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Doping

Irre lange Liste

13.08.2013
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Von Ulrike Viegener / Eigentlich ist das Thema nie ganz raus aus den Schlagzeilen. Doch die Studie »Doping in Deutschland von 1950 bis heute« des Bundesinstituts für Sportwissenschaft hat den Kessel jetzt so richtig zum Kochen gebracht. Die Liste unerlaubt angewendeter Substanzen ist lang und es werden immer mehr.

Dabei sein ist alles – das war einmal. Sensationshunger und kommerzielle Interessen drängen den olympischen Gedanken in den Hintergrund und setzen die Sportler enorm unter Druck. Wie sehr, das wird einerseits angesichts der langen Liste von Dopingsubstanzen klar, die Sportler – unter Inkaufnahme eventuell gravierender Gesundheitsschäden – konsumieren, um noch ein bisschen besser zu sein.

Andererseits haben seriöse Sportler nicht selten das Problem, dass sie – ohne es zu wissen – Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel anwenden, in denen dopingrelevante Substanzen enthalten sind. Denn die meisten Dopingmittel sind Arzneistoffe.

 

Das Internationale Olympische Komitee definiert Doping als »beabsichtigte oder unbeabsichtigte Verwendung von Substanzen aus verbotenen Wirkstoffgruppen und die Anwendung verbotener Methoden entsprechend der aktuellen Dopingliste«. Die Dopingliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) unterscheidet zwischen absolut und im Wettkampf verbotenen Substanzen.

 

Der EPO-Dschungel

 

Absolut verboten sind die Modedroge EPO (Erythropoetin) und andere Methoden zur Erhöhung der Sauerstoff-Transportkapazität im Blut. EPO ist ein körpereigener Wachstumsfaktor, der die Bildung der Erythrozyten stimuliert. Als Dopingmittel wird rekombinantes EPO vor allem bei Ausdauersportarten angewendet.

 

Nach einem Selbstversuch hat der Mediziner und Amateurradler Jürgen Reul berichtet, was genau dieses Dopingmittel mit einem Sportler macht: Reul fuhr eine serpentinenreiche Etappe der Tour de France einmal mit und einmal ohne Epo – und schaffte gedopt eine Leistungssteigerung von 5 Prozent. Bei gleich guten Wetterbedingungen, so Reul im »FAZ«-Interview, wäre noch mehr drin gewesen. Die extrem anstrengende Strecke habe ihn mit EPO nicht wirklich geschafft, er hatte das Gefühl, immer weiter Gas geben zu können. Auch stellte Reul unterschwellige Aggressionen bei sich fest.

 

Im schlimmsten Fall kann Doping mit EPO tödlich sein: Da sich die Fließ­eigenschaften des Bluts infolge des Hämatokrit-Anstiegs verändern, drohen thromboembolische Komplikationen wie Herzinfarkt und Schlaganfall. Intensiv wird an Weiterentwicklungen des EPO-Moleküls gearbeitet mit dem Ziel, einerseits die biologische Wirksamkeit und andererseits die Sicherheit zu erhöhen. Eine Vielzahl von Folgesubs­tanzen ist bereits auf dem Markt oder Schwarzmarkt verfügbar und erschwert es den Fahndern, im Doping-Dschungel Schritt zu halten.

 

Auch bei den Klassikern unter den Dopingmitteln, den Anabolika, bleibt die Zeit nicht stehen. Laufend kommen neue Substanzen hinzu. So wurde in die aktuelle Verbotsliste von 2013 unter anderem Etiocholanolon – ein Metabolit von Testosteron – neu aufgenommen. Anabolika, die zu einem Zuwachs an Muskelmasse führen, kommen vor allem bei Sportarten zum Einsatz, bei denen Kraft und Schnellkraft gefordert sind.

 

Es mehren sich die Hinweise, dass Anabolika das Herzinfarktrisiko deutlich erhöhen können, wobei die Gefahr mit Dosis und Dauer der Anwendung sowie der Anzahl verschiedener Präparate steigt. Ursächlich könnten sowohl ungünstige Veränderungen der Lipoproteine als auch eine Hypertrophie der Herzmuskelzellen sein.

 

Andere unerwünschte Effekte von Anabolika sind Virilisierung bei Frauen und Gynäkomastie bei Männern. Diese sehr störenden Nebenwirkungen führen aber meist nicht zum Dopingverzicht, sondern man ist auf eine andere »Lösung« verfallen: Man konsumiert zusätzlich Substanzen, welche die Anabolika-Nebenwirkungen aushebeln sollen. Eine Substanz, die missbräuchlich gegen Gynäkomastie angewendet wird, ist das Antiestrogen Tamoxifen. Gleiches gilt für Aromatase-Hemmer. Alle diese Substanzen sind ebenfalls uneingeschränkt verboten.

 

Maskerade mit Diuretika

 

Zudem nicht erlaubt sind β2-Sympathomimetika, die missbräuchlich eingesetzt werden, um die Atmungs­kapazität zu steigern. Sportlern mit nachgewiesenem Asthma bronchiale ist eine Inhalationstherapie mit Terbutalin, Salbutamol, Salmeterol oder Formoterol gestattet.

 

Ebenfalls verboten sind Substanzen, die zur Verfälschung des Nachweises von Dopingmitteln verwendet werden. Gebräuchliche Maskierungsmittel sind Diuretika, Probenecid und Epitestosteron. Im Wettkampf nicht erlaubt sind

 

  • Stimulanzien wie Amphetamin, Cocain, Ecstasy und Ephedrin,
  • Narkotika wie Morphin, Fentanyl, Pethidin und Methadon, die zur Schmerzunterdrückung oder auch zum Beispiel beim Sportschießen zur Beruhigung angewendet werden,
  • Cannabinoide und
  • systemische Glucocortico­steroide.

 

Welche Risiken manche Sportler in Kauf nehmen, um ihre Leistung zu steigern, zeigt das brisante Beispiel GW1516. Im März hatte die WADA eine Warnung, eine durchaus seltene Maßnahme, vor dem hochgefährlichen Dopingmittel herausgegeben. Für Sportler ist die Droge deshalb so interessant, da sie den Aufbau der Ausdauermuskulatur fördert und die Fettverbrennung steigert. Die klinische Entwicklung des PPAR-δ-Agonisten, der zur Behandlung von Adipositas und metabolischem Syndrom gedacht war, wurde wegen des exzessiven Krebsrisikos abgebrochen.

 

EPO war gestern

 

Trotzdem mehren sich in letzter Zeit die Fälle positiv getesteter Sportler. Seit Jahren schon wird GW1516 auf dem Schwarzmarkt angeboten, weshalb die WADA wegen ihrer späten Intervention heftig kritisiert wurde. Ein Test auf GW1516 steht seit 2009 zur Verfügung, und im selben Jahr wurde der Wirkstoff auch in die WADA-Dopingliste aufgenommen. Zunächst wurde er als Gendopingmittel geführt, inzwischen – auch das sorgt für Irritation – ist GW1516 aber in die Gruppe »Hormone und metabolische Modulatoren« gewandert.

 

Gendoping – Leistungssteigerung mithilfe gentechnischer Methoden – ist eine ganz neue Dopingdimension. Ihr bizarres Ausmaß ist derzeit nicht absehbar. / 

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