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Adrenalin-Pens

Lebensrettende Begleiter

18.08.2015  11:25 Uhr

Von Christina Müller / Anaphylaktische Reaktionen sind unter Umständen lebensbedrohlich: Innerhalb weniger Minuten können schwere Symptome bis hin zum Kreislaufstillstand auftreten. Daher sollten Allergiker ihren Notfall-Pen stets griffbereit halten – und mit der Handhabung vertraut sein.

Eine Anaphylaxie ist eine starke aller­gische Reaktion vom Soforttyp. Betroffene Patienten bilden nach dem ersten Kontakt mit einem spezifischen Antigen – meist Nahrungsmittelbestandteile, Medikamente oder Insektengifte – innerhalb von sechs bis zehn Tagen IgE-Antikörper. Diese führen bei erneutem Kontakt mit dem Antigen zur Freisetzung von Histamin, Leukotrienen, Prostaglandinen und anderen Mediatoren.

So kommt es meist innerhalb weniger Minuten zu Symptomen wie Juckreiz, Nesselsucht, Angioödem, Übelkeit, Erbrechen, Atembeschwerden, Herzrasen und Blutdruckabfall. Im schlimmsten Fall setzen die Atmung und das Herz-Kreislauf-System aus. Jährlich sterben laut S2-Leitlinie zu Akuttherapie und Management der Anaphylaxie etwa einer bis drei Menschen pro eine Million Einwohner an einer schweren allergischen Reaktion (DOI: 10.1007/s40629-014-0009-1).

 

Gegenmittel Adrenalin

 

Das Mittel der ersten Wahl zur Behandlung der Anaphylaxie ist das Hormon Adrenalin (Epinephrin). Durch Aktivierung von α- und β-Adreno­rezeptoren antagonisiert es alle Patho­mechanismen der allergischen Reak­tion: Es verengt die Blutgefäße und steigert so den Blutdruck, entspannt die Muskulatur der Bronchien, stimuliert den Herzschlag und mildert Schwellungen der Haut.

 

Patienten, die bei Bewusstsein sind, sollen sich in Abhängigkeit vom Körpergewicht im Bedarfsfall sofort 0,15 bis 0,5 mg Adrenalin intramuskulär in die Außenseite des Oberschenkels injizieren oder von einer geschulten Begleitperson injizieren lassen. Spricht der Betroffene auf eine einmalige Applikation nicht an, kann die Gabe alle fünf bis zehn Minuten wiederholt werden. Daher verordnen Ärzte häufig zwei Autoinjektoren auf einmal. Laut Leitlinie ist die Anwendung auch in der Schwangerschaft möglich.

Die US-amerikanische allergologische Fachgesellschaft empfiehlt sogar, Adrenalin bereits dann zu injizieren, wenn eine anaphylaktische Reaktion befürchtet werden muss, sich aber noch nicht manifestiert hat. Die Anwendung von Adrenalin bei nur mäßig ausgeprägten Reaktionen habe weit weniger schwere Folgen als das Versäumen einer nötigen Anwendung, heißt es zur Begründung.

 

Auf dem deutschen Arzneimittelmarkt sind derzeit drei verschiedene Pens verfügbar, die sich in ihrer Handhabung und Haltbarkeitsdauer unterscheiden. Das Expertenforum Anaphylaxie fordert daher den Gemeinsamen Bundesausschuss sowie die gesetzlichen Krankenversicherer auf, die Aut-idem-Regelung für Adrenalin-Auto­injektoren auszusetzen. Rabattverträge für diese Präparate könnten Allergiker in Lebensgefahr bringen, so die Begründung. Ärzte schulen ihre Patienten sehr sorgfältig zu dem verordneten Autoinjektor-Modell, um eine sichere Anwendung im Ernstfall zu gewährleisten, so Dr. Ernst Rietschel, Mitglied des Expertenforums. »Das würde durch eine Aut-idem-Regelung, bei der der vertraute Injektor durch ein anderes Modell ausgetauscht wird, ad absurdum geführt.«

Bei den Modellen von Meda Pharma (Fastjekt®, als Reimport auch Epipen®) und Alk-Abello (Jext®) muss vor der Anwendung eine Sicherheitskappe auf der gegenüberliegenden Seite der Nadel entfernt werden, während der Pen von Dr. Mann Pharma (Eme­rade®) mit einer Schutzkappe auf der Applikationsseite versehen ist. Zudem unterscheiden sich Fastjekt und Jext in der farblichen Kennzeichnung der Sicherheitskappe beziehungsweise des beweglichen Nadelschutzes.

 

Nach dem Entfernen der Sicherheitsvorrichtung wird der Injektor in die sogenannte Führungshand genommen. Dabei ist darauf zu achten, dass der Daumen nicht an einem Ende aufliegt, um eine versehentliche Injektion in den Daumen zu vermeiden. Das kann zu starken Durchblutungsstörungen und unter Umständen sogar zum Verlust der Gliedmaße führen. Der Pen wird im 90-Grad-Winkel kräftig gegen die Außenseite des Oberschenkels gedrückt, damit der Nadelschutz zurückschnellt. Ein hörbares Klicken signalisiert, dass der Injektor ausgelöst hat.

 

Applikationsort massieren

 

Fastjekt und Jext werden zehn Sekunden, Emerade fünf Sekunden in dieser Stellung festgehalten. Anschließend sollte die Applikationsstelle zehn Sekunden lang massiert werden. Die Injektion kann im Notfall durch die Kleidung erfolgen.

Um den Blutfluss zu verbessern, können die Beine des Betroffenen hochgelagert werden. Bei deutlich erschwerter Atmung ist eine sitzende Haltung zu bevorzugen. Bewusstlose Patienten sollten in die stabile Seitenlage gebracht werden (lesen Sie dazu auch Erste Hilfe: Schnelles Handeln rettet Leben).

 

Zu den Lagerungsbedingungen der Auto­injektoren machen die Hersteller unterschiedliche Angaben. Alk-Abello und Dr. Mann Pharma raten lediglich davon ab, den Pen einzufrieren. Das könne den Mechanismus im Inneren beeinträchtigen, erklärte eine Sprecherin von Alk-Abello der PZ. Im entscheidenden Moment bestehe so die Gefahr, dass der Pen nicht wie vorgesehen auslöse. Meda Pharma empfiehlt dagegen die Lagerung bei Raumtemperatur. Um die Stabilität des Wirkstoffs zu gewährleisten, könne der Patient den Pen bei extremen Temperaturen im Sommer in einer Kühltasche mit sich führen, hieß es vonseiten der Firma.

 

Alle Pens sind ausschließlich zum einmaligen Gebrauch geeignet. Aus technischen Gründen verbleibt bei manchen Modellen eine Restmenge an Flüssigkeit in der Ampulle. Dennoch können auch diese kein zweites Mal verwendet werden. Ist im Sichtfenster eine Braun­färbung der sonst klaren Lösung erkennbar, muss der Pen unverzüglich gegen einen neuen ausgetauscht werden. Nach der Anwendung ist auch bei Besserung des Zustands des Patienten sofort der Notruf 112 zu wählen. Da bei einigen Patienten die Symptomatik nach 6 bis 24 Stunden erneut auftreten kann, sieht die Leitlinie speziell bei schweren Reaktionen eine Nachbeobachtungszeit im Krankenhaus vor. /

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