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Urlaubsplanung

Trotz Demenz auf Reisen

26.07.2013
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Von Brigitte M. Gensthaler, München / Wenn Menschen mit Demenz auf Reisen gehen wollen, ist eine gute Vorbereitung nötig. Was bei der Wahl des Reiseziels zu beachten ist, und wie man Probleme am Urlaubsort vermeiden kann, erklärt Diplom-Sozialpädagoge Tobias Bartschinski von der Alzheimer- Gesellschaft München.

PZ: Sind Urlaub und Verreisen überhaupt ein Thema für Menschen mit Demenz?

 

Bartschinski: Die Erkrankung dominiert nicht das ganze Leben. Geliebte Hobbys vermitteln Lebensfreude, und die soll erhalten bleiben. Wer vor der Diagnose gerne verreist ist, sollte es weiterhin tun, gerade im frühen Sta­dium. Das bedeutet auch, Normalität weiterzuleben.

 

PZ: Ist das nicht sehr anstrengend für die begleitenden Angehörigen?

Bartschinski: Angehörige berichten uns auf der einen Seite von Schwierigkeiten. Besonders wenn man als Paar auf sich gestellt ist, der Betroffene klammert und alle Energie in die Begleitung des Partners investiert wird. Andererseits sagen uns Angehörige, dass der Alltag auf Reisen besser klappt als erwartet. Denn das Selbstwert­gefühl des Betroffenen steigt, wenn er im Urlaub entdeckt, dass er vieles noch kann. Im Alltag fällt das oft gar nicht so auf. Im Urlaub treten andere Qualitäten zutage und Defizite stehen nicht im Vordergrund. Die Partner werten sich gegenseitig auf, weil sie sich wieder anders kennenlernen. Ferien geben Zeit, miteinander zu sprechen und sich neu zu entdecken. Wichtig ist, dass sie Entlastung und Entspannung bringen. Hier gibt es natürlich starke Bedarfs­unterschiede bei der Unterstützung, abhängig vom Stadium der Erkrankung.

 

PZ: Gibt es ein ideales Reiseziel für Demenzkranke?

 

Bartschinski: Nein. Im frühen Stadium sind Orte günstig, die der Erkrankte von früher kennt. In fortgeschrittenerem Stadium ist es wichtig, dass die Anfahrt einfach und die Urlaubsdauer überschaubar ist. Fliegen ist oft möglich, aber man sollte das Flugpersonal vorher über die Erkrankung informieren.

 

PZ: Was ist bei der Auswahl der Unterkunft besonders zu bedenken?

 

Bartschinski: Menschenmassen und riesige Ferienanlagen bringen viel Unruhe. Kleine, klar strukturierte Anlagen und übersichtliche Ferienhäuser, die eine Abgrenzung haben, erleichtern die Orientierung. Das hilft auch dem Mitreisenden, denn sonst muss er den Demenzkranken ständig begleiten; das ist keine Erholung. Südliche Länder sind an sich kein Problem, denn wer früher große Hitze ausgehalten hat, schafft das auch mit Demenz. Der Angehörige muss aber an den Sonnenschutz und die Siestazeiten denken.

 

PZ: Und fremde Sprachen?

 

Bartschinski: Das ist meist kein Problem, da Demenzkranke auch andere Kommunikationswege suchen. Wer immer kontaktfreudig war, wird Sprachprobleme schnell nonverbal kompensieren.

 

PZ: Wo bekommen Demenzpatienten und ihre Angehörigen Informationen zu geeigneten Ferienorten und Hotels?

 

Bartschinski: Bislang gibt es keine spezialisierten Reiseveranstalter oder Kataloge. Man kann sich an die lokalen Alzheimer-Gesellschaften und an Behindertenverbände wenden oder im Internet recherchieren. Manche Kurhäuser oder Pensionen bieten spezielle Ferienwochen für Demenzkranke und ihre Angehörigen an, vor allem in der Nebensaison. Natürlich kann man die Betreuung auch privat organisieren, zum Beispiel mit einer Begleitperson oder einem ehrenamtlichen Helfer, der den Demenzkranken eine bestimmte Zeit des Tages betreut.

PZ: Welche speziellen Probleme können am Reiseziel auftreten? Wie können Begleitpersonen vorsorgen?

 

Bartschinski: Wenn es mit der Orien­tierung nicht mehr klappt, verläuft sich der Erkrankte im Hotel oder kommt vom Spaziergang nicht mehr zurück. Daher ist es wichtig, dass die Person immer zu identifizieren ist und die Hoteladresse oder Telefonnummer eines Helfers bei sich hat. Am besten in der Landes­spra­che. Vor allem für bewegungsfreu­dige Patienten ist die Handy-Ortung sehr hilfreich. Das erfordert ein GPS-fähiges Handy und ein Anwendungs­programm, das käuflich zu erwerben ist. Dieses Gerät muss der Patient eingeschaltet bei sich tragen. Die Ortung funktioniert auch im Ausland. Aber man sollte sich vorab unbedingt über die Kosten informieren.

 

PZ: Urlauber haben nicht immer Verständnis, wenn sich ein anderer Gast auffällig verhält. Wie geht man damit um?

 

Bartschinski: Im Restaurant verhalten sich Demenzkranke manchmal ungewöhnlich und außerhalb der Norm. Eine erprobte Lösung: Der Angehörige hat ein Schildchen dabei, das er über den Tisch reichen kann. Darauf steht: Mein Partner ist an Demenz erkrankt, wir bitten um Verständnis. Das klappt auch in der U-Bahn oder in anderen Situationen, in denen sich ein Erkrankter auffällig verhält. Natürlich muss man sich mit dem Gast dann einigen, wenn der Demenzkranke zum Beispiel vom fremden Teller gegessen hat. Aber mit dem Kärtchen vermeidet man einen Eklat. Ein anderes Problem ist das Vergessen und Verlegen von Gegenständen, zum Beispiel von Hotelhand­tüchern oder Schlüsseln.

 

PZ: Wie vermeidet man Ärger, wenn sich ein demenzkranker Gast im Hotel häufiger verirrt?

 

Bartschinski: Wir empfehlen, die Zimmertüre mit einem bunten Schild oder einem persönlichen Gegenstand zu markieren. Die Zimmernummer alleine reicht nicht. Außerdem sollte man das Personal informieren, dass der Gast demenzkrank ist. Das ist in kleinen Betrieben einfacher als in großen Hotels. Wenn der Patient zum Beispiel in die Hotelküche marschiert, ist es wichtig, ruhig zu bleiben und ihn freundlich zu fragen, wohin er möchte. Einfühlsam Hilfe anzubieten, ist die beste Strategie. Schreien oder Schimpfen bedeutet Angriff und erzeugt Stress und Ärger. Das überfordert den Kranken sehr schnell.

 

PZ: Gibt es Ferienclubs, in denen demenzkranke Menschen betreut werden, damit pflegende Angehörige Pause machen können?

 

Bartschinski: Nein, bislang nicht. Aber es gibt Ansätze für Angebote zum betreuten Urlaub für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen, zum Beispiel von der Alzheimer-Gesellschaft. Wir von der AGM haben im letzten Jahr eine Reise nach Frankreich organisiert. Sieben Paare, von denen jeweils einer demenzkrank ist, und drei professionelle Begleiter verbrachten mit einer französischen Partnerorganisation eine Woche in Avignon.

 

PZ: Wie klappte die Kommunikation untereinander?

 

Bartschinski: Alzheimer-Patienten kommen miteinander meist gut zurecht. Bei Patienten mit frontotemporaler Demenz ist die Persönlichkeit stark verändert: Dann muss jemand dabei sein, der bei Bedarf schlichtend eingreifen kann. Außerdem erleichtern gemeinsame Aktivitäten die Kontaktaufnahme – bei Demenzpatienten ebenso wie bei Nicht-Erkrankten.

 

PZ: Und wie ging es den Angehörigen?

 

Bartschinski: Unsere Erfahrung war, dass sie nur ausspannen konnten, weil andere Paare dabei waren und das Projekt begleitet war. So musste ein Angehöriger nicht ständig für seinen Partner da sein. Das Programm war so gestaltet, dass jeder beruhigt seine Auszeit nehmen konnte. Das ist Luxus für Angehörige. Wobei es oft schwerfällt, dem erkrankten Partner einen Freiraum zu lassen und ihm etwas zuzutrauen.

 

PZ: Im Oktober kommt eine Gruppe des Vereins France Alzheimer Vaucluse nach Bayern. Am Austauschprogramm können auch deutsche Demenzbetroffene im frühen Stadium und deren Partner teilnehmen. Was planen Sie?

 

Bartschinski: Die deutschen und französischen Gäste werden eine Woche in einem Selbstversorgerhaus am Staffelsee wohnen, die Freizeit gestalten und Ausflüge machen, unter anderem nach München. Wir haben aber kein stressiges Programm, sondern viel Zeit für Aktivitäten miteinander und rund ums Haus. Die Erkrankten können sich dort gut alleine beschäftigen. Derzeit gibt es noch freie Plätze; Interessierte können sich bei der AGM melden.

 

PZ: Gibt es auch Ferienangebote für Menschen mit fortgeschrittener Demenz und deren Angehörige?

 

Bartschinski: Für Menschen mit schwerer Demenz und deren Partner gibt es verschiedene Ferienangebote von Pflegeeinrichtungen oder Wohlfahrtsverbänden, wo auch die Möglichkeit der Betreuung und Pflege gegeben ist. Das Paar ist beispielsweise zusammen untergebracht, aber der Tagesablauf ist verschieden. Während der Erkrankte betreut wird, hat der Partner Zeit, seinen Interessen nachzugehen. Informationen vermitteln die örtlichen Alzheimer-Gesellschaften und die Wohlfahrtsverbände. Unter bestimmten Voraussetzungen übernimmt die Pflegekasse über die sogenannte Verhinderungspflege einen Teil der Kosten. Man soll sich auf jeden Fall vorher erkundigen.

 

PZ: Ihr Tipp für eine gute Reise?

 

Bartschinski: Menschen mit Demenz sind so verschieden wie Menschen ohne Demenz. Gerade bei Urlaubsreisen muss man genau auf den Menschen achten. Ideal ist das, womit sich die Reisenden identifizieren können. Viele Aktivitäten sind möglich, wenn die Rahmenbedingungen passen. /

Informationen

Alzheimer-Gesellschaft München (AGM): www.agm-online.de

Informationen für Angehörige: www.deutsche-alzheimer.de/angehoerige

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