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Arzneimittelversorgung

»Die alte Welt gibt es nicht mehr«

20.07.2010
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Von Daniel Rücker und Stephanie Schersch, Berlin / Politik und Krankenkassen erwarten von Apothekern und Ärzten immer mehr Qualität. Sie konterkarieren diese Forderung durch eindimensionale Sparprogramme. Einsparungen müssen aber kein Widerspruch zu einer guten Versorgung sein, sagen ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf und der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Carl-Heinz Müller, und erläutern das gemeinsame Konzept von Ärzten und Apothekern.

PZ: Worum geht es im Konzept von ABDA und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV)?

 

Müller: Kernpunkt ist die Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern, vor allem in der Arzneimittelversorgung. Die Patienten sollen in Zukunft einen verlässlichen Medikationsplan bekommen, der ihnen sagt, welches Medikament in welcher Dosierung wann und wie lange eingenommen werden soll. So wollen wir die Arzneimitteltherapiesicherheit verbessern. Angesichts des sich immer deutlicher abzeichnenden Ärztemangels geht es in unserem Konzept aber auch darum, die Ärzte von Tätigkeiten zu entlasten, die nicht zu den ärztlichen Kernaufgaben gehören. Ganz konkret geht es um die wirtschaftliche Verantwortung. Mit den letzten Gesundheitsreformen wurden wir immer stärker für die Arzneimittelausgaben in die Pflicht genommen. Heute drohen Regresse, für die sie mit Ihrem Privatvermögen haften müssen. Das gibt es in keinem anderen System auf der Welt. Mit dem gemeinsamen Konzept haben KBV und ABDA eine Lösung für dieses Problem angeboten. Es geht aber auch darum, dass sich Ärzte und Apotheker besser verzahnen, mehr mitei­nander sprechen und die Aufgaben besser untereinander aufteilen.

 

PZ: Wie soll dies aussehen?

 

Wolf: Wir haben die Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern institutionalisiert. In Zukunft ist der Arzt für die Diagnose, die Festlegung der Therapie, die Auswahl des Wirkstoffes, dessen Dosierung und die Dauer der Einnahme verantwortlich. Der Apotheker wählt dann das Medikament aus, dass für den jeweiligen Patienten am besten geeignet ist. Er berücksichtigt dabei, dass der Patient nach Möglichkeit das Präparat seines Vertrauens bekommt. Anschließend informiert er den Patienten über die korrekte Anwendung und mögliche Nebenwirkungen oder Interaktionen. Wir Apotheker übernehmen damit Aufgaben, die ansonsten Ärzte wahrgenommen haben. Wir Apotheker sind auch dazu bereit, ökonomische Verantwortung zu übernehmen, das ist ganz klar. Wir sind aber nicht dazu bereit, Preisverantwortung zu übernehmen. Die Preise müssen zwischen Krankenkassen und Pharmaherstellern ausgehandelt werden.

 

Müller: Uns Ärzten ist es sehr wichtig, einen Teil der ökonomischen Verantwortung abzugeben. Im Studium haben wir gelernt, Wirkstoffe auszuwählen und nach evidenzbasierten Leitlinien zu behandeln. So sollten wir auch in der Praxis arbeiten. Ich halte es nicht für sinnvoll, wenn sich Ärzte um Arzneimittelpreise statt um Patienten kümmern. Ganz wichtig ist es dafür natürlich, dass der Patient in der Praxis oder in der Apotheke einen Medikationsplan erhält, der ihm anzeigt, wann er seine Medikamente einnehmen muss. Für den Behandlungserfolg ist dies elementar. Im Tagesgeschäft haben wir Ärzte kaum noch Zeit, die Patienten ausreichend über die Einnahmemodalitäten zu informieren. Mit der Beratung in der Apotheke und dem Medikationsplan erhöhen wir die Arzneimitteltherapiesicherheit ganz erheblich.

 

PZ: Das setzt aber eine intensive Kommunikation zwischen Ärzten und Apothekern voraus.

 

Wolf: Ganz klar: Unser Konzept funktioniert nur, wenn Ärzte und Apotheker regelmäßig miteinander sprechen. Wenn Probleme auftreten, müssen die direkt geklärt werden. Dabei geht es nicht nur um verordnete Medikamente. Der Apotheker muss auch mit dem Arzt darüber reden, welche nicht-verschreibungspflichtigen Medikamente der Patient einnimmt und so die Gefahr von Wechselwirkungen minimieren.

 

PZ: Ihr Konzept setzt voraus, dass der Patient, ähnlich wie beim Hausapothekenmodell, immer in dieselbe Apotheke geht und möglichst auch immer zum selben Arzt?

Wolf: Im Idealfall ist das so. Wir können und wollen dies den Patienten aber nicht vorschreiben. Es ist niemandem aus München verboten, in Hamburg Urlaub zu machen und dort in eine Apotheke zu gehen. Die meisten chronisch Kranken, um die es in unserem Konzept ja hauptsächlich geht, haben aber in der Regel einen Hausarzt und eine Hausapotheke.

 

PZ: KBV und ABDA wollen die Arbeit von Ärzten und Apothekern institutionalisieren. Planen sie auch gemeinsame Fortbildungen?

 

Wolf: Die gibt es schon lange. Wir machen das seit 30 Jahren. Das hat auch viel gebracht. Allerdings fanden gemeinsame Fortbildungen bislang eher sporadisch statt. Wir müssen sie nun institutionali­sieren.

 

Müller: Gemeinsame Fortbildungen sind wichtig. Sie schaffen Vertrauen unterei­nander und führen dazu, dass Ärzte und Apotheker mit einer Stimme sprechen und so den Patienten nicht verunsichern. Außerdem müssen wir den Patienten noch stärker den Nutzen des Arzneimittels erklären und nicht nur die Nebenwirkungen. Auch dabei ist es gut, wenn sich Arzt und Apotheker einig sind.

 

PZ: Das gemeinsame Konzept von Ärzten und Apothekern beinhaltet auch einen Medikationskatalog. Was verstehen Sie darunter?

 

Wolf: Die Arzneimittelkommissionen der Apotheker und Ärzte klassifizieren auf Basis von Leitlinien und Studien Wirkstoffe als Leit-, Routine- oder Reservesubstanzen. Sie tun dies sowohl für Generika als auch für patentgeschützte Arzneimittel.

 

Müller: Entscheidend ist für uns, dass der Medikationskatalog kassenübergreifend angewendet wird. Kassenspezifische Kataloge wären in der Praxis nicht zu handhaben. Der Katalog hat vor allem die großen Volkskrankheiten im Blick. Sie machen 90 Prozent der Verordnungen aus. Dabei handelt es sich vor allem um Generika, Altoriginale und auch Biosimilars. Die wollen wir in den Griff bekommen. Wir werden mit dem Katalog aber nicht den Einsatz aller Innovationen und Spezialpräparate abdecken.

 

PZ: Das Konzept setzt erhebliche Änderungen im Arzneimittelmarkt voraus. Bei einer hohen Quote an Rabattarzneimitteln funktioniert es nicht. Wie wollen Sie die Kassen davon überzeugen, dass es ein Leben nach den Rabattverträgen geben kann?

 

Wolf: Wir wissen natürlich, dass die Krankenkassen ungern auf die Einsparungen aus den Rabattverträgen verzichten. Deshalb sieht unser Konzept über eine Garantiepreisvereinbarung ebenfalls Einsparungen vor. Die liegen nach unseren Berechungen sogar deutlich über dem Potenzial von Rabattverträgen und anderen Sparplänen. Nach unseren Berechungen ließen sich mit der Umsetzung eines kassenübergreifenden Medikationskataloges 2,35 Milliarden Euro einsparen. Und das bei einer besseren Compliance, weil der Patient weiterhin das Arzneimittel seines Vertrauens bekommt. Heute können wir das den Patienten nicht anbieten. Die Kassen entscheiden, welches Medikament wir abgeben müssen.

 

PZ: Wie ist die Resonanz der Politik auf das ABDA-KBV-Konzept?

 

Wolf: Wir haben die Abgeordneten über unsere Vorstellungen informiert. Für eine Reaktion ist es noch zu früh.

 

Müller: Die Politik wäre gut beraten, unseren Vorschlag genau zu prüfen. Wir sind in einer tiefen Wirtschaftskrise. Da brauchen wir verlässliche Einsparungen. Die bietet unser Konzept, Rabattverträge tun dies in dieser Form nicht. Sie bieten auch keine langfristige Verlässlichkeit. Die Regierung täte gut daran, die Chance auf Verlässlichkeit noch im Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) aufzugreifen. Es ist nun höchste Zeit. Wir Ärzte brauchen ein neues System, jenseits von Richtgrößen und Wirtschaftlichkeitsprüfungen. Ansonsten sehe ich schwarz für die ärztliche Versorgung. Zudem setzten die heutigen Regulierungen an der falschen Stelle an. Es werden Dinge verhindert, die es nicht mehr gibt: Bei den meisten generikafähigen Medikamenten haben wir heute keine Preissteigerungen mehr. Die Menge bleibt auch stabil. Es sind nur die teuren Spezialpräparate, die die Ausgabensteigerungen verursachen. Die Politik darf nicht länger an diesem System mit alten, sich zum Teil widersprechenden Instrumentarien festhalten. Sie stammen aus einer alten Welt. Diese alte Welt gibt es aber nicht mehr.

 

PZ: Die Vorstellungen von ABDA und KBV basieren auf Verantwortung, Patientennähe und Kooperation. Das ist die Welt der Heilberufler, aber nicht der Konzerne. Gerade haben Konzerne wie Celesio, Medco oder Phoenix einen Vorstoß unternommen, ihren Einfluss im Gesundheitswesen zu vergrößern. Das kann nicht in Ihrem Sinn sein.

 

Wolf: Es ist legitim, dass Konzerne sich um Umsatz und Marktanteile bemühen. Das ist nichts Verwerfliches. Es liegt aber an der Politik, zu erkennen, dass diese nicht von der Sorge um das Gesundheitssystem getrieben werden, sondern vom Wunsch ihren Profit zu maximieren. Die Politik muss sich entscheiden, ob sie eine Versorgung durch Konzerne mit Versandapotheken und medizinischen Versorgungszentren will, oder ob sie eine Versorgung durch verantwortliche Freiberufler vorzieht.

ABDA-KBV-Konzept

Im Herbst 2009 haben ABDA und KBV gemeinsame Eckpunkte zur Weiterentwicklung einer patientengerechten Arzneimittelversorgung erarbeitet. Kernpunkt des Konzeptes ist die verstärkte Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern. In der Arzneimitteltherapie wählt der Arzt demnach den Wirkstoff aus, legt Menge, Dosierung und Therapie­dauer fest. Der Apotheker übernimmt die Auswahl des Arzneimittels und gibt dieses unter entsprechender Beratung ab. Der Patient soll außerdem einen Medikationsplan erhalten, der ihm genau anzeigt, welches Arzneimittel in welcher Dosierung wann und wie lange eingenommen werden soll. Verordnungen erfolgen auf Basis eines bundesweit einheitlichen, indikationsbezogenen Medikationskataloges, der von Ärzten und Apothekern aufgestellt wird. Die Verordnung von Generika wird zudem mit dem Garantiepreismodell kombiniert. Dabei wählen die Apotheker innerhalb eines Preiskorridors das für den Patienten am besten geeignete Medikament aus. Die Preisverantwortung für Arzneimittel liegt weiterhin bei Krankenkassen und pharmazeutischen Herstellern. Sie sollen bundesweit einheitliche Preise zentral zwischen GKV-Spitzenverband und Herstellern verhandeln. Dabei muss Transparenz für alle Beteiligten gewährleistet sein.

PZ: Müsste die Politik hier gegen­steuern?

 

Müller: Es kann doch nicht sein, dass die Politik mehr Qualität und mehr Sicherheit in der Arzneimitteltherapie will, auf der anderen Seite aber Strukturen zulässt oder sogar fördert, die genau das Gegenteil bewirken. Glauben Sie, dass Kapitalgesellschaften einen Medikationsplan erstellen, die Patienten umfassend über Nebenwirkungen informieren, den Patienten, wenn nötig, am Krankenbett versorgen?

 

Wolf: Der Gesetzgeber hat vor 100 Jahren aus gutem Grund die Freiberuflichkeit geschaffen. Freiberufler sollen Aufgaben übernehmen, für die der Staat nicht geeignet ist und die zu sensibel sind, um sie dem freien Spiel des Marktes zu überlassen – zum Beispiel dem Gesundheitswesen. Die freien Berufe unterliegen festen Regeln, die erlassen wurden, um die Verbraucher zu schützen. Manche Politiker haben dies heute offensichtlich vergessen. Das ist ein Fehler.

 

PZ: Ist es auch ein Fehler, das Pick-up-Verbot aus dem AMNOG herauszunehmen? Pick-up-Stellen können auch nicht wirklich zur Arzneimittelsicherheit betragen.

 

Müller: Das ist es ja, was ich meine. Die Politik stellt Forderungen auf, die sie mit den eigenen Entscheidungen später selbst torpediert. Natürlich tragen Pick-up-Stellen nicht zur Arzneimitteltherapiesicherheit bei.

 

Wolf: Dem kann ich nichts hinzufügen außer, dass wir beim Pick-up-Verbot noch nicht von einer endgültigen Entscheidung ausgehen sollten. / 

Kommentar: Überzeugend

Das gemeinsame Konzept von ABDA und KBV überzeugt, weil es den Patienten in den Mittelpunkt stellt. Wenn Arzt und Apotheker enger miteinander kooperieren, verbessert das die Sicherheit von Arzneimitteltherapie. Das Modell beweist außerdem, dass Sparpläne nicht automatisch zu Qualitätsverlusten führen, wenn sie denn zu Ende gedacht sind. Ein Garantiepreismodell für Generika ist flexibler als das bestehende Rabattvertragssystem und nimmt Rücksicht auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten. Die Politik sucht händeringend nach einer Lösung für steigende Kosten im Gesundheitsbereich. Sie sollte die gemeinsamen Vorschläge von Ärzten und Apothekern sehr genau studieren.

 

Stephanie Schersch

Redaktion

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