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Opioide

Austausch bedeutet häufig Neueinstellung

28.06.2011  14:36 Uhr

Von Maria Pues, Frankfurt am Main / Schmerzpatienten bedürfen besonders intensiver Beratung und Betreuung. Rabattverträge stellen Ärzte und Apotheker vor besondere Herausforderungen. Zusammenarbeit ist gefragt.

Dass sie in den Apotheken mit jedem Wechsel der Rabattpartner ihre Medikamente von anderen Herstellern erhalten, daran haben sich viele Patienten – mehr oder weniger murrend – gewöhnt. Dass und aus welchen Gründen der Austausch von Arzneimitteln aus der Gruppe der Opiate/Opioide einer Neueinstellung gleichkomme, erläuterte Professor Dr. Harald G. Schweim, Bonn, im Rahmen einer Presseveranstaltung der Firma Mundipharma in Frankfurt am Main.

Es liegt nicht immer am Patienten, wenn der Wechsel eines Arzneimittels auf das eines anderen Herstellers nicht reibungsfrei verläuft. Das Gesetz erlaube den Austausch, wenn sich die Bioverfügbarkeit des Arzneimittels in einem Bereich von 80 bis 125 Prozent bewege, so Schweim. Die Spanne von 45 Prozent berücksichtige jedoch nicht die interindividuellen Unterschiede zwischen einzelnen Patienten.

 

Hinzu kommt, dass in der Behandlung starker Schmerzen Retard-Zubereitungen besonders häufig zum Einsatz kommen. Unterschiede in den Verfahren, mit denen eine Verzögerung der Wirkstofffreisetzung erreicht wird, kommen bei einem Austausch verstärkt zum Tragen. Ein schnellerer Wirkeintritt, höhere oder niedrigere Plasmaspiegel als gewohnt oder eine verkürzte Wirkdauer können die Folge sein. Patienten spüren dies als unzureichende Schmerzstillung oder durch eine Zunahme von Nebenwirkungen. Ein Austausch störe häufig eine mühsam austarierte Therapie, kritisierte Schweim und zitierte eine Untersuchung, nach der es bei fast zwei Dritteln der Patienten nach einem nicht medizinisch veranlassten Austausch zu einer Verschlechterung von Wirkung und/oder Verträglichkeit gekommen war. Rund die Hälfte der Patienten wurde »rückumgestellt«, und weitere 14 Prozent benötigten eine weitere Therapieumstellung.

Analgetika-Therapie kurz gefasst

»By the ladder, by the mouth, by the clock, for the inividual«:

 

ladder: WHO-Stufenschema beachten

 

mouth: orale Arzneiformen bevorzugen

 

clock: regelmäßiger Einnahmerhythmus beugt Schmerzgedächtnis und Chronifizierung vor

 

individual: Auswahl und Dosierung individuell titrieren

Aktiv die Schmerztherapie zu begleiten, dazu rief Apotheker Dr. Axel Vogelreuter, Köln, auf. So könnten Apotheker sich nicht nur als Heilberufler profilieren. Einen Schwerpunkt als »Schmerzapotheke« zu setzen, könne darüber hinaus betriebswirtschaftlich interessant sein, auch wenn der Aufwand anfangs hoch erscheine, zum Beispiel durch ein aufzustockendes Warenlager, um eine hohe Lieferbereitschaft sicherzustellen.

 

Nicht nur die Schmerztherapie selbst, sondern auch die Begleitmedikation könne und sollte man individuell gestalten. Beispiel Verstopfung: Für manche Patienten eigneten sich Lactulose (wie Bifiteral®) oder Macrogol (wie Movicol®), um die häufig auftretende Obstipation zu behandeln. Andere, denen es zum Beispiel Probleme bereitet, ausreichende Mengen zu trinken, profitierten eher von Kombipräparaten mit dem Opiat-Antagonisten Naloxon (wie Targin®). Anders als in missbräuchlich injizierten Arzneimitteln wie Valoron® verhindert der Wirkstoff hier nicht »den Kick«, sondern die Gefahr einer Obstipation, indem er vorwiegend Opioid-Rezeptoren im Gastrointestinaltrakt blockiert, erläuterte Schweim. Die schmerzhemmende Wirkung des Agonisten, werde dadurch nicht beeinträchtigt.

 

Eine Substitution von starken Opioiden, die nicht aus medizinischen Gründen erfolgt, sollte grundsätzlich unterbleiben, stimmten beide Referenten überein. Legt ein Patient eine entsprechende Verordnung vor, müssten laut Vogelreuter die Fragen lauten: Erstverordnung oder Folgerezept? Und: Ist es das gewohnte Medikament? Wenn nicht: Hat der Wechsel medizinische Gründe? Falls dies nicht der Fall ist, sollte der Arzt kontaktiert werden. Häufig könne »Aut idem« angekreuzt werden. Daneben besteht die Möglichkeit, aufgrund pharmazeutischer Bedenken keinen Austausch vorzunehmen. Retaxationen müsse man nicht befürchten, wenn man die Sonder-PZN aufdrucke und nicht nur den Vermerk »Pharmazeutische Bedenken«, sondern auch in aller Kürze den Grund für die Bedenken notiere, betonte der Apotheker.

 

Ob dies nicht die Konkurrenz zwischen Arzt und Apotheker verstärke? Beide Referenten verneinten. Im Gegenteil. Die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Apothekern habe sich unter den schwieriger werdenden Bedingungen eher intensiviert, meinten beide Referenten übereinstimmend. / 

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