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Großhandel

»Wir reden hier von zwei völlig getrennten Themen«

08.05.2012
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Von Daniel Rücker / Die Bundesregierung will die Vergütung des pharmazeutischen Großhandels umstellen und gleichzeitig 400 Millionen Euro einsparen – vor allem zulasten der Apotheker. Die Apotheker sind darüber verärgert. Der Chef des Bundesverbandes des pharmazeutischen Großhandels (PHAGRO), Dr. Thomas Trümper, sieht jedoch keinen kausalen Zusammenhang zwischen den beiden Vorhaben.

PZ: Der Großhandel bekommt im kommenden Jahr die von Ihnen geforderte Pauschale als Teil der Vergütung. Allerdings sinkt ihr Honorar um rund 400 Millionen Euro. War es tatsächlich richtig, das Thema nach der AMG-Novelle weiterzuverfolgen?

 

Trümper: Hier werden zwei Themen miteinander vermischt, die faktisch nicht zusammengehören. Die Arzneimittelpreisverordnung besteht seit 1981. Seitdem hat sich viel verändert. Der Anteil niedrigpreisiger Arzneimittel ist seitdem deutlich gewachsen. Wir liefern heute viel mehr Arzneimittel aus, an denen wir nichts verdienen.

 

Es muss einem Verband erlaubt sein, darauf hinzuweisen, dass die Struktur der Preisverordnung heute nicht mehr zeitgemäß ist. Seit 2007 fordern wir von der Bundesregierung, die Großhandelsvergütung auf eine Kombination aus fixem und preisabhängigem Honorar umzustellen. Die große Koalition hat diese Forderung in der 15. Novelle des Arzneimittelgesetzes leider nicht umgesetzt. Die Rahmenbedingungen haben sich jedoch nicht verändert. Deshalb mussten und müssen wir dieses Ziel weiterverfolgen. Das ist das eine Thema.

Das andere Thema sind die Einsparbemühungen der Bundesregierung. Union und FDP haben ein Spargesetz für den Arzneimittelmarkt aufgelegt, das sieben einzelne Punkte aufweist und 2,2 Milliarden Euro einbringen soll. Einer dieser sieben Punkte ist die Einsparung von 400 Millionen Euro beim Großhandel und den Apotheken. Dieses Vorhaben ist völlig unabhängig davon, ob die Struktur der Großhandelsvergütung umgestellt wird. Die 400 Millionen Euro hätte die Bundesregierung auch dann einsparen wollen, wenn wir bei der alten Vergütungsstruktur geblieben wären. Ich sage es ganz deutlich: Wir reden hier von zwei völlig getrennten Themen. Das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun.

 

Die Arzneimittelpreisverordnung in der bisherigen Struktur ist nicht mehr zeitgemäß. Sie setzt falsche Anreize durch die Mischkalkulation. Der Großhandel subventioniert heute mit der Distribution hochpreisiger Medikamente die preiswerten. Das führt zwangsläufig zur Rosinenpickerei.

 

PZ: Kann die neue Struktur dies denn ausschließen?

 

Trümper: Der Vorschlag des Bundesgesundheitsministeriums kann dies nicht vollständig garantieren. Würde er eins zu eins umgesetzt, würde er zu große Anreize bei preiswerten Medikamenten schaffen. Wir arbeiten deshalb an einer neuen Variante mit einem preisabhängig abgestuften Festzuschlag.

 

PZ: Wenn die Bundesregierung daran festhält, die Großhandelsvergütung um 400 Millionen zu kappen, dann trifft das ganz erheblich auch die Apotheker. Welchen Anteil werden diese ihrer Einschätzung nach tragen müssen?

 

Trümper: Die wirtschaftliche Situation beim Großhandel ist sehr angespannt. Die nun geplanten Einsparungen reduzieren unsere Marge um knapp 38 Prozent. Wir hatten bereits im Jahr 2004 rund 50 Prozent unseres Ertrags durch die damalige Gesundheitsreform verloren. Ich kann mir bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln keine weiteren Einsparungen im Großhandel vorstellen. Deshalb werden aus meiner Sicht die Apotheker die Einsparungen fast vollständig erbringen müssen.

 

Der Großhandel liegt in Deutschland heute bereits bei einer Umsatzrendite von weniger als einem Prozent. Mit einer solchen Ertragslage wird es schwierig, bei Banken Kredite zu annehmbaren Konditionen zu erhalten. Der Großhandel braucht diese Kredite aber, weil er praktisch den gesamten Arzneimittelmarkt vorfinanziert. Wenn diese Umsatzrendite weiter sinken würde, dann bekommen die Großhandlungen überhaupt keine Kredite mehr.

 

Der Politik ist übrigens absolut bewusst, dass der Großhandel die Einsparungen nicht tragen wird, sondern die Apotheker. Das ist politisch so gewollt. Auch deshalb ist es falsch, wenn die Apotheker nun den pharmazeutischen Großhandel angreifen. Der Großhandel ist an einer wirtschaftlich stabilen Situation der Apotheker absolut interessiert.

 

PZ: Sehen Sie denn noch eine Chance, dass sich die Bundesregierung eines Besseren besinnt.

 

Trümper: Ich gehe immer noch davon aus, dass der Gesetzgeber in der sachlichen Diskussion hier ein Einsehen hat und erkennt, dass er die Branche nicht in dem Maß schädigen darf, wie dies zurzeit geplant ist, weil es erhebliche Konsequenzen für die Arzneimittelversorgung hätte.

 

PZ: Wo sehen Sie dafür einen Ansatzpunkt?

 

Trümper: Die Bundesregierung will offensichtlich die Rabatte abschöpfen, die der Großhandel den Apothekern gewährt. Das ist, wenn überhaupt, nur für Arzneimittel, die zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden, nachvollziehbar.

 

Wir gewähren den Apothekern aber einen Großteil der Rabatte im Non-Rx-Bereich. Bei Privatrezepten oder Arzneimitteln, die die Apothekenkunden selbst bezahlen, sehe ich keine Legitimation für den Staat, sich in die Geschäftsbeziehungen zwischen Großhändlern und Apothekern einzumischen. Hier besteht sehr großer Diskussionsbedarf, sollte der Gesetzgeber bei seinem jetzigen Plan bleiben. /

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