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Personalisierte Lungenkrebs-Therapie

Gendiagnostik unverzichtbar

04.09.2012  14:27 Uhr

Von Sven Siebenand, Köln / Das Wissen darüber, welche Rolle sogenannte Treibermutationen bei Lungenkrebs spielen, wächst stetig. Dieser Fortschritt der Forschung eröffnet neue Perspektiven für Diagnose und Behandlung. Onkologen sollten dazu idealerweise mit Pathologen Hand in Hand arbeiten.

Lungenkrebs ist die dritthäufigste Krebserkrankung bei Männern und Frauen in Deutschland. Jährlich erkranken hierzulande etwa 50 000 Menschen. Auf einer Presseveranstaltung von Pfizer in Köln fügten Experten der Universitätsklinik Köln, Professor Dr. Reinhard Büttner und Professor Dr. Jürgen Wolf, zwei schlechte Nachrichten hinzu. Zum einen ist das Lungenkarzinom die Hauptursache der Krebssterblichkeit in Deutschland, zum anderen lässt der ganz große Durchbruch in der Therapie seit Jahrzehnten auf sich warten. Erst dank personalisierter Therapien kann die Prognose vieler Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung signifikant verbessert werden, so Wolf.

 

Häufige Treibermutationen

 

Grundsätzlich lassen sich zwei Haupttypen des Bronchialkarzinoms unterschieden: das kleinzellige Lungenkarzinom (small cell lung cancer, SCLC) und das nicht kleinzellige Lungenkarzinom (non small cell lung cancer, NSCLC). Mehr als 85 Prozent aller Fälle sind in die zweite Gruppe einzustufen, wobei Adenokarzinome und Plattenepithelkarzinome die häufigsten histologischen Subtypen des NSCLC sind.

Wolf und Büttner waren sich einig, dass die histologische Unterteilung von Lungenkrebs heute nicht mehr ausreicht. Sie informierten, dass viele Sub­entitäten existieren, die sich basierend auf dem genetischen Tumorprofil klassifizieren lassen. Für Tumorwachstum und -vermehrung spielen Treibermutationen eine wichtige Rolle. Circa die Hälfte aller Lungenkrebspatienten trägt solche therapeutisch angehbare Mutationen.

 

Pathologen, die entnommenes Tumormaterial untersuchen, haben also theoretisch eine Schlüsselrolle inne. Ihre Analysen des Tumorprofils könnten im Idealfall die Grundlage für Therapieempfehlungen darstellen. In der Praxis ist dieses Zusammenspiel zwischen Pathologie und Onkologie aber noch längst nicht überall Realität. Zum Beispiel erfolgt ein Test auf eine EGFR-Mutation in Deutschland nicht mal bei jedem zweiten NSCLC-Patienten. Das EGFR-Gen kodiert für eine Tyrosinkinase (lesen Sie dazu mehr auf Seite 38). Bei NSCLC-Tumoren treten Mutationen auf, die zu einer gesteigerten Enzym­aktivität und damit zur Aktivierung verschiedener Signaltransduktionswege führen. Liegt eine aktivierende EGFR-Mutation vor, stehen mit den beiden Tyrosinkinase-Inhibitoren Gefitinib (Iressa®) und Erlotinib (Tarceva®) seit einigen Jahren zielgerichtete NSCLC-Therapien mit – im Vergleich zur Chemotherapie – deutlich höherer Effektivität zur Verfügung.

 

Crizotinib vor EU-Zulassung

 

Auch ein Test auf ALK-Gen-Rearrangements findet in Europa bisher nur bei 10 bis 15 Prozent der NSCLC-Patienten statt. Das intakte ALK-Gen kodiert wie das EGFR-Gen für eine Tyrosinkinase. Das ALK-Gen liegt dicht neben dem EML4-Gen. Eine Inversion ist die Ursache für die Entstehung des EML4-ALK-Fusions- Onkogens. Zahlreiche unterschiedliche Varianten sind dabei möglich. Dieses Rearrangement kann zur Aktivierung der Tyrosinkinase ALK führen, die wiederum über Signaltransduktion eine erhöhte Tumorzellproliferation auslöst. Wie Büttner informierte, lässt sich bei 3 bis 5 Prozent aller NSCLC-Patienten dieses Fusions-Onkogen nachweisen. Meistens handelt es sich um jüngere Patienten und Nichtraucher.

 

Im vergangenen Jahr hat die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA den Kinaseinhibitor Crizotinib (Xalkori®) zur Behandlung von Patienten mit lokal fortgeschrittenem oder bereits metastasiertem NSCLC zugelassen. Crizotinib hemmt das Enzym ALK. Der Ausschuss für Humanarzneimittel der Europäischen Arzneimittelagentur EMA hat im Juli 2012 eine Zulassungsempfehlung ausgesprochen. Büttner zeigte sich zuversichtlich, dass das Mittel bald auch in Deutschland zur personalisierten Lungenkrebs-Therapie zur Verfügung stehen wird.

 

»Die Entwicklung in diesem Forschungsfeld wird weitergehen«, gab sich der Mediziner optimistisch. So befinden sich auch für andere Treibermutationen, zum Beispiel im K-RAS- und BRAF-Gen, Wirkstoffe in der Entwicklung. Büttner verwies zudem darauf, dass nicht nur bei Adenokarzinomen, sondern auch bei Plattenepithelkarzinome therapierbare Mutationen auftreten. Zukünftig gelte es, Wege zu finden, um viele Gene gleichzeitig zu testen, zum Beispiel mit neuen Sequen­ziertechniken. Darüber hinaus sei eine breitere Testung der Patienten auf mögliche Genveränderungen erforderlich. / 

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