Pharmazeutische Zeitung online
Telematik

Mehr als die Gesundheitskarte

09.08.2007  09:58 Uhr

Telematik

Mehr als die Gesundheitskarte

Von Claus-Werner Brill

 

Telematik &#8211 die meisten Apotheker denken bei diesem Begriff an Elektronisches Rezept und Elektronische Gesundheitskarte (eGK). Doch dies ist nur der eine Teil. Die Telematikplattform ist mehr und kann mehr.

 

Obwohl die meisten Apotheken heute über einen Zugang zum Internet verfügen, beschränkt sich die Nutzung des Mediums in aller Regel auf das Bereitstellen und Lesen von Informationen. Die Auswertung der Information erfolgt letztlich genau so, wie bei einer Litfasssäule oder einer Zeitschrift: durch Betrachten und Erfassen der Information. Anders in der Telematik: Hier tauschen Programme und Anwendungen Informationen direkt über das Netz aus. Dem Anwender wird anschließend das Ergebnis zusammengefasst dargestellt, und er zieht daraus seine Schlüsse.

 

Vernetzung von Apotheken

 

Diese Möglichkeiten sollen nun stärker für die Apotheke genutzt werden. Unter dem Begriff ApoHub wird zurzeit ein Konzept zur Nutzung der Telematikinfrastruktur für die Vernetzung von Apotheken untereinander und mit deren Apothekendienstleistern entzwickelt. Es ist neben den Anwendungen der Gesundheitskarte die zweite Säule der Telematik. Der Name leitet sich von dem Begriff »Hub« ab, der englischen Bezeichnung für die großen Drehkreuze im Flugverkehr. In der Datenverarbeitung wird der Begriff für die Drehkreuze der Datenströme verwendet.

 

Die Anforderungen an eine Telematikinfrastruktur für Apotheken und Dienstleister sind hoch: Die Verbindung ins Netz ist dabei nur der erste Schritt, dem weitere, wichtigere, folgen. Zweite Voraussetzung ist eine einheitliche Schnittstelle zwischen den heute noch proprietären Systemen. Die Software des Unternehmens A versteht in der Regel nicht die Sprache der Software des Unternehmens B. Eine sinnvolle Kommunikation wird so erschwert.

 

Eine Sicherheitsinfrastruktur schließlich ist die dritte und anspruchsvollste Komponente der Vernetzung. An dieser Stelle kommt wieder die elektronische Gesundheitskarte (eGK) ins Spiel. Durch ihre Einführung steht eine hochsichere, rechtsverbindliche und leistungsfähige Infrastruktur bereit, über die Apotheken miteinander kommunizieren können. In diesen Kommunikationsstrang können auch die Apothekendienstleister eingebunden werden. Anders gesagt, die aus der eGK erwachsende Telematikplattform stellt das Instrumentarium bereit, das eine universelle Vernetzung überhaupt erst ermöglicht. Folgende Anwendungen sind derzeit vorgesehen:

 

Geschützte Seiten und Dienste: Kammern, Verbände, pharmazeutische Hersteller und Apothekendienstleister jeder Couleur stellen heute vielfältige Informationen für die breite Öffentlichkeit oder die Fachöffentlichkeit im Internet bereit. In vielen Fällen scheitert der Ausbau netzgestützter Informationsdienste daran, dass viele Informationen explizit nur bestimmten Nutzern oder Nutzergruppen zur Verfügung gestellt werden dürfen.

 

Zu berücksichtigen sind auch gesetzliche Vorgaben, beispielsweise im Heilmittelwerbegesetz. Erstrebenswert sind netzgestützte Informationssysteme und Dienste, die, dort wo erforderlich, nur den eigenen Mitgliedern, nur den eigenen Kunden, nur Angehörigen bestimmter Berufsgruppen zur Verfügung stehen. Zwei Beispiele von vielen sind Server für die Verwaltung der Fortbildungspunkte und die Verwaltung der Notdienstkalender.

 

Gegenwärtig behilft man sich in der Regel mit Seiten, die durch Benutzernamen und Passwort geschützt sind. Das funktioniert zumeist klaglos; dennoch bremst die Verwendung unterschiedlicher Benutzernamen und Passwörter (im Fachjargon: »unterschiedliche Passwort-Policies«) für die einzelnen Seiten und Dienste die praktische Nutzung häufig aus. Für automatisierte Abläufe ist es ein Hemmschuh, dass eine Anmeldung für jeden Verwendungszweck einzeln und erneut erforderlich ist.

 

Die in der Telematikplattform verwendeten kryptografischen Prozesse bieten hier eine erhebliche Vereinfachung: Die einmalige Identifizierung des Anwenders gegenüber den Gesundheitsberufsausweisen und den Institutionskarten (SMC = Secure module card) durch Eingabe einer PIN erlaubt es, sich nachfolgend kontinuierlich gegenüber geschützten Seiten und Diensten mithilfe dieser Karten auszuweisen. Im Idealfall genügt eine einmalige PIN-Eingabe pro Tag, und man hat Zugriff auf alle Systeme, für die man berechtigt ist. Dass der Komfort nicht zu einem Sicherheitsrisiko wird, garantieren ausgeklügelte Strategien, die im Hintergrund wirksam werden.

 

Die Telematikplattform, die mit der Gesundheitskarte eingeführt wird, schafft auch die Voraussetzung für die Einführung anerkannter und getesteter kartenbasierter Anmeldungsprozesse im Netz. Sie sind, um einen Vergleich zu Arzneimitteln zu ziehen, nicht nur hochsicher, sondern zeichnen sich auch durch eine Retardwirkung aus.

 

Virtuelles Warenlager: Apotheken verbessern ihre Lieferfähigkeit, indem sie bei befreundeten oder verbundenen Apotheken die Verfügbarkeit von Medikamenten online recherchieren. Selbstverständlich geht dies nur in einer hochsicheren Umgebung unter zuvor festgelegten Rahmenbedingungen mit ausgewählten Partnern.

 

Einkaufsgemeinschaft und Pharmazeutische Leistungsgemeinschaft: Verbundene Apotheken bestellen oder liefern gemeinsam. Die Konzepte sind nicht neu, doch waren bisher die Hürden für eine IT-gestützte Realisierung zu hoch. Telematische Anwendungen ermöglichen es Apotheken, gegenüber Lieferanten und nachfragenden Stellen als Verbund aufzutreten.

 

Bestellung des Kunden über Aponet und andere Internetportale: Die Bestellung eines Kunden im Aponet (oder einem anderen Internetportal) wird von der Apotheken-Datenverarbeitung mit Angaben zur Lieferfähigkeit und zum Preis automatisch beantwortet. Während die Übermittlung der Bestellung des Kunden an die Apotheke im Rahmen von Aponet schon seit längerer Zeit Realität ist, stellt die Rückmeldung (Antwortfunktion) des Apothekensystems eine neue Qualität dar. Die ABDA-ADAS-Portalschnittstelle beschreibt das erforderliche Datenaustauschformat.

 

Elektronische Rechnungen und Lieferscheine, elektronisches Archiv: Große Unternehmen, auch im Gesundheitswesen, haben es schon vorexerziert: Die Umwandlung heutiger papierbasierter Dokumentationsprozesse in elektronische Vorgänge bieten ein erhebliches Einsparpotenzial für Unternehmen. Unter den elektronischen Dokumenten sind Rechnungen, Lieferscheine und Prüfprotokolle als Massendokumente besonders geeignet, als Erste den Schritt in die elektronische Form zu vollziehen. Ein sicheres elektronisches Archiv im Hintergrund sorgt dafür, dass die Dokumente im Bedarfsfall in Sekundenschnelle wieder abrufbar sind. Auch die bisher recht aufwendigen an Formulare gebundenen Verfahren des Verkehrs mit Betäubungsmitteln lassen sich so elegant in elektronischer Form realisieren.

 

Großhandelsbestellung und Sonderangebote: Für die Übermittlung von Bestellungen der Apotheke an den Großhandel und für die Übermittlung von Sonderangeboten des Großhandels an die Apotheke existieren heute eingespielte Prozesse, die auf etablierten Kommunikationswegen beruhen. Sobald sich sichere Netze als gängige und akzeptierte Medien durchgesetzt haben, bietet sich die Migration auf diese leistungsfähigeren und moderneren Kommunikationswege an. Neben den Netzen als Kommunikationsmittel ist die Verwendung von XML als flexibles Datenaustauschformat der zweite Eckpfeiler bei der Migration in die vernetzte Umgebung.

 

Telematik ist also ein universelles Konzept zur Vernetzung. Die Gesundheitskarte kommt dort ins Spiel, wo der Patient ein aktiver Partner des Prozesses wird. Die Einführung der Telematikplattform für die Anwendungen der Gesundheitskarte ist eine große Chance, ein System zur elektronischen Vernetzung von Apotheken, Verbänden und Dienstleistern zu etablieren.

 

In wenigen Monaten nutzbar

 

ApoHUB nutzt eine Infrastruktur, die schrittweise mit der Gesundheitskarte eingeführt wird. Die Anwendungen von ApoHUB verwenden diese Komponenten &#8211 mit Ausnahme der Gesundheitskarte selbst. Die Gesellschaft für Telematik (gematik) testet gegenwärtig die für die Einführung benötigte Hardware ­ und Softwarekomponenten und veröffentlicht die Ergebnisse fortlaufend unter www.gematik.de im Internet. In jüngster Vergangenheit haben die wichtigsten Komponenten die Zulassung für die Modellversuche erhalten.

 

Die Nutzung der Telematikplattform für Anwendungen, die nicht der Gesundheitskarte zuzuordnen sind (sogenannte Mehrwertanwendungen) werden sowohl vom Bundesministerium für Gesundheit als auch von der gematik befürwortet und werden in der Architektur der Plattform mit berücksichtigt. Auch andere Sektoren des Gesundheitswesens planen mittlerweile den Einsatz von Mehrwertanwendungen für ihren Bereich.

 

Zunächst werden für die Gesundheitskarte die Offline-Anwendungen realisiert, später folgen Anwendungen, die sichere Netze voraussetzen. Es bietet sich an, für ApoHUB, im Sinne eines sanften Einstiegs, zunächst diejenigen Anwendungen zu realisieren, die nicht zwingend sichere Netze benötigen, etwa den Zugriff auf geschützte Seiten im Internet, die Bestellung über Portale oder die Verwendung elektronischer Signaturen für elektronische Dokumentationen (zum Beispiel Prüfprotokolle). Die für diese einfacheren Anwendungen benötigten Komponenten, insbesondere

 

die SMC (secure module card oder Institutionskarte) und

die Gesundheitsberufsausweise stehen auch für Tests und Modellversuche zu ApoHUB zur Verfügung.

 

Modellversuche zu diesen ersten Anwendungen könnten also in den nächsten Monaten vorbereitet werden. Der Markt kann dieses Angebot annehmen und für seine Anwendungen und Dienste auf die Strukturen der Telematikplattform zurückgreifen.

Mehr von Avoxa