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Innovationsreport 2015

AMNOG bietet zu viele Schlupflöcher

16.09.2015
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Von Ev Tebroke, Berlin / Das Regulierungsinstrument der frühen Nutzenbewertung verfehlt sein Ziel. Zu diesem Ergebnis kommt der Innovationsreport 2015, den die Techniker Krankenkasse (TK) vergangene Woche in Berlin vorstellte. Obwohl nicht besser als bereits existierende Arzneimittel, etablieren sich demnach viele neue Medikamente teuer am Markt.

Dem Report zufolge durchlaufen mittlerweile immer weniger neue Arzneimittel eine vollständige frühe Nutzenbewertung. So wurden von den zwanzig Präparaten, die 2012 neu auf den Markt kamen, lediglich zwölf vollständig nach den Vorgaben des Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetzes (AMNOG) bewertet. Die anderen acht Medikamente wurden der TK zufolge nur teilweise bewertet, da entweder ihr zu erwartendes Verordnungsvolumen als gering eingestuft wurde, die Präparate nicht erstattungsfähig sind oder aber als Orphan Drug bei der Nutzenbewertung einen Sonderstatus genießen. Bei diesen Medikamenten gegen seltene Erkrankungen gilt ein Zusatznutzen automatisch mit der Zulassung als belegt.


 

Echte Entscheidungshilfe

 

 

 

»Wenn das AMNOG endlich in der Arztpraxis ankommen und eine echte Entscheidungshilfe sein soll, müssen ausnahmslos alle neuen Arzneimittel auf ihren patientenrelevanten Zusatznutzen bewertet werden«, forderte Professor Gerd Glaeske, der zusammen mit seinem Team der Universität Bremen den Innovationsreport bereits zum dritten Mal in Folge im Auftrag der TK erstellt hat.


Für den aktuellen Report untersuchten die Gesundheitsökonomen die Arzneimittelinnovationen von 2012. Im Zentrum stand dabei die Frage, ob und wie die damaligen Markteinführungen in der Versorgungsrealität angekommen sind.

 

Die Bewertung erfolgte nach dem Ampelsystem: Rot steht für nicht innovativ, gelb für begrenzt innovativ und grün für innovativ. Bei der Einstufung eines Medikaments wurden dabei auch längerfristige Kosten-Nutzen-Kriterien berücksichtigt, etwa vermiedene Krankenhaus­auf­ent­halte, aber auch eine Zunahme von Begleiterkrankungen, die ein neues Medikament eventuell mit sich bringt.

 

Das Ergebnis: Von den zwanzig untersuchten Arzneimitteln bekam lediglich das Krebsmedikament Zelboraf® (Vemurafenib) eine grüne Ampel. Sieben Präparate erhielten gelb und zwölf die Bewertung rot. Bemerkenswert ist laut TK dabei , dass mehr als die Hälfte der untersuchten Präparate trotz fehlendem Zusatznutzen in die Leitlinien medizinischer Fachgesellschaften aufgenommen wurde – die wiederum beeinflussen maßgeblich die Verordnungsentscheidung der Ärzte.

 

Ein weiteres Problem sehen die Report-Herausgeber in der zunehmenden Fokussierung der Pharmaindustrie auf »lukrative Therapiegebiete«, wie Professor Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, sagte. So waren fünf der zwanzig neu zugelassenen Präparate im Jahr 2012 Orphan Drugs und neun Onkologika. Ludwig zufolge führen die meist »exorbitant hohen Preise« dieser Medikamente dazu, dass Hersteller eine Vielzahl ähnlicher Wirkstoffe, sogenannte Me-Too-Präparate, auf den Markt bringen, ohne Zusatznutzen, aber zu ebenfalls hohen Preisen. Der Trend zu immer enger gefassten Indikationen ist nach Ansicht der Autoren des Reports bedenklich. Schon jetzt haben demnach Orphan Drugs am globalen Arzneimittelumsatz einen Anteil von etwa 15 Prozent, Tendenz steigend.

 

Die Pharmahersteller weisen die Kritik zurück und schieben den Kassen den schwarzen Peter zu: Nicht die Nutzenbewertung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss, sondern deren Folgenlosigkeit sei das Hauptproblem. »Selbst wenn ein Zusatznutzen festgestellt wird, kommt dieser noch lange nicht beim Patienten an«, so die Hauptgeschäftsführerin der forschenden Pharmaunternehmen, Birgit Fischer. Die Ursache hierfür sieht sie in einem steigenden Druck auf Ärzte, der auf eine zurückhaltende Verordnung neuer Medikamente abziele. /

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