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Colitis ulcerosa

Schwelbrand im Dickdarm

20.07.2007
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Colitis ulcerosa

Schwelbrand im Dickdarm

Von Nicole Tietze

 

Blutige Durchfälle, Bauchschmerzen, Übelkeit und weitere Beschwerden quälen Patienten mit einer Colitis ulcerosa. Eine Heilung ist nur durch die Entfernung des Dickdarms möglich. Daher hat die medikamentöse Therapie weiterhin einen hohen Stellenwert. Angepasste Ernährung und Sport tragen dazu bei, den Schwelbrand im Darm unter Kontrolle zu halten.

 

Die Colitis ulcerosa gehört wie der Morbus Crohn zu den schubartig auftretenden chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED). Mit etwa 168.000 Betroffenen in Deutschland ist sie neben dem Crohn die wichtigste CED.

 

Die Entzündung beginnt bei Colitis ulcerosa immer im Rektum und ist auf Mucosa und Submucosa beschränkt. Bei etwa der Hälfte der Patienten schreitet sie kontinuierlich nach proximal fort. Zusätzlich ist auch mit Manifestationen an anderen Organsystemen und Komplikationen, zum Beispiel Fisteln, Stenosen und malignen Tumoren, zu rechnen. Die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen und das Kompetenznetzwerk chronisch-entzündliche Darmerkrankungen haben Leitlinien zu Diagnose und Therapie erstellt (1).

 

Die Ursache der Erkrankung ist bis heute unklar. Vermutet werden genetische (2), infektiöse und immunologische Faktoren, die die Aktivierung des intestinalen Immunsystems triggern. Für eine vererbte Neigung sprechen eine familiäre Häufung sowie die Tatsache, dass bei eineiigen Zwillingen häufig beide betroffen sind. Umweltfaktoren und Ernährung sollen eine ebenso wichtige Rolle spielen (3).

 

Bei den CED herrscht ein Ungleichgewicht zwischen T-Helferzellen von Typ-1 (TH1) und Typ-2 (TH2). Bei Colitis ulcerosa überwiegt eine TH2-Immunantwort, charakterisiert durch die Produktion des proentzündlichen Zytokins Interleukin-5, während bei Morbus Crohn die TH1-Antwort überwiegt (6).

 

Ferner wurde festgestellt, dass einem Entzündungsschub eine Barrierestörung des Darmepithels vorausgeht. Damit ist eine Schutzfunktion des Epithels nicht mehr gewährleistet. Ursachen und Gründe hierfür sind noch nicht geklärt (7). Nach heutigem Wissensstand ist die Krankheit nicht psychosomatisch bedingt. Stress und Belastungen können aber aktive Schübe auslösen.

 

Der Verlauf der Colitis ulcerosa ist nicht vorhersagbar. Häufig beginnt sie schleichend. Es gibt aber auch akute Phasen und chronisch akute Verläufe mit weniger als zwei Rezidiven pro Jahr.

 

Das typische Erkrankungsalter liegt zwischen dem 20. und 34. Lebensjahr; das bedeutet, dass fast jeder Patient den Großteil seines Lebens mit der Krankheit verbringen muss. Dies bedingt meist eine schwere Einschränkung der Lebensqualität, die von der persönlichen Lebensführung bis zur Integration am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft reicht. Aufklärung und Beratung über therapeutische und andere hilfreiche Maßnahmen sind daher besonders wichtig und auch in der Apotheke gefordert.

 

Eine Heilung der Colitis ulcerosa ist nur durch die operative Entfernung des gesamten Dickdarms einschließlich oder ohne Rektum zu erreichen, wobei nicht zwangsläufig ein künstlicher Darmausgang angelegt werden muss. Die konservative Therapie spielt nach wie vor die Hauptrolle in der Behandlung.

 

Diagnose oft schwierig

 

Symptomatisch stehen blutig-schleimige Durchfälle und kolikartige Bauchschmerzen im Vordergrund. Außerdem klagen die Patienten über Übelkeit, Appetitlosigkeit, Fieber und Gewichtsverlust. Für eine gesicherte Diagnose sind mehrere klinische Untersuchungen notwendig. Am bedeutendsten ist die Koloskopie mit Biopsien in jedem Kolonsegment, unabhängig vom Befallsmuster. Die entnommenen Proben werden histologisch untersucht.

 

Auch Blutuntersuchungen können zur Diagnosefindung beitragen. Sie geben Hinweise auf die Aktivität des entzündlichen Prozesses. Mikrobiologische Untersuchungen auf pathogene Keime wie Clostridium difficile und Cytomegalievirus werden dagegen nur in der Initialdiagnostik und beim fulminanten Schub empfohlen.

 

Keine dieser Maßnahmen ist alleine ausreichend sensitiv und spezifisch, um Colitis ulcerosa und Morbus Crohn sauber voneinander abzugrenzen. Bei etwa jedem zehnten Patienten muss die Diagnose später korrigiert werden (4). Insbesondere bei Kindern sind die relativ häufigen infektiösen Darmerkrankungen differenzialdiagnostisch abzugrenzen.

 

Oft kommt es auch zu Begleiterkrankungen außerhalb des Darmes. Hierzu gehören:

 

Störungen der Leber- und Gallenwege, zum Beispiel Gallengangsentzündungen,

Hautsymptome wie Erythema nodosum,

Entzündungen im Auge, zum Beispiel eine Uveitis, sowie

Gelenkerkrankungen.

 

Eine stark ausgeprägte Entzündung kann zu Malabsorption und in der Folge zur Mangelernährung mit Vitamin- und Mineralstoffdefiziten führen. Eine Osteoporose tritt häufig ebenfalls als Folge von Malabsorption sowie als Nebenwirkung einer dauerhaften Cortisontherapie auf (5).

 

Nach Verlauf und Schwere der Erkrankung unterscheiden die Ärzte verschiedene Formen. Bei der seltenen, bedrohlichen akut-fulminanten Form (circa 5 Prozent) kommt es zu schweren Durchfällen mit massiven Flüssigkeits- und Elektrolytverlusten, starken Blutungen und hohem Fieber. Ebenfalls selten ist die chronisch-kontinuierliche Verlaufsform (circa 10 Prozent), bei der meist das distale Kolon befallen ist. Am häufigsten ist die chronisch-rezidivierende Form (circa 80 Prozent) mit einer Schubdauer von vier bis acht Wochen.

 

Medikamente als erste Wahl

 

Ziel der Therapie ist es, einen akuten Schub in Remission zu bringen, das heißt, die Entzündungsprozesse zu unterdrücken und ein Rezidiv zu verhindern. Dabei richtet sich die Therapie immer nach Schweregrad, Verlauf und Ausdehnung der Erkrankung.

 

Die 5-Aminosalicylate (5-ASA) gelten als Mittel der ersten Wahl bei der Colitis ulcerosa. Dabei stellt Mesalazin die wirksame Komponente dar. Es wird bei peroraler Gabe bereits im oberen Magen-Darm-Trakt resorbiert und ist deshalb meist magensaftresistent überzogen. Die Prodrugs Sulfasalazin und Olsalazin sind schwer resorbierbar und werden erst im Kolon von Darmbakterien gespalten.

 

Die Wirkung beruht auf einer Hemmung der Leukotrien- und Prostaglandinsynthese. Nach der Resorption wird Mesalazin über die Nieren ausgeschieden. Bei einer Langzeittherapie sollten daher regelmäßig die Nierenwerte überprüft werden, um eine Schädigung frühzeitig zu erkennen. Die Therapie mit Mesalazin ist mit weniger Nebenwirkungen belastet als die mit Sulfasalazin, da die Sulfonamid-Komponente fehlt. Nur bei circa 10 Prozent der Patienten besteht eine Kreuzunverträglichkeit; die meisten Personen, die Sulfasalazin nicht vertragen, können ohne gravierende Nebenwirkungen Mesalazin einnehmen. Die passende Arzneiform für die 5-ASA wird immer individuell ausgewählt:

 

Bei einem leichten bis mittelschweren akuten Schub kommen in erster Linie topische Arzneiformen zum Einsatz. Ist nur das Rektum befallen (Proktitis), werden Suppositorien gegeben, bei zusätzlichem Befall des letzten Teils des Dickdarms (Proktosigmoiditis) Klysmen (Beispiel: Pentasa®, Salofalk®) oder Schäume (Beispiel: Pentasa® Rektalschaum). Ist der gesamte Dickdarm entzündet, wird 5-ASA zusätzlich zur Lokaltherapie peroral (1 g/d) eingesetzt (Beispiel: Azulfidine®).

 

Bei unzureichendem Ansprechen auf Aminosalicylate können zusätzlich täglich 2 mg Budesonid peroral gegeben werden (Beispiel Entocort®). Das Glucocorticoid hat den Vorteil gegenüber anderen Steroiden, dass nach der Leberpassage nur etwa 10 Prozent der Dosis die systemische Zirkulation erreichen und die Nebenwirkungsrate somit deutlich geringer ausfällt (11). Dies ist vermutlich auch der Grund, warum in den aktuellen Therapierichtlinien für leichtere Schübe kein anderes Glucocorticoid aufgeführt wird.

Hinweise für die Anwendung

Peroralia

Magensaftresistent überzogene Tabletten dürfen grundsätzlich nicht geteilt werden. Generell gilt wie für andere perorale Darreichungsformen, dass die Tabletten mit circa 200 ml Wasser in aufrechter Position eingenommen werden sollen. Der Patient soll magensaftresistente Tabletten nicht mit einer schwer verdaulichen Mahlzeit einnehmen, da der Überzug bei langer Verweildauer im Magen angegriffen wird.

 

Rektale Zubereitungen

Suppositorien eignen sich gut für Patienten mit Erbrechen oder empfindlichem Magen. Sie werden oft mit systemischer Wirkung eingesetzt. Zum Einführen sollte sich der Patient hinlegen. Das Einführen in den Enddarm gelingt leichter, wenn man das Suppositorium nach der Entnahme aus der Umverpackung mit der Hand leicht erwärmt oder ein Gleitmittel benutzt. Dabei darf nur so wenig Gleitmittel verwendet werden, dass die Wirkstoffaufnahme über die wässrige Darmschleimhaut nicht beeinträchtigt wird. Nach dem Einführen sollte der Patient noch eine Weile liegen bleiben.

Mikroklysmen enthalten nur wenige Milliliter Arzneistofflösung und werden ähnlich wie die Suppositorien im Liegen angewandt. Wichtig ist, die Klysmen nach Entleerung zusammengedrückt aus dem Enddarm zurückzuziehen, um ein Aufsaugen von Flüssigkeit zu verhindern. Danach sollte der Patient kurze Zeit liegen bleiben.

Rektalschäume werden ebenfalls im Liegen verabreicht. Eine besonders lange Einwirkzeit erreicht man durch Anwendung nach einer Stuhlentleerung und vor dem Schlafengehen.

 

Bei einem schweren akuten Schub steht die systemische Gabe von Steroiden im Vordergrund. Bei einer distalen Colitis bekommt der Patient 40 bis 60 mg Beclomethasondipropionat täglich in Kombination mit Mesalazin-Klysmen oder -Schaum. Beim fulminanten Verlauf (zusätzlich zu den starken und blutigen Durchfällen treten Fieber und ein verschlechterter Allgemeinzustand auf) können Steroide auch intravenös verabreicht werden. Meist wird von Beginn an mit oralen Aminosalicylaten kombiniert. Bessert sich der Befund nicht innerhalb von zehn Tagen, gilt die Colitis als steroidresistent. Eine Alternative bieten dann Immunsuppressiva wie Azathioprin (Beispiel: Imurek®), Methotrexat, Tacrolimus oder Ciclosporin. Zusätzlich kann eine parenterale Ernährung erforderlich sein, um den Flüssigkeits- und Nährstoffverlust bis zur Besserung der Symptome auszugleichen.

 

Sind Immunsuppressiva indiziert, hat sich Azathioprin bewährt. Der Antimetabolit greift in die Purinbiosynthese ein. Dies vermindert die Zellteilung, Proliferation und Aktivierung immunkompetenter Zellen und hemmt damit das Immunsystem. Spricht der Patient auf die Therapie an, sollte diese über drei bis fünf Jahre fortgeführt werden. Die empfohlenen Tagesdosen liegen bei 2,5 mg/kg Körpergewicht für Erwachsene und 1,5 mg/kg für Kinder.

 

In den Leitlinien schneiden andere Immunsuppressiva deutlich schlechter ab. Methotrexat und Tacrolimus werden nur bedingt und in Einzelfällen empfohlen. Von Ciclosporin wird sogar abgeraten, da Studien die Therapie eindeutig negativ bewerten. Einzig die Leukozytenapherese, eine besondere Form der Blutwäsche, bei der weiße Blutkörperchen aus dem Blut entfernt werden, wird noch als hilfreich angesehen.

 

Seit Anfang 2006 ist der monoklonale Antikörper Infliximab auch bei Colitis ulcerosa zugelassen (Beispiel: Remicade®). Er ist indiziert zur Behandlung der mittelschweren bis schweren aktiven Form, wenn eine konventionelle Therapie einschließlich Corticosteroiden und 6-Mercaptopurin oder Azathioprin wirkungslos bleibt oder eine Unverträglichkeit oder medizinische Gegenanzeigen für diese Therapien bestehen. Eine Dosis von 5 mg/kg wird als intravenöse Infusion über zwei Stunden verabreicht, gefolgt von weiteren Infusionen mit 5 mg/kg in Woche 2 und 6 nach der ersten Infusion, danach alle acht Wochen. Die Patienten sprechen üblicherweise innerhalb von 14 Wochen, das heißt nach drei Dosen, auf den Arzneistoff an. Deutet sich jedoch kein therapeutischer Nutzen an, muss die Fortführung der Behandlung sorgfältig überdacht werden.

 

Die Remission lange erhalten

 

Wurden die Symptome der Krankheit erfolgreich zurückgedrängt, spricht man von einer Remission. Definiert ist diese Situation durch die Abwesenheit von Durchfällen, sichtbarem Blut im Stuhl, intestinalen oder extraintestinalen Beschwerden.

 

Therapie der ersten Wahl zur Remissionserhaltung sind oral und/oder rektal verabreichte Aminosalicylate. Der Applikationsweg sollte sich nach dem Befallsmuster der Krankheit richten. Eine optimale Dosis, die für alle Patienten gilt, existiert nicht. Minimal wirksame Dosen sind belegt (1) (Tabelle).

Tabelle: Minimal wirksame Dosen zum Remissionserhalt bei Colitis ulcerosa

Applikationsroute Dosierung
peroral täglich 2,0 g Sulfasalazin oder
1,5 g Mesalazin oder
1,0 g Olsalazin
Rektalklysmen 1,0 g 5-ASA pro Tag oder
4,0 g 5-ASA jeden 3. Tag
Suppositorien 500 mg 5-ASA zweimal pro Tag oder
1,0 g 5-ASA einmal pro Tag, dreimal die Woche

Bei einem Versagen der primären remissionserhaltenden Therapie bieten sich als Alternativen eine orale/rektale Kombinationstherapie mit 5-ASA, eine Erhöhung der oralen Dosis oder eine Therapie mit Azathioprin/6-Mercaptopurin an. Steroide sind für die Remissionserhaltung nicht geeignet.

 

Als wirksam und sehr empfehlenswert gelten auch Probiotika zur Remissionserhaltung. Probiotika sind lebende Mikroorganismen, die einen über die Grundernährung hinausgehenden Nutzen für die menschliche Gesundheit haben und in effektiver Dosis zugeführt werden (Definition laut WHO). In einer japanischen Studie mit 21 Probanden wurde die signifikante Überlegenheit von Bifidobakterien zum Remissionserhalt im Vergleich zu Placebo gezeigt (Beispiel für ein Kombipräparat, unter anderem mit Laktobazillen: Mixtura Bifido-Acid CS8®) (9).

 

Auch Escherichia coli Nissle 1913 (Beispiel: Mutaflor®) kann bei leichter bis mittelgradiger Aktivität eine Remission induzieren. In einer Studie mit mehr als 300 Patienten mit Colitis ulcerosa in Remission wurde die remissionserhaltende Wirkung von Mesalazin mit der von E. coli Nissle über zwölf Monate verglichen. Rezidive traten in beiden Gruppen gleich häufig auf. Das Ergebnis unterstützt die bisher schon in den Leitlinien getroffene Aussage, dass E.-coli-Nissle-Präparate bei Unverträglichkeit von Mesalazin zum Remissionserhalt eingesetzt werden können. Nach einer weiteren Studie mit 105 Patienten eignen sich auch Plantago-ovata-Samen zur Remissionserhaltung ebenso gut wie Mesalazin (10).

 

Das Risiko an Dickdarm- oder Mastdarmkrebs zu erkranken, ist bei Colitis-ulcerosa-Patienten deutlich erhöht. Es steigt mit Ausdehnung und Dauer der Erkrankung an. Eine kontinuierliche 5-Aminosalicylat-Therapie erhält nicht nur die Remissionsphase, sondern kann als medikamentöse Krebsvorsorge dienen. Unbedingt notwendig ist eine regelmäßige, das heißt jährliche endoskopische Überwachung. Dabei werden zusätzlich 40 bis 50 Biopsieproben entnommen und untersucht.

 

In schweren Fällen oder bei Komplikationen kann eine Operation notwendig werden. Gründe sind zum Beispiel eine unzureichende Wirkung oder zu starke Nebenwirkungen der Medikamente, örtliche Komplikationen wie Blutungen, Stenosen oder Perforationen, ein toxisches Megakolon (akute Dickdarmerweiterung) und ein erhöhtes Kolonkarzinomrisiko.

 

Bei der Operation wird der Dickdarm einschließlich oder ohne Mastdarm entfernt. Meistens wird dann aus dem Dünndarm eine Art künstlicher Enddarm konstruiert, sodass die Patienten eine normale Stuhlentleerung haben. Die Operation kann erhebliche Nebenwirkungen haben; andererseits ermöglicht sie eine komplette Heilung. Zusätzlich sinkt das Krebsrisiko wieder auf das Maß wie bei einem Darmgesunden. Die Fertilitätsrate bei Frauen sinkt jedoch um circa 80 Prozent im Vergleich zu nicht operierten oder gesunden Frauen (8).

 

Speziell für Frauen

 

Laut Angaben der deutschen Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendgynäkologie gibt es Hinweise, dass durch Einnahme oraler Kontrazeptiva die Inzidenz der Colitis ulcerosa ansteigen könnte. Ein abschließendes Ergebnis erster Untersuchungen liegt jedoch noch nicht vor.

 

Bei der Untersuchung der Wirksamkeit oraler Kontrazeptiva hat sich gezeigt, dass Patientinnen mit leichter Colitis ulcerosa und kurzen ilealen Resektionen (9 ± 8 cm) kombinierte orale Kontrazeptiva, die Levonorgestrel enthalten, ohne Bedenken einnehmen können. Dagegen sollte die Minipille besonders nach Proktokolektomie und ilealer Resektion nur zurückhaltend eingesetzt werden, da im Einzelfall eventuell keine ausreichenden Wirkspiegel erreicht werden. Über negative Erfahrungen bei der Anwendung von Intrauterinpessaren und Barrieremethoden bei CED-Patientinnen wurde bisher nicht berichtet.

 

Grundsätzlich kann eine an Colitis ulcerosa erkrankte Frau eine normale Schwangerschaft erleben. Allerdings sollte diese nach Möglichkeit in einer Ruhephase der Erkrankung liegen. In dieser Situation ist die Fruchtbarkeit unbeeinträchtigt und der Schwangerschaftsverlauf unterscheidet sich nicht von dem einer gesunden Frau. Wird die Patientin dagegen in einer akuten Krankheitsphase schwanger, steigt das Risiko für eine Früh- oder sogar Fehlgeburt.

 

Die medikamentöse Therapie bei Schwangeren ist problematisch. Daher sollten die Frau und der behandelnde Arzt darüber unbedingt schon vor einer geplanten Schwangerschaft sprechen. Allgemein gilt, dass eine aktive Krankheit das größte Risiko für Mutter und Kind darstellt. Daher wird eine medikamentöse Therapie wie bei nicht schwangeren Frauen empfohlen.

 

5-ASA und Steroide können und sollen nach heutigem Wissen in der gebräuchlichen Dosierung eingenommen werden. Auch eine remissionserhaltende Therapie soll beibehalten werden. Stillen ist unter der Behandlung mit 5-ASA oder Steroiden kein Problem.

 

Ob eine immunsuppressive Therapie weitergeführt werden soll, ist kritisch abzuwägen. In der gebräuchlichen Dosierung sind beim Menschen bisher aber keine gehäuften Komplikationen beobachtet worden.

 

Colitis bei Kindern

 

Auch Kinder können an Colitis ulcerosa erkranken. Eine schnelle Diagnose ist hier nicht nur besonders wichtig, sondern gestaltet sich leider auch besonders schwierig, denn die wesentlichen Symptome, Bauchschmerzen und Durchfall, kommen gerade bei Kleinkindern häufig vor. Ein Warnsignal, das Eltern alarmieren sollte, sind Wachstumsstörungen. Denn die chronische Darmentzündung belastet den kindlichen Organismus massiv.

 

Zusätzlich werden durch die Durchfälle nicht mehr genügend Nährstoffe aufgenommen. Bei Kindern ist daher eine frühzeitige Therapie, ebenfalls vorrangig mit Aminosalicylaten, besonders wichtig (Beispiel: Salofalk 250 mg Suppositorien). Spezielle Diäten mit hohem Kalorienanteil zusätzlich zur medikamentösen Therapie können eine durch Colitis ulcerosa hervorgerufene Wachstumsstörung ausgleichen.

 

Was der Patient tun kann

 

Bisher existieren keine gesicherten Erkenntnisse zu einer Diät, die den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen könnte. Empfohlen wird im Allgemeinen eine leichte vollwertige Kost. Jedoch ist die Verträglichkeit von Obst und Gemüse sehr unterschiedlich. Gegartes, püriertes oder weiches Obst und Gemüse vertragen die meisten Patienten gut, nicht jedoch rohes Gemüse, Zitrusfrüchte und unverdünnte Obstsäfte. Eine Laktoseintoleranz ist weit verbreitet, aber auch Patienten mit normaler Laktaseproduktion vertragen Milch und Milchprodukte in Kombination mit anderen Lebensmitteln oft besser als pur. Dies gilt besonders für Trinkmilch.

 

In akuten Phasen des Krankheitsverlaufs sollten zusätzlich einige Ernährungstipps berücksichtigt werden:

 

viel Flüssigkeit aufnehmen, um die durch die Durchfälle verlorene Flüssigkeit zu ersetzen,

ausreichende Kalorienzufuhr, zum Beispiel durch zusätzliche Trinknahrung wie Fresubin®, da durch die Entzündungsprozesse ein hoher Bedarf besteht und durch den Durchfall Nährstoffe verloren gehen; zudem ist der Energiebedarf durch Fieber erhöht;

ballaststoffarm ernähren, also Weißbrot und weiches Gemüse essen und Rohkost und hartschaliges Obst vermeiden.

 

Alkohol kann gemäß einer Studie, die die Essgewohnheiten von 191 Patienten retrospektiv begutachtet hat, einen akuten Schub begünstigen und sollte daher gemieden werden (15). Nikotin dagegen scheint die Symptome sogar zu lindern. Schon seit Längerem ist bekannt, dass bevorzugt Nichtraucher an Colitis erkranken. Daher wurde in einer Studie transdermales Nikotin verabreicht. Bei Erkrankten mit leichter bis mäßig stark aktiver Colitis ulcerosa wurde anschließend eine Besserung der klinischen Symptome beobachtet. Als Erklärung wird eine immunmodulatorische Wirkung des Nikotins vermutet. Allerdings war die Fallzahl der Probanden klein und eine Wiederholung mit einer größeren Patientengruppe steht noch aus (16).

 

Auch moderater Sport lässt die Krankheitsaktivität bei Colitis-Erkrankten sinken. Definierte Leistungsgrenzen gibt es nicht, vielmehr muss die individuelle Situation berücksichtigt werden. Nach Operationen sollte man beispielsweise die Bauchmuskulatur nicht zu stark beanspruchen. Bei länger dauernder Corticoidtherapie kann eine Osteoporose auftreten, sodass Sportarten, die das Skelett stark belasten, gemieden werden sollten.

 

Komplementäre Therapien

 

Für viele komplementäre Therapieverfahren fehlen bisher die Wirksamkeitsnachweise. Auf jeden Fall sollten diese Therapien nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt und als Ergänzung zur etablierten Behandlung eingesetzt werden. Eine Selbstmedikation »auf eigene Faust« ist nicht vertretbar.

 

Als empfehlenswert führen die Therapieleitlinien auch das Phytopharmakon Jiang Pi Ling Tabletten sowie die Akupunktur mit Moxibustion (Hitzeeinwirkung auf die Akupunkturpunkte) aus der traditionellen chinesischen Medizin auf (1). Allerdings wurden Studien bislang nur in China durchgeführt und es bleibt abzuwarten, inwieweit die Ergebnisse auf europäische Verhältnisse übertragbar sind. Zurzeit werden die Tabletten in Deutschland nicht vertrieben.

 

Den im Weihrauch enthaltenen Boswelliasäuren (Boswellia serrata) werden entzündungshemmende Eigenschaften zugeschrieben. In ersten wissenschaftlichen Untersuchungen wurde dieser Effekt auch bei Colitis ulcerosa in Mäusen gezeigt (17). Für eine Empfehlung reicht die Studienlage aber noch nicht aus.

 

Neue Therapieansätze

 

Hoffnung wecken verschiedene neue Therapieansätze. Ein neues Immunsuppressivum ist 6-Thioguanin. Es ist die eigentliche Wirkform von Azathioprin und 6-Mercaptopurin und kann Patienten, die auf diese beiden Medikamente nicht mehr ansprechen, eine Alternative bieten (18). Zurzeit ist es nur für die Behandlung der Leukämie zugelassen.

 

Vielversprechend ist der Ansatz von Wissenschaftlern der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg. Das Team um Professor Dr. Wolfgang Stremmel entdeckte, dass Phosphatidylcholin einen wesentlichen Bestandteil der intakten Schleimbarriere im Darm darstellt (Kasten). Bei Patienten mit Colitis ulcerosa enthält die Schleimschicht weniger von diesem speziellen Fett als bei darmgesunden Menschen. In einem ersten Vorversuch mit 60 Patienten besserten sich die Symptome innerhalb von drei Monaten bei neun von zehn Behandelten deutlich (12). Sie erhielten viermal täglich 1,5 g Phosphatidylcholin in einer retardierten Darreichungsform (Sterpur P-30). Zurzeit beginnt eine größere Zulassungsstudie an der Uniklinik Heidelberg, für die noch Probanden gesucht werden.

Ubiquitärer Naturstoff

Phosphatidylcholin (PC), auch Lecithin genannt, gehört zur Gruppe der Phospholipide und damit zu einer Naturstoffklasse, die in jeder tierischen und pflanzlichen Zelle vertreten ist. PC stellt einen Anteil von 40 Prozent der gesamten Membranphospholipide und ist von zentraler Bedeutung für die Regulation der Membranfluidität. Es bildet den funktionellen Hauptbestandteil der natürlichen oberflächenaktiven Substanzen (Surfactants) und das Hauptreservoir des Organismus für den essenziellen Nährstoff Cholin. Als physiologischer Bestandteil der Gallenflüssigkeit erleichtert PC Emulgierung, Resorption und Transport von Fetten und wird anschließend über den enterohepatischen Kreislauf im Darm rückresorbiert. Besonders hohe Gehalte finden sich in Sojabohnen, Eigelb, Nüssen und Getreide.

Einen anderen Ansatz verfolgt die Forschungsgruppe um Professor Dr. Claus-Michael Lehr an der Universität des Saarlandes. Die Wissenschaftler setzen bekannte Wirkstoffe gegen Colitis ulcerosa ein, die jedoch an Polymer-Nanopartikel gekoppelt werden. Die Partikel bleiben bevorzugt an entzündeten Bereichen des Darms haften und setzen dort die Arzneistoffe frei. Die Wirkstoffe können so viel gezielter an den Ort der Krankheit geführt werden. Nicht nur die Dosis, sondern auch die Nebenwirkungsrate konnte in Tierversuchen effektiv reduziert werden (13, 14).

Hilfe bei der DCCV

Informationen rund um Neuigkeiten in der Therapie bietet die Selbsthilfeorganisation DCCV (Deutsche Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung e. V.). Der ausschließlich von Betroffenen organisierte Verein bietet Beratung zu allgemeinen, medizinischen und sozialrechtlichen Fragen, vermittelt Kontakte zu lokalen Selbsthilfegruppen, Ärzten und Krankenhäusern, organisiert Treffen mit Gleichbetroffenen sowie Informationsveranstaltungen für Patienten und Angehörige und steht ihnen sozialrechtlich zur Seite.

 

Kontakt: Deutsche Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung (DCCV) e. V., Paracelsusstraße 15, 51375 Leverkusen; Telefon: (0214) 8 76 08-0, Fax: (0214) 8 76 08 88; www.dccv.de. Die Telefonberatung ist montags von 9 bis 12 Uhr und dienstags bis donnerstags von 14 bis 17 Uhr besetzt.

Literatur

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Die Autorin

Nicole Tietze studierte Pharmazie an der Philipps-Universität, Marburg (Approbation 2005). Zurzeit promoviert sie an der LMU München in Pharmazeutischer Biotechnologie zum Thema nicht-virale Vektoren für den Gentransfer.

 

 

Anschrift der Verfasserin:

Nicole Tietze

Albert-Roßhaupter-Straße 62

81369 München

nicole.tietze(at)cup.uni-muenchen.de

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