenn überhaupt – nur durch wenige Studien mit niedrigen Fallzahlen belegt.

 

Leitlinien zu Prophylaxe und Therapie

 

Die Multinational Association of Supportive Care in Cancer (MASCC) und die International Society of Oral Oncology (ISOO) veröffentlichten 2014 überarbeitete Leitlinien zur Prophylaxe und ­Therapie einer Mukositis infolge von Chemo- und Strahlentherapie (10). Viele Inhalte dieses Dokuments sind inzwischen auch in nationale Leitlinien wie die S2e-Leitlinie 052/014 »Suppor­tive Maßnahmen in der Radioonkologie« eingeflossen.

 

Den höchsten Empfehlungsgrad weist eine gründliche und konsequente Mundpflege auf. Um weitere mecha­nische Schäden an der häufig bereits angegriffenen Schleimhaut zu minimieren, soll der Patient eine möglichst weiche Zahnbürste verwenden. Vor planbaren Therapien werden eine Zahnsanie­rung und die Entfernung von die Schleimhaut irritierenden Schmuckgegenständen empfohlen.

Tabelle 2: Risiko für das Auftreten einer Mukositis in Abhängigkeit vom Tumor und dem gewählten Chemotherapieprotokoll; ­modifiziert nach (19, 20)

Erkrankung Therapieprotokoll (Beispiele) Wirkstoff(e) Risiko für eine Grad 3-4 Mukositis (in Prozent)
Non Hodgkin Lymphom (NHL) 6,55
NHL-15 Doxorubicin, Vincristin, Cyclophosphamid (Hochdosis) 3
CHOP-14 Doxorubicin, Vincristin, Cyclophosphamid, Prednison 4,82
CHOEP-14 Doxorubicin, Vincristin, Cyclophosphamid, Etoposid, Prednison 10,4
BEAM Melphalan 75
Brustkrebs 4,08
A/T/C Doxorubicin, Paclitaxel, Cyclophosphamid (sequenzielle Gabe) 2,29
FAC 5-Fluorouracil, Doxorubicin, Cyclophosphamid 3,33
AC Doxorubicin, Cyclophosphamid 13,64
TAC Docetaxel, Doxorubicin, Cyclophosphamid 4,92
Lungenkrebs 0,79
Platin + Taxan Cisplatin, Paclitaxel 0,49
Gemcitabin + Paclitaxel Gemcitabin, Paclitaxel 1,84
Gemcitabin + Vinorelbin Gemcitabin, Vinorelbin 0,75
Darmkrebs 1,67
FOLFOX 5-Fluorouracil, Leucovorin, Oxaliplatin 1,35
FOLFIRI 5-Fluorouracil, Leucovorin, Irinotecan 4,43
IROX Irinotecan, Oxaliplatin 1,48

Künstlicher Speichel

 

Bei Fortbildungsveranstaltungen beobachtet man häufig, dass der Redner seinen Vortrag unterbrechen muss, um einen Schluck Wasser zu trinken. Grund dafür ist in der Regel nicht ein akutes Durstgefühl, sondern dass die Mundschleimhaut durch den konstanten Redefluss austrocknet. Zudem ­befindet sich der Redner in einer Stresssituation, die über eine Sym­pathikusaktivierung eine vegetative Hemmung der Speichelproduktion hervorruft. Flüssigkeitszufuhr bekämpft dieses Übel wirksam und ist eine der einfachsten Maßnahmen, um einer durch verminderte Speichel­sekretion verursachten Mukositis entgegenzuwirken.

 

Prinzipiell ist es also sinnvoll, Patienten mit Xerostomie zu häufigem Trinken anzuleiten. Reines Wasser hat aber einen Nachteil: Es verdünnt die schützende Elektrolyt- und Schleimschicht, die der Mukosa aufliegt. Daher kann Patienten mit Xerostomie empfohlen werden, künstlichen Speichel einzusetzen. Zu diesem Zweck sind in Deutschland einige Medizinprodukte und Fertigarzneimittel erhältlich (Tabelle 3). Gemeinsames ­Prinzip ist die Kombination von vis­kositätserhöhenden Inhaltstoffen mit pflegenden Bestandteilen.

 

Lokale Kältetherapie vor der Chemotherapie

 

Das Ausmaß einer durch Chemotherapeutika hervorgerufenen Mundschleimhautentzündung kann durch eine orale Kältetherapie verringert werden (11). Darunter versteht man eine kontinuierliche Kühlung der Mundhöhle mittels Eiswasser­spülun­gen oder Lutschen von Eiswürfeln. Man geht davon aus, dass die lokale Kühlung eine Minderdurchblutung der Mundschleimhaut bewirkt, was die Konzen­tration toxischer Substanzen in diesem Gewebe verringert und entzündliche Reaktionen unterdrückt.

 

Die Kältetherapie sollte in der Regel einige Minuten vor der Infusion beginnen und etwa eine halbe Stunde nach deren Ende fortgesetzt werden.

 

Mundspüllösungen

Obwohl eine entzündete und rissige Schleimhaut ein Reservoir für Mikro­organismen darstellt, gibt es keine ­klinische Evidenz, dass regelmäßige Spülungen des Mund- Rachen-Raums mit Antiseptika (Chlorhexidin, PVP-Jod) oder lokal wirksamen Antiinfektiva (Amphotericin B, Nystatin) einer Mukositis effektiv vorbeugen können. Einzig der Einsatz von Benzydamin, einer Substanz, die sowohl antimikrobiell als auch antiinflammatorisch und analgetisch wirksam ist, kann auf Basis einiger weniger Studien empfohlen werden (12, 13).

 

In Deutschland ist Benzydamin als alkoholische Lösung (Beispiel: Tantum Verde®) erhältlich. Da viele Patienten mit angegriffener Mundschleimhaut Alkohol als unangenehm empfinden, ist dieses Präparat kein Mittel der ersten Wahl. Rezepturvorschriften für wässrige Lösungen sind im Neuen Rezeptur Formularium (NRF) zu finden. Besonders bemerkenswert ist eine Kombination von Benzydaminhydrochlorid mit Lidocainhydrochlorid und Dexpanthenol in einer viskösen Grundlage (NRF 7.15.). Bei dieser Lösung sollen sich die Wirkmechanismen der unterschiedlichen Inhaltsstoffe ergänzen, um einer Mukositis vorzubeugen oder deren Verlauf zu mildern.

 

Die Kombination verschiedener Wirkstoffe zieht sich wie ein roter ­Faden durch die empirische Therapie und Prävention der Mukositis. Die ­aktuelle Fassung des Anatomisch-therapeutisch-chemischen Klassifikationssystems führt unter dem Stichwort »Stomatologika« nicht weniger als 82 verschiedene Wirkstoffe auf. In einschlägigen Informationsquellen trifft man auf eine Vielzahl von Rezepturvorschlägen, die auf lokalen Empfehlungen beruhen (Tabelle 4).

 

Es überrascht nicht, dass für viele Rezepturen nicht nur die hinreichende wissenschaftliche Evidenz, sondern in vielen Fällen auch belastbare Stabilitätsuntersuchungen fehlen. Deshalb ist man in der Apotheke gut beraten, entweder auf Rezepturen mit publizierten Stabilitätsdaten, zum Beispiel die NRF-Vorschrift, zurückzugreifen oder diesen Nachweis im Einzelfall selbst zu erbringen.

 

Schmerztherapie nicht ­vergessen

 

Einer der wesentlichen Gründe für den hohen Leidensdruck bei einer Mukositis sind die starken Schmerzen, die sich beim Sprechen und bei Nahrungsaufnahme ins Unerträgliche steigern können. Deshalb sollte man frühzeitig an eine adäquate Schmerztherapie denken. Die in den Mundspüllösungen ­enthaltenen Lokalanästhetika wirken nur kurz und verschlechtern das durch die Schleimhautschädigung ohnehin bereits beeinträchtigte Geschmacksempfinden.

Tabelle 3: Präparate zur Prophylaxe und Therapie von Mundtrockenheit und Mukositis (»künstlicher Speichel«, Auswahl)

Handelsname Anwendungsform Inhaltsstoffe
Medizinprodukt
Aldiamed® Gel, Lösung, Spray Aloe Vera, Panthenol, »Schutz-Enzym« (Lactoferrin)
Caphosol® Lösung Calciumchlorid (A), Dinatriumhydrogen-phosphat, Natriumdihydrogen-phosphat (B)
Gelclair® Gel Povidon, Hyetellose, Hyaluronsäure, Enoxolon
Glandomed® Lösung Macrogol 300, Macrogol 1500, Chlorhexidin-gluconat, Natriumhydrogen-carbonat, Natriumedetat
Arzneimittel
Glandosane® Spray Carmellose Natrium, Sorbitol, Kaliumchlorid, Natriumchlorid, Kaliummonohydrogen-phosphat, Calciumchlorid, Magnesiumchlorid
Saliva natura® Spray Santakraut-Schleim

Nicht steroidale Antiphlogistika können die Schmerzintensität einer oralen Mukositis nicht signifikant ­lindern. Eine bessere Schmerzkontrolle kann mit einer Patienten-kontrollierten Analgesie (PCA) mit parenteral applizierten Opiaten wie Morphin oder Hydromorphon erzielt werden (14). Leider führt eine systemische Opiattherapie bei vielen Patienten zu Übelkeit, Erbrechen und Verstopfung.

 

Inzwischen ist aber bekannt, dass Opiate nicht nur zentral wirksam sind, sondern auch an Rezeptoren in peripheren Geweben binden (15). Daher sind auch Spülungen mit verdünnten Morphinlösungen oder Rezepturen von Opiaten in mukoadhäsiven Grundlagen sinnvoll. Durch die lokale Anwendung verspricht man sich höhere Wirkspiegel im betroffenen Gewebe bei gleichzeitiger Minimierung der systemischen ­Nebenwirkungen. Eine Rezeptur von Morphin 0,1 Prozent in hydrophobem Basisgel DAC wird am Universitätsklinikum Freiburg seit vielen Jahren zur supportiven Therapie der oralen Mukositis eingesetzt. Untersuchungen, die eine Unter- oder Überlegenheit einer topischen Opiatgabe im Vergleich zu deren systemischer Anwendung zeigen, stehen aber ebenso aus wie klare Empfehlungen hinsichtlich der einzusetzenden Konzentrationen.

 

Zytoprotektiva und andere Maßnahmen

Die meisten Vorschläge zur Prävention und Therapie einer Mukositis zielen entweder auf eine physikalische Abschirmung der Schleimhautoberfläche oder auf eine Linderung der Symptome ab. Ein anderer Ansatz ist die Anwendung von Substanzen, die intrazellulär toxische Substanzen abfangen und damit die schädigende Wirkung einer Chemo- und Strahlentherapie auf gesundes Gewebe abschwächen.

 

Die Substanz Amifostin (S-2-[(3-Aminopropyl)amino]ethyldihydrogenmonothiophosphat), die in den 1950er-Jahren ursprünglich zum Schutz vor Strahlenschäden bei einem Atomkrieg entwickelt wurde, war viele Jahre unter dem Namen Ethyol® in Deutschland als »Zytoprotektivum« zur Supportivtherapie im Einsatz (16, 17). Vermutlich ­aufgrund der nicht unerheblichen ­Nebenwirkungen (Übelkeit, Erbrechen und Hypotension), der ausschließlich parenteralen Verfügbarkeit und des ­geringen therapeutischen Benefits ist die Substanz seit 2009 vom deutschen Markt verschwunden, aber seit Kurzem zu einem verhältnismäßig hohen Preis wieder erhältlich.

 

Ein ähnliches Schicksal ereilte den humanen Keratinozyten-Wachstumsfaktor Palifermin. Dieses mit rekombinanter Technologie hergestellte Protein stimuliert die Proliferation und Differenzierung von Epithelzellen und soll zytoprotektive Mechanismen aktivieren. Die seit 2005 in Deutschland zugelassene Substanz konnte bei Patienten, die sich einer Hochdosis-Chemotherapie in Verbindung mit einer Ganzkörperbestrahlung zur Vorbereitung einer Knochenmarkstransplantation unterziehen mussten, Inzidenz, Dauer und Schweregrad der oralen Mukositis deutlich lindern (18).

Tabelle 4: Gegenüberstellung von Rezepturen (Beispiele) und den eingesetzten Inhaltsstoffen zur Prävention und Therapie der oralen ­Mukositis [Msl.= Mundspüllösung]

Inhaltstoff Msl. nach Alberti Budenosid Msl. Magic Mouth-
wash
Münder’sche Lösung PMX Lösung Viskose Benzydamin-hydrochlorid-Msl. 0,15 (NRF 7.15)
Algeldrat X X X
Aminfluorid X
Amphotericin B X
Benzydamin X
Budenosid X
Dexpanthenol X X X
Diphenhydramin X
Guajazulen X
Hydrocortison X
Kamillenblüten­extrakt X
Lidocain X X X
Propylenglycol X
Tetracain X

Trotz der überzeugenden Studiendaten wurde Palifermin (Kepivance®) nur in wenigen Kliniken Deutschlands eingesetzt und hat sich nie als einheitlicher Therapiestandard durchgesetzt. Vermutlich aufgrund des geringen Marktanteils hat der Zulassungsinhaber Kepivance® im Juni 2016 vom Markt genommen.

 

Fazit

 

Angesichts der variablen Pathogenese einer oralen Mukositis gibt es kein Patentrezept, mit dem man diesem für die Patienten sehr belastenden Krankheitsbild begegnen kann. Klinische ­Studien zur Wirksamkeit der verschiedenen Ansätze sind spärlich und methodisch schwierig. Daher sollten Risikofaktoren wie schlechte Mundhygiene und Mundtrockenheit unbedingt verbessert werden, bevor eine potenziell schleimhautschädigende Therapie eingeleitet wird. Eine lokale Kryotherapie kann den Schweregrad einer durch Chemo- und Strahlentherapie verursachten Mukositis verringern, wird aber aufgrund des starken Kältereizes von manchen Patienten abgelehnt oder nicht vertragen.

 

Bei bestehenden oder neu aufgetretenen Schleimhautläsionen steht die Schmerztherapie im Vordergrund. Diese kann mit Lokalanästhetika-haltigen Mundgelen und Lösungen begonnen werden. Bei höherem Leidensdruck sollte aber auch der Einsatz stark wirksamer Opiatanalgetika erwogen werden. Wichtig ist es, Patienten, die unter einer Mukositis leiden, mit ihren Symptomen nicht allein zu lassen, sondern frühzeitig und kompetent hinsichtlich der verschiedenen Therapieoptionen zu beraten. /

 

Literatur beim Verfasser

Der Autor

Martin J. Hug studierte Pharmazie an der Universität Freiburg. 1995 folgte die Promotion, 2008 die Prüfung zum Fachapotheker für Klinische Pharmazie und 2013 die Habilitation in Klinischer Pharmazie. Nach Tätigkeiten als Wissenschaftlicher Assistent an den Universitäten Freiburg und Münster, als Assistant Professor an der University of Pittsburgh, USA, und als Laborleiter in der pharmazeutischen Industrie trat er 2003 in die Apotheke des Universitätsklinikums Freiburg ein. Diese Einrichtung leitet er seit 2011. Seit letztem Jahr ist Dr. Hug Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesapothekerkammer. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sekretionsmechanismen submuköser Drüsen der Atemwege, der Elektrolyttransport im Kolon sowie die Mitarbeit beim Aufbau eines bundesweiten Antibiotic Stewardship (ABS) Programms.

 

Privatdozent Dr. Martin J. Hug

Direktor der Apotheke des Universitäts­klinikums Freiburg

Fachapotheker für Klinische Pharmazie

Fachphysiologe DPG

Hugstetter Straße 55

79106 Freiburg

E-Mail: martin.hug@uniklinik-freiburg.de

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