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150 Jahre Schwabe

Zwischen Tradition und Innovation

22.06.2016
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Von Christina Müller, Karlsruhe / Zwei Weltkriege, den Börsencrash von 1929 und den Kalten Krieg hat die Unternehmensgruppe Schwabe überstanden. Heute ist der Phytopharmaka-Hersteller stärker denn je – und stellt sich 150 Jahre nach der Unternehmensgründung für die Zukunft strategisch neu auf.

Er will das Unternehmen vorantreiben, modernisieren, neue Märkte erschließen und vielleicht eine App entwickeln – ohne mit den Firmentraditionen zu brechen. Für Olaf Schwabe ist schon nach wenigen Wochen als Hauptgeschäftsführer des Phyto-Riesen klar, dass seine Mission ein Drahtseilakt wird. »Alte Zöpfe abzuschneiden ist in einem Unternehmen, mit dem nicht nur die Familie, sondern auch die vielen langjährigen Mitarbeiter emotional eng verbunden sind, nicht einfach.« Aber wohl nötig, will das Unternehmen mit der rasanten Marktentwicklung Schritt halten.

 

Fokus auf Phytopharmaka

Seit dem 1. Mai dieses Jahres steht der Diplom-Wirtschaftsingenieur an der Spitze des Familienkonzerns mit Sitz in Karlsruhe. In fünfter Generation führt er nun den Betrieb, den sein Ururgroßvater, der Apotheker Willmar Schwabe, 1866 in Leipzig gegründet hat. Dessen Leidenschaft galt vor allem der Homöopathie: In seiner Fabrikationsstätte für die Zubereitung von Arzneimitteln, dem Vorläufer der Unternehmensgruppe Schwabe, stellte er zunächst Essenzen und Tinkturen nach den Lehren Hahnemanns her, die er zur Weiterverarbeitung an Apotheken verkaufte. Erst sein Sohn und Nachfolger Willmar II setzte in den 1920er-Jahren verstärkt auf Phytopharmaka.

 

Bis heute hat sich die Schwabe-Gruppe zu einem international agierenden Unternehmen entwickelt. Im Jahr 2015 erwirtschaftete der Konzern nach eigenen Angaben rund 860 Millionen Euro und beschäftigte weltweit etwa 3500 Mitarbeiter. Dabei nimmt das Exportgeschäft einen hohen Stellenwert ein, erklärt Schwabe. »Vor acht Jahren haben wir noch die Hälfte unseres Umsatzes außerhalb des deutschen Markts erzielt. Heute liegen wir bereits bei 75 Prozent.« Diesen Anteil will Schwabe künftig sogar noch ausbauen. »Wir wollen die internationalen Märkte – vor allem den asiatischen – stärker erschließen. Zum Beispiel in China, Indien und Russland haben wir noch Luft nach oben.«

 

Damit knüpft er an jene Vision an, die Willmar Schwabe schon zu Zeiten der Firmengründung verfolgte: Sein Ziel war von Beginn an der Verkauf seiner homöopathischen Arzneimittel etwa nach Frankreich, Amerika und England. Daher erschien seine wohl wichtigste Veröffentlichung, die »Pharmacopoea homoeopathica poliglottica«, im Jahr 1872 sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch und Französisch. Sie diente als Grundlage für das Homöopathische Arzneibuch, das noch heute Gültigkeit hat. Bereits 1899 entstand die erste Auslandsniederlassung in den Niederlanden.

 

Weltweit präsent

 

Heute ist das Unternehmen auf allen fünf Kontinenten präsent. Die Frischpflanzen, die als Ausgangsstoffe für die Herstellung der Produkte dienen, baut Schwabe auf diversen firmeneigenen Großplantagen im In- und Ausland an. Die internationale Division koordiniert die Aktivitäten eigener Töchter etwa in den USA, Mexiko, Holland, der Schweiz, Belgien, Spanien, UK und Singapur ­sowie geschäftliche Zusammenschlüsse in Österreich, Italien, Irland, Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Rumänien und China. Wichtige Absatzmärkte stellen neben Europa auch die USA, Süd- und Mittelamerika sowie Südostasien dar.

 

Seit 1946 steuert die Zentrale in Karlsruhe-Durlach die Geschäfte. Nach Kriegsende wurde der Sitz aus Furcht vor der russischen Besatzung in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von Leipzig nach Baden-Württemberg verlegt. Dort produziert Schwabe heute noch feste und flüssige pflanzliche Präparate wie Tebonin® und Umckaloabo® sowie Nahrungsergänzungsmittel – stets unter dem strengen Blick des Firmengründers, dessen Büste den Besucher bereits an der Pforte empfängt.

Auch wenn die Schwabe-Gruppe im Jahr 2016 in erster Linie mit Phytopharmaka in Verbindung gebracht wird, spielt die Homöopathie noch immer eine große Rolle: 1961 gliederte der Konzern die Homöopathika-Sparte aus und gründete gemeinsam mit dem damaligen Rivalen Madaus in Dortmund die Deutsche Homöopathie-Union (DHU). Die Zusammenarbeit der beiden konkurrierenden Unternehmen währte jedoch nur kurz. Bereits acht Jahre später zog Madaus sich aus der Kooperation zurück und verkaufte seine DHU-Anteile an Schwabe. Nur einen Spaziergang von der Karlsruher Zentrale entfernt stellt die Tochterfirma heute noch Globuli, Tabletten, Dilutionen und andere homöopathische Arzneiformen her.

 

Konkurrenz der Botanicals

 

Die Phytopharmaka-Branche muss sich künftig einigen Herausforderungen stellen. Eine Aufgabe wird es Olaf Schwabe zufolge sein, die immer strenger werdenden Regularien der Zulassungsbehörden umzusetzen. »Die Analytik macht rasante Fortschritte. Heute ist es möglich, verschwindend geringe Mengen von Verunreinigungen nachzuweisen. Wenn unter 10 000 Pflanzen auch nur eine unerwünschte dabei ist, ist etwa der Grenzwert für Pyrrolizidinalkaloide im Endprodukt ganz schnell überschritten.« Erst im März hatte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte neue Grenzwerte und Testvorschriften für die leberschädigenden Naturstoffe veröffentlicht. Ziel der Vorgaben ist es, die Aufnahme von Pyrrolizidinalkaloiden mit Medikamenten unter 1 µg pro Tag zu senken.

 

Sorge bereitet Schwabe auch der Plan der EU-Kommission, die Prüfung von gesundheitsbezogenen Angaben (Health Claims) bei den sogenannten Botanicals auszusetzen. Diese ähneln zwar Arzneimitteln, sind aber nicht behördlich zugelassen, sondern zählen zu den Nahrungsergänzungsmitteln. Gemäß Health-Claims-Verordnung dürfen sie nur dann mit gesundheitsbezogenen Angaben werben, wenn die Hersteller deren Richtigkeit belegen können.

 

Für Botanicals will die Kommission die Regeln jetzt aber wohl lockern: Seit 2010 liegt die Prüfung der derzeit verwendeten rund 2000 Health Claims auf Eis. Derzeit untersucht die Behörde, ob die Verordnung für diese Produktgruppe überhaupt geeignet ist und ob sie nicht dauerhaft aus der Prüfpflicht ausgenommen werden sollte. Der Bundesverband der Arzneimittelhersteller forderte die Kommission kürzlich auf, im Sinne des Verbraucherschutzes die Health-Claims-Verordnung auch endlich für Botanicals umzusetzen. Für die Hersteller von Phytopharmaka sei die aktuelle rechtliche Lage ein »existenzgefährdender Wettbewerbsnachteil«, weil die Hersteller von Botanicals Aussagen zu ihren Produkten treffen können, die Phytoherstellern verwehrt werden.

 

Schwabe sieht das Vorhaben der Kommission kritisch. »Wir investieren viel, um die Qualität und Wirksamkeit unserer Produkte zu belegen. Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb Botanicals mit Heilversprechen werben dürfen sollen, die sie letztlich nicht halten können. Dagegen werden wir uns wehren.«

 

Patient im Fokus

 

Die Schwabe-Gruppe fühle sich traditionell vor allem Forschung, Innovation und Produktqualität verpflichtet. Das soll auch so bleiben, so Schwabe. In puncto Arzneimittelentwicklung hält er es dennoch für zeitgemäß, den Blickwinkel neu auszurichten: »Bislang lag der Fokus auf den Produkten. Künftig wollen wir den Patienten und seine Bedürfnisse stärker in den Mittelpunkt rücken.« Wenn dies gelänge, sei man für die Zukunft bestens aufgestellt. »Wir sind auf einem guten Weg. Der gesellschaftliche Trend, für die eigene Gesundheit mehr Verantwortung zu übernehmen, kommt uns entgegen. Vor allem im Bereich mentale Gesundheit sind wir stark.« Zudem hat es aus seiner Sicht einen entscheidenden Vorteil, einen Betrieb zu leiten, der seit 150 Jahren in Familienhand ist: »Als Familienunternehmen können wir es uns erlauben, langfristig zu planen und nicht nur von Jahresumsatz zu Jahresumsatz zudenken.« /

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