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Geruchsstörungen

Vom guten Riecher verlassen

20.08.2013
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Von Nicole Schuster / Gerüche lösen Gefühle aus und warnen vor Gefahren. Wenn die Riechfähigkeit verloren geht, belastet das Betroffene häufig stark. Zu den möglichen Ursachen gehören Entzündungen in der Nase oder Atemwegserkrankungen. Eine gezielte Therapie, aber auch konsequentes Training können das Riechvermögen in vielen Fällen wieder verbessern.

Die Geruchswahrnehmung beginnt in der Nase. Das olfaktorische System besteht aus Nervenzellen in der Nasenschleimhaut und der Riechbahn. Auf den Nervenzellen der Riechschleimhaut befinden sich etwa 350 Rezeptoren für verschiedene Duftstoffe. Für deren Entdeckung wurden die US-amerikanischen Wissenschaftler Linda Buck und Richard Axel 2004 mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin geehrt. Mit jedem Atemzug gelangen Duft­moleküle zu den Rezeptoren. Docken sie an, führt das zu einer Erregung der betreffenden Nervenzelle. Das Signal wird über die Riechbahn ins Gehirn geleitet. Hier entsteht aus den eintreffenden Reizen eine Geruchswahrnehmung. Jedes Aroma entspricht dabei einer spezifischen Kombination aus den 350 möglichen Komponenten.

Wenig Geschmack ohne Riechen

 

Doch Gerüche sind mehr als bloße Sinneswahrnehmungen. »Gerüche beeinflussen direkt unsere Gefühlswelt«, sagt Professor Dr. Hanns Hatt, Institut für Zellphysiologie an der Ruhr-Universität Bochum, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. »Sie erwecken Erinnerungen, entscheiden über Sympathie und Antipathie und spielen bei der Partnerwahl eine Rolle.« Interessant sind diese Effekte auch für das Marketing. So sollen etwa in Kaufhäusern gezielt eingesetzte Gerüche die Kauffreudigkeit der Kunden vergrößern.

 

Auch beim Essen mischt die Nase mit. Unser Geschmackssinn kann lediglich fünf verschiedene Geschmacksrichtungen unterscheiden. Es ist dem Geruchssinn zu verdanken, dass jede Speise ein ganz spezifisches Empfinden auslöst. Nicht zuletzt hat der Geruchssinn auch eine potenziell lebensrettende Funktion, indem er vor Gefahren wie verdorbenem Essen oder Feuer warnt.

 

Was viele nicht wissen: Riechrezeptoren befinden sich nicht nur in der Nase. »Auch in Hautzellen, inneren Organen und sogar in Spermien haben wir sie gefunden«, berichtet Hatt. »Die Bedeutung dieser Riechrezeptoren ist bisher erst von wenigen Geweben bekannt. So beeinflussen sie zum Beispiel in Prostatakrebszellen das Wachstum, in Darmzellen die Peristaltik oder in Spermien die Schwimmrichtung.« Geruchswahrnehmungen entstehen hier allerdings keine.

 

Verlust an Lebensqualität

 

Zu unterscheiden sind qualitative und quantitative Riechstörungen. Unter einer quantitativen Störung des Geruchssinns leiden Menschen, die Gerüche stärker oder schwächer wahrnehmen als andere. Bei der Anosmie ist die Fähigkeit zu riechen vollständig verloren. Von einer Hyposmie sprechen Ärzte hingegen, wenn die Geruchswahrnehmung nachgelassen hat, aber noch vorhanden ist. Beeinträchtigend wirkt sich auch das Gegenteil aus, nämliche eine Überempfindlichkeit gegen bestimmte Gerüche, die sogenannte Hyperosmie. Seltener als die quantitativen Geruchsstörungen sind die qualitativen. Betroffene können Aromen zwar noch wahrnehmen, aber in veränderter, meist unangenehmer Form.

 

Viele Menschen, die unter einer Riechstörung leiden, verlieren dadurch an Lebensqualität. »Wenn ich jetzt an einer Rose rieche, nehme ich den süßen Duft kaum noch wahr. Auch das Essen schmeckt weniger intensiv als früher«, beschreibt eine Betroffene den Verlust. Sie büßte ihren Geruchssinn nach einer hartnäckigen Virusinfektion fast komplett ein. In der Gesellschaft anderer fühlt sie sich seitdem unwohl. »Ständig ist die Angst da, dass ich vielleicht unangenehm riechen könnte.« Sie reagiert darauf mit fast schon übertriebener Reinlichkeit und einem erhöhten Verbrauch an Parfüm.

Riechen mit dem Trigeminus-Nerv

Neben dem olfaktorischen Sinn gibt es noch ein weiteres Geruchssystem, das aus dem Trigeminus-Nerv gebildet wird. Das trigeminal-nasale Geruchssystem reagiert nur auf ganz bestimmte und typischerweise in hoher Konzentration auftretende Reize, die auf eine unmittelbare Gefahr hindeuten, beispielsweise Rauch, Stäube oder Gase wie Ammoniak. Bei Reizungen nehmen wir aber nicht nur Aromen, sondern je nach Auslöser auch Hitze oder Schmerz wahr. Wie das zusammenpasst, erklärt Professor Dr. Hanns Hatt: »Der Trigeminus-Nerv hat Sensoren, die auf Schmerzreize oder Temperaturen ansprechen, aber auch durch Duftmoleküle aktiviert werden. Capsaicin aus der Peperoni löst beispielswiese eine Hitzewahrnehmung aus.« Das funktioniert dann auch bei Menschen, die unter einer Riechstörung leiden.

Schwindender Geruchssinn im Alter

 

Es gibt vielfältige Ursachen für Riech­störungen. Ab etwa 40 Jahre lässt der Geruchssinn als Folge des normalen Alterungsprozesses bei vielen Menschen nach. Etwa jeder zweite Über-80-Jährige leidet unter einem mehr oder weniger vollständigen Verlust des Riechvermögens. Bezogen auf die Allgemeinbevölkerung sind von einer Riechstörung etwa 5 Prozent betroffen. Darunter befinden sich auch Raucher, die oft schlechter riechen können als die Norm.

 

Pathologisch bedingte Geruchsstörungen teilen Ärzte ihrem Entstehungsort nach in zwei Gruppen ein. »Die Ursache für den gestörten Riechsinn liegt in den meisten Fällen in der Nase oder den Nasennebenhöhlen«, sagt Professor Dr. Thomas Hummel vom Interdisziplinären Zentrum für Riechen und Schmecken an der Technischen Universität Dresden. »Auslöser für diese als sinunasale Riechstörungen bezeichneten Störungen können chronische Infektionen der Nase oder der Nasennebenhöhlen, Allergien, Polypen oder Verkrümmungen der Nasenscheidewand sein.« Das olfaktorische System ist bei all diesen Störungen intakt. Ist dagegen die Riechschleimhaut selbst oder die Weiterleitung der Geruchsreize an das Gehirn beeinträchtigt, handelt es sich um eine nicht-sinunasale Riechstörung. Zu den möglichen Ursachen gehören hier virale Infektionskrankheiten der oberen Luftwege, Hirnhautentzündungen oder Kopfverletzungen.

Vorübergehend tritt das Phänomen mitunter in der Schwangerschaft auf oder als Begleiteffekt von Krankheiten wie einer Schilddrüsenunterfunktion. Ein Frühsymptom kann es bei neurodegenerativen Erkrankungen sein. So äußern sich Morbus Parkinson oder die Alzheimer Demenz bei einigen Patienten im Frühstadium durch einen gestörten Geruchssinn.

 

Bei der Diagnose erkundigt sich der Arzt zunächst nach den Symptomen und verschafft sich einen Eindruck davon, wie stark die Störung der Geruchswahrnehmung ist. Auch fragt er nach möglichen Grunderkrankungen. Nach der Anamnese steht eine Untersuchung der Nase, des Nasenrachens und der Riechspalte an. Ebenfalls zur Diagnose gehören Riechtests, bei denen der Pa­tient die Intensität von Geruchsproben angeben oder bestimmte Duftstoffe erkennen soll sowie die kleinste von ihm noch wahrgenommene Konzen­tration ermittelt wird. In einigen Fällen können weitere Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren oder neuro­logische Tests notwendig sein.

 

Ob eine Behandlung erforderlich ist, hängt von der Art der Riechstörung ab. Bei einigen Formen kehrt das Riechvermögen mit der Zeit von alleine wieder. Das kann zum Beispiel bei Störungen der Fall sein, die infolge von Entzündungen der Nasennebenhöhlen auftreten. Es gibt aber auch Patienten, bei denen ein ärztliches Eingreifen notwendig ist, beispielsweise wenn der Geruchsstörung anatomische Veränderungen der Nase zugrunde liegen. Eine Verkrümmung der Nasenscheidewand kann der Chirurg operativ korrigieren, ebenso kann er Polypen oder Tumoren der Nase oder Nasennebenhöhlen entfernen. Wenn verursachende Grund­erkrankungen, zu denen auch Diabetes mellitus gehört, konsequent behandelt werden, kann sich bei den Patienten die Riechfähigkeit wieder verbessern.

 

Übung macht den Meister

 

Erfolge lassen sich in vielen Fällen mit Geruchstraining erzielen. Dabei setzen sich die Patienten täglich gezielt Gerüchen aus und versuchen diese zu benennen und einzuordnen. »Nach einem halben Jahr Training haben 30 Prozent unserer Probanden eine Verbesserung des Geruchssinns erreicht. In der Vergleichsgruppe ohne Training waren das nur 7 bis 15 Prozent«, fasst Hummel die Ergebnisse einer Studie an seinem Institut zusammen. Ein wiedererlangter oder verbesserter Geruchssinn wirkt sich positiv auf die Lebensqualität aus. Aber auch gesunde Menschen können durch ein konsequent durchgeführtes, bewusstes Beschnuppern von Duftproben die Fähigkeit verfeinern, Gerüche wahrzunehmen. /

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