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Barmer GEK Arzneimittelreport 2014

Scheininnovationen als Preistreiber

04.06.2014
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Von Ev Tebroke, Berlin / Teurer Schein: Die Barmer GEK kritisiert steigende Ausgaben durch neue unnötig teure Medikamente. Bei der Vorstellung ihres Arzneimittelreports forderte die Kasse daher eine regelhafte Spätbewertung von Medikamenten.

Laut der vom Zentrum für Sozialpolitik an der Uni Bremen durchgeführten Studie entfallen immer noch 11 Prozent der Arzneimittelausgaben auf sogenannte Scheininnovationen. Damit sind neue Arzneimittel gemeint, die zwar teuer sind, dabei aber nicht wirksamer als bereits auf dem Markt befindliche Medikamente. 

 

Betroffen sind Präparate, die bereits vor 2011, also vor in Krafttreten des Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetzes (AMNOG), auf den Markt gekommen sind und daher noch keine Nutzenbewertung durchlaufen mussten. Bei der Barmer GEK belaufen sich die Kosten durch solche Medikamente demnach auf rund 440 Millionen Euro. Diese Kosten seien vermeidbar, da die Präparate durch preiswerte Generika ersetzt werden könnten, so Studienleiter Professor Gerd Glaeske. Ohne einen Qualitätsverlust in der Therapie könnten hier rund 5 Prozent der Arzneimittelausgaben vermieden werden, heißt es.

 

Me-too-Produkte häufig verschrieben

 

Die Arzneimittelausgaben der Barmer GEK sind nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr gegenüber 2012 um 2,6 Prozent auf 4,2 Milliarden Euro gestiegen. Insgesamt entfielen demnach 75 Prozent der Verordnungen auf Generika, das waren 60 Millionen von insgesamt 80 Millionen Packungen. Hier fordert die Kasse eine Erhöhung der Substitutionsquote auf 85 Prozent. Die kostengünstigeren Nachahmerprodukte sollten vor allem die sehr häufig von Ärzten verschriebenen sogenannten neuen Me-too-Produkte ersetzen. Diese von Pharmakritikern spöttisch als »ich auch« deklarierten Arzneimittel kommen aufgrund leichter Molekülveränderung als Varianten zu bereits etablierten Produkten teuer auf den Markt, bieten aber keinen therapeutischen Zusatznutzen.

 

Laut einer Befragung verschreiben 39 Prozent der Ärzte gern neue Medikamente, weil sie glauben, so neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zu berücksichtigen, so der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker. »Aber nicht alle Arzneimittel, die neu sind, sind tatsächlich besser«, kritisierte er. Als Beispiel untersuchte der Report die Gruppe der neuen oralen Antikoagulanzien (nOAK). Diese Gerinnungshemmer, allen voran das Mittel Xarelto® von der Firma Bayer, verursachten laut Studie besonders auffällige Ausgabensteigerungen. So sei allein der Umsatz von Xarelto innerhalb eines Jahres um 200 Prozent auf rund 280 Millionen Euro gestiegen, berichtete Schlenker.

 

Dabei seien diese neuen Antikoagulanzien nicht unbedingt besser als bewährte Produkte, wie beispielsweise das wesentlich günstigere Marcumar®, so die Studien-Verantwortlichen. Auch sei bei den nOAK dringend eine Schaden-Nutzen-Bewertung erforderlich, da im Falle von unerwünschten Blutungen noch keine Gegenmittel auf dem Markt wären. Nutzen und Risiken werden nach Ansicht des Gesundheitsforschers Glaeske bei solchen zum Bestandsmarkt gehörenden Präparaten nicht ausreichend gegenübergestellt.

 

Unkenntnis der Situation

 

Die Pharmabranche hält erwartungsgemäß nichts von einer regelmäßigen Spätbewertung bereits am Markt befindlicher Produkte. »Was Medikamente leisten und warum es gut ist, für die Behandlung mehr als ein Mittel zur Auswahl zu haben, können Ärzte und Patienten am besten ermessen«, so die Hauptgeschäftsführerin der forschenden Pharmaunternehmen, Birgit Fischer. Die Krankenkassen würden hingegen immer versuchen, den Wert von neuen Medikamenten gering zu schätzen, weil das ihre Position für die Preisverhandlungen stärke.

 

Auch der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie kritisierte den Report als Stimmungsmache: Die Forderung nach einer Nutzenbewertung zu einem späteren Zeitpunkt sei ein Zeichen für Unkenntnis der derzeitigen Situation, sagte BPI-Hauptgeschäftsführer Henning Fahrenkamp. Viele Nutzenbewertungen seien befristet worden und mit der erneuten Vorlage von weiteren Studien zu einer späteren Neubewertung verbunden. /

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