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Stationsapotheker

»Strukturen in der Fläche fehlen«

30.08.2017  11:10 Uhr

Von Daniela Hüttemann, Dresden / Die Apotheke des Dresdner Uniklinikums setzt seit zehn Jahren Apotheker auf Stationen ein. Über Anfangsschwierigkeiten, den Status Quo in Dresden und die Zukunft der Stationsapotheker in Deutschland sprach die PZ mit Apothekenleiter Dr. Holger Knoth, Leiter der Projektgruppe Stations­apotheker beim Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA), und Andreas Fischer, Abteilungsleiter der Stationsapotheker am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden.

PZ: Ihre Klinikapotheke hat 19 Sta­tionsapotheker angestellt, deutlich mehr als die meisten Häuser in Deutschland. Wie können sich Krankenhäuser das leisten?

 

Fischer: Die Frage muss eher lauten, wie können sich das Krankenhäuser nicht leisten? Aus anderen Ländern wie Großbritannien und Spanien, wo Apotheker bereits seit Langem fester Teil des Stationsteams sind, wissen wir, dass ihre Arbeit die Qualität und Pa­tientensicherheit deutlich erhöht.

Knoth: 2005 konnten wir im Rahmen von zwei Diplomarbeiten an zwei Häusern des Klinikums feststellen, dass jede zweite Arzneimittel­gabe mit einem Problem behaftet war. Eine Sta­tion war offen für die Mitarbeit eines Apothekers. In der Folge sanken nicht nur die arzneimittelbezogenen Probleme, auch eine Kosteneinsparung war zu verzeichnen. Seitdem ist die Klinikverwaltung grundsätzlich dem Konzept des Stations­apothekers aufgeschlossen. Trotzdem müssen wir um jede zusätzliche Stelle kämpfen, denn die Einsparung bei den Arzneimitteln ist nur schwer mit den Personalkosten gleichzusetzen, zumal sich natur­gemäß die größten Einsparungen in der ersten Zeit nach der Einführung eines Sta­tionsapothekers ergeben. Danach sinken die Fehlerquoten und bleiben dauerhaft niedrig – solange weiterhin ein Apotheker mitarbeitet.

 

PZ: Gab es Vorbehalte bei den ­Ärzten?

 

Fischer: Chirurgen und Orthopäden sind vor allem im OP, da ist eine ­Entlastung in anderen Bereichen wie der Arzneimitteltherapie sehr willkommen, vor allem in so hoher Qualität, wie es nur Apotheker können.

 

Knoth: Bei den internistischen ­Fächern ist das Medikament dagegen hauptsächliches Therapieinstrument. Da war die Abwehrhaltung anfangs zum Teil etwas größer. Es ist aber auch eine Generationenfrage: Jüngere Ärzte sind eher froh über die Expertise der Apotheker an ihrer Seite als ältere.

 

PZ: Was muss ein Stationsapotheker mitbringen?

 

Knoth: Er braucht die breite naturwissenschaftliche Basis aus dem Pharmaziestudium, darüber hinaus aber noch viel mehr. Die derzeitige universitäre Ausbildung und Weiterbildung reichen nicht aus für eine klinisch-pharmazeutische Tätigkeit. Wir haben daher Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu finden, das wir sofort auf Station einsetzen können. Das Interesse ist zwar gerade bei Uni-Absolventen groß. Wir können jedoch nicht nur Berufs­anfänger einsetzen und haben daher auch einige Kollegen mit Erfahrung aus Ländern wie Kanada, den USA, Groß­britannien oder Spanien eingestellt.

Fischer: Vielen fehlt zunächst die medizinische Tiefe für das entsprechende Fachgebiet. Gerade bei der erstmaligen Etablierung eines Stationsapothekers und bei hoch spezialisierten Fächern wie der Intensivmedizin oder der Pä­­d­iatrie ist es wichtig, jemanden mit Erfahrung einzusetzen. Denn die Ärzte haben eine gewisse fachliche Erwartungshaltung an die Apotheker. Es ist natürlich nicht Ziel des Apothekers, den Arzt in seiner Therapiehoheit zu beschneiden. Ein Apotheker ist ­jedoch in allen Bereichen relativ breit aufgestellt, über die Standardmedikation eines bestimmten medizinischen Fachgebiets hinaus. Er muss den ­Gesamtüberblick über die Arzneimitteltherapie behalten.

 

PZ: Wie sehen Sie die Zukunft des Stationsapothekers in Deutschland?

 

Knoth: Wir sind überzeugt, dass die ­Arbeit des Stationsapothekers den Pa­tienten etwas bringt und wesentlich zur Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) beiträgt. Es gibt bereits wunderbare Projekte und Krankenhäuser mit Vorbild­charakter, doch es fehlen die Strukturen in der Fläche. Schwierig sind zum Beispiel die Sektorengrenzen, da der Nutzen einer optimierten Arzneimitteltherapie sich zum Teil erst nach der Krankenhausentlassung zeigt. Auch das Vergütungssystem im stationären Bereich in Deutschland erschwert die Finanzierung zusätzlicher Stellen. Ziel der Berufspolitik muss es sein, bei den Kosten- und Entscheidungsträgern, also den Klinikverwaltungen, den Krankenkassen und dem Gemeinsamen Bundesausschuss eine Sensibilität für verbesserte AMTS durch Stationsapotheker zu schaffen. Darüber hinaus müssen wir selbst etwas tun, nämlich die ­Spezialisierung im Fach Klinische Pharmazie ­ermöglichen, die Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten verbessern und Qualitätsstandards setzen. /

 

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