Pharmazeutische Zeitung online
Selbstmedikation

Evidenz und Erfahrung

15.06.2016  09:05 Uhr

Von Annette Mende, Berlin / Apotheker sind dazu verpflichtet, ihre Patienten grundsätzlich evidenzbasiert zu beraten. Das gilt auch und besonders für die Selbstmedikation, wo sie meist die einzigen Heilberufler sind, mit denen der Kranke in Kontakt kommt. Wie man sein Beratungswissen am besten up to date hält, war Thema einer Veranstaltung beim Hauptstadtkongress in Berlin.

Noch nie gab es eine Zeit, in der so viel medizinisch-pharmazeutisch geforscht wurde wie heute. »Das medizinische Fachwissen verdoppelt sich momentan ungefähr einmal pro Jahr«, sagte Dr. Anna Laven, klinische Pharmazeutin an der Universität Düsseldorf. Diese Entwicklung werde sich noch weiter beschleunigen. »2020 rechnen wir mit einer Verdopplung des Fachwissens alle 70 Tage.« Angesichts dieses gigantischen Wissenszuwachses seien Apotheker auf Unterstützung bei der Entscheidungsfindung in der Beratung angewiesen.

»Viele wünschen sich hier eindeutige, klare Regeln«, sagte Dr. Christian Belgardt, Präsident der Apothekerkammer Berlin. Etwa im Stil einer Ampel: grün gleich empfehlenswert, gelb gleich unter Umständen empfehlenswert und rot gleich ungeeignet. »Jeder, der mit Patienten arbeitet, weiß aber, dass ein Patient keine Ampel ist, sondern sehr viel komplexer«, so Belgardt.

 

Leitlinien als Basis

 

Eine solche Ampelkennzeichnung hätte zudem den Nachteil, dass der Apotheker zur Auswahl eines Medikaments unter Umständen sogar überflüssig werden könnte. Das sei jedoch keinesfalls der Sinn der evidenzbasierten Pharmazie, so Laven. Diese ist laut Definition des Netzwerks evidenzbasierte Pharmazie der gewissenhafte, ausdrückliche und vernünftige Gebrauch der gegenwärtig besten wissenschaftlichen Datenlage für Entscheidungen in der pharmazeutischen Versorgung und Beratung. »Sie soll die Entscheidung des Apothekers unterstützen, sie ihm aber nicht abnehmen«, betonte Laven. Sie nannte Leitlinien und die Meta­analysen der Cochrane Collaboration als Beispiele für gute Quellen, in denen das aktuelle Wissen bereits zusammen­gefasst ist.

 

Um hier gut abzuschneiden, müssen die Hersteller von OTC-Produkten selbst überzeugende Daten liefern, die die Wirksamkeit ihrer Präparate unter Praxisbedingungen zeigen. Bei den großen Unternehmen hat man das verstanden, wie Dr. Tobias Mück von Boehringer Ingelheim betonte: »Wir wollen in der Selbstmedikation für Evidenz stehen. Deshalb führen wir regelmäßig GCP-konforme Studien zu unseren Präparaten durch, die die Basis der Evidenz darstellen. Auch die Apotheke kann zur Gewinnung von Real Life Daten beitragen. Momentan werden vermehrt apothekengestützte Patientenbefragungen zu unseren OTC-Präparaten durchgeführt, die helfen können, die Evidenz klinischer Studien zu untermauern.« Jeder Apotheker bekomme sämtliche Veröffentlichungen dieser Untersuchungen auf Anfrage zur Verfügung gestellt.

 

»Wo man die Evidenz schaffen kann, muss man das als Hersteller tun«, pflichtete Dr. Martin Braun von der Firma Schwabe bei. Das sei auch für den internationalen Erfolg von OTC-Präparaten unabdingbar. Er wehrte sich gegen einen Generalverdacht der Parteilichkeit, der den Firmen und ihren Informationen oft entgegenschlage. Die Unternehmen hätten selbst ein großes Interesse daran, die Wirksamkeit ihrer Produkte gut zu dokumentieren. Dennoch müsse der Apotheker auch stets den Patientenwunsch und seine eigene Erfahrung mit berücksichtigen.

 

Kommunikation ist entscheidend

 

Letztere sowie die kommunikativen Fähigkeiten des Apothekers entscheiden in der Praxis ohnehin mit darüber, wie gut ein Präparat – ob OTC oder Rx – einem Patienten helfen kann. Denn das beste Medikament kann nur dann seine Wirkung entfalten, wenn es richtig angewendet wird. »Wir wissen aber aus Befragungen, dass zum Teil nur 50 Prozent der Patienten ihre Therapie compliant durchführen. Das gilt auch dann, wenn sie schwer krank sind«, sagte Laven. Für die mangelnde Therapietreue gebe es viele Gründe, darunter Unverträglichkeiten, aber auch, dass Patienten nicht verstanden haben, wie oder warum sie ein Medikament anwenden sollen. »Wenn wir über evidenzbasierte Beratung sprechen, müssen wir daher auch über die Patienten sprechen und darüber, wie Apotheker und Ärzte motivations­orientiert mit ihnen kommunizieren sollten«, so Laven. /

Mehr von Avoxa