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Bewegungsmangel

Maßnahmen für eine gesündere Welt

24.07.2012  15:05 Uhr

Von Daniela Biermann / Fünfmal die Woche 30 Minuten zügig gehen – selbst das schaffen Millionen Menschen weltweit nicht und sterben an den Folgen ihres Bewegungsmangels. Tatsächlich erreichen nur zwei von drei Erwachsenen dieses Pensum, warnen Forscher. Dabei gibt es viele effiziente Maßnahmen, die Leute in Bewegung zu bringen, wie Studien zeigen.

Eine Reihe neuer Studien in der aktuellen Ausgabe von »The Lancet« beschäftigt sich mit Bewegungsmangel, seinen Folgen und damit, wie wie sich Menschen zu mehr Sport animieren lassen. Zunächst die Fakten: Weltweit gingen im Jahr 2008 von 57 Millionen Todesfällen rund 5,3 Millionen auf das Konto mangelnder Bewegung. Damit verkürzt Bewegungsmangel die Lebensdauer ähnlich stark wie Rauchen, schreiben Forscher um I-Min Lee von der Harvard Medical School in Boston (doi: 10.1016/S0140-6736(12)61031-9).

 

Bewegungsmangel selbst ist in der Regel nicht tödlich. Er erhöht jedoch unter anderem das Risiko für koronare Herzerkrankungen, Typ-2-Diabetes sowie Brust- und Darmkrebs. So legen die Wissenschaftler folgende Rechnungen vor: Von weltweit 7,25 Millionen Toten aufgrund koronarer Herzkrankheit im Jahr 2008 sind allein in Europa 121 000 Fälle auf zu wenig Bewegung zurückzuführen. Von weltweit 647 000 Darmkrebstoten könnten nur in Europa 24 000 Menschen noch leben, wenn sie mehr Sport getrieben hätten.

Laut Lee könnten jedes Jahr 533 000 bis 1,3 Millionen Menschen ihren Tod hinauszögern, wenn sie aktiver würden. Die Lebenserwartung der Gesamtbevölkerung (inklusive der bereits Aktiven) würde dabei um durchschnittlich 0,68 Jahre steigen. Für einen bisherigen Sportmuffel ist der Benefit noch größer und außerdem relativ einfach zu erreichen: Indem man fünfmal die Woche jeweils 30 Minuten zügig spazieren geht. Auch Hausarbeit oder die Fahrt mit dem Rad zur Arbeit zählen übrigens. Das schaffen aber nur zwei von drei Erwachsenen, fanden brasilianische Wissenschaftler um Dr. Pedro C. Hallal heraus (doi: 10.1016/S0140-6736(12)60646-1). Sie sahen sich Daten aus 122 Ländern (89 Prozent der Weltbevölkerung) genauer an.

 

Noch schlimmer steht es um die Jugendlichen, die eine Stunde am Tag aktiv sein sollten: Vier von fünf schaffen das nicht. Das erhöht ihr Risiko für Herzkrankheiten, Diabetes und einige Krebsarten um 20 bis 30 Prozent. Das Aktivitätslevel ist dabei stark vom Land und dem sozioökonomischen Status seiner Einwohner abhängig: In Bangladesch sind nur 5 Prozent der Bevölkerung zu wenig aktiv, in den Niederlanden 18 Prozent, in den USA 41 Prozent, in Großbritannien 63 Prozent, in Malta als Spitzenreiter 72 Prozent. Deutschland steht mit 28 Prozent vergleichsweise gut dar. Im Durchschnitt sind Männer aktiver als Frauen. Im Alter lässt die Bewegung naturgemäß nach. Auch der Gesundheitsstatus, das familiäre Umfeld, Selbstvertrauen und die Gene spielen eine Rolle, zeigt eine Auswertung von Professor Dr. Adrian Bauman von der Universität Sydney (doi:10.1016/S0140-6736(12)60735-1).

 

Mehr als Einzelmaßnahmen wirken sich systembasierte Ansätze positiv aus, schreiben Forscher um Dr. Harold W. Kohl aus Texas (doi: 10.1016/S0140-6736(12)60898-8). Weltweit müssten mehr Staaten etwas gegen den Bewegungsmangel ihrer Bürger unternehmen, um gesundheitliche Folgen zu vermeiden. Wie das aussehen könnte, zeigt die Gruppe um Professor Dr. Gregory Heath von der Universität Tennessee in den USA. Sie untersuchte dazu 100 Reviews über Interventionsstudien (doi: 10.1016/S0140-6736(12)60816-2). Als positive Beispiele nennen sie große Kampagnen über die Massenmedien, aber auch einfache Hinweise wie Treppen zu steigen statt den Aufzug zu benutzen. Sportpartner und Gruppenaktivitäten wie Lauftreffs helfen Menschen ebenfalls sehr gut dabei, ihren inneren Schweinehund zu überwinden. Kostenlose Fitnessstunden an öffentlichen Plätzen wie Parks sprechen besonders Menschen an, die sonst schwer für Sport zu begeistern sind, wie ärmere und ältere Leute.

 

Was man tun kann

 

Auch Kommune und Staat können etwas für ihre Bürger tun: Der Bau von Fahrradwegen und Grünflächen motiviert zu mehr Bewegung. Gleiches gilt für eine ausreichende Beleuchtung öffentlicher Flächen und einer ansprechenden Streckenführung. Ein Programm aus Kolumbien hat sich mittlerweile in Amerika erfolgreich verbreitet: In mehr als 100 Städten werden an Sonn- und Feiertagen die Straßen nur für Fußgänger, Jogger, Skater und Fahrradfahrer freigegeben. Mehr als eine Million Menschen begeben sich dadurch allein in Kolumbiens Hauptstadt Bogota jede Woche auf die Straßen, vor allem solche mit niedrigem Einkommen. Auch in Deutschland sperren viele Städte abends oder an Feiertagen ihre Straßen für den Autoverkehr. Tipps aus dem Internet und per SMS könnten Menschen ebenfalls zu mehr Bewegung motivieren, ergänzen Forscher um Dr. Michael Pratt von den US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (doi: 10.1016/S0140-6736(12)60736-3). Da rein rechnerisch mittlerweile sechs Milliarden Menschen ein Handy besitzen, wie die Weltbank vergangene Woche berichtete, ist das Potenzial enorm. /

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