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Arzneimittelpreise

Kartellamt ermittelt wegen Absprachen

03.08.2007
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Arzneimittelpreise

Kartellamt ermittelt wegen Absprachen

Von Daniel Rücker 

 

Neun Landesapothekerverbände sind wegen angeblicher Preisabsprachen ins Visier des Bundeskartellamts geraten. Gemeinsam mit Pharmaunternehmen haben sie nach Ansicht der Wettbewerbswächter unerlaubte Preisempfehlungen für Arzneimittel verabredet.

 

Nach Angaben des »Spiegel« schickte das Amt Beschuldigungsschreiben an den Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH), mehrere seiner Mitgliedsunternehmen sowie die Landesapothekerverbände Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Bayern, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt. »Wir nehmen an, dass Apotheken davon abgehalten werden sollten, in einen Preiswettbewerb zu treten«, sagte der Direktor beim Bundeskartellamt, Franz Heistermann. Die Absprachen sollen vor der Freigabe der OTC-Preise zum 1. Januar 2004 erfolgt sein. Auf Anregung des BAH und einiger Pharmaunternehmen hätten die Apothekerverbände ihren Mitgliedern geraten, die Preise nach der Freigabe nicht zu senken, sondern sich weiter an die Hersteller-Empfehlung zu halten.

 

Die Apothekerverbände hatten vor dem Inkrafttreten des GKV-Modernisierungsgesetzes (GMG) tatsächlich ihre Mitglieder über die Konsequenzen der OTC-Preisfreigabe informiert, zum Teil auch gemeinsam mit Herstellern. Ziel dieser Veranstaltungen, über die die PZ berichtet hatte, war in erster Linie die Information über die Konsequenzen verschiedener Preisstrategien. So erklärten etwa Betriebswirte den Apothekern, wie viel Mehrumsatz notwendig ist, damit eine Preissenkung nicht zu Ertragsverlusten führt.

 

Die Geschäftsführerin des Landesapothekerverbands Baden-Württemberg, Ina Hofferberth, kann an diesen Veranstaltungen nichts Verbotenes erkennen: »OTC-Arzneimittel sind ein wichtiges Marktsegment für die Apotheke. Wir haben den Apothekern daher Informationen von verschiedenen Fachleuten angeboten, um sie für die eigene Kalkulation der OTC-Preise fit zu machen. Auf keinen Fall haben wir als Apothekerverband Empfehlungen zu den OTC-Preisen abgegeben oder sonst auf die eigenständige Preisbildung in den Apotheken Einfluss genommen.«

 

Erklärbare Zurückhaltung

 

In der Tat darf das Kartellamt nicht übersehen, dass Apotheker keine gelernten Kaufleute sind. Bis 2004 war ihnen explizit verboten, Arzneimittelpreise selbst zu kalkulieren. Erst mit dem GMG fiel der einheitliche Abgabepreis für nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel.

 

Es ist auch wenig verwunderlich, dass die Apotheker mit der neuen Freiheit zuerst sehr zurückhaltend umgingen. Bis 2006 hielt sich die Branche weitgehend an die Preisempfehlung der Hersteller. Diese galt für die zulasten der GKV verordneten OTC-Präparate weiter als Festpreis.

 

Erstaunlich ist, dass das Kartellamt den Vorgang für sich entdeckt, nachdem der Vorwurf (unabhängig von seiner Berechtigung) weitgehend obsolet ist. Seit 2006 gibt es zumindest in den meisten Großstädten einen immer heftigeren Preiswettbewerb. Vor allem in Hamburg und Hannover machte er auch Schlagzeilen. Dort versuchten sich verschiedene Apothekerzusammenschlüsse gegenseitig Marktanteile abzunehmen. Innerhalb weniger Jahre hat sich also ein weitgehend normales Marktgeschehen entwickelt. Am aktivsten sind in den meisten Regionen Kooperationen und Franchise-Apotheken.

 

Klar ist aber auch, dass der OTC-Markt niemals ein Konsumgütermarkt wird. Der Bedarf lässt sich durch Werbung zum Glück nur bedingt steigern. Deshalb sind Sonderangebote auch aus ökonomischer Sicht nur bedingt sinnvoll.

 

Das Kartellamt hatte zuvor schon seit einiger Zeit gegen fünf Pharmaunternehmen und den BAH in dieser Sache ermittelt. Einige LAVs hatten Experten aus der Pharmaindustrie zu ihren Informationsabenden eingeladen. Der BAH gibt sich aber ebenfalls gelassen. »Es gibt Arzneimittelpreise, die gesunken sind, es gibt Arzneimittelpreise, die gestiegen sind &#8211 das hat aber mit Preisabsprachen nichts zu tun«, sagte Verbandssprecher Heinz-Gert Schmickler zur Nachrichtenagentur AP. Zudem bezögen sich die Vorwürfe nur auf das Jahr 2003, also die Zeit vor Freigabe der Medikamentenpreise. »Das hat mit aktuellen Dingen nichts zu tun«, betonte er. Der Verband werde gegenüber dem Kartellamt jedoch ausführlich Stellung nehmen. Grundsätzlich mache der Verband zu schwebenden Verfahren aber keine Aussagen, sagte Schmickler.

 

Bereits vor wenigen Wochen waren fünf Landesapothekerverbände ins Fadenkreuz des Kartellamtes geraten (PZ 30/2007). Dabei ging es um angebliche Boykottaufrufe gegen Celesio/Gehe. In diesem Verfahren sichtet das Kartellamt zurzeit die beschlagnahmten Akten. Die beschuldigten LAVs hatten die Vorwürfe unisono zurückgewiesen. Einen Zusammenhang zwischen den beiden Ermittlungsverfahren gibt es nicht.

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