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Erste Hilfe

Schnelles Handeln rettet Leben

18.08.2015
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Von Annette Mende / Unfälle mit Verletzten oder medizinische Notfälle ereignen sich glücklicherweise nicht sehr häufig, doch sollte man darauf vorbereitet sein. Denn anderen in der Not zu helfen, gebietet nicht nur die Nächstenliebe, sondern auch der Gesetzgeber. Wer sein Wissen über Erste Hilfe regelmäßig auffrischt, weiß im Ernstfall, was zu tun ist.

»Oje, das müsste ich alles noch mal neu lernen.« So oder so ähnlich fallen häufige Reaktionen aus, wenn die Sprache auf Erste Hilfe kommt. Der Ersthelfer-Kurs für den Führerschein liegt schon eine ganze Weile zurück und danach hat man sich nie wieder mit dem Thema beschäftigt – die Unsicherheit ist deshalb groß. Das ist verständlich, darf aber nicht dazu führen, dass man im Zweifelsfall lieber gar nichts macht, denn das ist der einzige Fehler, der dem Ersthelfer nicht verziehen wird.

Laut § 323c des Strafgesetzbuchs macht sich strafbar, wer bei Unglücksfällen, gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, »obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist«. Als Sanktionen für unterlassene Hilfeleistung drohen eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder eine Geldbuße. Apotheker sind zwar Heilberufler, haben aber keine spezifische Ausbildung in Erster Hilfe, sodass sie nicht mehr als medizinische Laien zum Helfen verpflichtet sind. Zusätzlich zu den strafrechtlichen Folgen können ihnen aber – abhängig von den Berufsordnungen der Kammern – möglicherweise auch berufsrechtliche Konsequenzen drohen, wenn sie sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig machen.

 

Ersthelfer in der Apotheke

 

In Betrieben muss jeder Arbeitgeber, also auch jeder Apothekeninhaber, nach § 10 Arbeitsschutzgesetz diejenigen Mitarbeiter benennen, die Aufgaben der Ersten Hilfe übernehmen. Deren Anzahl muss in einem angemessenen Verhältnis zur Zahl der Beschäftigten stehen. Was darunter zu verstehen ist, erläutert § 26 Absatz 1 der Unfallverhütungsvorschrift »Grundsätze der Prävention«: Demnach muss ein Betrieb mit 2 bis 20 Beschäftigten einen Ersthelfer haben. Bei mehr als 20 Beschäftigten müssen in einer Apotheke mindestens 5 Prozent der Mitarbeiter ausgebildete Ersthelfer sein.

 

Benannte Ersthelfer in Betrieben müssen ihre Kenntnisse in Erster Hilfe alle zwei Jahre auffrischen. Entsprechende Kurse bieten etwa das Deutsche Rote Kreuz (DRK), die Johanniter und die Malteser an. Die Dauer des Lehrgangs wurde kürzlich von zwei auf nunmehr nur noch einen Tag reduziert.

 

Die wichtigste Lektion für jeden Ersthelfer ist – so banal es klingt – im Notfall ruhig zu bleiben, besonnen zu handeln und vor allem sich selbst nicht in Gefahr zu bringen. Dazu gehört, bei Unfällen als erstes die Unfallstelle zu sichern. In der Aufregung wird das oft vergessen: Laut DRK kommen mittlerweile auf Autobahnen mehr Menschen durch unachtsames Verhalten bei Pannen und Unfällen beziehungsweise beim Helfen ums Leben als durch die Unfälle selbst.

Nicht bloß zuschauen

Solange man nicht grob fahrlässig handelt oder dem anderen vorsätzlich schadet, ist jeder zur Ersten Hilfe verpflichtet. Stattdessen scheint der Anblick von Mitmenschen in Not bei einigen nicht den Helfer-, sondern den Gaffer-Reflex auszulösen. Stehenbleiben und gucken beziehungsweise neuerdings auch mit dem Handy filmen kränkt und verstört jedoch den Verletzten und verhindert im schlimmsten Fall, dass dieser schnell Hilfe erhält. Auch wer Rettungskräfte behindert, macht sich strafbar. Das gilt nicht nur auf der Autobahn, wo die Rettungsgasse bei mehr als zwei Spuren übrigens immer rechts von der linken Spur zu bilden ist.

 

Im Auto hat der Fahrer die erforderlichen Utensilien im Erste-Hilfe-Kasten stets dabei. Wie dieser nach DIN 13164 bestückt sein muss, schlüsselt beispielsweise das DRK unter http://tinyurl.com/qxasbg6 auf.

Erst bergen, dann versorgen

 

Erst dann sollte der Verletzte geborgen werden, falls er sich noch akut in Gefahr befindet. Um festzustellen, ob der Betroffene bei Bewusstsein ist, kniet man sich neben ihn, spricht ihn an und legt ihm dabei die Hand auf die Schulter. Ist er bei Bewusstsein, sollte der Helfer ihm erklären, was er mit ihm vorhat. Mithilfe des Rettungsgriffes lassen sich Verletzte an einen sicheren Ort bringen.

Dazu umfasst man den Betroffenen zunächst von hinten unter Nacken und Schultern und setzt ihn auf. Anschließend fährt man mit beiden Armen unter die Achseln des Betroffenen, legt ihm einen Unterarm quer vor den Leib und fasst diesen mit beiden Händen von oben. Dann zieht der Helfer den Verletzten dicht am Körper auf seine Oberschenkel und kann ihn so wegschleppen.

 

Meist ist man an einer Unglücksstelle nicht allein. Um Umstehende zum Mithelfen zu animieren, sollte man einzelne direkt ansprechen, statt sich allgemein an die Menge zu wenden. Ist der Verletzte aus der Gefahrenzone, muss schnellstmöglich der Rettungsdienst verständigt werden. Die Notrufnummer 112 gilt nicht nur in Deutschland, sondern in allen Ländern der EU sowie auf Island, in Kroatien, Liechtenstein, Norwegen und der Schweiz. Sie ist auch von Handys mit leerer Prepaidkarte erreichbar.

 

Notruf: Die fünf wichtigen W

Damit der Rettungsdienst alle wichtigen Informationen erhält, sollte sich die Unfallmeldung an den fünf W orientieren:

 

  • Wo ist der Unfall genau passiert?
  • Was ist geschehen?
  • Wie viele Betroffene sind zu versorgen?
  • Welche Art von Verletzungen haben die Betroffenen?
  • Warten auf mögliche Rückfragen der Rettungsstelle.

 

Bei Bewusstlosigkeit kann die erschlaffte Zunge nach hinten rutschen und die Atemwege verschließen. Daher ist bei einem bewusstlosen Verletzten als erstes die Atmung zu kontrollieren. Dazu dreht man ihn auf den Rücken, legt ihm eine Hand auf die Stirn und die andere unter das Kinn und zieht den Kopf vorsichtig nach hinten. Dadurch wird der Hals überstreckt und der Mund leicht geöffnet, sodass sich die Atemwege öffnen. Mit Wange und Ohr dicht über Mund und Nase des Betroffenen lässt sich spüren und hören, ob er noch atmet. Verlegen Erbrochenes, Blut oder andere Fremdkörper die Atemwege, sind sie zu entfernen.

 

Gewusst wie: die stabile Seitenlage

Atmet der Verletzte, kommt das, was wohl die meisten noch aus dem Führerschein-Kurs in Erinnerung haben: die stabile Seitenlage (Abbildungen). Dazu kniet man sich seitlich neben den Verletzten und legt zunächst dessen nahen Arm mit nach oben zeigender Hand­fläche angewinkelt neben den Kopf. Dann ergreift man die ferne Hand und legt sie mit dem Handrücken an die nahe Wange, sodass der Arm über der Brust kreuzt. Die Hand wird dort festgehalten und gleichzeitig das ferne Bein am Oberschenkel gegriffen und aufgestellt.

 

Nun lässt sich der Bewusstlose durch Ziehen am Oberschenkel zum Helfer hin auf die Seite drehen. Das obere Bein soll dabei rechtwinklig zur Hüfte zu liegen kommen, das Kinn und die Wange auf dem Handrücken. Ist eine Verletzung der Nackenwirbel zu befürchten, muss der Kopf während der gesamten Prozedur von einem zweiten Helfer stabilisiert und geführt werden. Insbesondere seitliche Bewegungen sind zu vermeiden. Das gilt zum Beispiel für verletzte Motorradfahrer: Ihnen soll bei Bewusstlosigkeit der Helm abgenommen werden; ein zweiter Helfer muss dabei den Nacken stabilisieren.

Welche Seite man für die stabile Seitenlage wählt, ist fast immer egal, außer bei Schwangeren mit sichtbarem Babybauch und bei Verletzten mit großen Wunden an einer Körperseite. Schwangere sollen stets auf die linke Seite gedreht werden, da sonst das Kind auf die untere Hohlvene der Mutter drückt, was deren Kreislauf stark belastet. Betroffene mit großen Wunden sollten auf die verletzte Seite gedreht werden, falls die Gefahr besteht, dass auch der entsprechende Lungenflügel in Mitleidenschaft gezogen wurde. So liegt der intakte Lungenflügel oben und wird dadurch entlastet.

 

Der Kopf des Verletzten wird in der stabilen Seitenlage wieder vorsichtig nach hinten überstreckt und der Mund leicht geöffnet, sodass die Atemwege frei bleiben. Der Helfer sollte den Betroffenen zudecken, bei ihm bleiben und bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes regelmäßig die Atmung kon­trollieren. Bleibt sie stehen oder geht in eine Schnappatmung mit nur noch gelegentlichen einzelnen Atemzügen über, muss der Helfer sofort mit der Wiederbelebung beginnen, ohne erst lange nach dem Puls zu suchen.

 

Herzmassage im richtigen Rhythmus

 

Dazu wird der Betroffene flach auf dem Rücken gedreht und auf einen harten Untergrund gelegt. Der Helfer kniet seitlich neben ihm, macht den Brustkorb des Betroffenen frei, setzt den Handballen im unteren Drittel des Brustbeins auf die Mitte des Brustkorbs, legt die andere Hand darüber und verschränkt die Finger. Dann drückt er mit durchgestreckten Armen kräftig nach unten (Abbildung).

 

Das Herz eines Erwachsenen ist ungefähr so groß wie dessen Faust. Damit es möglichst ganz komprimiert wird, muss man daher mindestens 5 cm tief nach unten pressen. Dabei können Rippen brechen. Das laute Knacken darf den Helfer nicht davon abhalten, mit der Herzmassage weiterzumachen. Auch die Befürchtung, das noch schlagende Herz eines Bewusstlosen mit der Herzmassage aus dem Takt zu bringen und ihm dadurch mehr zu schaden als zu nützen, ist unbegründet. Nach jeder Kompression muss der Brustkorb wieder ganz entlastet werden, damit sich das Herz erneut mit Blut füllen kann.

Die Frequenz sollte 100 bis maximal 120 Kompressionen pro Minute betragen. Um diese zu treffen, hilft eine musikalische Eselsbrücke: Der Song »Stayin Alive« von den Bee Gees hat genau den richtigen Rhythmus. Bei der Wiederbelebung sollten sich stets 30 Kompressionen mit zwei Beatmungen abwechseln – selbstverständlich ohne große Pausen dazwischen.

 

Bei der Mund-zu-Mund-Beatmung bläst der Helfer Luft durch den Mund in die Lunge des Bewusstlosen. Damit das gelingt, muss der Kopf durch Überstrecken des Halses vorsichtig nach hinten geneigt werden, sodass sich die Atemwege öffnen. Dann atmet er durch den Mund normal ein, hält dem Verletzten mit der einen Hand die Nase zu und mit der anderen das Kinn fest, und gibt ihm etwa eine Sekunde lang eine Atemspende. Dabei richtet er den Blick auf den Brustkorb des Verletzten und kon­trolliert, ob dieser sich hebt. Einmal-Beatmungshilfen aus Plastik verhindern den direkten Kontakt bei der Mund-zu-Mund-Beatmung, können so Hemmschwellen abbauen und ein eventuelles Infektionsrisiko für den Helfer senken. Sie sind nicht standardmäßig im Erste-Hilfe-Kasten enthalten, können aber über den pharmazeutischen Großhandel bestellt werden.

 

30 Mal pressen, zwei Mal pusten: In dieser Folge muss die Wiederbelebung so lange fortgesetzt werden, bis der Rettungsdienst eintrifft. Klappt es mit der Beatmung nicht so richtig, darf deshalb die Herzmassage nicht zu lange unterbrochen werden. Das Blut eines Bewusstlosen ist zunächst noch sauerstoffreich, sodass die Herzmassage im Vergleich mit der Beatmung der wichtigere Part ist. Die Deutsche Herzstiftung empfiehlt Ungeübten daher sogar, sich ausschließlich auf die Herzmassage zu beschränken. Dem DRK zufolge sollen nicht mehr als zwei Beatmungsversuche unternommen werden und ausschließlich die Herzmassage erfolgen, falls eine Atemspende nicht möglich ist.

 

Einen Defibrillator bedienen kann jeder

Laut Angaben der Bundesärztekammer ist der plötzliche Herztod die häufigste außerklinische Todesursache in Deutschland, wobei die überwiegende Mehrzahl der Patienten initial unter Kammerflimmern leidet. Die einzige wirksame Behandlung im Rahmen der Reanimation stellt die Defibrillation dar. Je früher diese erfolgt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit des Überlebens ohne bleibende körperliche Schäden. Jede Minute ohne wirksame Reanimation reduziert die Überlebenswahrscheinlichkeit um 10 Prozent.

 

Um die Zeit bis zur Defibrillation zu verkürzen, hängen in immer mehr öffentlichen Gebäuden automatische externe Defibrillatoren (AED). Diese können auch medizinische Laien benutzen, denn die Geräte sprechen nach dem Aufklappen laut mit dem Anwender und geben genaue Anweisungen zur korrekten Handhabung. Piktogramme eines Blitzes in einem Herzen auf grünem Hintergrund kennzeichnen die Standorte (Abbildung). Für die Anwendung müssen die Helfer mindestens zu zweit sein, denn einer muss pausenlos die Herzmassage ausführen, während der zweite den Defibrillator holt, die Defibrilla­tion vorbereitet und gleichzeitig den Rettungsdienst verständigt.

 

Über Elektroden, die auf den Brustkorb des Betroffenen geklebt werden, analysiert das Gerät den Herzrhythmus. Ein erforderlicher Stromstoß muss bei einigen Modellen vom Helfer ausgelöst werden, andere Geräte tun dies selbstständig. Stets werden die Helfer dabei mittels Sprachsteuerung über die nächsten Schritte informiert. Auch dass der Patient während des Stromstoßes nicht berührt werden darf, sagt das Gerät laut an. Um die Helfer nicht in Gefahr zu bringen, darf eine Defibrillation nicht im Regen, auf nassem oder metallenem Untergrund erfolgen.

 

Auch Apotheken können Standorte für AED sein. Ein Gerät kostet ab circa 1000 Euro und ist beispielsweise über den Online-Shop der Björn-Steiger- Stiftung erhältlich. Die Kosten für Anschaffung und Wartung des AED sowie eine im Medizinproduktegesetz vorgeschriebene Einweisung und regelmäßige Schulung des Personals trägt der Inhaber. Diese können steuerlich als Betriebsausgaben geltend gemacht werden. Dabei sind die Anschaffungskosten über die gewöhnliche Nutzungsdauer von sechs Jahren zu verteilen. Die Kosten für die jährliche Wartung sind sofort als Betriebsausgabe im entsprechenden Jahr abzugsfähig.

 

Heimlich-Handgriff gegen Ersticken

 

Im Rahmen des mittlerweile ausgelaufenen Projekts »Kampf dem Herztod« hat sich die Landesapothekerkammer Baden-Württemberg in Kooperation mit der Björn-Steiger-Stiftung dafür eingesetzt, Apotheken als Standorte für AED zu gewinnen. Kammerpräsident Dr. Günther Hanke ist davon überzeugt, dass das eine sehr sinnvolle Sache ist.

»Ich befürworte ausdrücklich, dass in jeder Apotheke oder zumindest in fußläufiger Entfernung ein Defibrillator verfügbar ist«, sagte er der PZ. Apotheken mit Defibrillator könnten beispielsweise Kooperationsverträge mit öffentlichen Einrichtungen, zum Beispiel nahe gelegenen Rathäusern, Schulen oder Arztpraxen, schließen – und so ihre heilberufliche Kompetenz deutlich machen.

 

Auch das Verschlucken kann ein lebensbedrohlicher Notfall sein, der unmittelbares Handeln erfordert. Fremdkörper in Luft- oder Speiseröhre verursachen stärksten Husten- beziehungsweise Brechreiz und Atemnot. Atmet, hustet und spricht der Betroffene, sollte er aufgefordert werden, kräftig weiter zu husten. Klappt das nicht, muss sofort der Rettungsdienst verständigt werden. Keinesfalls sollte der Helfer dem aufrecht stehenden Betroffenen auf den Rücken klopfen. Dabei besteht die Gefahr, dass der Fremdkörper sich löst und noch tiefer in die Luftröhre rutscht. Stattdessen soll der Betroffene vornüber gebeugt werden und erst dann fünf kräftige Schläge zwischen die Schulterblätter erhalten. Nach jedem Schlag ist zu prüfen, ob das Manöver Erfolg hatte.

 

Die letzte Maßnahme bei drohender Erstickung ist der sogenannte Heimlich-Handgriff. Dazu stellt sich der Helfer hinter den Betroffenen, beugt dessen Oberkörper leicht nach vorne und umfasst ihn von hinten mit beiden Armen. Dann legt er die geballte Faust einer Hand auf dessen Bauch zwischen Nabel und Brustbein, umfasst diese mit der anderen Hand und zieht sie bis zu fünf Mal kräftig nach hinten oben. Achtung: Hat sich der Betroffene an einer Fischgräte verschluckt oder ist er beinahe ertrunken und hat Wasser in der Lunge, darf der Heimlich-Handgriff nicht angewendet werden. Ansonsten sind Rückenschläge und Heimlich-Handgriff abwechselnd bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes fortzusetzen, sofern sich der Fremdkörper nicht löst. Verliert der Betroffene das Bewusstsein, muss er wiederbelebt werden.

 

Oft übersehen: der Schock-Patient

 

Weniger spektakulär, aber dennoch lebensbedrohlich ist der Schock. Er kann unterschiedliche Ursachen haben: großer Blutverlust, plötzliches Erschrecken, Schmerzen, Angst, starker Flüssigkeitsverlust durch Erbrechen, Durchfälle oder Schwitzen, Vergiftungen oder Verbrennungen.

Bei einem Schock erhöht sich die Pulsfrequenz und der Kreislauf wird zentralisiert, das heißt, nur noch die lebenswichtigen Organe Herz, Lunge und Gehirn werden durchblutet. In der Folge sind Betroffene sehr blass, schweißnass und frieren, ihre Haut fühlt sich kalt an. Schock-Patienten sind zunächst nervös und ängstlich, später hingegen ruhig und teilnahmslos bis hin zur Bewusstlosigkeit. Die nur noch mangelhaft durchbluteten Organe können geschädigt werden; ohne Gegenmaßnahmen kommt es zu einem Kreislaufzusammenbruch, der tödlich enden kann.

 

Zunächst sind für Schock-Patienten Zuwendung und Betreuung das Wichtigste. Betroffene sollten auch bei warmer Witterung zugedeckt beziehungsweise eingewickelt werden, am besten in eine Rettungsdecke. Dabei sollte die silberne Seite nach innen zeigen. Kommt der Helfer durcheinander und vertauscht die Seiten, ist das aber auch nicht tragisch: Der Unterschied zwischen der goldenen und der silbernen Seite ist zu vernachlässigen. Externe Wärmequellen wie Wärmflaschen sind dagegen kontraindiziert.

 

Bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes sollte der Betroffene in Schocklage, das heißt flach auf dem Rücken liegend mit circa 20 cm erhöhten Beinen gelagert werden. Falls eine Herzschwäche der Auslöser des Schocks war und der Patient über typische Symptome wie Brustenge oder Herzschmerz klagt, sollte dagegen der Oberkörper etwas erhöht gelagert werden. Dasselbe gilt, wenn der Schock mit schwerer Atemnot verbunden ist. Bis der Rettungsdienst eintrifft, sollte der Helfer die ganze Zeit über bei dem Patienten bleiben.

 

All diese lebensrettenden Sofortmaßnahmen sollte jeder beherrschen. Darüber hinaus werden in den Kursen für betriebliche Ersthelfer noch weitere Erste-Hilfe-Maßnahmen vermittelt, von denen für die Apotheke vermutlich der Umgang mit Vergiftungen am relevantesten ist. Ist eine Vergiftung mit Chemikalien, Arzneimitteln oder giftigen Pflanzen wahrscheinlich, sollte eine Giftnotrufzentrale kontaktiert werden. Diese sitzen in Berlin, Bonn, Erfurt, Freiburg, Göttingen, Homburg/Saar, Mainz und München und sind alle bis auf das Zentrum in Erfurt unter der Telefonnummer 19240 samt örtlicher Vorwahl zu erreichen. Die Telefonnummer der Erfurter Giftnotrufzentrale ist 0361–730 730.

Sechs W-Fragen bei Vergiftungen

Die Giftinformationszentralen brauchen zur Beurteilung einer Vergiftung Antworten auf folgende Fragen:

 

  • Wer ist vergiftet (Alter, Gewicht)?
  • Womit?
  • Wie viel Gift wurde aufgenommen?
  • Wann ist die Vergiftung eingetreten?
  • Welche Vergiftungsanzeichen sind erkennbar?
  • Was wurde bereits an Erste-Hilfe-Maßnahmen unternommen?

Keine Milch bei Vergiftung

 

Wie der Betroffene zu versorgen ist, entscheidet die Giftnotrufzentrale. Ohne deren Anweisung sollte er nichts zu trinken erhalten, insbesondere keine Milch. Diese ist als Hausmittel gegen Vergiftungen obsolet. Die einzige Ausnahme stellen Fluorid-Vergiftungen dar, etwa wenn Kinder große Mengen Zahnpasta verschluckt haben (lesen Sie dazu auch Seite 14). Auch Erbrechen sollte nicht ohne ärztliche Anweisung herbeigeführt werden. Erbricht der Betroffene von sich aus, sollte das Erbrochene sichergestellt und ebenso wie die Verpackung des Giftstoffs dem Rettungsdienst übergeben werden.

 

Nach Verschlucken von Säuren oder Laugen sollte der Betroffene zum Verdünnen sofort Wasser in kleinen Schlucken trinken. Da die Gefahr eines Magendurchbruchs besteht, muss sofort der Rettungsdienst alarmiert werden. Verätzungen der Haut werden nach Entfernen der Kleidung sofort unter fließendem Wasser gründlich gespült, und zwar so, dass das Wasser von der Wunde direkt abfließt und nicht noch unverletzte Haut benetzt. Der Helfer soll dabei säurefeste Handschuhe tragen.

 

Ist ein Auge mit Säure oder Lauge in Kontakt gekommen, muss dieses gespült werden, am besten mit einer Augendusche. Dabei sollte ein Helfer die Augenlider des Betroffenen auseinanderspreizen, während ein anderer vom inneren Augenwinkel nach außen das Auge spült. Auf diese Weise wird das unverletzte Auge geschont. Anschließend soll das betroffene Auge mit einem sterilen Verband bedeckt und ruhiggestellt werden. Dazu müssen stets beide Augen verbunden werden, da sie sich parallel bewegen.

 

Medikamente verabreichen dürfen Ersthelfer prinzipiell nicht. Das gilt auch für Fälle, in denen etwa ein Kunde in der Apotheke einen Asthma- oder Angina-pecoris-Anfall erleidet. Dem Betroffenen darf lediglich sein Asthma- beziehungsweise Nitro-Spray gereicht werden, anwenden muss es der Patient selbst. Die einzige Ausnahme von dieser Regel bilden Adrenalin-Autoinjektoren, falls der Betroffene bei einer ana­phylaktischen Reaktion dazu selbst nicht mehr in der Lage ist (lesen Sie dazu auch Adrenalin-Pens: Lebensrettende Begleiter). /

Die Autorin

Annette Mende studierte Pharmazie in Bonn und erhielt 2002 die Approbation als Apothekerin. Sie arbeitete mehrere Jahre in Krankenhaus- und verschiedenen öffentlichen Apotheken in Schweden und Deutschland. Nach Volontariat bei der Springer-Medizin-Verlagsgruppe und Tätigkeit als Redakteurin im Newsroom der Ärzte Zeitung wechselte sie 2011 in das Berliner Büro der Pharmazeutischen Zeitung.

 

a.mende@govi.de

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