Pharmazeutische Zeitung Online
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Azoren

Inseln der Gelassenheit

08.05.2012
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Von Hannelore Gießen und Brigitte M. Gensthaler / Das Reiseziel der diesjährigen Fachexkursion der Pharmazeutischen Zeitung liegt mitten im Atlantik. Auf den Azoren erlebten die Teilnehmer grüne und blaue Krater­seen, hortensiengesäumte Felder, bizarre Vulkanlandschaften, spannende Vorträge – und die Eskapaden des Wetters.

Azoren? Von dort kommt doch das Hoch, das Mitteleuropa einen blauen Himmel und Sonne beschert. Zwar entstehe das Azorenhoch in der Nähe der Azoren, doch meist ein paar hundert Kilometer weiter südlich und selten über den Inseln, erklärt Diamantino V. Henriquez den Besuchern aus Deutschland. »Auf den Azoren haben wir alle vier Jahreszeiten an einem Tag«, lacht der Meteorologe von der Universität in Ponta Delgada, der Hauptstadt der Insel Sao Miguel. Wasser verursache die meisten Wetteränderungen, und Inseln sind überall von Wasser umgeben. So ist es kein Wunder, dass das Wetter auf den neun Azoreninseln sehr schnell umschlägt. Auf Sao Miguel hänge manchmal über der Nordseite dichter Nebel, und im Süden scheine die Sonne, berichtet Henriquez.

Das Wetter folge der Gemütlichkeit der Azorer, stellt der Meteorologe verschmitzt fest. Zwar ändere sich das Wetter sehr schnell, aber die Temperatur zeige keine großen Ausschläge. Im Sommer werde es nicht so heiß wie auf dem Kontinent, im Winter sei es auf den Azoren immer noch wärmer als im Sommer in Stockholm!

Die Azoren in Kürze

Staatsform: autonome Region (seit 1976) von Portugal, Sitz der regionalen Regierung mit dem Präsidenten ist in Ponta Delgada auf der Insel Sao Miguel

 

Geografie: neun Inseln mit einer Gesamtfläche von 2322 km2 (2,5 Prozent von Portugal); größte Insel: Sao Miguel, 747 m2, Hauptstadt Ponta Delgada; kleinste Insel: Corvo 17 km2. Die Insel Flores bildet das westliche Ende Europas.

 

Entfernungen: von Portugal etwa 1500 km, von Nordamerika etwa 4000 km

 

Flagge: besteht aus zwei senkrechten Streifen in Blau und Weiß. Der Vogel ist an die vielen Bussarde angelehnt, die zur Entdeckerzeit für Habichte gehalten wurden und der Inselgruppe den Namen gaben (Ilhas dos Açores). Neun Sterne stehen für neun Inseln, das portugiesische Wappen zeigt die Zugehörigkeit zu Portugal an.

 

Einwohner: knapp 242 000, die meisten leben auf Sao Miguel, nur knapp 500 auf Corvo; Landessprache: Portugiesisch

 

Währung: Euro

 

Quelle: www.azoren-online.com

Wie sich Wetteränderungen auf die Gesundheit auswirken, erläutert Professor Dr. Hartmut Morck, Initiator und Leiter der Fachexkursion. Jeder dritte Mitteleuropäer gebe an, unter Wetteränderungen zu leiden. Das bekannteste Beispiel für Wetterfühligkeit ist der Föhn. In den Alpenregionen reagieren viele Menschen mit Kopfschmerzen, Reizbarkeit, aber auch Herzbeschwerden auf den warmen Fallwind.

 

Schuld an Wetterfühligkeit seien vermutlich Schwankungen des Luftdrucks, der mit dem menschlichen Blutdruck wechselwirkt, zeigte Morck anhand von Untersuchungen des Fraunhofer-Instituts. Fällt oder steigt der Luftdruck innerhalb weniger Minuten, kann sich der Organismus nicht schnell genug anpassen. Damit der Körper lernt, sich auf unterschiedliches Wetter rascher einzustellen, sei es sinnvoll, sich abzuhärten, führt Morck weiter aus. Auf diesem Trainingseffekt basieren viele Naturheilverfahren wie Kneipp’sche Anwendungen, Tautreten und Saunagänge.

Wie schnell sich das Wetter auf den Azoren ändert, erlebte die Reisegruppe selbst: Auf dem Flug von Sao Miguel zur Insel Faial saß sie nach einer Zwischenlandung auf der Insel Terceira fest. Faial war in dichten Nebel gehüllt, der Flughafen stillgelegt, die Reisenden zu stundenlangem Warten gezwungen. Wie gut, dass ein Reiseteilnehmer noch einige Plastiktüten mit unbekannten Pflanzen im Rucksack hatte. Begeistert beugte sich Professor Dr. Michael Keusgen von der Philipps-Universität Marburg über die Pflänzchen und identifizierte gemeinsam mit der Gruppe auch einige Exemplare der eher selten anzutreffenden endemischen Gewächse.

Gärten im Atlantik

 

Als die Reise am nächsten Tag bei strahlendem Sonnenschein weiterging, war die pharmazeutische Reisegruppe auf einen Besuch im Botanischen Garten von Faial, am Rande der Hauptstadt Horta gelegen, bestens vorbereitet. Auf einer Fläche von etwa 8000 m2 bietet dieser Garten eine Fundgrube für seltene einheimische Pflanzen. 1998 wurde er als einer der vier besten europäischen Gärten für seltene Pflanzen anerkannt.

 

»Die heutige Azorenflora ist mit etwa 1000 Gefäßpflanzen nicht besonders artenreich«, erklärt Keusgen im Gespräch mit der PZ. Zum Vergleich: In Deutschland rechnet man mit etwa 2800 Gefäßpflanzen – und das ist immer noch armselig im Vergleich zu den tropischen Hot-Spots der Biodiversität.

Botaniker gehen nach neuesten Untersuchungen davon aus, dass nur 197 Farn- und Blütenpflanzen auf den Azoren »indigen« sind, also zur ursprünglichen Vegetation gehören, wovon 70 »endemisch« sind. Endemisch bedeutet, dass diese Pflanze nur auf den Azoren vorkommt. Von diesen wiederum ist die Hälfte weit verbreitet und häufig, ein Viertel gefährdet und drei Arten sind verschollen. Zu den Endemiten zählen beispielsweise kleine Schönheiten wie Myosotis azorica, Bellis azorica und Sanicula azorica, aber auch der Strauch Azorina vidalii und die bis zu 2,50 m große Angelica lignescens.

 

Zu den endemischen Pflanzen des berühmten Lorbeerwalds zählen Picconia azorica, Euphorbia stygiana und Vaccinium cylindraceum. Ebenfalls ein typischer Bestandteil: Juniperus brevifolia. Den ursprünglichen Lorbeerwald sieht auf den Azoren heute niemand mehr. Er wurde nahezu komplett abgeholzt. Was die Inseln bedeckt, ist typischerweise Sekundärwald, erklärt Keusgen.

Samenbank für Macaronesien

 

Die Zahl der endemischen Pflanzen schwankt je nach Quelle etwas. Laut Keusgen müsse man anhand von Floren der Nachbarregionen überprüfen, ob der eigenständige Status einer Pflanze noch gerechtfertigt ist.

 

Die botanische Nähe der Atlantikinseln zu den Kanaren und Madeira zeigt auch die »Macaronesian Seed Bank« (BASEMAC), die der Jardim Botanico do Faial seit 2003 anlegt und pflegt. Bei minus 12 bis 16 Grad lagern hier Samen von seltenen endemischen Azoren-Pflanzen. Derzeit sind bereits 60 Prozent aufgenommen, erklärt ein Mitarbeiter den Besuchern. Stolz berichtet er von der Nachzucht von Veronica dabneyi, die seit 1938 als ausgestorben galt und erst vor wenigen Jahren vereinzelt wiederentdeckt wurde. Am BASEMAC-Projekt beteiligen sich auch Madeira und die Kanarischen Inseln, heißt es in einer Informationsschrift des Botanischen Gartens.

 

Der Garten und seine Erweiterung im Naturschutzgebiet der Gemeinde Pedro-Miguel verstehen sich somit als »Arche Noah der gefährdeten Pflanzen«. Sie wollen die Bestände bewahren, die von sogenannten Neophyten immer mehr bedrängt werden. Diese Pflanzen kamen ab dem 15. und 16. Jahrhundert mit den Einwanderern auf die Azoren. Viele wurden zunächst in Ziergärten angepflanzt und wilderten von dort aus.

Gefährliche und schöne Neophyten

 

Zu den allgegenwärtigen Neophyten gehören die Sicheltanne Cryptomeria japonica, »Wilder Ingwer«, Spanisches Rohr und ausgewilderter Bambus. »Mit ihrem invasiven Wachstum überwuchern sie die Lebensräume der einheimischen Vegetation«, erklärt Keusgen. Das gefährde unter Umständen sogar das Landschaftsbild. So breite sich etwa der Wilde Ingwer (Kahili-Ingwer, Hedychium gardnerianum) mit seinen flachen Rhizomen dramatisch aus und verdränge Tiefwurzler von Hanglagen. Bei starken Regenfällen rutschen die Hänge ab. Einschließlich der Neophyten gibt es heute 947 Gefäßpflanzen auf den Azoren – zuzüglich einer bemerkenswerten Anzahl von 438 unterschiedlichen Moosen.

Und die wunderbaren Hortensienbüsche? Manche der »zugezogenen« Pflanzen gehören zum heutigen Bild der Azoren einfach dazu. So etwa die blauen, rosafarbenen und weißen Hortensien (Hydrangea spec.), die ursprünglich anstelle von Weidezäunen gepflanzt wurden. Beispielsweise kommt die Gartenhortensie Hydrangea macrophylla (Thunb.) Ser. ursprünglich aus Japan; weitere Arten sind im gemäßigten bis subtropischen Ostasien beheimatet.

 

Das gemäßigte Klima lässt auch Kamelien, Azaleen, Bromelien, Rhododendren, Farne und Baumfarne gedeihen. Fernando Costa, Chefgärtner des Terra Nostra Parks auf Sao Miguel, zeigt den deutschen Besuchern die weltweit berühmte Sammlung von Palmfarnen. Einzelne Exemplare dieser »lebenden Fossilien« sind so wertvoll, dass sie mit Metallkäfigen vor dem Ausgraben geschützt werden. Doch auch die anderen Pflanzen sind vor Raub geschützt: Per Videoüberwachung wird das kleine »Tal der Cycas« ständig beobachtet.

Orangen, Wein und Ananas

 

Der Terra Nostra Park ist ein Erbe der Orangenbarone, genauer gesagt von Thomas Hickling, der sich 1770 hier niederließ. Denn das milde ausgeglichene Klima nutzten auch Großgrundbesitzer und Bauern für die Landwirtschaft und pflanzten exotische Früchte an. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts florierte der Export von Zitrusfrüchten. Doch dann fielen die Orangenplantagen einer Erkrankung zum Opfer, und der gewerbsmäßige Anbau brach völlig zusammen.

 

Neben der Viehwirtschaft gibt es heute noch etliche Spezialkulturen, zum Beispiel Ananas, Tee und Tabak. Der traditionelle Weinbau auf der kleinen Insel Pico, der die deutsche Gruppe eine ganztägige Exkursion widmete, genießt heute den Rang eines Weltnaturerbes.

 

Als »rei das ilhas« – »Königin der Inseln« – wird die Ananas etwas vollmundig angepriesen. Zunächst eine beliebte Zierpflanze in den Gärten der Reichen, wird sie seit Mitte des 19. Jahrhunderts auf Sao Miguel angebaut. In den weiß gestrichenen Gewächshäusern wächst die Ananas comosus (L.) Merril innerhalb von etwa zwei Jahren heran. Die organoleptische Prüfung fiel eindeutig aus: Auf den Azoren, dem einzigen Ananas-Produzenten Europas, reift eine delikat bittersüße Frucht, die den Vergleich mit ihren mittelamerikanischen Schwestern nicht zu scheuen braucht. Jedoch ist die Ernte von knapp 1500 Tonnen jährlich zu gering für den Export; Liköre und Marmeladen sind allerdings in Europa, den USA und Kanada geschätzt.

Ebenfalls solitär in Europa ist der azorische Teeanbau. »Gorreana ist der beste Tee«, schwärmt Hermano Mota, der Besitzer von Cha Gorreana. Seit 1883 ist die Teefabrik in Betrieb, und der Gang durch die Produktionsanlagen mutet ein wenig an wie der Besuch eines Industriemuseums. 42 Tonnen schwarzer und grüner Tee werden hier jedes Jahr produziert. Trotz traditioneller Herstellungsweise handelt es sich nicht um Bioware. Mota erklärt warum: »Unser Produkt ist frei von Insektiziden, Pestiziden und Fungiziden, aber wir düngen mit Stickstoff, Calcium und Phosphor.«

 

Viele Substanzen, viele Effekte

 

Schwarzer, grüner und Oolong-Tee: »Je nach Erntezeit, Nacherntebehandlung und Fermentation resultieren aus den Blättern der gleichen Pflanze – Camellia sinensis – ganz unterschiedliche Produkte«, erklärt Keusgen in einem Vortrag. Auch eine Art von »Phytoneering«, jedoch eine sehr traditionsreiche (siehe Kasten). Eine Besonderheit stellt der »weiße« Tee dar: Ausgangsmaterial sind die ungeöffneten, stark behaarten Knospen des Teestrauchs. Rund 30 000 Knospen müssen die Pflücker für ein Kilogramm Tee sammeln. Zum Schutz vor Fraßfeinden enthalten die Knospen reichlich Phenole, die bei der schonenden Verarbeitung weitgehend erhalten bleiben, informiert der Professor.

Tee ist ein Vielstoffgemisch. Doch wie steht es um die Gesundheitseffekte des Genussmittels? Bekannt ist: Lässt man den Aufguss kurz ziehen, wirkt der Tee aufgrund des Coffeingehalts anregend; lässt man ihn länger ziehen, kommt auch die beruhigende Wirkung des Aminosäurederivats Theanin zum Tragen. Dank seines Gerbstoffgehalts kann lang gezogener Tee als Adstringens bei Magen-Darm-Beschwerden dienen.

 

Den Flavonoiden im Tee wird ein kanzeropräventives Potenzial nachgesagt. Keusgen dämpft hochgesteckte Erwartungen: »Flavonoide sind hoch polar, werden daher schlecht resorbiert, und bilden außerdem Komplexe mit Ionen wie Eisen und Calcium. Man müsste enorme Mengen an Tee trinken, um einen kanzeropräventiven Effekt zu erzielen.« Ebenfalls zu den Flavonoiden gehören Catechine und Derivate wie Epigallocatechingallat (EGCG). Diese sollen die Tumorgenese und -proliferation bremsen. Die Datenlage ist vielfältig, aber nicht eindeutig. »Der Genuss von grünem Tee trägt zusammen mit einer gesunden Lebensführung eventuell dazu bei, die Krebsentstehung zu verhindern«, meint Keusgen vorsichtig.

 

Zur lokalen Anwendung hat Grüntee-Extrakt den behördlichen »Segen« schon bekommen. Eine Salbe ist seit März 2010 zur Behandlung von Feigwarzen im Genitalbereich erhältlich und kann bei regelmäßiger Anwendung beachtliche Erfolge erzielen.

Phytoneering für gute Phytos

Camellia sinensis ist ein probates Beispiel dafür, dass man aus einer Pflanze ganz unterschiedliche Produkte machen kann. Dies gilt auch in der Phytomedizin. »Pflanzenextrakte sind nicht vergleichbar, daher gibt es bei pflanzlichen Arzneimitteln keine Generika«, betonte Dr. Harel Seidenwerg, Leiter der Unternehmenskommunikation bei Bionorica, in einem Vortrag über »Phytoneering«. Mit der Wortschöpfung beschreibt die Firma ihre Doppelstrategie: Wirkmechanismen von Pflanzen mithilfe modernster Forschung zu entschlüsseln und innovative Technologien zur Herstellung wirksamer und sicherer Phytopharmaka einzusetzen. Phytoneering beginne bei der sorgfältigen Auswahl von Saatgut, Anbaufläche und -bedingungen und reiche bis zur Ernte und Nacherntebehandlung, erklärt der Arzt. Ist die Droge unter möglichst standardisierten Bedingungen gewonnen, geht es weiter mit der Verarbeitung zum Extrakt und dessen präklinischer und klinischer Prüfung. »Am Ende steht ein Phytopräparat mit gleichbleibender geprüfter Wirksamkeit«, zeigte Seidenwerg am Beispiel mehrerer Präparate aus dem Portfolio der Firma.

Zurück ins subtropische Klima der Azoren. Entdeckt wurden die »Gärten im Atlantik« im 15. Jahrhundert durch portugiesische Seefahrer und erst danach besiedelt. Seither erlebten sie eine wechselvolle Geschichte zwischen wirtschaftlichem Aufschwung und Hungersnöten, die viele Azorer immer wieder zum Auswandern zwang.

 

Vulkanologische Zeitreise

 

Auch erdgeschichtlich sind die Inseln jung. Ihren Ursprung verdanken sie den siedend heißen Prozessen im Erdinnern, die den Mittelatlantischen Rücken formten: Hier driften die amerikanische Platte auf der einen, die eurasische und afrikanische Platte auf der anderen Seite auseinander, jedes Jahr zwei Zentimeter. Die Entwicklung über Jahrtausende haben die Azoren zu einem Anschauungsunterricht an vulkanischen Phänomenen werden lassen. An vielen Küsten kann man noch erkennen, wo und wie die Lava einst geflossen ist.

Seit der Entdeckung der Azoren wurden mehr als dreißig Vulkaneruptionen registriert, einige davon im Meer. Das neue Land, das plötzlich aus dem Ozean auftauchte, nannten die Siedler »mistérios«: Geheimnis. Mistério fand als Fachbegriff Eingang in die Sprache der Vulkanologie.

 

Das letzte große Erdbeben hatte 1957 zur Entstehung des Vulkans Capelinhos an der Westküste von Faial geführt. Ein Besuch im dortigen Informationszentrum führte die PZ-Gruppe auf eine Zeitreise: Mehr als dreißig Millionen Tonnen Asche und Lava hatte der Vulkan im Lauf von zwei Jahren gespuckt und weite Teile des Westens von Faial unter sich begraben. Aus dem Meer hob sich neues Land und formte die zwei Quadratkilometer große Halbinsel »Ponta dos Capelinhos«.

Die Auswirkungen des Ausbruchs waren verheerend: Asche wurde über tausend Meter hoch in die Luft geschleudert, Hunderte von Häusern zerstört. Zweitausend Menschen mussten umgesiedelt werden; viele wanderten in die USA aus.

 

Ein halbes Jahrhundert nach dem Vulkanausbruch weht noch immer Asche übers Land. Wie ein Zeitzeuge ragt der Leuchtturm von Capelinhos aus dem Lavageröll und markiert die frühere Westspitze der Insel. Erst 2006 hatte man ihn freigelegt und restauriert. »Azorer sind langsam«, sagte Paolo Cebola vom Informationszentrum Capelinhos halb ernst, halb scherzhaft. »Wir haben den Vulkanausbruch erst mit Verzögerung aufgezeichnet. Die Isländer dokumentierten die Insel Surtsey sofort.«

 

Schwefeldampf und Eintopf

 

Capelinhos ist nicht der einzige Zeuge der gewaltigen Kräfte, die im Erdinneren toben. Inmitten von Sao Miguel, am Lagoa das Furnas, brodelt kochender Schlamm in Erdlöchern; wenige Meter seitwärts ist die Erde so heiß, dass die Einheimischen Löcher graben und ihre Kochtöpfe darin versenken. Es dauert einige Stunden, bis der traditionell geschichtete Eintopf – cozido – gar ist. Deftig und köstlich, findet die Reisegruppe.

Das brodelnde Inferno verbreitet heftigen Gestank. Schwefel-Chemiker können die Hauptverbindungen anhand des Geruchs unterscheiden. »Die Schwefelablagerungen an den Fumarolen waren die früheste Quelle für die Gewinnung dieses Elements«, erklärt der Münchner Pharmaziehistoriker Dr. Gerhard Gensthaler wenig später im – nahezu geruchsfreien – Ort Furnas. Denn begehrt war Schwefel schon immer: für Räucherungen und als Heilmittel, aber auch in der Pyrotechnik. Die »Griechischen Feuer« waren gefürchtete Brandwaffen des Byzantinischen Reichs; im Schwarzpulver setzte Schwefel im Verbund mit Salpeter und Kohlenstoff sein unheilvolles Werk fort. Die Griechen verehrten das gelbe Element, ähnelte sein Aufleuchten beim Anzünden doch den Blitzen des Göttervaters Zeus.

 

Dass Schwefel Hautkrankheiten lindern kann, erkannte nicht erst der Dermatologe Paul G. Unna an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, berichtet Gensthaler. Plinius der Ältere empfahl im 1. Jahrhundert nach Christus Schwefel gegen Flechten und Aussatz, Karl der Große trieb die Balneotherapie in Deutschland voran. Hildegard von Bingen wollte darin ein Mittel gegen Lepra entdeckt haben, und den Harlemer Balsam (Oleum lini sulfuratum) kannten die älteren Kollegen in der Reisegruppe noch aus ihrer Praktikantenzeit. Der Balsam ist heute obsolet, doch Schwefelbäder und -shampoos werden immer noch in der Pharmazie und Dermatologie eingesetzt.

 

Tradition und Hightech

 

Von azorischer Gemächlichkeit ist in der Apotheke von José Garcia im Einkaufszen­trum von Ponta Delgada wenig zu spüren: Rund achthundert Kunden werden dort jeden Tag mit Medikamenten, aber auch zahlreichen Hilfsmitteln und Pflegeprodukten versorgt. Das gelingt mithilfe eines ausgefeilten Computersystems sowie eines Kommissionierautomaten, sodass die Mitarbeiter in der Offizin ihren Arbeitsplatz nur selten verlassen.

Ruhiger geht es in der traditionellen Apotheke zu, die seit über hundert Jahren ebenfalls der Familie Garcia gehört. Sie liegt im alten Teil von Ponta Delgada, in dem schön restaurierte herrschaftliche Häuser das Stadtbild prägen. Hier ist auch Apothekerin Dr. Alice Guerra tätig, die ihren deutschen Kollegen viel über das Apothekenwesen auf den Azoren berichtet. In Portugal können auch Nicht-Apotheker eine Apotheke betreiben. Mehrbesitz ist wie in Deutschland in beschränktem Umfang möglich: Bis zu drei weitere Apotheken können der Hauptapotheke als Filialen angegliedert werden. Auch José Garcia, der selbst nicht Apotheker ist, besitzt vier Apotheken, eine davon in Lissabon. Seit den 1970er-Jahren gebe es keine Niederlassungsfreiheit mehr, hob Guerra hervor. Wer eine Apotheke eröffnen möchte, muss für ein Gebiet, das mindestens dreitausend Einwohner umfasst, eine Konzession beantragen.

 

Rezepturarzneimittel spielen im azorischen Apothekenalltag nur eine untergeordnete Rolle. Ihr Anteil mache 1 bis 2 Prozent des Umsatzes aus, schätzt die Apothekerin. Das Liefersystem ähnelt dem deutschen. Die weitaus meisten Arzneimittel werden zweimal täglich vom lokalen Großhandel, der auf Sao Miguel ansässig ist, geliefert. Bei selteneren Medikamenten müsse man mit einer dreitägigen Lieferzeit aus Lissabon rechnen, erklärt die Apothekerin. Der Verkehr mit Betäubungsmitteln werde streng überwacht. Missbrauch und Abhängigkeit seien ein erhebliches Problem.

 

Alice Guerra, die schon lange in den Apotheken von José Garcia arbeitet, hat in Lissabon studiert. An zwei weiteren portugiesischen Universitäten ist das Pharmaziestudium möglich: in Coimbra und Porto. An die inzwischen fünfjährige universitäre Ausbildung schließt sich ein sechsmonatiges Praktikum an, das teilweise in einer Krankenhausapotheke oder in der Indus­trie absolviert werden kann.

Know-how in der Klinikapotheke

 

Viele Apotheker spezialisieren sich nach dem Studium weiter, beispielsweise für die Tätigkeit in einer Krankenhausapotheke. Madalena Arruda da Silva Melo, Leiterin der Apotheke des »Hospital do Divino Espirito Santo« in Ponta Delgada/Insel Sao Miguel, führt die deutschen Kollegen stolz in das technisch gut ausgestattete Zytostatikalabor. In der onkologischen Tagesklinik erhalten jeden Tag etwa vierzig Patienten eine ambulante Chemotherapie, die von einem der elf Apotheker hergestellt wird. Die Patienten kämen von der ganzen Insel in die Hauptstadt, um ihre Therapie zu erhalten, berichtet die Apothekerin.

 

Die Klinikapotheke versorgt auch ambulante HIV- und Hämophilie-Patienten mit Medikamenten. Den meisten Raum nimmt jedoch die Belieferung der Stationen mit Arzneimitteln ein. Für jeden einzelnen Patienten wird die Tagesmedikation zusammengestellt und fertig verpackt auf die Stationen des 600-Betten-Krankenhauses geliefert. Doch zuvor wird die ärztliche Verordnung auf Validität, Plausibilität der Dosierung sowie mögliche Interaktionen zwischen den einzelnen Substanzen überprüft. Ob dieser Check Standard ist, wollen die deutschen Apotheker wissen. »Ich mache es so«, entgegnet die Azorerin lächelnd. »Viele Fehlmedikationen können wir so verhindern.«

 

Die Patientenversorgung in der Klinik ist top. So gilt das sprichwörtliche Azorenhoch nicht nur für Sonne und blauen Himmel, sondern für eine vorbildliche, hoch entwickelte Betreuung schwer kranker Menschen.

Die Autorinnen

 

Hannelore Gießen studierte Pharmazie an der Universität Karlsruhe. Nach mehrjähriger Tätigkeit in öffentlichen Apotheken und einer journalistischen Ausbildung ist sie seit 1990 freiberuflich als Fachjournalistin tätig und bearbeitet medizinische, pharmazeutische und biotechnologische Themen für verschiedene Fachzeitschriften. Gießen hat sich zur Apothekerin für Allgemeinpharmazie weitergebildet und ist Mitarbeiterin in einer öffentlichen Apotheke.

 

Brigitte M. Gensthaler studierte Pharmazie in München und erhielt 1984 die Approbation als Apothekerin. Nach mehrjähriger Tätigkeit in einer öffentlichen Apotheke wechselte sie in die Redaktion der Pharmazeutischen Zeitung. Seit Anfang der 1990er-Jahre arbeitet sie im Münchener Redaktionsbüro der Pharmazeutischen Zeitung. Sie leitet das Ressort Titel.

 

Für die Verfasser: gensthaler@govi.de

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