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Arzneimittelreport

Viele fragwürdige Verordnungen

21.06.2011
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Von Werner Kurzlechner, Berlin  / Riskante Medikamente für Alkoholiker, Demente und Frauen: Die Barmer GEK kritisiert in ihrem Arzneimittelreport 2011 ein hohes Maß an Fehl- und Überversorgung. Zum Kostensparen fordert die Kasse eine 90-Prozent-Quote für Generika und Biosimilars.

Er sei »bestürzt und geschockt« gewesen über den eigenen Befund, sagte Professor Dr. Gerd Glaeske vorige Woche in Berlin. Der Forscher des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen hat gemeinsam mit seiner Kollegin Dr. Christel Schicktanz den aktuellen Arzneimittelreport der Barmer GEK erstellt, der auf den Daten von mehr als neun Millionen Versicherten beruht. Vor allem vier Aspekte bestürzten Glaeske.

Schlafmittel für Alkoholiker

 

Darunter das Ergebnis, dass mehr als 13 Prozent der alkoholkranken Versicherten im vergangenen Jahr Benzodiazepine verordnet bekamen – der Gesamtschnitt der Barmer GEK-Versicherten liegt lediglich bei knapp 5 Prozent. Dabei seien Valium, Tavor, Rohypnol und ähnliche Mittel bei Suchtkranken wegen ihres Abhängigkeitspotenzials kontraindiziert, sagte Glaeske. Kreuztoleranz und Verstärkung seien bekannt, jenseits der stationären Entgiftung stellten Benzodiazepine eine Gefährdung alkoholkranker Patienten dar. »Diese Verordnungen sind ein Kunstfehler, denn die möglichen Folgen sind bekannt«, erklärte Glaeske. Als Alternative zur Beruhigung stünden zum Beispiel klassische Antidepressiva zur Verfügung.

 

Besorgt äußerte sich Glaeske darüber, dass ein Viertel der Demenzkranken im vorigen Jahr Neuroleptika verabreicht bekamen – je höher die Pflegestufe, umso häufiger. Dabei seien diese Medikamente wegen einer 1,6- bis 1,7-fach erhöhten Sterblichkeitsrate bei Demenzkranken zu vermeiden, solange keine Gefährdung für sich und andere vorliege. Der Wissenschaftler geht davon aus, dass Ruhigsteller wie Haldol den Pflegealltag vereinfachen sollen. »Aber eine Arzneimitteltherapie ist kein Ersatz für eine vernünftige Pflege«, betonte der Forscher.

 

Ferner stieß Glaeske sauer auf, dass in der Rangliste der 20 am meisten verordneten Arzneimittel 2010 dreimal der in den USA und Schweden nicht zugelassene Wirkstoff Novaminsulfon auftauchte: auf Platz 8 mit knapp 520 000 Verordnungen in der Variante von Ratiopharm (+ 178 Prozent gegenüber 2009), auf Rang 13 Metamizol Hexal (- 49 Prozent) und auf Platz 20 als Präparat von Lichtenstein (+ 145 Prozent). Metamizol sei bereits in den 1980er Jahren wegen seiner unkalkulierbaren unerwünschten Nebenwirkungen wie aplastische Anämie, Schock oder Agranulozytose umstritten gewesen, erklärte Glaeske.

 

Glaeskes vierter Kritikpunkt: Zur Verhütung verschrieben Ärzte hierzulande überwiegend Antibabypillen mit neueren Gestagenen. Diese wiesen aber im Vergleich zur Vorgängergeneration ein doppelt so hohes Thromboembolierisiko auf. Der Experte vermutet als Ursache, dass viele Frauenärzte dem »Marketinggeklingel« der Hersteller aufsitzen, die mit Argumenten wie schönere Haut und Haare die Werbetrommel rührten. Glaeske empfahl, bei der Ärztehonorierung Qualität höher zu gewichten und auf industrieunabhängige Fortbildung zu achten. Dabei will er die Kassenärztlichen Vereinigungen stärker in die Pflicht nehmen.

 

Teure Spezialpräparate

 

Die Arzneimittelausgaben der Barmer GEK stiegen 2010 im Vergleich zum Vorjahr um 6,77 Prozent auf 3,93 Milliarden Euro. Dabei schlage im ersten Halbjahr 2011 schon das Neuordnungsgesetz zum Arzneimittelmarkt (AMNOG) mit 5 Prozent Minderausgaben zu Buche, sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Dr. Rolf-Ulrich Schlenker.

 

Verantwortlich für die Kostensteigerung im vergangenen Jahr sind dem Arzneimittelreport zufolge vor allen Spezialpräparate. Glaeske riet deshalb zu einer Generikaquote von 90 Prozent und analog dazu zu einer Biosimilarquote für biotechnologisch hergestellte Arzneimittel. So ließen sich etwa 500 Millionen Euro einsparen, sagte der Wissenschaftler. Der Verband Pro Generika begrüßte den Vorschlag einer 90-prozentigen Biosimilarquote erwartungsgemäß.

 

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) kritisierte den Report. Den Kostenanstieg bei Spezialpräparaten erklärte er als das »Ergebnis von Fortschritt und Demografie«. Weiter bemängelte der BPI, dass der Report nicht auf die Gefahren hinweise, die ein durch Rabattverträge bedingter Austausch von Medikamenten in Apotheken mit sich bringen könne.

 

Der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA) erklärte, dass das Thromboserisiko nur ein Aspekt bei der Auswahl von Antibabypillen sei. Gereizt reagierte Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, gegenüber der Nachrichtenagentur dpa: »Pauschal das Bild zu entwerfen, dass Ärzte verantwortungslos verordnen, ist perfide.«  /

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