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Wettbewerb ist kein Ziel

20.07.2007  16:06 Uhr

Wettbewerb ist kein Ziel

Für viele Ökonomen sind Wettbewerb und freier Markt so etwas Ähnliches wie für Bürgerrechtler die Menschenrechte. Wettbewerb ist grundsätzlich gut und führt letztlich immer zum besten aller möglichen Ergebnisse. Regulatorische Eingriffe gelten dagegen als Teufelswerk. Zumindest im Gesundheitswesen gilt dies jedoch nicht.

 

Dass der freie Markt, im Gegensatz zu den Menschenrechten, eben nicht immer zum besten aller Systeme führt, belegt das US-amerikanische Gesundheitswesen ebenso erschreckend und eindrucksvoll: In einem der reichsten Länder der Erde, in dem zudem mehr Geld für Gesundheitsprodukte und -dienstleistungen ausgegeben wird als in irgend einem anderen Land, haben fast 50 Millionen Menschen keine Krankenversicherung (siehe hier). Werden sie ernsthaft krank, droht ihnen ein finanzielles Desaster.

 

Der Blick über den Teich zeigt auch, dass für die Arzneimittelversorgung der freie Markt nicht das Optimum ist. Kein Land hat höhere Arzneimittelpreise und -ausgaben als die USA. Hier dominieren Apothekenketten die Branche. Gleichzeitig müssen die Kranken oft weite Wege bis zur nächsten Apotheke zurücklegen. In den Innenstädten ist deren Zahl überschaubar, auf dem Land natürlich auch. Deutschen Vorstellungen von einer flächendeckenden Versorgung entspricht dies nicht.

 

Immerhin regt sich nun in den USA massiver Widerstand gegen das Gesundheitssystem. Selbst Ökonomen haben erkannt, dass der Wettbewerb dort einen Markt geschaffen hat, der nur für eine kleine Gruppe einflussreicher Versicherer und Leistungserbringer optimal, für eine große Gruppe von Menschen ohne Einfluss jedoch fatal ist. Mittlerweile denken einige Gesundheitsexperten und Politiker sogar laut über eine Versicherungspflicht nach. Einige sehen im deutschen Gesundheitssystem sogar ein Vorbild für ihr Land.

 

Die Erfahrungen in den USA sollten deshalb in Deutschland nicht ignoriert werden. Ohne politische Rahmenbedingungen funktioniert eine solidarische Krankenversicherung nicht. Das gilt für Krankenversicherungen ebenso wie für die Kostenträger. Im freien Wettbewerb treiben die stärksten unter ihnen die Preise nach oben. Die Qualität steigt dagegen nicht, glaubt man den Teilnehmern einer Konferenz in Minneapolis.

 

Es gibt also gute Gründe, den Wettbewerb nicht als Ziel an sich zu begreifen, sondern eher als selektives Mittel, bestimmte Ziele zu erreichen. Wer am deutschen System schrauben will, der muss deshalb nachweisen, dass er es verbessert. Das dürfte zumindest in der Arzneimittelversorgung schwerfallen.

 

 

Daniel Rücker

Stellvertretender Chefredakteur

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