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Fortgeschrittener Darmkrebs

Bevacizumab-Gabe fortsetzen

17.07.2012  16:20 Uhr

Von Kerstin A. Gräfe, Frankfurt am Main / Der Angiogenesehemmer Bevacizumab ist bei Darmkrebspatienten in Kombination mit einer Chemotherapie zur Erstlinientherapie bis zum Fortschreiten des Tumors zugelassen. Eine Studie sollte nun klären, ob eine Antikörperbehandlung auch dann noch von Nutzen ist, wenn der Tumor unter der vorherigen Gabe weiter gewachsen ist.

»Derzeit ist es herkömmliche Praxis, die Zweitlinien-Therapie vollständig zu wechseln, wenn die Krebserkrankung weiter fortschreitet«, informierte Professor Dr. Dirk Arnold, medizinischer Direktor des Hubertus Wald Tumor Centers, Universität Hamburg, auf einer von Roche unterstützten Pressekonferenz. Doch Daten aus präklinischen Studien hätten darauf hingewiesen, dass eine Weiterbehandlung mit Bevacizumab (Avastin®) auch noch dann sinnvoll ist, wenn das Tumorwachstum unter vorheriger Antikörpergabe fortgeschritten ist. Laut Arnold sei dies pathologisch durchaus erklärbar: Bevacizumab ist gegen den vaskulären endothelialen Wachtumsfaktor VEGF, den stärksten Treiber der Tumorangiogenese, gerichtet. »Wird VEGF kontinuierlich gehemmt, kann dadurch langfristig eine Tumorrückbildung aufrechterhalten werden«, so der Onkologe.

Vor diesem Hintergrund wurde die Studie ML18147 konzipiert, deren Ergebnisse auf dem diesjährigen US-amerikanischen Krebskongress ASCO in Chicago vorgestellt wurden. Dabei handelt es sich um eine Phase-III-Studie mit 820 Patienten mit metastasierendem Dickdarm- beziehungsweise Enddarmkrebs, die alle als Erstbehandlung Bevacizumab – kombiniert mit einer Oxaliplatin- oder Irinotecan-Chemotherapie – erhalten hatten. Nachdem sie unter dieser Standardbehandlung progredient waren, wurden sie randomisiert. 411 Patienten, die in der Erstlinie mit Oxaliplatin behandelt worden waren, bekamen in der Zweitlinie Irinotecan und umgekehrt. Dieser »switch« ist der übliche Standard. 409 Patienten erhielten zusätzlich zur Chemotherapie Bevacizumab in einer Dosierung von 2,5 mg/kg/Woche. Behandelt wurde erneut bis zur Krankheitsprogression. Primärer Endpunkt war das Gesamtüberleben ab dem Zeitpunkt der Randomisierung.

 

Das Ergebnis: Unter der in der Zweitlinie fortgesetzten Bevacizumab-Gabe konnte das Gesamtüberleben signifikant um 1,4 Monate verlängert werden (von 9,8 auf 11,2 Monate). Dieser Vorteil zeigte sich in allen Altersgruppen und war unabhängig davon, ob in der Erstlinie eine Oxaliplatin-basierte oder Irinotecan-basierte Chemotherapie vorangegangen war. Auch das progressionsfreie Überleben konnte signifikant von 4,1 auf 5,7 Monate verlängert werden.

 

Die Nebenwirkungen entsprachen dem bekannten Profil. So wurden unter Bevacizumab vermehrt ein erhöhter Blutdruck sowie Blutungen (Schleimhautblutungen, Nasenblutungen) beobachtet. »Doch diese Nebenwirkungen sind bekannt und gut beherrschbar«, so Arnold. Schwere Nebenwirkungen traten im Antikörper/Chemotherapie-Arm nicht häufiger auf als unter der alleinigen Chemotherapie. Insgesamt wurde die Nebenwirkungsrate durch das Fortführen der Bevacizumab-Behandlung über die Progression hinaus nicht erhöht. »Wer den Antikörper in der Erstlinie gut vertragen hatte, konnte die Therapie in der Regel auch Secondline ohne Probleme fortsetzen«, sagte der Onkologe.

 

Damit stehe künftig eine neue Therapieoption mit sehr akzeptablem Sicherheitsprofil für die Zweitlinie zur Verfügung, resümierte Arnold. Darüber hinaus machten die Ergebnisse deutlich, dass hier möglicherweise ein neues Modell für künftige, sich über mehrere Therapielinien hinweg erstreckende Behandlungsansätze gefunden wurde. So stellte Arnold abschließend folgende Fragen in den Raum: »Ist möglicherweise noch ein Benefit in der Drittlinien-Therapie zu erzielen?« und »Wie lange können Therapielinien prinzipiell fortgesetzt werden?«.

 

Bevacizumab bei Eierstockkrebs

 

Einen ähnlichen Erfolg konnte der Antikörper in der Behandlung des Eierstockkrebses verbuchen. Bei den meisten Frauen mit fortgeschrittener Erkrankung wächst der Tumor nach der Erstbehandlung weiter und erreicht irgendwann ein Stadium, in dem er gegen eine platinbasierte Chemotherapie resistent ist. Nun zeigen die Ergebnisse einer ersten Phase-III-Studie, dass auch bei solchen Patientinnen eine Bevacizumab-Gabe das progressionsfreie Überleben signifikant verlängert.

 

An der AURELIA-Studie nahmen 361 Patientinnen mit platinresistentem rezividierendem Ovarialkarzinom teil. Sie bekamen entweder Bevacizumab in Kombination mit einer Standardchemotherapie (Paclitaxel, Topotecan oder pegyliertes liposomales Doxorubicin) oder eine alleinige Standardchemotherapie. Die Behandlung wurde bis zum Fortschreiten der Erkrankung oder bis zum Auftreten inakzeptabler Nebenwirkungen fortgesetzt. Primärer Endpunkt war das progressionsfreie Überleben. Dies konnte unter der Antikörpergabe signifikant um 3,3 Monate verlängert werden (6,7 versus 3,4 Monate). Daten zum sekundären Endpunkt, dem Gesamtüberleben, werden für 2013 erwartet.

 

Insgesamt wurde die Therapie gut vertragen; das Sicherheitsprofil entsprach dem vorangegangener Studien. /

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