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Arzneimittelreport

Barmer fordert AMNOG-Ergänzung

15.12.2015
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Von Christina Müller, Berlin / Für Medikamente, die schon im ersten Jahr nach Markteintritt einen Jahresumsatz von mehr als 80 Millionen Euro für die Krankenkassen erwarten lassen, sollten besondere Regelungen gelten. Das schlug der Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Christoph Straub, vergangene Woche bei der Vorstellung des Arzneimittelreports 2015 in Berlin vor.

Aktuell wären davon 34 patentgeschützte Präparate betroffen, die die Barmer jährlich mehr als 6 Milliarden Euro kosten. Besonders teure Arzneimittelinnovationen sollten drei bis fünf Jahre nach Markteinführung neu bewertet werden, forderte Straub. Zu diesem Zeitpunkt lägen genügend Daten vor, um das Nutzen-Risiko-Profil im Verhältnis zu den Kosten zu analysieren.

 

Limitierungen aufheben

 

Zwar sei diese Möglichkeit bereits im Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) vorgesehen. Die Voraussetzung sei allerdings ein abgeschlossenes Schiedsverfahren sowie ein Antrag des GKV-Spitzenverbands oder des pharmazeutischen Unternehmers. »Wir wollen, dass diese Limitationen aufgehoben werden«, sagte Straub. »Kosten-Nutzen-Bewertungen sollten bei versorgungsrelevanten Arzneimitteln die Regel sein, nicht die Ausnahme.«

 

Zudem will Straub die Hersteller verpflichten, die Basis für die von ihnen festgesetzten Preise transparent zu begründen. Eine Schnellbewertung der Arzneimittel bereits zur Markteinführung könnte dann aufgrund einer sogenannten Kosten-Effektivitäts-Analyse erfolgen. »Im Kern gilt es zu klären, was der Zusatznutzen eines neuen Medikaments kostet«, so Straub. Aus seiner Sicht würden davon auch die pharmazeutischen Unternehmen profitieren. »Schließlich haben sie die Chance, überzeugende Argumente zu präsentieren.« Die Preisgestaltung der Hersteller war zuletzt bei der Markteinführung des Hepatitis-C-Medikaments Sofosbuvir (Sovaldi®) kontrovers diskutiert worden.

 

Der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie (BPI) reagierte empört auf die Reformvorschläge der Barmer GEK. Diese stützten sich »auf fragwürdige Zahlen«: Nach Abzug der gesetzlich festgelegten Rabatte, die Apotheker und Hersteller zu leisten haben, lägen die tatsächlichen Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung noch bei 27,8 Milliarden Euro statt der veranschlagten 33,34 Milliarden Euro. »Die ewige Wiederholung von Ausgaben, welche die Kassen gar nicht hatten, verzerrt das Bild«, mahnte BPI-Geschäftsführer Henning Fahrenkamp.

 

Schon heute erreichen aus Sicht des Verbands viele Neuerungen – auch solche mit hohem Zusatznutzen – die Patienten nicht, weil sie vom Markt zurückgezogen, nicht verordnet oder gar nicht erst in Deutschland angeboten werden. Ein Grund dafür sei die schlechte Ertragsperspektive für die Unternehmen. »Die vorgeschlagenen zusätzlichen Bewertungen würden diese Situation absehbar verschärfen«, erklärte der BPI.

 

Teure Parenteralia

 

Neben innovativen Arzneimitteln wie Sovaldi®, Harvoni® oder Zytiga® sieht Straub noch einen weiteren »Preistreiber«: Parenterale Zubereitungen, die meist monoklonale Antikörper und Zytostatika enthalten, machen laut Barmer-Chef mittlerweile etwa 10 Prozent des Gesamtumsatzes der Krankenkasse aus. Bezogen auf die Kosten würden diese individuell angefertigten Mittel immer wichtiger. Sie seien »ein Segment mit sehr hoher Dynamik, das unserer ungeteilten Aufmerksamkeit bedarf«. Dennoch tauchten sie bislang in keinem Arzneimittelreport auf.

 

Nach dem aktuellen Urteil des Bundessozialgerichts (BSG) werde die Barmer GEK möglicherweise erneut prüfen, ob Ausschreibungen ein geeignetes Mittel sind, die Kosten für Zubereitungen einzudämmen, kündigte Straub an. Laut BSG-Urteil steht bei der Versorgung mit individuellen onkologischen Rezepturen das Wirtschaftlichkeitsgebot vor der freien Apothekenwahl. Apotheken, die bei der Ausschreibung der Selektivverträge nicht zum Zug kommen, sind dann von der Versorgung ausgeschlossen. /

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