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Fertigarzneimittelseminar

Lifestyle-Mittel unter der Lupe

24.07.2012  10:18 Uhr

Von Elke Wolf, Frankfurt am Main / Können Lifestyle-Medikamente überhaupt das leisten, was die Werbung verspricht? Antworten gab das achte Semester Pharmazie der Universität Frankfurt in der Neuauflage des Fertigarzneimittelseminars.

In Kleingruppen erarbeiteten die kurz vor dem Zweiten Staatsexamen stehenden Pharmaziestudenten Referate über verschiedene Arzneimittel, die für sogenannte Lifestyle-Indikationen verwendet werden. Helfen zum Beispiel Testosteron und Wachstumshormone dem alternden Mann, jung zu bleiben? Dieser Frage widmete sich die Arbeitsgruppe um Robert Giesche. Nach seinen Ausführungen ist die Behandlung der Symptome des alternden Mannes durch virilisierende Substanzen unter dem Strich noch wenig erforscht. Erfolgt die Testosteronsubstitution jedoch bei nachgewiesenem Hypogonadismus, sind durchaus positive Effekte zu verzeichnen, etwa die Zunahme der Muskelkraft, die Reduktion der Fettmasse oder die Steigerung der Libido. Dabei ist die Anwendung von Testosteron-Gel zu bevorzugen, da die Dosis leicht zu variieren ist und systemische Nebenwirkungen in den Hintergrund treten.

Das Wachstumshormon hGH, auch Somatotropin genannt, hat seine Indikation bei diagnostiziertem Kleinwuchs, solange die Wachstumsfuge noch nicht geschlossen ist. Doch sein Missbrauch in der Dopingszene hat es in Verruf gebracht. Die verjüngenden und virilisierenden Wirkungen sind nur gering ausgeprägt. Ein weiteres Verjüngungshormon, das in den USA sogar frei verkäuflich ist, ist DHEA (Dehydroepiandrosteron). Doch seine Effekte auf den Alterungsprozess sind durch klinische Studien nicht belegt. Alles in allem zog Giesche das Fazit, dass man bei allen auf dem Markt befindlichen Präparaten die Dosis erhöhen müsste, um einen anabolen Effekt ausnutzen zu können. Dies ist aber wegen der ebenfalls steigenden Nebenwirkungsrate nicht zu vertreten.

 

Hirndoping lohnt sich nicht

 

Vor vier Jahren sorgte eine Studie in der Fachzeitschrift »Nature« für Aufsehen. Von 1400 studierenden Wissenschaftlern in den USA gab jeder fünfte an, ohne medizinische Indikation Arzneistoffe wie Methylphenidat, Modafinil oder Betablocker einzunehmen. Auf Deutschland kann man diese Zahlen nicht unbedingt übertragen. Das hat der DAK-Gesundheitsreport aus dem Jahr 2009 ergeben. Danach haben nur rund 2 Prozent der Befragten schon einmal leistungssteigernde Pharmaka eingenommen.

 

Gemeinhin gelten Methylphenidat, Modafinil, Memantin und Donepezil als Arzneistoffe, die in der Lage sind, kognitive Fähigkeiten verbessern zu können. Den ersten beiden aufgeführten Psychostimulanzien stellte die Arbeitsgruppe um Sebastian Lobentanzer ein recht gutes Zeugnis aus, wenn es um die Erhöhung der Vigilanz, der Aufmerksamkeit, der Reaktionsbereitschaft und eine verminderte Müdigkeit geht. Das kann man von den beiden Antidementiva Memantin und Donepezil nicht behaupten. Beide beeinflussten bei Gesunden weder die Vigilanz, die Aufmerksamkeit noch die Reaktionszeit. Im Gegenteil: Zum Teil verschlechterten sich unter Arzneigabe sogar die kognitiven Leistungen.

Da die Effekte sämtlicher Neuroenhancer »bei ausgeschlafenen, intelligenten Menschen bestenfalls marginal sind«, empfahl Lobentanzer, sich an so unspektakuläre Methoden wie gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und genügend Schlaf zu halten. Das sei das Geheimnis eines leistungsfähigen Geistes seit mindestens 2000 Jahren. Bestenfalls Coffein tauge dazu, die geistige Leistungsfähigkeit zumindest über eine gewisse Zeit auf höherem Niveau zu halten. Dabei werden allerdings einfache kognitive Funktionen besser aufrechterhalten als komplexe.

 

Rauchstopp schlägt oft fehl

 

Gute Nachrichten für Raucher gibt es bekanntlich nicht. Das bestätigte auch Jennifer Bender in ihrem Vortrag. So reduziert der regelmäßige Griff zur Zigarette die Lebenserwartung um acht Jahre. In Deutschland sterben jedes Jahr zwischen 90 000 und 140 000 Raucher an den Folgen langjährigen Tabakkonsums. Dabei sind 22 Prozent aller Todesfälle bei den Männern und 5 Prozent bei den Frauen dem Rauchen anzulasten. Und laut FDA »ist das Abhängigkeitspotenzial von Nicotin vergleichbar mit dem von Heroin«. Doch das hält selbst so manchen Apotheker und Arzt nicht davon ab, sich eine Zigarette anzuzünden. 20 Prozent der Heilberufler rauchen, so Bender. Vom Glimmstängel wieder loszukommen, ist indes ein schwieriges Unterfangen. Zwar bescheinigen viele wissenschaftliche Studien und Metaanalysen den beiden für diese Indikation zugelassenen Arzneistoffen, Bupropion und Vareniclin, und den fünf Nicotinersatztherapien (Kaugummi, Inhaler, Nasenspray, Tabletten und Pflaster) eine Wirksamkeit bei der Bekämpfung der Nicotinabhängigkeit. Dabei verfügt Vareniclin mit 22 Prozent über die höchsten Abstinenz- raten nach einem Jahr, gefolgt von Nasenspray und Bupropion. Doch trotz dieser dokumentierten Wirksamkeit sind die absoluten Zahlen der nach zwölf Monaten oder noch länger abstinent gebliebenen Probanden äußerst niedrig. So fasste Bender zusammen, dass das Ziel der Entwöhnung nach einem Jahr nur von rund 10 Prozent der Raucher erreicht wird, langfristig kommen gar nur 2 Prozent von der Zigarette los.

 

Tausendsassa Botulinumtoxin

 

Als Lifestyle-Medikament par excellence gilt Botulinumtoxin. Dabei wird oft außer Acht gelassen, dass es für viele andere Indikationen als sicheres und wirksames Therapeutikum im Handel ist, stellte Katrin Berthel fest. Bei der Therapie der Dystonien ist es gar Mittel der Wahl. Anwendungen in der Kosmetik spiegeln dagegen nur einen kleinen Teil des vielfältigen Einsatzgebietes von Botulinumtoxin wider.

1994 wurde erstmals in der Europäischen Union Botox® der Firma Allergan für neuromuskuläre Erkrankungen zugelassen. Weitere Indikationen wie Nystagmus, Spastiken der Gesichtsmuskulatur oder der oberen Extremitäten nach Schlaganfall, Beinspastiken, Schiefhals, Hyperhidrosis axillaris oder Blepharospasmus folgten. Nach einer langen Phase des Off-Label-Uses erhielt Botulinumtoxin A unter dem Warenzeichen Vistabel® 2006 die Zulassung für die Behandlung von Zornesfalten in der ästhetischen Medizin. Zwei neue Indikationsgebiete kamen 2011 hinzu: die Therapie chronischer Migräne und Harninkontinenz mit neurogener Detrusoraktivität. Von den sieben verschiedenen Toxingruppen A bis G kommt therapeutisch nur Botulinumtoxin A zum Einsatz. Mit einer Ausnahme: NeuroBloc®, das gegen zervikale Dystonien injiziert wird, enthält Botuminumtoxin B.

 

Ein Exkurs in die Dopingszene stand mit den Anabolika und Erythropoetin auf dem Programm. Referentin Silke München zitierte einen Satz von Professor Dr. Wilhelm Schänzer, Leiter des Instituts für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln, wonach »anabole Steroide nur noch von unerfahrenen Dopinganfängern benutzt werden«. Das passt zu der Tatsache, dass anabole Steroide vor allem von Bodybuildern in Fitnessstudios konsumiert werden. Dort gibt es im Gegensatz zum Leistungs- und Spitzensport kaum Dopingkontrollen. Die Substanzen an sich sind leicht zu detektieren.

 

Zu den bekanntesten anabolen Steroiden gehören Testosteron und seine Abkömmlinge wie Oxandrolon, Nandrolon oder Stanozolol. Sie kurbeln den Aufbaustoffwechsel an und lassen die Muskulatur wachsen. Doch sie fördern auch das Wachstum etwa des Herzmuskels. Das erhöht das Herzinfarktrisiko. Der plötzliche Herztod ist denn auch bei den schwarzen Dopingschafen keine Seltenheit. Auch die sogenannte Steroid-Akne ist ein deutlicher Hinweis für den Missbrauch dieser Substanzen. Zudem steigern diese Hormone Aggressivität, Reizbarkeit und Sexualtrieb. In Deutschland ist nur Testosteron erhältlich. Alle anderen Steroide wie Nandrolon, Oxandrolon oder Stanozolol müssen über die Niederlande, Spanien oder Mexiko bezogen werden.

 

Dummheit Doping

 

Wenn es um Doping geht, fällt häufig das Kürzel EPO, also das in den Nieren gebildete Hormon Erythropoetin. Mit EPO erreichen Sportler eine Erhöhung der Hämoglobinkonzentration und damit eine höhere VO2max, erklärte Referentin Sabine Baum. VO2max, also die maximale Sauerstoffaufnahme der inneren Organe (bei sportlicher Betätigung betrifft dies vor allem die Muskulatur), ist ein Maß für den durch die Atmung aufgenommenen Sauerstoff, der die Arbeitsmuskulatur erreicht. Je höher VO2max, desto länger kann die benötigte Energie aerob gewonnen werden, die Ausdauerleistungsfähigkeit steigt. EPO wirkt letztendlich wie ein Treibstoff. Die ständige Gefahr einer lebensgefährlichen Blutverdickung wird mit blutverdünnenden Mitteln wie Acetylsalicylsäure und einer Portion Gutgläubigkeit und Naivität verdrängt. /

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