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PZ-Leserreise

Ein Königreich im Wandel

13.08.2013  09:04 Uhr

Von Annette van Gessel, Marokko / Europäische Besucher erleben in Marokko eine völlig fremde Welt. Farbenprächtige Gärten und Märkte, alte Dörfer aus Lehmbauten und gast­freundliche Bewohner erwarteten die Gruppe der PZ-Leserreise, die unter dem Motto »Marrakesch und der große Süden« stand.

Die Rundreise begann in Marrakesch, der »Perle des Südens« und viertgrößten Stadt des Landes. Doch wirkt Marrakesch nicht wie eine Großstadt, denn fast alle Häuser sind nur zwei Stockwerke hoch. Einzige Ausnahme: Das 77 Meter hohe Minarett der Koutoubia-Moschee überragt als Wahrzeichen der Stadt alle anderen Gebäude. Beim Gang durch die schmalen Gassen der Altstadt erklärte Reiseführer Mohammed, dass hier Reich und Arm eng nebeneinander wohnen.

Das bunte Treiben in den sogenannten Souks, dem Markt- und Händlerviertel der Stadt, nimmt jeden Besucher sofort gefangen: Bunte Gewürzstände verströmen intensive Düfte, beispielsweise nach Zimt oder Curry. Die bunten Farben des riesigen Warenangebots ziehen die Blicke potenzieller Käufer auf sich. Aus den Gassen der Handwerker, die nach Innungen aufgeteilt sind, dringt das Schleifen und Schlagen der Scheren- und Messerschleifer und der Metallschmiede. Es riecht nach Leder, aber auch nach Abgasen, denn immer wieder knattern lärmende Mopeds durch die Gassen.

 

Einen arabischen Händler und gleichzeitig begabten Schauspieler erlebte die Reisegruppe beim »Herboristen du Paradis«. Er verkauft Drogen und Tees und preist ihre Heilwirkungen an. Viele Bewohner Marrakeschs schätzen seinen Rat und kaufen seine Zubereitungen gegen die unterschiedlichsten Beschwerden.

Unter der Führung von Mohammed lernte die Gruppe auch verschiedene Sehenswürdigkeiten der Stadt kennen. Die bedeutendsten Baudenkmäler, die Saadiergräber, entstanden in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Ahmed el-Mansour ließ das Mausoleum für seine Familie errichten. Diese Gräber wurden erst 1917 neu entdeckt. Die Innenräume der zwei Mausoleen sind mit prachtvollen Mosaik-, Stuck-, und filigran geschnitzten Zedernholzarbeiten ausgestattet. Zwölf Säulen tragen den Grabraum mit dem Sarkophag des Erbauers, insgesamt sieben Sultane liegen hier begraben, ihre Frauen in einem zweiten Raum. Die Grabstätten unterscheiden sich in Größe und Ausstattung, doch fehlt jede Kennzeichnung. »Nach dem Tod sind alle gleich«, kommentiert Mohammed diese Tatsache. Vom El-Badi-Palast, der Residenz Ahmed el-Mansours, stehen nur noch Ruinen. Die damals schönste Palastanlage des Maghreb, ein Nachbau der Alhambra in Granada, wurde zwischen 1578 und 1594 erbaut, aber im 17. Jahrhundert auf Befehl des Herrschers Moulay Ismail komplett zerstört. Doch die vorhandenen Grundmauern lassen die einstige Pracht erahnen. Heute nisten überall auf den Mauerresten Störche. Der berühmte Platz Djemaa el-Fna ist der zentrale Marktplatz in Marrakesch und wird auch Platz der Gehenkten genannt. Hier tummeln sich abends Gaukler, Artisten und Schlangenbeschwörer. Gleichzeitig ist der Platz, auf dem früher Hinrichtungen stattgefunden haben sollen, heute dann ein riesiges Freiluftrestaurant mit zahllosen Garküchen.

Staatsform

Seit Marokko im März 1956 als erste afrikanische Kolonie Frankreichs in die Unabhängigkeit entlassen wurde, ist das Land gemäß der Verfassung eine konstitutionelle Monarchie. Die Fläche des Staatsgebietes beträgt ohne die Westsahara 446 550 km2, zusammen mit der von Marokko annektierten Westsahara 710 850 km2. Der Status des von Marokko und der Befreiungsbewegung Frente Polisario beanspruchten Westsaharagebietes ist bis heute nicht geklärt. Der jetzige König ist der dritte Monarch seit der Unabhängigkeit. Nach dem Tod seines Vaters Hassan II. im Jahr 1999 folgte Mohammed VI auf den Thron.

 

Fast alle Dynastien haben in Marrakesch prachtvolle Gärten hinterlassen. Die ältesten Gärten der arabisch-islamischen Welt, die Menara-Gärten, stammen aus dem Jahr 1157. Wie auf einer Plantage wachsen hier circa 30 000 Oliven-, Orangen-, Mandarinen-, Granatapfel und Feigenbäume. Der berühmteste Garten Marrakeschs ist der Jardin Majorelle, benannt nach dem französischen Künstler Jacques Majorelle, der diesen 1947 eröffnete. Im Jahr 1980 wurde der Garten von Modeschöpfer Yves Saint Laurent übernommen. Heute ist er für Besucher geöffnet, die in der Blütenpracht und dem üppigen Grün aus aller Herren Länder, die Ruhe inmitten des geschäftigen Treibens der Stadt genießen können.

Schön wie im Film

 

Auf der Fahrt nach Ouarzazate fuhr die Reisegruppe durch neu entstehende Viertel am Stadtrand, Häuser in niedriger Lehmbauweise, die auf zahlkräftige Käufer warten. Die Passstraße nach Ouarzazate steigt auf fast 2300 Meter an und führt in ein Gebiet des Anti-Atlas, einer Gebirgskette des Atlasgebirges, hinunter in die Ebene. Bis auf einige wenige Dörfer ist hier nichts als Steinwüsten auf beiden Seiten der Straße. Das Ziel der Etappe, die Stadt Ouarzazate, war früher vor allem Kreuzungspunkt des Handels für Karawanen aus Schwarzafrika. Die herrliche Landschaft rund um die Stadt, die außergewöhnlichen Lichtverhältnisse sowie die idealen Klimabedingungen begeisterten berühmte Filmregisseure wie Martin Scorsese und dienten ihnen als Filmkulisse. Drei große Filmstudios hat Ouarzazate heute.

 

Im Süden Marokkos leben hauptsächlich Berber. Lehmbraun, rosarot oder ockerfarben unterscheiden sich ihre Bauten, auch Kasbah genannt, kaum von ihrer Umgebung. Festungsartige Türme verleihen ihnen einen wehrhaften Charakter. Häufig gruppieren sich die Räume der meistens drei Etagen hohen Häuser um einen Innenhof, der einzigen Lichtquelle. Kasbahs dienten auch durchziehenden Händlern als Unterkunft, viele sind heute jedoch unbewohnt und verfallen. Einen Blick in die Kasbah Amridil aus dem 17. Jahrhundert konnte die Gruppe während ihrer Fahrt auf der sogenannten Straße der Kasbahs durch das Tal des Dadès-Flusses werfen. Einige Kasbahs werden mittlerweile von Privatpersonen unterhalten und für interessierte Touristen geöffnet.

Nach wie vor ziehen Berber mit ihren Familien und Tieren, meist Ziegen und wenigen Schafen, durch die karge Wüstenlandschaft. Im Unterschied zu früher mieten sie jedoch große Lastwagen, um möglichst schnell von einem Weidegebiet zum anderen zu gelangen, informierte Mohammed.

 

Jedoch siedeln sich auch Menschen in der Wüste an. Das Wasser von Oasen – schon von Weitem erkennbar durch Palmen und Oleander – wird genutzt, um Getreide, Gemüse und Obst für den Lebensunterhalt anzubauen. Beispielhaft für eine solche kleine Siedlung, besuchte die Reisegruppe die Oase Fint.

 

Speisen wie ein Pascha

 

Zum Essen im Restaurant nimmt der Gast auf weichen Sofas mit vielen Kissen Platz und der melancholische Gesang einheimischer Musiker begleitete das gesamte Mahl. Traditionell beginnt jedes Essen mit einer Handwäsche am Tisch. Darauf folgen mit Köstlichkeiten belegte Vorspeisenplatten bis hin zum Hauptgang, ein im Tontopf, der Tajine, stundenlang geschmortes Gericht aus Kartoffeln, Gemüse und verschiedenen Fleischsorten, zubereitetet mit den unter­schiedlichsten orientalischen Gewürzen. Als Nachspeise wird häufig ein mit Zimt bestäubter Orangensalat gereicht. Zum Färben und Würzen der Tajine-Gerichte ist nach wie vor Safran sehr beliebt. Über »Safran – das pflanzliche Gold der Antike« referierte Professor Dr. Michael Keusgen aus Marburg während des wissenschaftlichen Programms.

 

Ein Pferd für ein Pfund Safran

 

Safran, (Crocus sativus L.), gehört zu den Schwertliliengewächsen, den Iridaceae. Der Name »Crocus« stammt aus dem Griechischen und bedeutet »Faden«, wohingegen »Safran« aus dem Arabischen beziehungsweise Persischen entlehnt ist und »gelb« oder »mit Gelb färben« bedeutet. Safran wird in reiner Handarbeit geerntet, solange die Blüten noch geschlossen sind, denn nur dann haben die Narbenschenkel das volle Aroma, berichtete Keusgen. Jede Blüte enthält drei Narbenschenkel von karminroter Farbe, die an der Basis ins Gelb übergehen. Nach der Ernte werden die Narbenschenkel von der restlichen Blüte getrennt und bis zu einem Feuchtigkeitsgehalt von maximal 12 Prozent getrocknet. 150 000 Blüten werden benötigt, um ein Kilogramm Croci stigma zu erhalten beziehungsweise 750 000 Safranfäden (Narbenschenkel) ergeben 1 Kilogramm. Für dieses eine Kilogramm müssen zehn Pflücker ein 2000 Quadratmeter großes Feld abernten. Dieser enorme Aufwand rechtfertigt den Preis: Ein Kilo­gramm Safran kostet etwa 3000 Euro.

Seit der Antike ist Safran das wohl wertvollste Gewürz. Im 15. Jahrhundert kostete ein Pfund Safran so viel wie ein Pferd. Damit war Safran nicht nur ein Privileg der Oberschicht, sondern auch lukratives Objekt für Betrügereien. Safran zu fälschen, ist relativ einfach. Das Gewicht fein gemahlener Ware wurde zum Beispiel durch Zugabe von Ziegelsteinmehl, Curcuma oder anderer Crocus-Arten erhöht, so Keusgen. »Kaufen Sie am besten nur unzerkleinerte Ware«, empfahl der Referent. Zerkleinerte oder fein gemahlene Ware sei oftmals durch Zugabe anderer Pflanzenteile gestreckt, unter anderem der gelben Griffel.

 

Verdauungsfördernd und appetitanregend wirkt Safran aufgrund der enthaltenen Bitter- und Aromastoffe wie Gentiobiose und Picrocrocin, das Vorläufermolekül von Safranal und Isophoron. Aufgrund der Carotinoide wird Safran ein antioxidatives Potenzial und damit tumorprotektive sowie antithrombotische Wirkung nachgesagt. Es liegen zwar viele In-vitro-Studien und einige Tier­versuche vor, jedoch sei die Datenlage beim Menschen insgesamt dürftig, informierte Keusgen.

 

Der wissenschaftliche Leiter der Reise und frühere PZ-Chefredakteur Professor Dr. Hartmut Morck referierte über »Personalisierte Medizin – wie ist der Stand heute?« und Keusgen außerdem zum Thema »Phytopharmaka, Nahrungsergänzungsmittel, Homöopathie, wo sind die Grenzen?«

 

Die Region, in der Safran angebaut wird, lernte die Reisegruppe auf der Fahrt nach Taroudant kennen. Im Haus einer Safran-Kooperative in Taliouine gab es für die Gäste Safrantee, statt des sonst üblichen Pfefferminztees. Taroudant liegt 80 Kilometer von Agadir entfernt und ist fast vollständig von einer 8 Kilometer langen, 6 bis 8 Meter hohen Lehmmauer umgeben. Ende des 16. Jahrhunderts war Taroudant eine der größten und reichsten Städte Marokkos sowie wichtiges Zentrum des Gold- und Sklavenhandels und Treffpunkt der Karavanen. Zum Ende des 17. Jahrhunderts überfielen die Truppen Moulay Ismails die Stadt und töteten auf Befehl des Herrschers alle Bewohner.

Stämme und Sprachen

Die Bevölkerung Marokkos setzt sich aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen zusammen. Jedoch gelingt es bei vielen Marokkanern heute kaum noch, ihren ethnischen Ursprung zu erkennen. So leben und arbeiten hier Menschen sehr verschiedener Hautfarbe eng zusammen, von den Nachkommen ehemaliger schwarzer Sklaven bis zu sehr Hellhäutigen aus dem Norden. Circa 80 Prozent der marokkanischen Bevölkerung sind Berber. Die Marokkaner verständigen sich in drei Sprachen: Arabisch, Französisch und Berberisch. Staatsreligion ist der Islam. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung, fast 99 Prozent, sind Muslime, davon etwa 90 Prozent Sunniten. Nur etwas mehr als 1 Prozent sind Christen, meist Katholiken, und rund 0,2 Prozent bekennen sich zum Judentum.

 

Ihren jetzigen König schätze die Bevölkerung sehr, berichtete Mohammed. Im Unterschied zu seinem Vater, der sein Hauptaugenmerk in die Außenpolitik setzte, konzentriert sich Mohammed VI auf die Innenpolitik. Er investiert in die Infrastruktur des Landes, beispielsweise durch eine große Solaranlage. Außerdem will er durch den Bau von Schulen die Ausbildung der Kinder verbessern. »Bitte kaufen Sie bettelnden Kindern nichts ab und geben ihnen kein Geld«, bat der Reiseführer mehrfach. Dies halte die Kinder davon ab, die Schule zu besuchen, und könne dazu führen, dass sie ihr Leben lang versuchen, ihren Lebensunterhalt durch Betteln zu bestreiten.

 

Flüssiges Gold

 

Der Besuch einer Arganöl-Kooperative rundete die Reise eindrucksvoll ab. Eine erste Vorstellung von der Bedeutung des Arganöls für diese Region Marokkos sowie von dessen aufwendiger Produktion gewann die Gruppe während eines Vortrags beim Besuch der Zentrale von ArgandOr Maroc. Für die Marke ArgandOr arbeiten über 1000 Frauen und sichern damit den Lebensunterhalt für etwa 6000 Menschen. Zwar gibt es unterschiedliche Verfahren, das Öl zu extrahieren, doch die im Dachverband der Frauenkooperativen der UCFA (= Union des Coopérative des Femmes de lArganerai) zusammengeschlossenen Berberfrauen gewinnen das Öl ausschließlich durch traditionelle Handpressung. Das gesamte Verfahren entspricht den hygienischen Anforderungern für europäische biologische Produkte, informierte die Referentin. Das 100-prozentige Naturprodukt wird in sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Verantwortung hergestellt.

 

Der Arganbaum, die Arganie (Argania spinosa L.), gehört zu den Sapotengewächsen (Sapotaceae). Er zählt zu den ältesten Bäumen der Welt und passte sich in seiner langen Evolutionsgeschichte trockenen und wüstenähnlichen Regionen perfekt an. Der Arganbaum ist eine urmarokkanische Species und kann bis zu 400 Jahre alt werden. Bislang scheiterten alle Versuche, Argania spinosa in anderen Regionen des Mittelmeers anzubauen. 

Offensichtlich benötigt der Baum zum Leben die Kombination aus Atlantikklima, Atlasgebirge, Wüste und Bodenbeschaffenheit. Die verbliebenen etwa 21 Millionen Bäume wachsen nur noch in der südwest-marokkanischen Region Souss-Massa-Draa auf einem Gebiet von etwa 820 000 Hektar. Dieses Gebiet erklärte die UNESCO 1999 zum Biosphären-Reservat. Sämtliche Bäume befinden sich in Staatseigentum und sind streng geschützt. Die Bewohner dieser Region haben nur Nutzungs­rechte. Seit Generationen ist die Ge­winnung des Öls reine Frauenarbeit: Sie ziehen mit Eseln durch die Argan­wäl­der und sammeln ausschließlich die am Boden liegenden Nüsse zwischen Juli und September in Körben ein. Die Früchte werden auf den flachen Lehmdächern der Häuser getrocknet und bis zu fünf Jahre eingelagert. So kann das Öl je nach Bedarf immer frisch hergestellt werden.

 

Den Vorgang der Handpressung lernte die Gruppe vor Ort beim Besuch einer Frauenkooperative kennen. Zunächst schlagen die Frauen die getrocknete Haut der Nüsse mit der Hand zwischen zwei Steinen ab und knacken die harten Argannüsse auf dieselbe Weise, um die Mandeln zu entnehmen. Anschließend vermahlen sie die gerösteten oder ungerösteten Mandeln in steinernen Handmühlen zu einer öligen Paste, aus der unter Beigabe von etwas Wasser das Öl herausgeknetet wird. Nachdem Öl und Wasser getrennt worden sind, wird das Öl filtriert. Für einen Liter dieses »Goldes von Marokko« werden 30 Kilogramm Argan-Früchte, das heißt die Ernte von fünf Bäumen benötigt. Zum Vergleich: Für einen Liter Olivenöl werden 5 bis 10 Kilogramm Oliven abgepresst. Daher kosten in Deutschland 100 Milliliter Arganöl etwa 8 Euro. Schätzungsweise ein bis zwei Millionen Marokkaner leben direkt oder indirekt von dem flüssigen Gold. Das Öl schätzen nicht nur Spitzenköche, sondern es ist auch wertvoller Bestandteil von Kosmetika. Zum Ende des Besuchs der Argankooperative servierten die Frauen ein reichhaltiges Mahl und verabschiedeten ihre Gäste mit Gesängen, ein beeindruckendes Erlebnis, das den Reiseteilnehmern lange in Erinnerung bleiben wird.

 

Ziel der nächsten PZ-Leserreise in der zweiten Julihälfte 2014 sind die Kanalinseln. /

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