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Uniklinikum Dresden

Mit Apothekern auf Station

30.08.2017  11:10 Uhr

Von Daniela Hüttemann, Dresden / Am Uniklinikum Dresden betreuen mittlerweile 19 Stationsapotheker mehr als die Hälfte der 1300 Betten. Sie sind fester Teil des Stationsteams und haben zugleich Aufgaben in der Klinikapotheke. Die PZ hat vier von ihnen einen Tag lang begleitet.

Es klopft an Erik Borskis Tür. Der Patientin, die jetzt einen Termin mit ihm hat, steht in Kürze eine Knie-Operation ­bevor. Sie ist hier, um mit dem Stationsapotheker ihre aktuelle Medikation zu besprechen. Der Medikationsplan der Anfang-Dreißigjährigen ist übersichtlich: L-Thyroxin, Ibuprofen und Vitamin D. Der Apotheker fragt nach, ob sie noch weitere Arzneimittel oder Nahrungsergänzungsmittel einnimmt oder Unverträglichkeiten bestehen.

Wegen ihrer Knieschmerzen nimmt die junge Frau regelmäßig Ibuprofen ein. Für den stationären Aufenthalt empfiehlt Borski eine Ulkus-Prophylaxe mit einem Protonenpumpen-Inhibitor. Die optimierte Medikation gibt er als Verordnungsempfehlung für den behandelnden Klinikarzt in die elektronische Patientenakte ein und stellt dabei die Fertigarzneimittel auf die Hausliste um. Er weist die Patientin noch darauf hin, dass die Tabletten, die sie im Krankenhaus erhält, anders aussehen ­können als gewohnt. Dann ist die prästationäre Arzneimittelanamnese abgeschlossen.

 

Medikationspläne mit Lücken

 

Vier Stationsapotheker betreuen die fünf Stationen des Universitäts­centrums für Orthopädie und Unfall­chirurgie (OUC) am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden und nehmen zudem werktags von 8 bis 14 Uhr in der prästationären Aufnahme die aktuelle Medikation auf. Sie stellen dabei häufig fest, dass Medikations­pläne nicht vorhanden oder die mit­gebrachten Pläne nicht aktuell sind. »Früher waren die Angaben zur Arzneimitteleinnahme lückenhaft und wir wussten teilweise nicht, wo die Informationen herkamen«, erzählt Borski. Jetzt könne die Arzneimitteltherapie rund um die OP optimal vorbereitet werden, wenn zum Beispiel eine anti­koagulative Therapie unterbrochen oder überbrückt werden muss. »Wir erinnern beim Entlassmanagement auch daran, dass wegen der OP abgesetzte Medikamente wieder verordnet werden«, benennt Borski eine häufige Fehler­quelle.

 

Ein NSAR ohne Magenschutz bei ­angezeigter Indikation, eine Doppelverordnung von Schmerzmitteln, eine Opioid-Therapie ohne Abführmittel – von solch typischen Fällen berichtet auch Stationsapothekerin Wencke Walter. Sie geht gerade die Medikation der 22 Patienten der Station 2 des OUC durch. »Insbesondere auf die Schnittstellen bei der Aufnahme, einem Sta­tionswechsel und der Entlassung des Patienten achten wir«, erklärt die ­Diplompharmazeutin. Denn genau da kann leicht vergessen werden, eine Umstellung zu dokumentieren.

Neben der aktuellen Medikation hat Walter von jedem Rechner des Klinikums Zugriff auf sämtliche Patientendaten inklusive Diagnosen, Labor­werten, Anästhesieprotokollen und Anmerkungen des Pflegepersonals. Neben dieser sogenannten Kurvenvisite gehen die Stationsapotheker auch regelmäßig mit zur klassischen Visite am Krankenbett. »So können wir uns ein Gesamtbild vom Patienten machen und arzneimittelbezogene Probleme zeitnah klären«, erklärt Walter.

 

Erfordert die Nieren- und Leberfunktion eine Anpassung der Dosierung? Ist die Schmerztherapie ausreichend und die Basismedikation den postoperativen Vitalwerten angepasst? Falls Angaben zur regulären Hausmedikation fehlen, ruft sie auch mal den Hausarzt oder die Angehörigen an. »Manchmal ist es wie Detektivarbeit«, schmunzelt die Pharmazeutin. »Wenn man täglich persönlichen Kontakt zu Ärzten, Pflegepersonal und ­Patienten hat, erfährt man deutlich mehr«, beschreibt Walter den großen Vorteil ihres Arbeitsplatzes im Sta­tionszimmer. So kann sie direkt Verbesserungsvorschläge zur Arzneimitteltherapie machen.

 

Entlastung für die Ärzte

 

»Gerade wir Chirurgen sind froh, dass wir einen Apotheker auf Station ­haben«, sagt Assistenzarzt Tim Grothe. »Als Ärzte ist es uns nicht möglich, ein Medi­kationsmanagement auf so hohem ­Niveau nebenbei zu machen.« Auch Stationsleiterin Jana Richter will Walter als direkte Kollegin nicht mehr missen. »Wir können sie jederzeit ansprechen – das hilft ungemein. Wenn ein Patient eine spezielle Frage zu einem Medikament hat, berät Frau Walter durchaus auch ­direkt am Krankenbett.« Die Patienten seien dadurch viel zufriedener. Auch die Arzneimitteltherapiesicherheit habe sich erhöht. Denn mit dem Konzept der Stationsapotheker hat die Klinikapotheke parallel eine Arzneimittelversorgung über Unit Dose, also für jeden Patienten individuell verblisterte Einzeldosen, etabliert. »Früher hatten wir die Schränke im Stationszimmer voll mit Medikamenten«, erzählt die Krankenschwester. »Wir haben nachts die Medikamente für jeden Patienten gestellt und wurden ­dabei oft unterbrochen. Jetzt ist es viel übersichtlicher und wir haben mehr Zeit für die Patienten.«

 

Auch die Internisten wissen das ­zusätzliche Augenpaar ihres Stationsapothekers zu schätzen – und seinen anderen Blickwinkel. »Die Informa­tionsflut nimmt ständig zu, der Durchlauf hat sich massiv erhöht und die Patienten werden multimorbider, was mit zunehmender Polymedikation und einem erhöhten Interaktionspotenzial einhergeht«, berichtet Stationsarzt ­Sebastian Karl. »Unserem Stationsapotheker fallen manchmal Sachen auf, die wir nicht im Blick hatten.« Dominik ­Wilke, der die beiden gastroenterologischen Stationen des Klinikums pharmazeutisch betreut, gibt dann eine Empfehlung. »Wir wägen diese dann anhand der Befunde und des gesamten Therapiekonzepts ab und geben dem Apotheker eine Rückmeldung«, erklärt der Arzt.

 

Vertrauen und Wertschätzung

Seine Arbeit beruhe auf gegenseitigem Vertrauen und Wertschätzung, berichtet Wilke. Für seinen Job brauche man neben großem Fachwissen auch sehr gute kommunikative Fähigkeiten, betont der Fachapotheker für Klinische Pharmazie. Gerade wenn man erstmals auf einer Station als Apotheker beginnt, müsse man zunächst Vertrauen aufbauen und nicht gleich alles optimieren wollen, sondern die Abläufe im Stationsalltag kennenlernen und schwerwiegende arzneimittelbezogene Probleme ansprechen. Diese Vorgehensweise zahle sich langfristig aus: So setzen die Ärzte mehr als 90 Prozent der Empfehlungen der Apotheker im Klinikum um.

 

Heute fragt Wilke nach, ob bei ­einem Patienten eine intravenöse Therapie auf eine risikoärmere und preisgünstigere orale umgestellt werden kann. Denn neben der Sicherheit und Qualität der Versorgung haben die Stationsapotheker auch die Wirtschaftlichkeit der Arzneimitteltherapie im Auge. Dafür sei es wichtig, dass sie nicht nur auf Station ein Team mit Ärzten und Pflegekräften bilden, sondern auch mit den Kollegen in der Klinikapotheke. »So bekomme ich zum Beispiel frühzeitig Informationen über Lieferengpässe und kann mit den Ärzten Alternativen ­besprechen«, erklärt Wilke.

 

Da Wilke gerade im Arztzimmer ist, hat Stationsarzt Karl gleich noch eine Frage. Das Medikament Tepilta® geht demnächst vom Markt. Einige Patienten mit schweren Reizungen der Speise­röhre sind auf das Lokalanästhetikum angewiesen. Ob Wilke eine Alternative wisse? Zunächst besorgt der Apotheker Restbestände des Medikaments von einer anderen Station. Dann verspricht er, später mit den Apothekern in der Herstellung der Klinikapotheke zu sprechen, ob eine Eigenherstellung infrage kommt. Wilke ist froh, dass er sofort helfen kann.

 

Den direkten Kontakt zu Ärzten, Pflegern und Patienten schätzt auch Stationsapothekerin Dr. Jutta Zwicker. Wie Wilke sieht sie sich aber ebenfalls als Bindeglied zwischen Station und Apotheke. So arbeitet sie nicht nur auf der Pulmologie-Station, sondern auch in der Arzneimittelinformationsstelle, wo sie für Ärzte, Pflegekräfte oder Stationsapotheker tiefer gehende Fragestellungen recherchiert.

 

Auf Station schult Zwicker häufig ­Patienten bei der Anwendung von Inhalatoren. »Die Patienten sind dankbar, wenn jemand ihnen die richtige Anwendung erklärt. Außerdem erfahre ich im Gespräch zum Beispiel auch, ob sie ­unter Nebenwirkungen leiden oder die Medikamente zu Hause regelmäßig einnehmen. Diese Information ist für die Anpassung der Therapie sehr wichtig«, so die Apothekerin, die zuvor in London einen Master of Clinical Pharmacy, International Practice and Policy gemacht hat und dort anschließend drei Jahre auf Station tätig war. Eine entsprechende Tätigkeit war für sie die Bedingung, zurück nach Deutschland zu kommen. Seit Februar ist sie in Dresden tätig und sagt: »Eine andere Arbeit als die auf Station kann ich mir nicht mehr vorstellen.« /

 

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