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Arzneimittelwarnungen

Digitale Medien nicht immer aktuell

02.07.2014
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Von Daniela Biermann / Für viele Menschen ist das Internet eine bevorzugte Quelle, wenn es um Informationen rund um Arzneimittel geht. Wie aktuell die Einträge auf Webseiten wie Wikipedia sind, ist aber unter Umständen Glückssache. Arzneimittelbehörden sollten digitale Medien verstärkt zur Risikokommunikation nutzen, raten US-amerikanische Forscher. Zumindest in Deutschland wäre das jedoch nicht ohne Weiteres möglich.

Wissenschaftler um den Pharmazeuten und Pharmakoepidemiologen Professor Dr. John D. Seeger von der Harvard School of Public Health in Boston untersuchten über einen Zeitraum von zwei Jahren, wie Sicherheitswarnungen der US-Arzneimittelbehörde FDA die Besucherfrequenz auf den entsprechenden Wikipedia-Seiten steigerte und ob beziehungsweise wann die Sicherheitshinweise hier aufgenommen wurden. 

 

Während dieser Zeitspanne sprach die FDA 22 Sicherheitswarnungen aus, unter anderem zu häufig verschriebenen Medikamenten wie Aliskiren, Dabigatran, Pioglitazon und Simvastatin, schreiben die Forscher in einem Meinungsbeitrag im »New England Journal of Medicine« (doi: 10.1056/NEJMp1401767).

 

Demnach stieg die Besucherfrequenz der entsprechenden Wikipedia-Seiten innerhalb von zwei Tagen nach einer Warnung um durchschnittlich 175 Prozent. Das Interesse blieb über die nächsten 60 Tage um 30 Prozent höher als vor der Sicherheitswarnung. Dies zeige, dass Patienten sich über nicht behördlich regulierte Quellen wie Wikipedia informieren wollen, so Seeger und Kollegen.

 

Je häufiger, desto aktueller

 

Die von allen editierbare Enzyklopädie werde jedoch nicht verlässlich aktualisiert. Dabei hänge eine schnelle Aktualisierung wohl vor allem von der Verbreitung der entsprechenden Erkrankung ab, mutmaßen die Forscher. So sei der (englischsprachige) Aliskiren-Beitrag innerhalb eines Tages nach der FDA-Warnung aktualisiert worden. Für Erkrankungen, die mehr als eine Million Amerikaner betreffen, waren die Arzneistoff-Profile auf Wikipedia innerhalb von zwei Wochen zu 58 Prozent aktualisiert. Bei weniger prominenten Erkrankungen traf dies nur auf jede fünfte Seite zu. Die Sicherheitswarnung zum Lymphom-Wirkstoff Brentuximab-Vedotin war auch nach zwei Jahren noch nicht bei Wikipedia eingepflegt worden.

 

Das sollten die Behörden nicht ignorieren, meinen Seeger und Kollegen. Aufgedruckte Warnungen auf den Packungen und Informationsbriefe an Ärzte und Apotheker würden heutzutage nicht mehr reichen. Als ersten Schritt empfehlen sie der FDA, Arzneimittelinformationen für Patienten auf ihrer eigenen Website besser zu bündeln und zugängig zu machen. Zusätzlich sollte die FDA verstärkt soziale Medien nutzen. Zudem schlagen sie einen automatischen Feed der Behörde auf entsprechenden Wikipedia-Seiten vor.

 

Fraglich sei, ob Wikipedia es grundsätzlich zulässt, dass Behörden Informationen dort direkt einpflegen können, gab ein Sprecher des deutschen Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) auf Nachfrage der Pharmazeutischen Zeitung zu bedenken. Auch in Deutschland gebe es den Trend hin zum Patienten als seinem eigenen Gesundheitsmanager. Das BfArM habe darauf bereits reagiert und biete auf seiner Website unter »BfArM für Bürger« seit November 2013 allgemeine Informationen an zu Themen wie Medizinprodukte-Sicherheit. Zu einzelnen Arzneistoffen könnten Interessierte bereits heute unter www.pharmnet-bund.de aktuelle Informationen inklusive Fachinformationen frei zugänglich abrufen.

 

Verschiedene Kanäle

 

»Die Risikokommunikation über Arzneimittel ist sehr komplex«, erklärt BfArM-Sprecher Maik Pommer. »Das sollte nicht nach dem Gießkannen-Prinzip laufen. Wir überlegen uns sehr genau, welches Medium wir nutzen.« Am wichtigsten sei, dass die Information robust, sorgfältig und verlässlich erfolge. »Rote-Hand-Briefe sind dabei ein bewährter Weg«, meint Pommer. Heilberufler wiederum können die Informationen einordnen und betroffenen Pa­tienten auf deren spezielle Situation bezogen weitergeben. So habe zum Beispiel die Medienberichterstattung über Todesfälle unter Gerinnungshemmern zu vielen besorgten Bürgeranfragen beim BfArM geführt. Einige Patienten würden ihre Medikamente aufgrund solcher Berichte eigenmächtig absetzen, was jedoch ebenfalls tödliche Folgen haben kann. / 

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