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Kopfschmerz

Ein Chamäleon

06.08.2013
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Von Christina Hohmann-Jeddi, Wiesbaden / Kopfschmerzen können unterschiedliche Ursachen haben. Die meisten sind harmlos, einige aber nicht. Welche Kopfschmerzen man selbst behandeln kann und welche ein Notfall sind, erklärten Experten in Wiesbaden.

Fast jeder kennt sie, 70 Prozent der Bevölkerung leiden regelmäßig unter ihnen: Kopfschmerzen. Sie sind ein Alltagsleiden, das häufig nicht ernst genommen wird. Viele Betroffene gehen nicht zum Arzt und riskieren somit eine Chronifizierung. Dabei ist eine ärztliche Untersuchung wichtig, denn Kopfschmerz ist nicht gleich Kopfschmerz. Das machte Dr. Sabine Schneider, Ärztin am Schmerzzentrum Wiesbaden, auf einer Veranstaltung des Gesundheitsamts der Stadt Wiesbaden klar. »Es gibt mehr als 200 verschiedene Arten Kopfschmerzen.« Die inter­nationale Kopfschmerz-Klassifikation (ICHD-2) kennt allein 23 verschiedene Migräneformen, 13 Spannungskopfschmerz-Arten sowie elf Formen des Cluster-Kopfschmerzes.

Welche sind harmlos? »Harmlos sind Kopfschmerzen dann, wenn man einen Auslöser erkennt und durch dessen Vermeidung den Schmerz verhindern kann«, sagte Schneider. Hinweise auf ungefährliche Formen sind ein selbstlimitierender Kopfschmerz und einer, der sich effektiv mit Schmerzmitteln behandeln lässt. Ein Notfall liegt vor, wenn Kopfschmerzen von ungewohnt heftiger Intensität und Ausprägung auftreten und zum Beispiel mit Schwindel, Sehstörungen oder Lähmungen einhergehen. »Dann muss man sofort den Notarzt rufen«, sagte Schneider. Kopfschmerzen, die immer wiederkehren und nicht selbst zu beeinflussen sind, stellen zwar keinen Notfall dar, sollten aber von einem Arzt abgeklärt werden.

 

Reizüberflutung und Stress

 

Die bei Weitem häufigsten Formen sind Migräne und Spannungskopfschmerz. Zusammengenommen machen sie etwa 90 Prozent aller Fälle aus. »Die Schmerzen bei Migräne sind meist einseitig, hämmernd oder pulsierend und häufig mit Erbrechen und Übelkeit verbunden«, sagte die Medizinerin. Sie können mit oder ohne Aura auftreten und verstärken sich durch körperliche Anstrengung. Als Ursachen seien hauptsächlich eine Reizüberflutung im Gehirn und Stress zu nennen, weshalb bei der Therapie neben Medikamenten auch Entspannungstraining, Sport und Stressverarbeitungs-Mechanismen zum Tragen kommen.

»Häufig wird Migräne mit Spannungskopf­schmerzen verwechselt«, so Schneider. Diese zeichnen sich laut ICHD-2 dadurch aus, dass sie beidseitig lokalisiert sind, sich drückend oder beengend, aber nicht pulsierend anfühlen und nicht durch körperliche Routine­aktivitäten wie Gehen oder Treppen­steigen verstärkt werden. Auren sowie Erbrechen und Übelkeit treten bei dieser Kopfschmerzform nicht auf. Die genauen Pathomechanismen sind nicht aufgeklärt. Vermutlich stehen psychogene Faktoren, Stress und Muskelverspannung im Vordergrund.

 

Weitere primäre Kopfschmerzformen seien der Cluster-Kopfschmerz und die Trigeminus­neuralgie. Letztere zeichne sich durch plötzlich einschießende, Sekunden bis Minuten andauernde, starke einseitige Gesichts­schmer­zen aus. Diese werden durch Trigger wie Kauen, Sprechen, Zähneputzen, Waschen oder Rasieren ausgelöst, erklärte Schneider. Die Ursache ist meist ein pathologisch zu enger Kontakt zwischen Nerven und Gefäßen. Auch hier sollten die Betroffenen die Beschwerden vom Arzt abklären lassen.

 

Neben den primären gibt es auch sekundäre Kopfschmerzformen, die auf andere Erkrankungen zurückgehen. Häufig sind dies Probleme im Hals- Nasen-Ohren-Bereich, sagte Professor Dr. Jan Gosepath von den Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden. »Viele Ursachen sind sehr naheliegend, werden aber häufig übersehen.« Eine davon ist chronische Mittelohrentzündung. »Dieser Schmerz wird zentral wahrgenommen: im Kopf, und nicht im Ohr«, sagte der Mediziner. Er ist deswegen schlecht zu lokalisieren. Gefährlich werde es, wenn der Knochen beteiligt ist, dann liege ein Notfall vor. Selten könnten auch Tumore oder Knocheneiterungen heftige Kopfschmerzen verursachen.

 

Verlegte Belüftung

 

Eine weiteres häufiges Problem, das Kopfschmerzen hervorrufen kann, sind chronische Entzündungen und Ver­eiterungen der Stirn- oder Nasen- und Nasennebenhöhlen. Dann ist die Belüftung der Hohlräume verlegt, was starke Beschwerden bereiten kann. Auch hier sei die Lokalisierung sehr schwierig. Es gebe kaum Patienten, die den Kopfschmerz korrekt dem betroffenen Hohlraum zuordnen können, berichtete der HNO-Chirurg.

 

»Chronische Entzündungen sind dabei alles andere als selten«, so Gosepath. Etwa 14 Prozent der Bevölkerung in Deutschland leiden unter einer chronischen Nasennebenhöhlenentzündung. Assoziiert mit diesen sind häufig auch Nasenpolypen (Polyposis nasi), gutartige Schleimhaut­wucherungen in der Nase, die die Nasenatmung erschweren. Sie führen außerdem zu Schnarchen, einer näselnden Stimme und können »erhebliche Kopfschmerzsymptomatik« verursachen. Die therapeutische Herausforderung bestehe darin, das verlegte Belüftungssystem wieder frei zu bekommen. Hierfür kommen neben Antibiotika, abschwellenden Tropfen oder Nasensprays auch Operationen infrage.

 

Kopfschmerzen können auch durch chronische Entzündungen der Kieferhöhle, verursacht durch kranke Zähne, entstehen, sagte Gosepath. »Der typische Zahnschmerz ist anders und klar zu unterscheiden.«

 

Schlechte Sicht

 

Auch die Augen können Kopfschmerzen auslösen. »Ein augenbedingter Kopfschmerz geht immer mit Sehstörungen einher«, sagte Dr. Klaus Heckmann, hessischer Landesvorsitzender des Berufsverbands der Augenärzte Deutschlands.

»Daher kommen die Patienten meist von sich aus in die Praxis.« In der Regel sind die Ursachen harmlos, selten stecken gefährliche Augenerkrankungen dahinter. Zu 80 Prozent liege eine Asthenopie vor, berichtete Heckmann. Darunter versteht man verschiedene, beim Sehen auftretende Beschwerden, zu denen neben Kopf- und Stirnschmerzen unter anderem auch tränende oder brennende Augen, Doppelsehen, Druckgefühl im Kopf und Leseprobleme zählen.

 

Sie entstehen, wenn das Sehen zu anstrengend wird, also zum Beispiel bei unkorrigierten Sehfehlern, falschen oder nicht mehr aktuellen Brillenwerten, Akkommodationstörungen, Neigung zum Schielen, Störungen des beidäugigen Sehens oder bei starkem Stress. Typisch für Asthenopien ist, dass der Betroffene morgens beschwerdefrei aufsteht, und sich die Kopfschmerzen und weiteren Symptome im Laufe des Tages, abhängig von der Beanspruchung der Augen einstellen. Abstellen kann man die Beschwerden mit einer passenden Sehhilfe.

 

Krisenhaft erhöhter Blutdruck

 

Gefährlichere Ursachen für Kopfschmerzen in Kombination mit Seh­störungen sind zum Beispiel die Arteri­itis temporalis, eine Entzündung der Schläfenarterie, die unbehandelt zur Erblindung und zum Tod führen kann. Auch Bluthochdruckkrisen lösen Kopfschmerzen zusammen mit Sehstörungen aus, berichtete Heckmann. »Hier kann der Besuch beim Augenarzt lebensrettend sein.« Als mögliche Ursache kommt auch ein Zoster ophthalmicus infrage. Darunter versteht man die Manifestation einer Gürtelrose im Gesicht. Sind die Augen betroffen, können Patienten durch eine Schädigung der Hornhaut erblinden.

 

Kopfschmerzen können auch durch akute Durchblutungsstörungen des Sehnervs und entzündliche Erkrankungen am Auge entstehen. Dagegen gehen alle Augenerkrankungen, die häufige Erblindungsursachen darstellen, wie altersbedingte Makula­degeneration, Galukom, Katarakt und diabetische Retinopathie nicht mit Kopfschmerzen einher. Diese gefährlichen Krankheiten ließen sich nur durch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen beim Augenarzt erkennen, betonte Heckmann.

Kopfschmerz nach Eisgenuss

Speiseeis kann einen kurzen und intensiven Kopfschmerz, den so­genannten Kältekopfschmerz, auslösen. Migränepatienten sind besonders anfällig für diesen so­genannten Eiskugelkopfschmerz. Sie sollten daher möglichst auf Speiseeis verzichten, rät die Techniker Krankenkasse in einer Pressemitteilung. Wie der Kältekopfschmerz, auch Brain-Freeze genannt, entsteht, ist nicht genau geklärt. Forscher der Harvard Medical School in Boston vermuten, dass der Effekt ein Schutzmechanismus ist. Das Eis löst durch den Kältereiz am Gaumen eine Gefäßerweiterung im Gehirn aus. Dabei fließe ungewöhnlich viel warmes Blut ins Gehirn, um zu verhindern, dass das Organ zu kalt werde. Verengen sich die Gefäße anschließend wieder, verschwindet der Schmerz. Den gleichen Effekt rufen auch Eiswürfel und kalte Getränke hervor. In der Regel dauert der Schmerz aber nur Sekunden an. Es wird empfohlen, das Eis beim Essen langsam im Mund zu erwärmen und erst dann herunterzuschlucken. So reduziert sich der Temperaturunterschied zwischen Eis und Gaumen.

Warnzeichen Donnerschlag

 

»Kopfschmerzen sind ein Massenphänomen und in der Regel harmlos«, sagte Professor Dr. Gerhard Hamann, Direktor der Klinik für Neurologie an den Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken. Doch manche seltenen Formen haben gefährliche Ursachen und stellen Notfälle dar. Ein Beispiel ist der sogenannte Donnerschlagkopfschmerz (Thunderclap headdache), ein explosionsartig auftretender Kopfschmerz heftigster Intensität, der innerhalb von einer Minute sein Maximum erreicht. Er kann zum Beispiel auf eine Subarachnoidalblutung, eine spezielle Form des Schlaganfalls, hinweisen (lesen Sie dazu auch Hirnaneurysmen: Zeitbomben im Kopf, PZ 29/2013). Er bedarf daher immer der sofortigen Abklärung im Krankenhaus.

 

Gleiches gelte für Kopfschmerzen in Kombination mit Lähmungserscheinungen, Sprach- oder Sehstörungen. Hier könne ein Schlaganfall vorliegen. Wenn Kopfschmerzen zusammen mit Fieber auftreten, kann eine Meningitis zugrunde liegen. Vor allem bei jungen, übergewichtigen Frauen müsse man auch an einen Pseudotumor cerebri, einen Hirndruckanstieg ohne erkennbare Ursache denken. Dieser macht sich durch Kopfschmerzen gepaart mit Verspannungen im Halswirbelbereich und Sehstörungen wie Blitze-Sehen bemerkbar. Unbehandelt kann er bis zur Erblindung führen. /

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