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Heilversuche bei Ebola

Nur unter strenger Kontrolle

26.08.2014
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Von Annette Mende / Ein in Japan zugelassenes Grippemittel wirkt möglicherweise gegen Ebola. Die japanische Regierung wäre bereit, es zur Verfügung zu stellen, sollte die Weltgesundheits­organisation (WHO) es anfordern. Es hat nur einen Nachteil: Gegen Ebola wurde es bei Menschen noch nie eingesetzt.

Avigan® heißt das Medikament, das in Japan von der Fujifilm-Tochter Toyama Chemical vermarktet wird. Es enthält das Pyrazincarboxamid-Derivat Favipiravir, einen Hemmer der RNA-abhängigen RNA-Polymerase, und ist in Japan seit März dieses Jahres zur Behandlung von Patienten mit Influenza-Infektion zugelassen. Im Mai erschien im Fachjournal »Antiviral Research« eine Studie von Forschern des deutschen Bernhardt-Nocht-Instituts um Lisa Oestereich, in der Favipiravir bei mit Ebola infizierten Mäusen einen tödlichen Verlauf der Erkrankung verhinderte. Das Besondere: Favipiravir (Entwicklungsname T-705) wirkte auch dann noch, wenn die Behandlung erst sechs Tage nach der Infektion eingeleitet wurde (doi: 10.1016/j.antiviral.2014.02.014).

 

Ethische Verpflichtung

 

Angesichts der dramatischen Lage in den Ebola-Epidemie-Gebieten und täglich steigender Opferzahlen ist es ethisch geboten, Mittel wie Favipiravir oder auch das Antikörper-Präparat ZMappTM möglichst vielen Patienten zur Ver­fügung zu stellen, selbst wenn sie nur vage Erfolg versprechend sind. Auch die WHO hat sich für einen solchen sogenannten Compassio­nate Use bisher noch nicht am Menschen beziehungsweise in dieser Indikation getesteter Medikamente ausgesprochen, aller­dings unter strengen Auflagen: Die Erkrank­ten sind genau über die Risiken zu informieren, alle Daten müssen veröffentlicht und wissenschaftlich evaluiert werden, und zwar im Rahmen bestmöglicher klinischer Studien.

 

Ob eine Arznei mehr Nutzen als Schaden anrichtet, lässt sich nur über kontrollierte klinische Studien herausfinden – das gilt im Fall von Ebola genauso wie bei jeder anderen Krankheit. Daran erinnert Jesse L. Goodman, ehemaliger wissenschaftlicher Leiter der US-Arzneimittelbehörde FDA, im »New England Journal of Medicine« (doi: 10.1056/NEJMp1409817). Ein unkontrollierter Einsatz experimenteller Mittel sei deshalb fatal, weil aus ihm möglicherweise falsche Schlüsse über die Wirksamkeit gezogen würden, er dadurch nichts zum Erkenntnisgewinn auch für künftige Ebola-Ausbrüche beitrage und vor allem weil er das ohnehin schon geringe Vertrauen der Bevölkerung in Behörden und Helfer weiter zerrütte.

 

Falsche Schlüsse sind schnell gezogen, wie Goodman an einem Beispiel verdeutlicht. Vor den Anthrax-Anschlägen in den USA im Jahr 2001 sei man davon ausgegangen, dass eine Inhalation von Milzbrand-Sporen ohne Antibiotika-Therapie in 80 bis 90 Prozent der Fälle tödlich endet. Frühe Diagnose und intensive supportive Therapie hätten aber die Mortalität auf 45 Prozent gesenkt. Hätte man damals Betroffenen ein experimentelles, toxisches Mittel verabreicht, mit dem die Mortalität 65 Prozent betrugen hätte, wäre man fälschlicherweise davon ausgegangen, dass es 20 Prozent der Patienten das Leben gerettet hat, während es die Mortalität tatsächlich um 20 Prozent gesteigert hätte.

 

Die Isolierung Infizierter und Erkrankter sowie deren bestmögliche medizinische Versorgung ist daher aus Goodmans Sicht momentan die wichtigste Maßnahme gegen Ebola. Wo experimentelle Mittel zum Einsatz kommen, muss das kontrolliert und unter vollständiger Transparenz geschehen – was insbesondere die Aufklärung der Patienten in einer ihrer Kultur entsprechenden Weise einschließt. Ansonsten würden die Therapieversuche mehr Schaden als Nutzen stiften. /

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