Pharmazeutische Zeitung online
Aktiv leben gegen Krebs

Das Drei-Säulen-Prinzip

17.08.2016  10:28 Uhr

Von Ulrike Abel-Wanek / Auch nach einer erfolgreichen Tumor­behandlung leiden viele Menschen weiter an anhaltenden ­Beschwerden. Probleme mit Essen und Verdauung, Mattigkeit und Depressionen machen ihnen oft noch jahrelang zu schaffen. Studien zufolge hilft die sogenannte optimierte Krebstherapie aus diesem Teufelskreis heraus.

Als Michael Schoenberg vor 45 Jahren sein Medizinstudium begann, war die Diagnose »Krebs« meistens noch ein Todesurteil. Die Überlebensraten der verschiedenen Erkrankungen unterscheiden sich auch heute noch erheblich, je nachdem, wo und an welchem Tumor man erkrankt. 

 

Insgesamt haben sich in Deutschland die Prognosen aber deutlich verbessert. Neueste Statistiken gehen von einer Gesamtüberlebensrate von 68 Prozent für Krebspatienten aus. In den 1980er-Jahren lag sie für Frauen bei etwa 50 und für Männer sogar unter 40 Prozent.

 

Schoenberg – nach eigener Aussage ein klassischer Schulmediziner vom Scheitel bis zur Sohle – war 17 Jahre lang Chefarzt der chirurgischen Abteilung und ärztlicher Direktor am Rotkreuz­klinikum in München. Heute berät und begleitet er Patienten nach dem Konzept der sogenannten optimierten Krebstherapie in seiner Münchner Praxis im Elisenhof – zusammen mit einer Ernährungswissenschaftlerin und einer Psychoonkologin. »Meinen Weckruf hatte ich auf einer Jahrestagung des Arbeitskreises der Pankreatektomierten«, so der Arzt, der in seiner aktiven Zeit als Chirurg viele Bauchspeicheldrüsen-Operationen durchführte. »Auf der Tagung ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, dass die Patienten nachträglich Probleme haben, mit denen sie sich alleine gelassen fühlen.« Permanente Müdigkeit, die sich auch durch viel Schlaf nicht bessere, eine verminderte Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit und die Schwierigkeit, sich je nach Tumorart richtig und ausreichend zu ernähren, setze bei vielen Patienten eine Negativspirale in Gang, die Angstzustände und Depressionen nach sich ziehe und die Lebensqualität erheblich mindere, so Schoenberg.

 

Auf der Suche nach Maßnahmen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, verglich der Arzt Hunderte wissenschaftliche Untersuchungen zu Prävention und Überlebensraten von Krebs – Beobachtungs- und prospektive Studien ebenso wie große Metaanalysen. Und obwohl die Ergebnisse je nach Tumorart variierten, durchzog die Daten ein gemeinsamer roter Faden: Körperliche Aktivität, eine gesunde Ernährung und psychische Stabilität wirken nicht nur präventiv vor Krebserkrankungen. Die konsequente Umstellung auf einen gesunden Lebensstil beeinflusst auch bei bereits Erkrankten die Verträglichkeit der Therapie und verbessert Prognose und Lebensqualität deutlich. Die sogenannte optimierte Krebstherapie, über die Schoenberg jetzt ein Buch geschrieben hat, umfasst daher die drei Säulen Bewegung, Ernährung und psychoonkologische Begleitung. »Anhand wissenschaftlicher Daten will ich nicht nur mit Mythen, Gerüchten und falschen Versprechungen aufräumen, sondern will den Patienten praxisnah zeigen, wie sie durch ihre aktive Mitarbeit Therapie und Gesundheit optimieren können«, sagt der Arzt.

 

Dem Krebs davonlaufen

 

Die meisten großen Studien gibt es zu den häufigsten Krebserkrankungen von Brust, Prostata und Darm. Speziell der Zusammenhang von sportlicher Aktivität und Krebsprävention ist gut dokumentiert. Dabei reicht offensichtlich ein moderates, aber kontinuierliches Training von etwa dreimal einer Stunde pro Woche aus, um Krebserkrankungen vorzubeugen. Schoenberg ging es aber vor allem um die bereits erkrankten Menschen und die drängende Frage: Was kann man zusätzlich zu Operation, Chemo- und Strahlentherapie noch tun, um den Krebs zu überwinden? »Die drei Säulen erfordern zwar die aktive Mitarbeit des Patienten, aber nach einer anstrengenden Therapie nimmt man das »Heft wieder selbst in die Hand« und bekommt so auch wieder Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten und die seines Körpers«, so der Arzt.

 

Kein Zweifel: Sport und Bewegung verringern die Rezidivrate, verbessern die Überlebenschancen, und noch während einer Chemo- oder Strahlentherapie hebt sich nachweislich die Stimmungslage. Auch Ärzte und Fachgesellschaften wissen das und empfehlen den Patienten einen körperlich aktiven Lebensstil. Und doch sinkt das Aktivitätsniveau von Tumorpatienten nach der Diagnose Studien zufolge deutlich ab. Nur zwischen 20 und 40 Prozent der Betroffenen sind ausreichend körperlich aktiv und versuchen, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten fit zu halten.

 

Dabei muss es gar nicht Joggen, Schwimmen oder Radfahren sein – Gartenarbeit tut es auch. Um verschiedene körperliche Aktivitäten miteinander zu vergleichen, wurde im Jahr 2000 die Einheit MET festgelegt (Metabolisches Äquivalent oder engl.: metabolic equivalent task). Ein MET entspricht der Energie und dem Sauerstoffumsatz pro Kilogramm Körpergewicht, die man benötigt, wenn man eine Stunde (MET-h) ruhig auf einem Stuhl sitzt. Um beispielsweise 9 MET-h wöchentlich zu erreichen – das entspricht der empfohlenen moderaten körperlichen Aktivität zur Krebsprävention – reichen auch eine Stunde Gartenarbeit in der Woche aus und dazu dreimal 30 Minuten Gehen. »Man muss den Patienten etwas anbieten, was sie mögen. Das gilt für Sport und Bewegung, aber zum Beispiel auch beim Essen. Wenn man Brokkoli nicht mag, hat es keinen Zweck zu sagen: Iss ihn«, so die Erfahrungen von Schoenberg.

 

Immer diese Mattigkeit

 

Körperliche Aktivität ist – neben der Psychoonkologie – auch eine der wichtigsten Säulen bei der weitverbreiteten krebsinduzierten Fatigue. Schätzungsweise 60 bis 80 Prozent der Tumor-Patien­ten leiden während der Primärtherapie, oft aber auch noch Monate später, unter Symptomen wie Mattigkeit, Müdigkeit, Erschöpfung und Schlafstörungen – allgemein dem Gefühl, nicht mehr zu »funktionieren«. Die Betroffenen sind antriebslos, schlecht zu motivieren und erscheinen depressiv. Wegen der Ähnlichkeit der Beschwerden zur Depression behandelten Forscher Fatigue-Patienten mit Antidepressiva – allerdings bisher ohne messbare Erfolge.

 

Einer holländischen Studie zufolge klagten zum Zeitpunkt der Diagnose 40 Prozent der Patienten über Fatigue. Unter Chemotherapie waren es 80, während der Strahlentherapie 90 Prozent. 52 Prozent der Betroffenen empfanden dabei die Fatigue-Symptome als quälender und belastender als Schmerzen. Ärzten sind die gravierenden Folgen von Fatigue häufig nicht bewusst.

 

Der Wissenschaftler Timothy Puetz fasste die Ergebnisse von sieben Studien mit insgesamt 4900 Krebspatienten zusammen und fand heraus, dass moderate körperliche Betätigung die Fatigue-Symptome um über 60 Prozent im Vergleich zu inaktiven Patienten reduzierte. Je früher mit dem Training begonnen wurde, desto besser. In anderen Studien kam der Sport im Vergleich zu verhaltenstherapeutischen Maßnahmen im Rahmen einer psychoonkologischen Betreuung etwas weniger gut weg.

 

Muss ich zum »Psychoklempner«?

 

Patienten haben im Rahmen des 2008 vom Bundesministerium für Gesundheit aufgestellten nationalen Krebsplans bei Bedarf Anspruch auf eine »ange­messene psychoonkologische Versorgung«. 2014 wurde die S3-Leitlinie Psychoonkologie veröffentlicht. Sie beinhaltet Empfehlungen zur Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatienten und dient als Leitfaden für die Arbeit in Kliniken und im ambulanten Bereich. 

Von der Diagnose über die Therapie bis hin zum Wiedereinstieg in Job und Alltag soll sie Patienten und Angehörigen helfen, mit ihren Problemen besser umzugehen. Der Psychoonkologe kann auch helfen, eine Tumor-Fatigue von einer möglichen Depression abzugrenzen.

 

Studien belegen, dass eine psychoonkologische Begleitung grundsätzlich positive Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen hat. Etwa ein Drittel der Patienten äußert den Wunsch nach psychosozialer Unterstützung. Sich Hilfe zu suchen und anzunehmen sei ein wichtiger Aspekt, wenn es um psychische Widerstandsfähigkeit gehe, sagt Diplom-Psychologin und Psychoonkologin Franziska Neufeld.

 

Keine guten Studien gebe es allerdings, die zeigen, dass eine sogenannte Krebsdiät die Krankheitsprognose verbessere, so Schoenberg. Immer wieder diskutiert wird beispielsweise die ketogene Diät, bei der weitgehend auf Kohlenhydrate, vor allem auf Zucker verzichtet wird. Durch den niedrigen Zuckergehalt in der Ernährung werde der Stoffwechsel der Krebszelle nicht mehr ausreichend mit Energie versorgt und das Krebswachstum gehemmt, so die Forscher. Tatsächlich zeigen verschiedene klinische Studien, dass diese Diät von Krebspatienten gut vertragen wird. Der Beleg, dass sie das Tumorwachstum hemmt, steht aber noch aus. Bis dahin raten Experten der Deutschen Krebsgesellschaft davon ab.

 

Eine Krebsdiät gibt es nicht

 

»Ich denke, es darf bezweifelt werden, dass es eine Krebsdiät gibt, die pauschal auf alle Patienten und alle unterschiedlichen Krebserkrankungen übertragen werden kann, da jeder Mensch unterschiedlich verstoffwechselt«, so Schoenberg. Individuell unterschiedliche Beschwerden wie Appetitlosigkeit und verändertes Geschmacksempfinden, Kau- und Schluckbeschwerden, Durchfall und Verstopfung, Über- oder Untergewicht während und nach der Therapie erforderten vielmehr eine individuelle Ernährungstherapie. Speziell auf eine ausreichende Versorgung mit Nährstoffen, die Gewichtsstabilisierung und Erhaltung der Lebensqualität müsse man achten. Empfehlenswert sei eine Diät, die landläufig als »mediterran« bezeichnet werde: mit frischem Gemüse und Obst, wenig rotem Fleisch, Vollkornprodukten und dem Verzicht auf sogenanntes prozessiertes Essen, das durch Verarbeitungsprozesse an Nährstoffen verloren hat und durch künstliche Zusatzstoffe »optimiert« wurde. »Große Beobachtungsstudien legen nahe, dass diese Ernährungsempfehlungen das Wiederauftreten eines gerade überwundenen Tumors vermeiden und die Entstehung eines Zweittumors verhindern helfen«, so Schoenberg. Außerdem fördern sie den Genuss – und damit auch die Lebensqualität. /

Mehr von Avoxa