Pharmazeutische Zeitung online
Neu auf dem Markt

Histrelin und Liraglutid

31.07.2009
Datenschutz bei der PZ

Der Inkretineffekt

Seit den 1960er-Jahren ist bekannt, dass bei gleichen Blutzuckerspiegeln die in-travenöse Glucoseaufnahme zu einer deutlich geringeren Insulinausschüttung führt als die orale Glucoseaufnahme. Das wird in der Medizin als Inkretineffekt bezeichnet. Dessen Grundlage sind im Darm gebildete Hormone wie das Glucagon-like Peptide-1 (GLP-1).

GLP-1 hat zahlreiche Effekte auf die metabolischen Vorgänge im Körper. Ist der Blutzuckerspiegel zu hoch, regt GLP-1 die Insulinausschüttung in der Bauchspeicheldrüse an. Das Inkretinhormon führt zudem zur vermehrten Insulinbiosynthese und erhöht die Glucoseempfindlichkeit der Betazellen. Ferner reduziert GLP-1 glucoseabhängig die Sekretion von Glucagon. Bei hohem Blutzucker sinkt über diesen Regulationsmechanismus der Glucoseausstoß aus der Leber. Letztlich verzögert das Hormon beim Menschen die Magenentleerung und erhöht das Sättigungsgefühl. Natürliches GLP-1 hat nach intravenöser Gabe eine sehr kurze Halbwertszeit von 1,5 bis 2 Minuten. Das liegt am schnellen Abbau durch das Enzym Dipeptidyl-Peptidase-4 (DPP-4). Aus diesem Grund ist es schwierig, das Protein therapeutisch zu nutzen. In den vergangenen Jahren ist es Forschern gelungen, Wirkstoffe zu entwickeln, die auf unterschiedliche Weise die GLP-1-Aktivität steigern. GLP-1-Analoga wie Liraglutid und Exenatid wirken wie GLP-1, nur länger, und DPP-4-Hemmer wie Sitagliptin und Vildagliptin hemmen den Abbau von GLP-1.

Liraglutid wurde im Rahmen des sogenannten LEAD-Studienprogrammes (Liraglutide Effect and Action in Diabetes) bei mehr als 4000 Typ-2-Diabetikern untersucht. Ziel war es, das Inkretin-Mimetikum direkt mit häufig verwendeten Typ-2-Diabetes-Therapien zu vergleichen. Das Programm umfasste fünf randomisierte Doppelblindstudien über 26 Wochen und eine Studie über 52 Wochen. Hauptindikator für die Wirksamkeit war die Änderung des HbA1c-Wertes nach sechs beziehungsweise zwölf Monaten. In einer Monotherapie-Studie wurde Liraglutid mit dem Sulfonylharnstoff Glimepirid verglichen. Der HbA1c-Wert konnte unter Liraglutid stärker gesenkt werden, allerdings war der Effekt nicht stark genug, um die Anwendung als Monotherapie zu unterstützen. Die Dualtherapien mit Liraglutid und Metformin oder Glimepirid führten jedoch zu einer Senkung der HbA1c-Werte von etwa 1 Prozent, während bei der Behandlung ohne das Inkretin-Mimetikum keine Reduzierung erzielt werden konnte. Die Tripeltherapien mit Metformin und Glimepirid oder dem Thiazolidindion Rosiglitazon führten zu einer HbA1c-Senkung zwischen 1,3 und 1,5 Prozent, im Vergleich zu einer Senkung von 0,5 Prozent oder weniger ohne Liraglutid.

 

Im Fachjournal »Lancet« wurden Anfang Juli die Ergebnisse der LEAD-6-Studie veröffentlicht (doi:10.1016/S0140-6736(09)60659-0). Dieses war eine offene und randomisierte Studie, die die Wirksamkeit und Sicherheit von Liraglutid (1,8 mg einmal täglich) mit dem zweiten GLP-1-Analogon Exenatid (10 µg zweimal täglich) verglich. Darin führte die Behandlung mit Liraglutid zu einer signifikant größeren HbA1c-Senkung von 1,12 Prozent verglichen mit 0,79 Prozent in der Exenatid-Gruppe. Zudem senkte Liraglutid stärker den Nüchtern-Plasmaglucosespiegel (-1,61 mmol/l versus -0,60 mmol/l). Beide Behandlungen führten zu einer Gewichtsreduktion von durchschnittlich drei Kilogramm während der 26-wöchigen Studienzeit.

 

Vor allem zu Therapiebeginn kann Liraglutid Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall hervorrufen. Diarrhö kann die Resorption von begleitend oral verabreichten Arzneimitteln beeinträchtigen. In einigen Fällen wurde im Zusammenhang mit Inkretin-Mimetika über eine akute Pankreatitis berichtet. Patienten sollten deshalb deren charakteristische Symptome kennen: anhaltende, schwere abdominale Schmerzen. Wird eine Pankreatitis vermutet, muss Liraglutid abgesetzt werden.

 

Nicht empfohlen wird die Behandlung mit dem GLP-1-Analogon bei Patienten mit Leberfunktionsstörung beziehungsweise mittelschwerer bis schwerer Nierenfunktionsstörung. Auch für Typ-1-Diabetiker ist der neue Wirkstoff nicht zugelassen. Eine Kombination von Liraglutid und Insulin wurde laut Fachinformation nicht untersucht und wird daher nicht empfohlen. Zudem sollte das Mittel nicht bei Kindern unter 18 Jahren, Schwangeren und Stillenden zum Einsatz kommen.

Mehr von Avoxa