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Kontaktlinsen

Damit es nicht ins Auge geht

24.08.2010  15:17 Uhr

Von Daniela Biermann / Kontaktlinsen sind in der Regel eine gut verträgliche Alternative zur Brille. Treten Probleme auf, ist dies allerdings kein Fall für die Selbstmedikation. Augenarzt und Kontaktlinsenexperte Dr.  Gerald Böhme erklärt, was bei Augentropfen und anderen Medikamenten für Kontaktlinsenträger zu beachten ist.

Etwa 3,2 Millionen Deutsche tragen nach Angaben des Berufsverbands der Augenärzte (BVA) Kontaktlinsen. Diese bieten eine unauffällige und komfortable Alternative zur Brille. Zu häufiges Tragen, fehlerhafte Anpassung oder unzureichende Hygiene sind die häufigsten Gründe, die zu einer Kontaktlinsenunverträglichkeit oder gar zu einer Entzündung der Augen führen. Doch auch Krankheiten und Medikamente können die Verträglichkeit der Linsen verschlechtern.

»Jedes gereizte Auge hat seine Gründe«, sagt Augenarzt Dr. Gerald Böhme, Kontakt­linsenexperte des BVA, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. »Dahinter können sich zahlreiche Krank­heits­bilder verstecken. Der Apotheker sollte dem Betroffenen daher primär keine Augentropfen empfehlen, sondern ihn direkt zur Abklärung zum Augenarzt schicken.« Einen Rat kann der Apotheker auf jeden Fall geben: Bei trockenen, gereizten oder geröteten Augen unbedingt erst einmal auf die Linsen verzichten.

 

Die Kontaktlinse schwimmt normalerweise auf dem Tränenfilm. Probleme können entstehen, wenn dieser nicht intakt ist. »Zum Beispiel während der Bildschirmarbeit blinzeln wir weniger«, erklärt Böhme. »Durch die trockene Luft im Büro reißt der Tränenfilm auf, das Auge wird gereizt. Weiche Kontaktlinsen, vor allem billige, verstärken diesen Effekt. Sie sind wie ein Schwamm: Die Oberfläche der Kontaktlinse trocknet aus, die Linse saugt das Wasser aus dem Tränensee nach.« Als Reflex steigert der Körper die Produktion der Tränenflüssigkeit. »Wer nun wässrige Augentropfen wie Euphrasia gibt, verstärkt das Problem«, warnt Böhme. Denn die wässrige Lösung verdünnt den Tränenfilm, der nun noch leichter aufreißt. Das Problem sei durchaus ernst zu nehmen.

 

Die Kontaktlinse ist wie ein Schwamm

 

Nicht nur Augentropfen, auch systemisch wirkende Medikamente können die Zusammensetzung des Tränenfilms beeinflussen, zum Beispiel Betablocker, Ovulationshemmer und einige Antidepressiva. Wenn Patienten nach Therapiebeginn mit einem neuen Arzneimittel ihre Kontaktlinsen plötzlich nicht mehr vertragen, lohnt sich für sie ein Blick in die Packungsbeilage und die Rücksprache mit dem verordnenden Arzt. Auch hormonelle Umstellungen können die Verträglichkeit von Kontaktlinsen beeinflussen. So könnten Schwangere das Tragen von Kontaktlinsen plötzlich als unangenehm empfinden, berichtet Böhme.

 

Die häufigsten Reizungen am Auge sind jedoch allergisch oder infektiös bedingt. Böhme rät dringend von einer Selbstmedikation ab. Auch bei verschreibungspflichtigen antibiotischen Tropfen ist Vorsicht geboten. »Zum Beispiel sind Infektionen der Bindehaut größtenteils durch Viren bedingt«, erläutert der Augenarzt. »Da helfen antibiotische Augentropfen sowieso nicht. Die richtige Behandlung wird nur hinausgezögert.« Das gilt auch für freiverkäufliche α-adrenerge Tropfen mit Tetryzolin. Die sympathomimetisch wirkenden Mittel würden das Problem nur kosmetisch kaschieren, indem sich die Blutgefäße im Auge zusammenziehen. Der Augapfel wirkt wieder weiß, die Ursache der Entzündung besteht jedoch weiter. Noch dazu werden der Blutfluss und damit der Abtransport von schädlichen Partikeln sowie die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung verschlechtert.

 

Eine kaschierende Selbstmedikation erschwert zudem die Diagnose. »Viele Patienten kommen sehr spät«, berichtet Böhme. »Bei manchen Entzündungen wie der Uveitis, bei der auch die Regenbogenhaut betroffen ist, kann dies schwerwiegende Folgen bis zu erheblicher Sehbehinderung haben.« Auch weiche Kontaktlinsen können eine Reizung verschleiern. »Normalerweise schmerzt eine Hornhautentzündung«, so Böhme. »Weiche Kontaktlinsen liegen jedoch wie eine Folie auf dem Auge. Der Träger spürt beim Zwinkern das Reiben kaum.«

 

Infektion als Komplikation

 

Wer weiche Linsen trägt, sollte auf eine hohe Sauerstoffdurchlässigkeit achten. Behindert die Kontaktlinse den Flüssigkeits- und Gasaustausch, wird die Hornhaut unterversorgt. Als Folge wachsen Gefäße ein (Vaskularisierung), was das Sehvermögen weiter einschränkt und unter Umständen zum völligen Verzicht auf Kontaktlinsen zwingt. Auch Keime können in diesem Milieu die Epithelzellen besser angreifen.

 

Von Selbstkäufen im Internet rät Böhme ganz klar ab – eine präzise, individuelle Anpassung der Kontaktlinsen und die Beurteilung des Gesundheitszustands der Augen sei durch nichts zu ersetzen. Er empfiehlt für tägliches Linsentragen eher harte Linsen. »97 Prozent der Schäden durch Kontaktlinsen treten bei Trägern von weichen Linsen auf«, zitiert Böhme die vorläufigen Ergebnisse einer laufenden Studie. Die Komplikationen wiederum sind häufig Infektionsfolgen. Der Augenarzt mahnt daher zu penibler Hände- und Augenhygiene (siehe Kasten). »Normalerweise heilen Infektionen gut aus, doch wer währenddessen Linsen trägt, riskiert bleibende Trübungen«, warnt Böhme. Denn Erreger können sich in weiche Linsen einlagern. Oft geht eine Infektion auch von kontaminierten Linsen aus.

Tipps für Kontaktlinsenträger

Bevor Auge oder Kontaktlinsen berührt werden, muss der Träger sich immer gründlich die Hände waschen.

Die vom Hersteller angegebene Tragedauer sollte nicht überschritten werden.

Wenn der Augenarzt Linsen anpasst, empfiehlt er auch ein passendes Pflegesystem. Generell gilt: Pflegesysteme für harte Linsen eignen sich nicht für weiche Haftschalen und umgekehrt.

Nach dem Tragen wird die Linse mit Reinigungslösung abgerieben, um Ablagerungen (Biofilm aus Proteinen und Lipiden) zu entfernen. Daran schließt sich eine gewisse Desinfektionszeit in der Aufbewahrungslösung an.

Vor dem Tragen sollten die Linsen mit unkonservierter, isotoner Kochsalzlösung (speziell für Kontaktlinsen) gespült werden.

Weiche Linsen können Konservierungsmittel und Tenside speichern. Diese können den Tränenfilm stören und zu Unverträglichkeiten führen.

Bei manchen Systemen kommt einmal in der Woche ein zusätzlicher Proteinentferner zum Einsatz. Hier ist das Abspülen vor dem Einsetzen besonders wichtig. Kombilösungen vereinfachen den Prozess.

Auch der Aufbewahrungsbehälter sollte regelmäßig ausgetauscht werden (alle vier Wochen).

 

Nicht nur bei gereizten Augen sind Kontaktlinsen tabu. Bei Infektionen des Nasen-Rachen-Raums und anderen fieberhaften Infekten sollte besser die Brille getragen werden. »Wir fassen uns oft unbewusst ans Auge. Dabei kann es zu einer Schmierinfektion kommen«, erklärt Böhme. Zudem sind die Augen über die Tränenkanälchen mit dem Nasen-Rachen-Raum direkt verbunden.

 

Kontaktlinsen und Augentropfen

 

»Wir müssen bei gereizten Augen immer differenzieren und spezifisch behandeln«, so Böhme. Der Augenarzt entscheidet über geeignete Augentropfen. »Beim Einsatz wirkstoffhaltiger Augentropfen dürfen prinzipiell keine weichen Kontaktlinsen getragen werden«, warnt der Augenarzt. Die Wirkstoffe können sich in die wasserhaltige Linse einlagern. Es bildet sich ein Wirkstoffdepot. »Dies kann zu einer lokalen Überdosierung führen«, sagt Böhme.

Harte Linsen speichern die Wirkstoffe nicht und können meist auch wäh­rend der Behand­lung (zum Beispiel ei­nes Glaukoms) ge­tra­gen werden. Wenn nur abends getropft wird, ist oft auch das Tragen wei­cher Kontaktlinsen tags­über möglich. Doch dies sei immer eine individuelle Ent­scheidung des be­han­delnden Arztes.

 

Zu bedenken sei (auch bei wirkstofffreien Au­gen­tropfen), dass sie den Tränenfilm ver­dün­nen und die Linse schlechter haftet. Sie sollten zudem mög­lichst konser­vierungs­mittelfrei sein, beson­ders bei Langzeitanwendung. »Das häufigste Konservierungsmittel in Ophthalmika ist Benz­alkoniumchlorid«, sagt Böhme. »Es zerstört den Tränenfilm, greift die Epithelzellen an und kann sich in weiche Linsen einlagern.«

 

Wer trotz trockener Augen nicht auf Kontaktlinsen verzichten möchte, sollte nach Rücksprache mit dem Kontaktlinsenanpasser nach konservierungsmittelfreien Hyaluronsäure-Präparaten fragen. »Hyaluronsäure ist das körpereigene Gleitmittel«, erklärt Böhme. »Es hat eine hohe Wasserbindungsfähigkeit und stabilisiert den Tränenfilm.« Besser ist jedoch, die Tragezeit zu minimieren und öfter zur Brille zu greifen. / 

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