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Evidenz bei OTC-Arzneimitteln

Es muss nicht immer »A« sein

18.10.2016
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In der Selbstmedikation evidenzbasiert zu beraten, heißt nicht automatisch, immer das Präparat mit den besten wissenschaftlichen Daten auszuwählen. Die individuellen Besonderheiten des ­Patienten sowie die eigenen therapeutischen Erfahrungen des Apothekers sollten bei einer Empfehlung ebenfalls berücksichtigt werden. Darin waren sich die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion in der Pharma World einig.

Der Begriff Evidenz werde heute meist allgemein mit dem höchsten Grad an verfügbaren wissenschaftlichen Daten gleichgesetzt, verdeutlichte Professor Theo Dingermann von der Universität Frankfurt am Main. Evidenzbasiert zu beraten, bedeute aber nicht, sich nur die verfügbaren Daten, die sogenannte externe Evidenz, anzuschauen. »Es muss nicht immer das Medikament mit dem höchsten Evidenzgrad A sein«, verdeutlichte der Pharmazeut. Vielmehr müsse man die individuelle Situation des Patienten sowie die eigenen therapeutischen Erfahrungen – die interne Evidenz – mit berücksichtigen.

 

Listen, die OTC-Präparate nach ihrer Evidenz ordnen, sollten daher nur zur Information herangezogen werden, es seien keine Handlungsempfehlungen, so Dingermann. Jede Apotheke müsse diese Informationen für die eigene Apotheke aufbereiten. »Jede Apotheke braucht eine eigene kleine interne Arzneimittelkommission, die Informationen sammelt und für die Apotheke aufbereitet«, sagte der Apotheker. Eine Aufgabe, die sich zum Beispiel für Pharmazeuten im Praktikum (PhiP) gut eigne.

 

Auch Stefan Fink, Vorsitzender des Thüringer Apothekerverbands, begrüßte die Idee einer apothekeninternen Arzneimittelliste. »Evidenz ist ein wichtiges Werkzeug im großen Werkzeugkasten des Apothekers«, sagte Fink, der eine eigene Apotheke in Weimar betreibt. Dem Apotheker komme eine Lotsenfunktion zu. Der autonome Pa­tient habe heute zu viele Informa­tionen. Das Problem sei, aus allen verfügbaren Informationen die richtigen herauszufiltern.

 

Externe Evidenz ist notwendig, aber nicht ausreichend, verdeutlichte auch Traugott Ullrich, Geschäftsführer des Phytopharmaka-Herstellers Schwabe. »Ohne interne Evidenz nützt die externe nur bedingt«, sagte er. Dennoch: Externe Evidenz ist ein wichtiges Kriterium, auch im OTC-Markt. »Wir brauchen klinisch getestete OTC-Präparate. OTC-Arzneimittel dürfen keine Arzneimittel zweiter Klasse sein, auch nicht in Bezug auf die Evidenz«, sagte Ullrich. Dies ist allerdings nicht zum Schnäppchenpreis zu haben: »Die Preise repräsentieren das, was wir in Herstellung, klinische Untersuchungen und Forschung investieren«, so Ullrich.

 

Er forderte, dass OTC-Produkte auch bei Fortbildungen eine größere Rolle spielen sollten. Er kritisierte, dass eine Akkreditierung bei Apothekerfortbildungen daran geknüpft sei, dass nur Wirkstoffe, keine Präparate, genannt werden dürften. »Gerade bei pflanzlichen Präparaten ist das ein Problem, da sich etwa verschiedene Extrakte stark unterscheiden«, sagte er. Auch in wissenschaftlichen Leitlinien dürfen keine Präparatenamen genannt werden – laut Dingermann erschwert dies pflanzlichen Arzneimitteln, dort aufgenommen zu werden. »Das sollte pragmatischer gehandhabt werden«, forderte der Pharmazeut. /

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