Pharmazeutische Zeitung online
Antiseptika

Kampf den Keimen

10.06.2014  11:15 Uhr

Von Verena Ruß / Der bisweilen unkontrollierte Einsatz von Antiinfektiva hat zu teilweise schwer zu kontrollierenden resistenten Keimen geführt. Richtig eingesetzte Antiseptika scheinen wichtiger denn je zu sein. Welche antiseptischen Maßnahmen an Haut, Schleimhäuten und Wunden sind sinnvoll und notwendig?

Die Suche nach antiseptischen Wirkstoffen ist ähnlich alt wie die Medizin und wurde immer wieder von Hoffnung, Enttäuschung, Erfolg und Misserfolg getragen. Der Arzt Ignaz Semmelweis führte aufgrund seiner rein empirischen Erkenntnisse zur Prophylaxe des Kindbettfiebers die Antiseptik in die Medizin ein. Mitte des 19. Jahrhunderts forderte er – ohne die Existenz von Bakterien und Viren zu kennen –, Hände und Instrumente in der Klinik stets mit Chlorkalk zu desinfizieren. Schnell stellte sich heraus, dass dies eine wirkungsvolle Maßnahme war, um die Sterblichkeitsrate am Kindbettfieber deutlich zu senken (1).

 

Semmelweis’ Arbeiten wurden zu seinen Lebzeiten nicht gewürdigt. Erst durch Louis Pasteurs Abhandlungen zu Keimen und Joseph Listers Einführung der von ihm entwickelten Phenol-­getränkten Okklusionsverbände sowie dem raumdesinfizierenden Carbolspray konnte gezeigt werden, dass eine antiseptische Arbeitsweise die Sterblichkeit, beispielsweise bei chirurgischen Eingriffen wie Amputationen, ­signifikant senken kann (2). Ein gravierender Nachteil zeigte sich jedoch schnell: Toxische Nebenwirkungen des Phenols wie Hautgangrän und systemische Vergiftungen führten teilweise bis zum Tod des Patienten.

 

Versuche mit Sublimat, Iodoform, Azofarbstoffen und später Sulfonamiden brachten auch keinen dauerhaften Erfolg. Mit der Entdeckung des Penicillins und dem Beginn der Antibiotika-Ära verloren Antiseptika lange Zeit an Bedeutung, da Infektionen mit Antibiotika schnell und effizient behandelt werden konnten.

 

Erst 1961 wurde in einem Leitartikel des Journal of Clinical Pathology die Bedeutung der Antiseptik und Desinfek­tion erneut formuliert. Der damalige Wortlaut hat nichts von seiner Bedeutung verloren (3): »Der mitunter erschreckend wahllose Gebrauch von Antibiotika in den vergangenen Jahren führte zu mehreren resistenten Keimen ganz ­gewöhnlicher Bakterienkulturen. Dies zwingt uns nun dazu, sich wieder an die Grundsätze der Antiseptik zu erinnern.«

Tabelle: Antiseptika, ihre Wirksamkeit und Anwendungsweise

Wirkstoffe Wirksamkeit Anwendungsort
Alkohole
Ethanol, Isopropanol, Phenoxyethanol bakterizid, fungizid, teilweise viruzid Haut, Schleimhaut
Quartäre Ammoniumverbindungen
Benzalkonium bakterizid (eingeschränkt bei gramnegativen Keimen), fungistatisch, viruzid Haut, Schleimhaut
Cetylpyridinium bakterizid Mund- und Rachenraum
Octenidin bakterizid, fungizid, viruzid Haut, Schleimhaut, Wunde
Polyhexanid bakterizid, fungizid, viruzid Wunde
Iod-haltige Verbindungen
Povidon-Iod bakterizid, fungizid, sporozid, viruzid Haut, Schleimhaut, Wunde
Halogen-haltige Verbindungen
Chlorhexidin bakteriostatisch, fungistatisch, virustatisch Mundraum, Haut, Schleimhaut
Sonstige Verbindungen
Hexetidin bakteriostatisch Mund- und Rachenraum
Bibrocathol bakterizid Auge

Ziel: Sepsis vermeiden

 

Mit Antiseptik, griechisch »gegen Fäulnis«, bezeichnet man alle Maßnahmen zur Verminderung von infektiösen Keimen mit dem Ziel, eine systemische Entzündungsreaktion des Körpers aufgrund einer Infektion durch Bakterien, Viren, Toxine oder Pilze (Blutvergiftung, Sepsis) zu vermeiden. Zu den antiseptischen Maßnahmen zählen zum einen die Desinfektion des Menschen, also von Körperoberflächen wie Haut, Schleimhäuten oder Wunden, aber auch die Desinfektion von Oberflächen, Materialien und Gegenständen. Gemäß dem Deutschen Arzneibuch (DAB) bedeutet Desinfektion ganz allgemein: »Totes oder lebendes Material in einen Zustand versetzen, sodass es nicht mehr infizieren kann«.

 

Die Anforderungen an Antiseptika sind relativ einfach. Sie müssen verschiedene Krankheitserreger (Bakterien, Viren, und Pilze) mit ausreichender Sicherheit rasch abtöten, ohne den Patienten selbst zu schädigen. Darüber hinaus sollten sie eine gute Gewebeverträglichkeit mit einem möglichst gering allergisierenden Potenzial haben. Auch sollten sie eine möglichst geringe systemische Toxizität aufweisen und durch körpereigene Sub­stanzen wie Eiter oder Blut (Eiweißfehler) nicht inaktiviert werden. Außerdem sollten sie trotz verlässlicher Wirkung die Umwelt möglichst wenig belasten.

 

Antiseptika können beim Menschen prophylaktisch oder bei einer Infektion auch unterstützend therapeutisch eingesetzt werden. Zur Prophylaxe werden keimtötende Stoffe verwendet. Zur Therapie ist unter Umständen eine wachstumshemmende Wirkung ausreichend, um eine Regeneration der körpereigenen Bakterienflora zu ermöglichen. Ihre mikrobizide oder -statische Wirkung erzielen Antiseptika, indem sie entweder in den Stoffwechsel oder die Zellstruktur der Erreger eingreifen (Tabelle).

 

Alkohole wie Ethanol oder Isopropanol denaturieren die Struktur der Eiweiße von Mikroorganismen, sodass diese absterben. Quartäre Ammoniumverbindungen verändern die Zellmem­branen der Krankheitserreger, sodass diese permeabel werden und sich auflösen. Zu dieser Gruppe zählen zum Beispiel Benzalkoniumchlorid und Cetylpyridinium­chlorid, aber auch Octenidin und Polyhexanid.

 

Iod-haltige und halogenierte Verbindungen stören die Proteinbiosynthese, indem sie die Bildung bestimmter Enzyme hemmen. Hierdurch wird der Zellstoffwechsel so gestört, dass die Organismen absterben. Zu dieser Gruppe gehören zum Beispiel Povidon-Iod und Chlorhexidin. Andere Substanzen unterschiedlicher chemischer Struktur wie Hexetidin oder Bibrocathol entfalten ihre Wirkung durch DNA-Schädigung oder Störung der Enzymbildung.

 

Bei der Auswahl des richtigen Antiseptikums sind die Anwender häufig unsicher. Bei der Beratung in der Apotheke sind vielerlei Fragen zu klären: Wo soll das Antiseptikum aufgebracht werden, handelt es sich beispielsweise um eine offene Wunde oder um Schleimhaut? Möchte man großflächig desinfizieren? Außerdem stellt sich immer wieder die Frage, welches Wirkspektrum benötigt wird: Sollen neben Bakterien auch Viren eliminiert werden? In der Beratung sollte das Apothekenteam zudem darauf eingehen, wie lange das Antiseptikum einwirken soll und wie lange man es anwenden kann. Es sei angemerkt, dass es kein universell geeignetes Antiseptikum für Wunden, Haut und Schleimhaut gibt.

 

Desinfektion von Wunden

 

Schnitt- und Schürfwunden, Kratzer oder Schrammen: Harmlose kleinere Verletzungen, die nicht stark bluten, können meist selbst versorgt werden. Ist die oberste Hautschicht stark verschmutzt, sollte man die Wunde zunächst gründlich mit lauwarmem Trinkwasser reinigen. Patienten mit tieferen Wunden sollten umgehend zum Arzt gehen, auch wenn die Verletzung äußerlich nicht immer gefährlich erscheint. Dies gilt insbesondere für Platz- und Stichwunden.

Um das Risiko einer Infektion zu vermindern, sollten Wunden nach der Reinigung möglichst desinfiziert werden. Meist reicht die einmalige Anwendung eines Antiseptikums aus. Liegen aber Zeichen einer Infektion vor, ist die Wunde also leicht gerötet, wird sie dicker oder fühlt sich warm an, sollte sie bis zum Verschwinden der Symptome, jedoch nicht länger als zwei bis sechs Tage immer wieder desinfiziert werden. Halten die Infektionszeichen an, sollte das Apothekenteam dringend einen Arztbesuch empfehlen.

 

Octenidin und Polyhexanid sind Mittel der ersten Wahl zur Wundantiseptik. Beide Substanzen wirken bakterizid und fungizid und haben ein breites Wirkspektrum. Relevante Resistenzen sind nicht bekannt. Octenidin wird handelsüblich in der Kombination mit Phenoxyethanol (Beispiel: Octenisept®) sowie mit 1- oder 2-Propanol (Beispiel: Octeniderm®) angeboten. Die erforderliche Einwirkzeit ist sehr kurz: 30 Sekunden reichen aus. Die Wirkung hält lange an, und allergische Reaktionen können ausgeschlossen werden.

 

Octenidin hat einen geringen Eiweißfehler, Polyhexanid hingegen keinen. Letzteres zeigt eine sehr gute Gewebeverträglichkeit, ist nicht allergisierend und fördert zudem die Wundheilung (Beispiele: Prontoderm®, Prontosan®, Serasept®, Lavasept®, Decontaman®). Die Einwirkzeit ist jedoch länger; man muss mit mindestens fünf Minuten bis zum Wirkungseintritt rechnen. Polyhexanid darf nicht bei Knorpelschäden, intralumbal und im Mittel- und Innenohr angewendet werden.

 

Povidon-Iod ist ein weiteres schnell (innerhalb von 30 Sekunden) wirksames Haut- und Wundantiseptikum mit breitem Wirkspektrum (Beispiele: Betaisodona®, Braunol®, Freka-Cid®, Traumasept®). Aufgrund des Eiweißfehlers ­sollte es nicht bei blutenden Wunden verwendet werden. Povidon-Iod kann ein leichtes Brennen hervorrufen. Die Lösung kann braune Flecken auf Textilien erzeugen, die man möglichst schnell mit warmen Wasser und Seife auswaschen sollte. Iod-haltige Antiseptika dürfen bei Menschen mit Schilddrüsenerkrankungen, in der Schwangerschaft ab dem ­dritten Monat, während der Stillzeit, bei Neugeborenen, Säuglingen und Kindern nicht angewandt werden.

 

Vor dem Stich

 

Bei jeder Punktion oder Injektion wird die Hautoberfläche verletzt. Dadurch besteht stets die Gefahr, dass Hautkeime, zum Beispiel durch den Stichkanal, in den Körper eindringen. Insbesondere bei intravenösen oder intramuskulären Applikationen ist eine vorherige Haut­antiseptik obligat.

 

Vor subkutanen Injektionen, zum Beispiel von Insulin, Heparin, Zytokinen, Interferonen oder Immunmodulatoren, die der Patient selbst vornimmt, ist eine Hautdesinfektion ratsam. Viele Diabetespatienten desinfizieren die Haut vor der subkutanen Insulin-Injektion jedoch nicht. Da sich gezeigt hat, dass hieraus kein erhöhtes Infektions­risiko resultiert, ist nichts dagegen einzuwenden. Voraussetzung ist jedoch eine einwandfreie Körperhygiene (4). Gleiches gilt somit für alle anderen Patienten, die sich selbst subkutan spritzen. Am besten sollte die Injektion nach der morgendlichen Dusche erfolgen. Bei bettlägerigen Patienten gilt dies jedoch nicht, da hier die Körperhygiene oft weniger verlässlich ist und meist andere Personen die Injektion ausführen (4).

 

Durch die in Sekunden einsetzende Wirkung sowie die schnelle Trocknung auf der Haut sind Alkohol-basierte Präparate Mittel der Wahl für eine effiziente Hautantiseptik (Beispiele: Kodan®, Alkohol Pads®). Ethanol und Isopropanol besitzen ihre Wirkungs­optima in Konzentrationen von 75 bis 80 Prozent. Der Wassergehalt ist für die bakterizide Wirkung notwendig. Die Wirkung von Isopropanol kann darüber hinaus durch leichtes Alkali­sieren in Richtung seiner viruziden Wirksamkeit erhöht werden.

 

Der Patient sollte von beiden Alkoholen immer nur so viel verwenden, dass der Applikationsort gereinigt, die schützende Fettschicht der Haut aber nicht zerstört wird. Am besten erreicht man dies, wenn man Tupfer oder gefaltete Kompressen verwendet.

 

Die optimalen Einwirkzeiten werden gemäß der DGHM-Desinfektionsmittelliste (Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie) folgendermaßen definiert: Talgdrüsenreiche Areale benötigen eine längere Einwirkzeit als talgdrüsenarme Regionen. Das bedeutet, dass das Antiseptikum auf talgdrüsenarmen Arealen, zum Beispiel Armen, Beinen oder dem Unterbauch, vor Injektionen und Punktionen mindestens 15 Sekunden einwirken soll. Vor ­einer Punktion von Gelenken, Körperhöhlen, Hohlorganen und vor Opera­tionen an diesen Stellen sollte die Haut mindestens eine Minute benetzt werden. An talgdrüsenreicher Haut, zum Beispiel am Kopf oder der vorderen und hinteren Schweißrinne, sollte das Antiseptikum mindestens zehn Minuten einwirken. Die Haut muss dabei ständig befeuchtet sein.

 

Nach der Desinfektion ist darauf zu achten, dass das Antiseptikum vollständig abgetrocknet ist. Durch Eintrag von Alkoholresten in das Subkutangewebe kann es zu einer Entzündung mit dem Risiko einer Gewebeverhärtung kommen.

Händedesinfektion – hygienisch rein?

 

Während die Hautdesinfektion vornehmlich dem Eigenschutz des Patienten dient, soll die Händedesinfektion vorrangig die Übertragung von Keimen auf andere Personen verhindern. Im Normalfall reicht hierfür Händewaschen mit Seifen oder Syndets aus.

 

Die hygienische Händedesinfektion ist vor allen invasiven Maßnahmen sowie vor und nach jedem Patientenkontakt im klinischen Bereich und in der häuslichen Pflege erforderlich. Gleiches gilt für jeg­liche Tätigkeiten, die eine Kontamina­tionsgefahr bergen. In der Apotheke soll sie vor und nach jedem Kontakt mit Blut (Blutzucker- oder Cholesterolmessung) erfolgen, auch wenn bei diesen Tätigkeiten Handschuhe getragen werden, sowie nach dem Toilettenbesuch. Auch vor der Herstellung von Arzneimitteln in der Rezeptur ist eine hygienische Händedesinfektion ratsam.

 

Die hygienische Händedesinfektion erfolgt gemäß der DIN EN 1500 (Grafik) (5). Sie reduziert die Zahl von Erregern auf der Haut so weit, dass deren Weiterverbreitung verhindert wird. Im Gegensatz dazu führt die gründlichere chirurgische Händedesinfektion vor Operationen zu einer weitgehenden Eliminierung aller Keime auf der Hautoberfläche, das heißt, es werden sowohl transiente als auch die residenten Keime abgetötet.

 

Mittel der Wahl für beide Arten der Händedesinfektion sind alkoholische Präparate (Beispiel: Kodan®). Hierfür werden etwa 3 ml in die trockene Hohlhand gegeben und verrieben. Die Einwirkzeit soll mindestens 30 Sekunden betragen. 15 Sekunden reichen für eine gute Benetzung der Haut mit dem ­Antiseptikum nicht aus (6).

 

Eine Studie aus dem Jahr 2008 ergab, dass die eigenverantwortliche Applikation des Händedesinfektionsmittels dem sechsstufigen Schema nach DIN EN 1500 offenbar überlegen ist. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass Probanden, die das Antiseptikum nach individueller Technik anwendeten und dabei selbst auf vollständige Benetzung achteten, bessere Ergebnisse erzielten als Anwender, die sich nach dem bisher empfohlenen Sechs-Schritte-Schema richteten. Aufgrund dieser Ergebnisse und im Zuge der erhofften höheren Compliance des medizinischen Personals empfiehlt der wissenschaftliche Beirat der »Aktion Saubere Hände« im Positionspapier »Einreibemethode« vom September 2011 (7) das eigenverantwortliche Einreiben unter besonderer Berücksichtigung von Fingerspitzen, Daumen und Nagelfalz.

 

Dennoch sollte man bei der eigenverantwortlichen Desinfektion die Verteilung des Händedesinfektionsmittels in sechs Schritten als Grundlage im Hinterkopf behalten (Grafik) (5):

 

  • Handflächen aneinander reiben,
  • Reiben der Handfläche an der Handoberseite der jeweils anderen Hand mit gespreizten Fingern,
  • Reiben der Handflächen aneinander, mit gespreizten Fingern,
  • Reiben der Oberfläche der Finger in der Handfläche der jeweils anderen Hand,
  • Reiben des jeweils anderen Daumens in der geballten Faust,
  • Reiben der Fingerkuppen in der Handfläche der jeweils anderen Hand.
     

Während des gesamten Vorgangs müssen die Hände immer feucht sein.

Da eine effiziente Händedesinfektion auch die hauteigene Flora beseitigt oder stört, ist immer eine gute Hautpflege erforderlich. Andersherum ist eine gesunde Haut auch immer Voraussetzung für eine effektive Händedes­infektion. Bereits kleinste Risse können zu Erregerreservoiren werden, Hautinfektionen verursachen und Erreger verbreiten. Zudem lässt sich eine ungepflegte Haut nicht sicher desinfizieren. Die Hautpflege muss deswegen systematisch und konsequent erfolgen. Verwendet werden stark fettende oder rückfettende W/O-Emulsionen oder Cremes.

 

Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) hat ein Themenheft »Hautschutz- und Händehygieneplan für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Apotheke« herausgegeben (www.bgw-online.de).

 

Gereinigter Mund- und Rachenraum

 

Infektionen, Antibiotika- und Zytostatikatherapie oder auch mangelnde Mundhygiene können Ursache einer Fehlbesiedlung von Keimen im Mundraum sein. Zur antiseptischen Mundhöhlenspülung können Octenidin- oder Chlorhexidin-haltige Präparate empfohlen werden (Beispiele: Chlorhexamed®, Dynexan®, Nystalocal®, Octenidol®).

 

Octenidin ist nicht nur bakterizid und fungizid, sondern auch viruzid wirksam, zum Beispiel gegen das Herpes-simplex-Virus. Bei oraler Anwendung findet kaum eine Resorption statt und wenn dann nur in Spuren durch Verschlucken, wobei Octenidin im Körper nicht kumuliert. Chlorhexidin-basierte Präparate sollten wegen ihrer tierexperimentell nachgewiesenen neurotoxischen Potenz und Induktion reversibel prämaligner Veränderungen in der Mundhöhle nicht länger als zwei Wochen angewendet werden (10). Darauf sollte das Apothekenteam den Patienten, insbesondere bei der Abgabe 0,2-prozentiger Lösungen, stets hinweisen.

 

Gegen unkomplizierte, meist viral bedingte Halsschmerzen, die bakterielle Superinfektionen nach sich ziehen können, sind viele Antiseptika in Form von Lutschtabletten, Gurgellösungen oder Rachensprays auf dem Markt. Sie sollen verhindern, dass eine bakterielle Dys­biose eine Infektion der Rachenschleimhaut hervorruft. In der Folge soll eine Ausweitung der Entzündung auf Mandeln, Kehlkopf und Bronchien vermieden werden. Ihr Nutzen ist umstritten.

 

Bei der Beratung empfiehlt es sich, der Leitlinie der DEGAM (Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin) zum Thema Halsschmerzen zu folgen (11): »Oberflächenantiseptika sind bei leichten, unkomplizierten Halsschmerzen, die in der Regel drei bis fünf Tage dauern, nicht zu empfehlen. Sie sind nachweislich unwirksam, da sie nur an der Oberfläche wirken und sich die Infektion in der Tiefe abspielt. Ebenso sind lokale Anästhetika oder Antibiotika nicht empfehlenswert. Den einzigen Wirksamkeitsnachweis gibt es für Ambroxol, wobei hier die lokalanästhetische Wirksamkeit verbunden mit der guten Verträglichkeit hervorzuheben ist.«

 

Nasenhöhlen: MRSA ade!

Die Antiseptik der Nasenhöhle wurde in der Vergangenheit nur wenig untersucht, obwohl diese ein bedeutendes Erreger­re­ser­voir darstellt. Sie hat speziell hinsichtlich der Methicillin-re­sis­tenten Staphylococcus aureus-Varianten (MRSA) große Bedeutung. Es wird geschätzt, dass 30 Prozent der noso­ko­mi­alen MRSA-Wundinfektionen durch Staphylokokken aus der Nase verursacht werden. Staphylococcus aureus ist gegenüber Trockenheit und Wärme sehr widerstandsfähig und kann in unbelebter Umgebung, zum Beispiel auf Oberflächen, Instrumenten und Kleidung, viele Monate überleben und infektiös bleiben. 

Er birgt somit ein großes Risiko – gerade für kranke Menschen, während die Besiedlung bei gesunden Menschen keine Gefahr darstellt. MRSA können Furunkel, schwere Wundinfektionen, Pneumonien oder eine Sepsis auslösen. Die hohe Widerstandsfähigkeit des Erregers erfordert ein exaktes Hygiene­management. Das Robert-Koch-Institut hat folgende Empfehlungen zur MRSA-Sanierung herausgegeben:

 

  • dreimal täglich antibakteriell wirksame Nasensalbe in beide Nasenvorhöfe einbringen (Mupirocin; bei Unverträglichkeit oder Resistenz: Octenidin oder Polihexanid in Gelform),
  • dreimal täglich Dekontamination von Mund- und Rachenraum: Gurgeln mit Octenidin, Polihexanid oder Chorhexidin nach dem Zähneputzen,
  • täglich (mindestens über drei Tage) Ganzköperwäsche mit Octenidin oder Polihexanid zur Desinfektion von Haut und Haaren,
  • täglicher Wechsel von Bett- und Körperwäsche.
     

Nach fünf Tagen wird eine zweitägige Pause eingelegt und der Erfolg dann mittels Abstrich überprüft. Im Krankenhaus sollte an drei aufeinanderfolgenden Tagen kein Erreger mehr nachweisbar sein. Falls doch, muss die Prozedur wiederholt werden, eventuell mit anderen Präparaten. Im ambulanten Bereich werden zusätzlich Langzeitkontrollen nach drei, sechs und zwölf Monaten empfohlen. Zusätzlich wird eine Desinfektion der patientennahen Umgebung sowie der persönlichen Gebrauchsgegenstände und Hygieneartikel empfohlen.

 

Lidrandentzündung: Schlimmeres verhindern

 

Bisweilen reagieren die Augen empfindlich auf Umwelteinflüsse. Trockene, staubige oder verrauchte Raumluft, Zugluft oder intensive Sonneneinstrahlung können entzündliche Prozesse an den Augenlidern oder den Bindehäuten auslösen und Juckreiz oder Brennen hervorrufen. Unwillkürlich verleiten diese Symptome zum Reiben am Auge. Dabei besteht jedoch die Gefahr einer Verschleppung von Krankheitserregern auf die bereits angegriffene Oberfläche der Augen und der Augenlider.

Um das Einnisten von Krankheitserregern, beispielsweise von Staphylokokken (Gerstenkorn), zu verhindern, ist neben einer wirksamen Entzündungshemmung, beispielsweise durch Salicylsäuretropfen, und Befeuchtung des Auges, zum Beispiel mit Hyaluronsäure, eine zuverlässige Desinfektion der Schleimhaut wichtig. Der antiseptische Wirkstoff Bibrocathol, der in Form von Augensalben auf den Lidrändern aufgetragen wird, bildet eine Schutzschicht, die das Risiko für eine Besiedlung der Horn- und Bindehaut mit Bakterien verringert. Eine aktuelle Studie zeigte, dass Bibrocathol im Vergleich zu Placebo sehr effizient ist und Rötung, Verkrustung und Schwellung des Auges signifikant verringert. Die Abheilung erfolgte auch schneller. Das Medikament wurde sehr gut vertragen und als sicher eingestuft (12).

 

Vor Operationen am Auge empfehlen einige Augenärzte Iod-haltige Lösungen zur Desinfektion am Tag vor der Operation. Hierzu werden standarisierte Povidon-Iod-Lösungen als sterile 1,25- bis 5-prozentige Verdünnung mit physiologischer Kochsalzlösung und/oder Phosphatpuffer in der Apotheke hergestellt. Die Vorschrift hierfür findet sich im NRF (13). /

 

Literatur bei der Verfasserin

Die Autorin

Verena Ruß studierte von 2000 bis 2004 Pharmazie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Nach dem Praktischen Jahr in der pharmazeutischen Industrie und Offizin begann sie ihre Promotion 2005 an der LMU in München im Bereich Pharmazeutische Biologie/Biotechnologie zum Thema Nichtviraler Gentransfer zur Tumor­therapie. In ihrer Postdoktorandenzeit am City of Hope in Duarte, Kalifornien/USA, erweiterte sie die Therapieziele auf die HIV-Therapie und kehrte 2009 nach Deutschland zurück. Seit 2010 ist sie Inhaberin einer Apotheke und nebenbei als freiberufliche Fachjournalistin tätig.

 

Dr. Verena Ruß, Franz-Fihl-Strasse 3, 80992 München, E-Mail: verenaruss(at)gmail.com

  • Links zum Titelbeitrag

Mehr von Avoxa