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Osteoporose

Keine reine Frauensache

22.06.2016
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Von Dirk Keiner / Lange Zeit galt Osteoporose als eine typische Frauenkrankheit nach der Menopause. Doch von den mehr als acht Millionen Deutschen, die an der Skeletterkrankung leiden, sind etwa ein Drittel Männer – Tendenz steigend. Auch bei der Osteoporsoe gibt es wie bei vielen anderen Erkrankungen geschlechtsspezifische Unterschiede.

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen der primären und der selteneren sekundären Osteoporose. Bei der primären Osteoporose sind keine krankhaften Ursachen festzustellen. Sie tritt vor allem bei Frauen auf und ist hormonell bedingt. Hingegen ist die sekundäre Form vermehrt bei Männern zu finden. Sie entsteht als Folge anderer Erkrankungen oder deren Behandlung.

Osteoporotische Frakturen nehmen bei beiden Geschlechtern mit dem Alter zu, wobei die Zunahme des altersabhängigen Frakturrisikos bei Frauen jedoch höher ist. Dies liegt vermutlich unter anderem an der unterschiedlichen Knochengeometrie und Knochenmineraldichte. So weisen zum Beispiel die Wirbelkörper beim Mann in der Regel einen größeren Querschnitt auf als bei der Frau. Dadurch bleibt der Wirbelkörper höher beanspruchbar und bricht in der Regel weniger leicht. Bis zur Pubertät verlaufen die Geschlechterkurven der Knochenmasse nahezu gleich. Die Pubertät beginnt bei Männern später und resultiert in einer höheren Knochenspitzenmasse. Frauen erreichen das Maximum zeitiger mit 25 Jahren. Frakturen treten bei Männern im Schnitt zehn Jahre später auf. Nach dem Erreichen der jeweiligen Knochenspitzenmasse verläuft die Frakturrate aber bei beiden Geschlechtern parallel.

 

Unterschiedliche Risiko-Wahrnehmung

 

Auch die Mortalität nach osteoporotischen Frakturen zeigt Geschlechterunterschiede. Sie ist beim Mann um das 3,5-Fache erhöht und damit deutlich höher als bei Frauen, bei denen die Mortalität nach Schenkelhalsfrakturen um das 2,5-Fache erhöht ist.

 

Geschlechterspezifische Unterschiede zeichnen sich auch bei modifizier­baren Risikofaktoren ab. Bei Frauen ist das Bewusstsein für solche Faktoren stärker ausgeprägt als bei Männern. Insofern sollten gerade Männer besser in die präventiven Möglichkeiten ein­bezogen werden und hinsichtlich der Präventivmaßmaßnahmen eine geschlechts­spezifische Ausrichtung erfolgen.

 

Bewegung ist für die Knochengesundheit sehr wichtig, da der Knochenaufbau über Mechanorezeptoren gesteuert wird (Inaktivitäts-Osteoporose). Dass es bereits im Kindesalter Defizite in der körperlichen Aktivität (mindestens 60 Minuten pro Tag) gibt, zeigte die DAK-Studie KiGGS Welle 1 auf. Demnach erreichten in Deutschland nur 27,5 Prozent der 3- bis 17-Jährigen die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Stunde Sport pro Tag an fünf Tagen der Woche. Auch hier zeigten sich bereits vor allem in der Pubertät geschlechterspezifische Unterschiede zuungunsten der Mädchen ab.

 

Ein weiterer Risikofaktor ist der Konsum von Alkohol. Hier sind bereits geschlechterunterschiedliche Maximalmengen bekannt. Frauen sollten maximal ein Glas Alkohol pro Tag trinken, Männern maximal zwei Gläser. Bei täglichen Mengen darüber setzen negative Effekte des Alkohols wie eine verringerte Knochenformation und gesteigerte Knochenresorption auf das Knochengewebe ein.

Geschlechterspezifische Unterschiede lassen sich auch bei der täg­lichen Zufuhr über die Ernährung ausmachen. Frauen nehmen über die Ernährung weniger Vitamin D auf (ENHR II, NVS II)). Vor allem bei Jugendlichen (14 bis 18 Jahre, F > M) und Senioren ist die Vitamin-D-Zufuhr als kritisch zu bewerten. Dennoch erreichen mehr Frauen als Männer einen suffizienten Vit­amin-D-Spiegel (25-OH-Cholecalciferol), was an der häufigeren Bewegung im Freien liegen könnte.

 

Die Empfehlung für die tägliche Calciumzufuhr (1000 mg) unterschreiten nach der Nationalen Verzehrstudie II mehr Frauen (55 Prozent) als Männer (46 Prozent). Die Anteile sind vor allem in den »knochenkritischen« Altersgruppen wie weibliche Jugendliche (74 Prozent), ältere Frauen (65 Prozent) und ältere Männer (61 Prozent) auffallend hoch. Zum Teil erfolgt die Kompensation über Supplemente. Hier ist bei Männern Zurückhaltung geboten, da sich das Herzinfarktrisiko erhöhen kann.

 

Seit einiger Zeit wird auch die Auswirkung der veganen Ernährung auf die Knochengesundheit diskutiert. So weist eine Studie auf ein um circa 30  Prozent erhöhtes Frakturrisiko im Vergleich zu Fleisch- und Fischessern beziehungsweise Vegetariern hin. Zudem erreichen 92 Prozent der Veganer die empfohlene tägliche Calcium­menge von 1000 mg nicht. Auch hier sind vermutlich eher Frauen als Männer betroffen.

 

Augenmerk auf Bisphosphonate

 

In der Apotheke sollte regelmäßig die Patientenmedikation auf pharmakogene Risikoarzneimittel hin überprüft werden. Auch bei der Selbstmedikation muss kritisch angesetzt werden, etwa beim Einsatz von Protonenpumpenhemmern. Die Langzeitanwendung von Corticoiden ist bei der sekundären Osteoporose ein geschlechterunabhängiger Risikofaktor für Frakturen.

 

Vor allem bei der oralen Therapie mit Bisphosphonaten ist die Adhärenz außerhalb von klinischen Studien sehr niedrig. In der Praxis treten zahlreiche Nebenwirkungen ausgenommen der gastrointestinalen und infusionsbedingten Effekte meist deutlich später auf und sollten in der Apotheke bei dieser Wirkstoffgruppe immer im Fokus stehen. Zudem können Bisphosphonate bei einer Therapiedauer ab fünf Jahren das Risiko für untypische Frakturen erhöhen. Frauen haben im Vergleich zu Männern für diese atypischen Oberschenkelfrakturen ein etwa dreifach erhöhtes Risiko infolge geringerer morphologischer und biomechanischer Kompensationen. Apotheker sollten hellhörig werden, wenn der Patient unter Bisphosphonaten von auftretenden Schmerzen im Bereich der Leiste oder des Oberschenkels berichtet. /

Literatur beim Verfasser

 

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