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Sonnenschutz

Auf den Faktor kommt es an

07.07.2014
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Von Rolf Daniels / Licht und Schatten: Was für viele Dinge des Lebens sprichwörtlich ist, gilt für Sonnenstrahlung wörtlich. Sonnenschein hebt die Stimmung und das Wohlbefinden, kann aber auch schwere Hautschäden verursachen. Vernünftiger Umgang mit der Sonne und ein angepasster Sonnenschutz beugen vor. Was sollte das Apothekenteam bei der Auswahl von Sonnenschutzprodukten beachten?

Ein Sonnenbad lieben die meisten Menschen. Außerdem regt UV-B-Strahlung die photochemische Synthese von Vitamin D3 (Cholecalciferol) in der Haut an. Auf eine längere intensive Bestrahlung ist die Haut in der Regel aber nicht vorbereitet und reagiert mit einer Verbrennung, also einem Sonnenbrand. Langfristig trägt die UV-Strahlung wesentlich zur vorzeitigen Haut­alterung (Photoaging) bei und kann Hauttumoren induzieren (1) (Abbildung 1). Das Ziel der Beratung in der Apotheke ist anspruchsvoll: Es gilt, die individuellen Bedürfnisse des Kunden zu erfassen und eine praxisrelevante, wissenschaftlich gestützte Präven­tionsstrategie zu entwickeln.

 

In Deutschland erkranken jährlich rund 200 000 Menschen neu an Hautkrebs (2, 3). Die Belastung der Haut mit UV-Strahlen, insbesondere in der Kindheit und Jugend, spielt als Risikofaktor eine entscheidende Rolle. Vor allem eine wiederkehrende intensive UV-Belastung, zum Beispiel in Sommerurlauben, erhöht das Risiko, an einem malignen Melanom zu erkranken (3, 4). Die Strahlenbelastung in den Sommer­monaten – unter Einbeziehung eines zweiwöchigen Sommerurlaubs in der Mittelmeerregion – macht nahezu zwei Drittel der gesamten Jahresexposition aus (5).

Zur Anpassung an den jeweiligen Lebensraum haben sich im Lauf der Evolution verschiedene Phototypen entwickelt, die hinsichtlich des Schutzes vor UV-Schäden bei gleichzeitiger Sicherung einer ausreichenden photochemischen Vitamin-D-Synthese gut adaptiert sind (Tabelle 1). Sonnenexposition setzt zudem kurzfristig diverse Anpassungsprozesse in Gang: UV-­A-Strahlung bewirkt eine Sofortbräunung durch Oxidation von Melanin und Melaninvorstufen. UV-B-Strahlen regen die Zellteilung in der Basalzellschicht der Epidermis an. Dadurch verdickt sich die äußerste Schicht der Oberhaut (Hornschicht) unmerklich; dies verstärkt den natürlichen Lichtschutz der Haut (»Lichtschwiele«). Ein weiterer Schutzmechanismus der Haut, den die UV-B-Strahlung aktiviert, ist die Produktion des für die Hautbräunung verantwortlichen Pigments Melanin. Nach neueren Untersuchungen geht der Induktion der Melaninsynthese allerdings bereits ein erster DNA-Schaden voraus (7).

 

Die natürlichen Anpassungsmechanismen sind unter heutigen Lebensumständen, zum Beispiel bei Fernreisen, nicht immer ausreichend. Außerdem können systemische Medikamente wie Retinoide, Tetracycline, Johanniskraut oder Antipsychotika, zum Beispiel Phenothiazine, sowie bestimmte kosmetische Maßnahmen, zum Beispiel die ­Anwendung von Peeling-Präparaten, die Lichtempfindlichkeit erhöhen. In all diesen Fällen können Sonnenschutzmittel den körpereigenen Schutz unterstützen.

 

Schutz vor UV-A und -B

 

Sonnenschutzmittel sind in der Kosmetikgesetzgebung klar definiert: Es handelt es sich um Zubereitungen, die dazu bestimmt sind, äußerlich mit der menschlichen Haut in Berührung zu kommen, und zwar zu dem ausschließlichen oder überwiegenden Zweck, diese vor UV-Strahlung zu schützen, indem die Strahlung absorbiert, gestreut oder reflektiert wird. Um dieser Zweckbestimmung gerecht zu werden, müssen Sonnenschutzmittel mindestens einen Lichtschutzfaktor von 6 (LSF, UV-B-Schutz) aufweisen (Tabelle 2).

Tabelle 1: Phototypen und ihre individuelle Sonnenempfindlichkeit (6)

Phototyp Minimale erythemale Dosis (J/m2) Eigenschutzzeit (min)*
keltischer Typ (Typ I) etwa 150 unter 10
nordischer Typ (Typ II) etwa 250 10 bis 20
Mischtyp (Typ III) etwa 350 20 bis 30
mediterraner Typ (Typ IV) etwa 450 über 30
dunkle Hauttypen (Typ V) 600 bis 900 über 60
schwarze Hauttypen (Typ VI) 900 bis 1500 über 90
*) Eigenschutzzeit: maximale Aufenthaltszeit in sommerlicher Mittagssonne bis zum Auftreten des Erythems

Die Bestimmung des LSF erfolgt nach der »Internationalen Methode zur Bestimmung des Lichtschutzfaktors«. Gemäß dieser In-vivo-Methode gibt der LSF an, wie viel mal länger die Haut nach Auftragen einer definierten Menge eines Sonnenschutzmittels (2 mg/cm2) der UV-B-Strahlung aus­gesetzt werden kann, bevor es zu einem Sonnenerythem (Sonnenbrand) kommt.

 

Bezugsgröße für die Charakterisierung des UV-A-Schutzes ist eine In-vivo-Methode zur Bestimmung der anhaltenden Sofortbräunung (Persistent Pigment Darkening (PPD)-Methode). Ausreichender UV-A-Schutz wird angenommen, wenn der UV-A-Schutzfaktor mindestens ein Drittel des UV-B-Schutzfaktors (LSF) beträgt.

 

Sonnenschutzmittel können Sonnenbrand vermeiden. Wissenschaftliche Ergebnisse lassen zudem die Schlussfolgerung zu, dass diese Produkte die vorzeitige Hautalterung verlangsamen und vor photoinduzierter Immunsuppression schützen können. Modelluntersuchungen zeigen, dass ein konsequenter UV-Schutz insbesondere in Kindheit und Jugend eine große Bedeutung bei der Vorbeugung von Hautkrebs hat. Um dies zu erreichen, müssen die Produkte sowohl gegen UV-B- als auch gegen UV-A-Strahlung schützen (1) (Abbildung 2).

 

Sonnencremes reichlich anwenden

 

Die Empfehlung der EU-Kommission für Verbrauchsgüter, Kosmetika und Medizinprodukte aus dem Jahr 2006 gibt Anwendungshinweise für Son­nenschutzprodukte:

 

  • Mittel vor dem Sonnenaufenthalt auftragen;
     
  • Mittel mehrfach anwenden, um den Schutz aufrechtzuerhalten, vor allem bei Schwitzen, nach dem Schwimmen und Abtrocknen.

 

Insbesondere weisen die Experten ­darauf hin, dass der Schutz bei An­wendung einer zu geringen Menge ­erheblich sinkt. Um das deklarierte Schutzniveau zu erreichen, muss man ausreichend viel Produkt auftragen. Bezugsgröße ist die bei der Ermittlung des LSF verwendete Menge (2 mg/cm2): Bei einem Erwachsenen entspricht dies etwa drei Esslöffel voll Sonnenschutzmittel für ein einmaliges komplettes Eincremen!

Studien zeigen, dass diese Menge in der Praxis nahezu immer deutlich unterschritten wird. Meist liegt die Auftragsmenge bei 0,5 bis 1 mg/cm2, wodurch der erzielte Schutzfaktor auf die Hälfte bis ein Viertel des deklarierten LSF absinkt.

 

Dies kann man im Prinzip durch die Verwendung eines Produkts mit höherem LSF ausgleichen (9); jedoch wird eine kleine Crememenge leichter unregelmäßig aufgetragen, sodass einige Hautareale unzureichend bedeckt sind. Am häufigsten sind Ohren, Nacken, Stirn und Füße betroffen, sodass dort ein Sonnenbrand trotz des vermeintlichen Eincremens mit einem ausreichenden Schutzfaktor droht (10).

 

  • Praxis-Tipps: Um gleichmäßigen Schutz zu erzielen, lieber ein Produkt mit angepasstem LSF zweimal auftragen anstatt ein Produkt mit höherem LSF nur einmal dünn aufzutragen. Beim Eincremen vor allem auf Stirn, Nase, Ohren, Nacken und Füße achten.
     
  • Da Sonnenschutzprodukte keine bestimmte Einwirkzeit benötigen, reicht es, sie unmittelbar vor dem ­Sonnenbad aufzutragen.

Tabelle 2: Von der EU-Kommission empfohlene Lichtschutzfaktoren (LSF) und ihre Klassifizierung in verschiedene Schutzniveaus

Schutzniveau laut Etikett LSF laut Etikett Gemessener LSF
niedrig 6 6 bis 9,9
10 10 bis 14,9
mittel 15 15 bis 19,9
20 20 bis 24,9
25 25 bis 29,9
hoch 30 30 bis 49,9
50 50 bis 59,9
sehr hoch 50 + 60 +

UVI: wichtig für die Wahl des LSF

 

Der optimale LSF hängt von Eigenschutzzeit und UV-B-Intensität am Aufenthaltsort ab. Die Eigenschutzzeit ist die Zeitdauer, für die man die ungebräunte Haut der Sonne maximal aussetzen kann, ohne ein Sonnenerythem zu entwickeln. Sie wird primär vom Phototyp (Tabelle 1) bestimmt (6). Ist die Haut an die Sonne gewöhnt, kann die Zeit bis zum Auftreten eines Sonnenbrands im Vergleich zu nicht sonnengewöhnter Haut um den Faktor 2 bis 4, selten bis Faktor 10 verlängert sein.

Wie lange die Eigenschutzzeit im Einzelfall ist, hängt auch von der UV-B-­Intensität am Aufenthaltsort ab ­(Globalstrahlung). Diese wird unter ­anderem von Sonnenstand, geografischer Hö­he, Luftverschmutzung, Ozongehalt, Streustrahlung oder Reflexion ­sowie Bewölkung bestimmt (11). Um all diese Faktoren alltagstauglich fassbar zu machen, wurde international einheitlich ein sogenannter UV-Index (UVI) eingeführt (Tabelle 3). Der UVI ist ein Maß für die höchste sonnenbrandwirksame Bestrahlungsstärke, die von der Sonne während des Tages auf einer horizontalen Fläche hervorgerufen wird.

 

Der UVI soll stets in ganzen Zahlen angegeben werden und umfasst Werte zwischen 0 und etwa 15. Teilweise werden auch Tagesgänge von UVI-Werten oder momentane UVI-Werte, oft sogar mit Nachkommastellen, veröffentlicht. Nach der UVI-Definition ist dies nicht korrekt. Es kann aber hilfreich sein, um die momentane oder die im Tagesverlauf auftretende Strahlenbelastung zu veranschaulichen.

 

Tagesaktuelle Werte zum UVI in Deutschland findet man auf der Homepage des Bundesinstituts für Strahlenschutz (BfS) (www.bfs.de/de/uv/uv2/uv_messnetz/uvi/messnetz.html). Sie werden auch häufig mit Wetterprognosen veröffentlicht. Eine individuelle Messung ist mit kleinen Indikatoren im Scheckkartenformat (meist relativ ungenau) oder mittels UVI-Monitoren im Format einer Armbanduhr möglich.

 

Faustformel für den benötigten LSF: Für Menschen des Phototyps I und II sollte er das Fünffache, für Menschen des Phototyps III das Dreifache des UVI betragen.

Tabelle 3: UV-Index und erforderlicher Sonnenschutz (22)

UVI Einstufung Schutzmaßnahme
1 bis 2 niedrig kein Schutz notwendig gefahrloser Aufenthalt draußen möglich
3 bis 5 mittel Schutz notwendig In der Mittagszeit Schatten suchen, T-Shirt anziehen, Sonnencreme auftragen, Hut aufsetzen
6 bis 7 hoch
8 bis 10 sehr hoch besonderer Schutz notwendig In der Mittagszeit möglichst nicht draußen aufhalten, unbedingt Schatten suchen, T-Shirt, Sonnencreme und Hut dringend erforderlich
11+ extrem

Täglicher Sonnenschutz – weitgehend sicher

 

Tagespflege mit Sonnenschutz soll der extrinsischen Hautalterung durch UV-Strahlung (Photoaging) vorbeugen. Modellrechnungen zeigen, dass die ­kumulative UV-Exposition bei konsequenter täglicher Anwendung eines Sonnenschutzproduktes im Vergleich zu ungeschützter Haut deutlich reduziert werden kann (12). So entspricht die kumulative UV-Exposition im 80. Lebensjahr bei Anwendung eines reinen UV-B-Schutzes (LSF 15) ab dem 20. Lebensjahr der von ungeschützter Haut mit 45 Jahren (Abbildung 3). Der Effekt wird bei Verwendung eines Breitbandschutzes (UV-B- plus UV-A-Filter) deutlich gesteigert (kumulative UV-Exposition nach 80 Jahren rechnerisch äquivalent zu 26 Jahren ohne Schutz), da Photoaging zum größten Teil auf die UV-A-Belastung zurückzuführen ist.

 

Bei einer nahezu lebenslangen, täglichen Anwendung von UV-Filter­sub­stanzen stellt sich jedoch die Frage nach möglichen unerwünschten Effekten.

 

UV-Filter, die in der Europäischen Union in kosmetischen Mitteln eingesetzt werden sollen, müssen auf mögliche gesundheitsschädliche Wirkungen untersucht werden, bevor sie in die Positivliste der Kosmetik-Verordnung aufgenommen werden. Bei den Substanzen, die in Sonnenschutzmitteln als primäre, vor Licht schützende Wirkstoffe eingesetzt werden, unterscheidet man zwischen organischen (chemischen) und mineralischen (physikalischen) Filtern sowie entsprechend ihres Absorptionsspektrums zwischen UV-B-, UV-A- und Breitbandfiltern. Zurzeit sind bei den ­organischen Stoffen 16 UV-B-Filter, vier UV-A-Filter und sechs Breitbandfilter zugelassen. Als physikalische Filter stehen Zinkoxid sowie Titandioxid als ­Nanopigmente zur Verfügung.

Gesundheitliche Risiken durch UV-Filter wurden in den letzten Jahren wiederholt diskutiert. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat letztmalig 2003 Sicherheit und Wirksamkeit marktüblicher UV-Filtersubstanzen ausführlich bewertet und kommt zu dem Schluss, dass die meisten auf dem Markt befindlichen Substanzen nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand gesundheitlich unbedenklich sind (13). Die Bewertung berücksichtigt auch die besondere Situation bei Kindern, die im Vergleich mit Erwachsenen ein dreifach höheres ­Verhältnis von Körperoberfläche zu Körpergewicht haben. Nur bei der Substanz 4-Methylbenzyliden Camphor ­(4-MBC) wurde der im Tierversuch aufgekommene Verdacht, die Substanz könne die Schilddrüsenhormone beeinflussen, bisher nicht widerlegt (13).

 

Verschiedene unabhängige Forscher­gruppen konnten zeigen, dass nano­partikuläre UV-Filter, Titandioxid und Zinkoxid, die Hautbarriere nicht überwinden und bei bestimmungsge­mäßem Gebrauch daher nicht mit ­lebenden Zellen in Kontakt kommen.

 

Vitamin-D-Synthese trotz Sonnenschutz?

 

Zudem ist zu diskutieren, inwieweit ein konsequenter Sonnenschutz die photochemische Vitamin-D-Synthese in der Haut beeinträchtigt.

Die aktuelle Forschung belegt zunehmend, dass Vitamin D nicht nur für den Calcium- und Phosphatstoffwechsel sowie die Mineralisation der Knochen verantwortlich ist, sondern vielfältige Funktionen übernimmt. Unter anderem induziert es die Differenzierung von Immunzellen und ist in der Tumor-Mikroumgebung beteiligt an der Inhibierung von Proliferation und Angiogenese (14). Der tägliche ­Vitamin-D-Bedarf wird zurzeit mit mindestens 1000 IE geschätzt (15) und muss bei der in Mitteleuropa typischen Ernährungsweise nahezu vollständig über die photochemische Synthese in der Haut abgedeckt werden. Aktuell werden Plasmaspiegel von ­ 60 bis 100 nmol/l (24 bis 40 ng/ml) als ausreichend angesehen.

 

Als »Pi-mal-Daumen-Regel« findet man in der Literatur, dass täglich ein Viertel der Körperoberfläche mit ein Viertel MED (minimale erythemale Dosis) bestrahlt werden sollte, um eine ausreichende Versorgung zu erzielen. Eine MED entspricht der geringsten Bestrahlungsdosis, die bei Ablesung nach 24 Stunden ein scharf begrenztes Erythem (Rötung) der Haut verursacht hat. Der enge Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Synthese und MED ergibt sich aus den sehr eng zusammenliegenden Aktionsspektren für diese beiden photobiologischen Effekte (Abbildung 2).

 

Dies lässt sich zwar leicht merken, ist aber für den Alltag wenig tauglich. Zum einen setzen die Menschen in ­unseren Breiten ein Viertel der Körperoberfläche (Gesicht, Nacken, Hände, Arme) nicht ganzjährig der Sonne aus, zum anderen gibt »ein Viertel MED« dem Laien keinen brauchbaren Hinweis, wie lange er in der Sonne bleiben sollte. Konkret wird es, wenn man UVI und Phototyp einbezieht.

 

In Abbildung 4 ist modellhaft berechnet, wie lange Menschen mit verschiedenen Hauttypen zu verschiedenen Jahreszeiten im hellen Tageslicht bleiben sollten, damit der Körper etwa 1000 IE synthetisieren kann. Dabei ist auch berücksichtigt, dass mit zunehmender Sonnenintensität die meisten Menschen mehr Haut der Sonnenstrahlung aussetzen:

 

  • Gesicht + Nacken + Hände: etwa 1/8 Gesamtkörperoberfläche;
  • Gesicht + Nacken + Hände + Arme: 1/4 Gesamtkörperoberfläche;
  • Gesicht + Nacken + Hände + Arme + Beine: 1/2 Gesamtkörperoberfläche.

 

So ergibt sich für Hauttyp I bei einem UV-Index von 1, wenn Gesicht, Nacken und Hände (etwa 1/8 Gesamtkörperoberfläche) exponiert werden, eine erforderliche Besonnungszeit von 50 Minuten, um 1000 IE Vitamin D zu synthetisieren. Bei Hauttyp III und einem UV-Index von 4 beträgt die erforderliche Sonnenexposition 14,6 min, wenn 1/4 der Körperoberfläche besonnt wird. Wird weniger Haut der Sonnenstrahlung ausgesetzt, so verlängert sich die erforderliche Expositionszeit umgekehrt proportional. Die Werte für den Phototyp VI dienen zur Orientierung, wie lange die erforderlichen Exposi­tionszeiten wären, wenn ein Mensch mit Phototyp I ein Sonnenschutzprodukt mit LSF 25 oder mit Phototyp II ein Produkt mit LSF 15 anwenden würde.

 

Aus dieser Abschätzung zeigt sich, dass bei UV-Indices über 7, wie sie im Sommer auftreten, und jahreszeitüblicher Bekleidung eine ausreichende ­Vitamin-D-Synthese auch bei Verwendung eines adäquaten Sonnenschutzes problemlos erreicht wird. Im Winter ist dies aber nur bei den wenigsten ­Menschen anzunehmen und bei Verwendung einer Tagescreme mit Sonnenschutz definitiv nicht mehr zu erreichen. Um eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung auch dann sicherzustellen, ist in den Wintermonaten eine Substitution von 400 bis 1000 IE dringend anzuraten.

Wasserfester Sonnenschutz

Für die Angaben »wasserfest« und »extra wasserfest« gibt es klare Vorgaben des europäischen Kosmetikverbandes Colipa.

 

  • »Wasserfest« darf ein Produkt bezeichnet werden, wenn nach zweimal 20 Minuten normierten Badens noch die Hälfte des Lichtschutzfaktors messbar ist.
  • »Extra wasserfest« ist ein Produkt, wenn nach viermal 20 Minuten normierten Badens mindestens noch die Hälfte des LSF messbar ist.
     

Anwendungshinweis: wasserfeste Sonnenschutzprodukte mehrfach anwenden, um den Schutz aufrechtzuerhalten; dies gilt besonders bei Schwitzen oder nach dem Schwimmen und Abtrocknen.

Sekundärer Sonnenschutz

 

Neben den UV-Filtern enthalten Sonnenschutzmittel auch sekundäre kosmetische Aktivstoffe (Tabelle 4). Deren Auswahl beruht in erster Linie auf den Beobachtungen, dass viele hautschädigende Effekte von UV-Strahlen durch freie Radikale (reaktive Sauerstoffspezies, ROS) vermittelt und die hauteigenen Regenerationssysteme dabei überlastet werden (16). Zudem führen UV-Strahlen zu Hauttrockenheit und -irritation. Sekundäre Schutzstoffe sollen dabei helfen, die (trotz Sonnenschutz) auftretenden Hautschäden ­abzumildern oder zu reparieren. Eine besondere Rolle kommt den Antioxi­danzien zu.

 

ROS entstehen primär durch UV-Strahlen mit einer Wellenlänge oberhalb von 300 nm, in gewissem Umfang aber auch durch sichtbares Licht und Infrarot-A-Strahlung (IR-A) (17). Die hauteigenen Antioxidanzien werden bereits durch UV-Bestrahlung unterhalb der Erythemschwelle verbraucht. Spezielle Wirkstoffe in Sonnenschutzmitteln sollen die hauteigene Regeneration unterstützen und so ROS-bedingte Schäden abmildern.

 

Dieses Konzept basiert auf Erkenntnissen der photobiologischen Forschung, die auf ein schädigendes Potenzial von IR-A-Strahlung hinweist. Diese kann, aufgrund von ROS, zu einer beschleunigten Hautalterung führen und könnte möglicherweise auch an der Entstehung von Hautkrebs beteiligt sein. In Untersuchungen löste ­IR-A-Strahlung in einem physiologisch relevanten Dosisbereich sowohl in kultivierten menschlichen Hautzellen als auch in gesunder menschlicher Haut einen Signalweg aus, der zu einer erhöhten Expression der Matrixmetalloproteinase-1 (MMP-1) führt (18). Dieses Enzym baut die Proteine Kollagen und Elastin in der dermalen Matrix ab; in der Folge entwickelt sich das typische Erscheinungsbild der Altershaut.

 

Weitere Arbeiten zeigten, dass Mitochondrien diese Signalantwort vermitteln: IR-A-Strahlung führt dort zur Bildung von ROS und damit zu oxidativem Stress (19). Einen topisch applizierbaren Schutz vor IR-A-Strahlung gibt es – mit Ausnahme von Wasser, das aber rasch verdunstet – nicht. Um die photobiologische Stressantwort zu mildern, setzt man Sonnenschutzprodukten ­daher bestimmte, sich eher in den ­Mitochondrien anreichernde Antioxi­danzien (Flavanole und Gallussäure­deri­vate von Polyphenolen) zu.

Tabelle 4: Ergänzende kosmetische Wirkstoffe in Sonnenschutzprodukten

Wirkstoffgruppe Beispiele
Feuchthaltefaktoren Glycerin Hyaluronsäure
Antioxidanzien, Radikalfänger Ascorbylpalmitat Carotinoide Tocopherole Polyphenole Sojaisoflavone
hautberuhigende Substanzen Bisabolol
entzündungshemmende Substanzen Dexpanthenol
DNA-Reparaturenzyme Photolyase

Intensivierte Pigmentierung durch Zusatzstoffe

 

Eine neuere Entwicklung im Bereich der Zusatzstoffe stellt der »Wirkstoffmix« Tosolin® dar, der die Pigmentierung der Haut anregen soll (20). Der Effekt ist deutlich abzugrenzen von den Selbstbräunern wie Dihydroxyaceton, die durch eine Maillard-Reaktion mit dem Keratin der Haut einen gelblich-braunen Farbton erzeugen.

 

Bestandteile von Tosolin® sind laut INCI-Bezeichnung: Aqua, Mannose, Glucose, Beta-glucan und Sodium hya­luronate, das heißt im Wesentlichen Zuckerderivate. Als zelluläre Angriffspunkte in der Epidermis werden Melanozyten und Langerhans-Zellen beschrieben. Deren Aktivierung soll eine raschere und intensivere Pigmentierung der Haut beim Aufenthalt in der Sonne bewirken. Hierdurch erhöht sich der natürliche Sonnenschutz der Haut, messbar in einer Verlängerung der Eigenschutzzeit; allerdings nicht sofort, sondern erst mit einer gewissen zeit­lichen Verzögerung. Positiver Neben­effekt: Da die Menschen mithilfe von Tosolin® trotz der Anwendung eines effizienten Sonnenschutzes bräunen, greifen sie vielleicht lieber zu den Sonnenschutzprodukten.

 

Sonnenschutzmittel als Medizinprodukte

 

Nahezu alle Sonnenschutzmittel sind kosmetische Mittel, die rechtlich durch die Kosmetik-Verordnung abgedeckt werden. Das Produkt Daylong actinica® hingegen ist ein Medizinprodukt der Klasse I. Das wasserfeste Sonnenschutzprodukt erzielt mit liposomal verkapselten UV-Filtern einen LSF über 50 und einen hohen UV-A-Schutz. Auf der Basis einer kleinen klinischen Studie (21) wird auf der Verpackung als Wirkung »Prävention von verschiedenen Formen des hellen Hautkrebses und Lichtdermatosen« angegeben. Durch den Status als Medizinprodukt ändern sich auch die erforderlichen Angaben auf der Verpackung: Inhaltsstoffe sowie UV-A- und UV-B-Schutzfaktoren müssen nicht mehr deklariert werden. /

 

 

Literatur 

  1. Bens, G., Sunscreens. In: Reichrath, J. (ed.), Sunlight, Vitamin D and Skin Cancer. 2nd ed., Landes Bioscience and Springer Science + Business Media, Heidelberg 2014.
  2. Leiter, U., Eigentler, T., Garbe, C., Epidemiology of Skin Cancer. In: Reichrath, J. (ed.), Sunlight, Vitamin D and Skin Cancer. 2nd ed., Landes Bioscience and Springer Science + Business Media, Heidelberg 2014.
  3. Breitbart, E. W., et al., Hautkrebs. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Robert Koch Institut, Berlin 2004.
  4. D’Orazio, J., et al., UV radiation and the skin. Int. J. Mol. Sciences 14 (2013) 12222-12248.
  5. Diffey, B., A behavioral model for estimating population exposure to solar ultraviolet radiation. Photochem. Photobiol. 84 (2008) 371-375.
  6. Fitzpatrick, T. B., The validity and practicabi­lity of sun-reactive skin types I through VI. Arch. Dermatol. 124 (1988) 869-871.
  7. Del Bino, S., Bernerd, F., Variations in skin ­colour and the biological consequences of ultraviolet radiation exposure. Brit. J. Dermatol. 169 (2013) 33-40.
  8. Osterwalder, U., et al., The evolution of UVA protection. Skin Care Forum 2013.
  9. Ou-Yang, H., et al., High-SPF sunscreens ­ (SPF >70) may provide ultraviolet protection above minimal recommended levels by ad­equately compensating for lower sunscreen user application amounts. J. Am. Acad. Dermatol. 67 (2012) 1220-1227.
  10. Azurdia, R. M., et al., Sunscreen application by photosensitive patients is inadequate for protection. Brit. J. Dermatol. 140 (1999) 255-258.
  11. Korting, H. C., et al., Leitlinien der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG): Täglicher Lichtschutz in der Prävention chronischer UV-Schäden der Haut. 2005.
  12. Diffey, B., Sunscreens: Expectation and realization. Photodermatology Photoimmunology and Photomedicine 25 (2009) 233-236.
  13. Bundesinstitut für Risikobewertung. UV-Filtersubstanzen in Sonnenschutzmitteln. 2003. www.bfr.bund.de/cm/343/uv_filter_in_sonnenschutzmitteln.pdf
  14. Deeb, K. K., Trump, D. L., Johnson, C. S., Vitamin D signalling pathways in cancer: Potential for anticancer therapeutics. Nature Reviews Cancer 7 (2007) 684-700.
  15. Bischoff-Ferrari, H. A., Optimal Serum 25-Hydroxyvitamin D Levels for Multiple Health Outcomes. In: Reichrath, J. (ed.), Sunlight, ­Vitamin D and Skin Cancer. 2nd ed., Landes Bioscience and Springer Science + Business Media, Heidelberg 2014.
  16. Gesellschaft für Dermopharmazie, Leitlinien »Dermokosmetischer Sonnenschutz«. www.gd-online.de/german/veranstalt/images2007/GD_Leitlinie_Kosmetischer_Sonnenschutz_23.11.2007.pdf2007.
  17. Zastrow, L., et al., UV, visible and infrared light : Which wavelengths produce oxidative stress in human skin? Hautarzt 60 (2009) 310-317.
  18. Schroeder, P., et al., Infrared radiation-induced matrix metalloproteinase in human skin: Implications for protection. Journal of Investigative Dermatology 128 (2008) 2491-2497.
  19. Schroeder, P., et al., Cellular response to in­frared radiation involves retrograde mitochondrial signaling. Free Radical Biol. Med. 43 (2007) 128-135.
  20. Tosolin. www.cosmeticingredients.co.uk/ingredient/tosolin.
  21. Ulrich, C., et al., Sunscreens in organ transplant patients. Nephrology Dialysis Transplantation 23 (2008) 1805-1808.
  22. Strahlenschutzkommission, Die neue Klassifikation des solaren UV-Index (UVI). Juni 2004.

Der Autor

Rolf Danielsstudierte Pharmazie in Regensburg und wurde 1985 promoviert. Zunächst als Laborleiter in einer Pharmafirma und dann als Akademischer Rat am Institut für Pharmazie der Universität Regensburg tätig, habilitierte sich Daniels 1994 und erhielt die Lehrbefugnis für das Fach Pharmazeutische Technologie. Zehn Jahre war er als Professor für Pharmazeutische Technologie an der TU Braunschweig tätig, bevor er 2004 als C4-Professor an die Universität ­Tübingen wechselte. Seine Haupt­forschungsgebiete umfassen die Entwicklung und Charakterisierung von tensidfreienEmulsionssystemen, die Stabilitätsvorhersage halbfester Zubereitungen sowie die Entwicklung von Freigabesystemen für biotechnologisch gewonnene Arzneistoffe.

 

Professor Dr. Rolf Daniels, Lehrstuhl für Pharmazeutische Technologie, Pharmazeutisches Institut, Eberhard Karls Universität Tübingen, Auf der Morgenstelle 8, 72076 Tübingen E-Mail: rolf.daniels(at)uni-tuebingen.de

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