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Neue Arzneimittel

Innovationskraft in Gefahr

26.07.2013  13:07 Uhr

Von Werner Kurzlechner, Berlin / Um innovativ zu sein, brauchen die Pharmahersteller nach eigenem Dafürhalten hohe Gewinne in Märkten wie Deutschland. Von der Wissenschaft ernten die Hersteller aber Kritik. Ignoranz gegenüber Grundlagenforschung behindere die gewünschten Innovationen.

Das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) ist quasi unter Doppelbeschuss geboren: Die pharmazeutischen Unternehmen fühlen sich durch Nutzenbewertung und Preisverhandlungen mit der Gesetzlichen Krankenversicherung geschröpft, die politische Opposition vermisst gerade das – so meint man jedenfalls. Nun sollen – im Gegensatz zur SPD – die Grünen aber den Sinn des Gesetzes verstanden haben – aber erst, nachdem einem Cannabis-Präparat der Zusatz­nutzen abgesprochen worden sei.

Wahlkampf in vollem Gange

 

Mit diesem Polit-Kalauer erntete Jens Spahn (CDU), gesundheitspolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, beim Frühsommersymposium des Verbandes Forschender Pharmaunternehmen (VFA) in Berlin viele Lacher. Scharfe Spitzen wie diese signalisieren, dass der Wahlkampf allmählich heiß wird und außerdem die Justierungsarbeiten am AMNOG auf der Agenda stehen.

 

Spahn stellte grundsätzlich klar: »Wir wollen sparen.« Dazu sei das AMNOG da. »Ich bedaure, dass Sie das so pointiert sagen«, erwiderte pikiert VFA-Präsident Hagen Pfundner. Spahn indes teilte nicht nur aus und verteidigte trotz mancher Mängel die Intention des Gesetzes, sondern er räumte auch Versäumnisse der schwarz-gelben Koalition ein. Die im Koalitionsvertrag verankerte steuerfinanzierte Forschungsförderung ist nämlich in dieser Legislaturperiode nicht eingeführt worden. »Das ist daran gescheitert, dass das bisher nur über Schulden zu finanzieren gewesen wäre«, so Spahn.

 

Dabei verspricht gerade dieses Instrument einen Schub in die Richtung, über die auf dem Symposium in erster Linie diskutiert wurde. »Innova­tion neu denken«, lautete das Thema. Professor Peter H. Seeberger, Chemiker am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam, verhehlte nicht seine große Sorge um die Innovationskraft in der Republik und Deutschland als Standort der pharmazeutischen Forschung.

 

Seine gepfefferte Kritik zielte vorwiegend in Richtung des Gastgebers, also der Pharmaindustrie. Seeberger bedauerte, dass die Orientierung an Shareholder Value und Gewinnmaximierung zu einem negativen Image der pharmazeutischen Industrie führe. Er plädierte aber auch für »Gesundheitsmaximierung« als alternative Leitidee und für neue Risiko-Rendite-Modelle, die zum Beispiel die Forschung an günstigen Impfstoffen attraktiv machen könnten. Pfundner wertete dies als bewundernswerte »philanthropische Anschauungen«, er sei aber skeptisch, dass sich so die Innovationsprobleme beheben lassen.

 

Seeberger aber benannte als deren Ursache erstens die bei den Herstellern verbreitete Scheu, bei der Forschung ins Risiko zu gehen: »Es wird vielfach nur nach neuen Blockbustern gesucht.« Zweitens prangerte er die hierzulande zu strikte Trennung zwischen der von Hochschulen und Instituten betriebenen Grundlagenforschung und der angewandten Forschung an. Seine eigene Expertise etwa sei bei deutschen Firmen bisher kaum auf Interesse gestoßen, in den USA gleichwohl. Diese Kritik nahm Pfundner explizit an. Seeberger spreche ihm da aus dem Herzen, aber es gebe auch in der akademischen Welt oftmals Ignoranz gegenüber der klinischen Forschung und vor allem der Versorgungsforschung. »Das bessert sich mittlerweile, weil der internationale Druck größer wird«, so der Verbandschef.

 

Kultureller Wandel

 

Pfundner sprach über das Innovationspoten­zial, das es in globaler Perspektive bei der Suche nach Arzneimitteln für Krankheiten wie Aids, Malaria und Denguefieber gebe. Er forderte vor diesem Hintergrund einen kulturellen Wandel. Arzneimittelhersteller dürften gesellschaftlich und medial nicht ständig in die Rolle des bösen Buben gedrängt werden. Es müsse klar sein, dass eine günstige bis kostenfreie Versorgung von Kranken in ärmeren Ländern aus Unternehmenssicht letzten Endes nur durch entsprechende Gewinne in reichen Ländern wie Deutschland zu finanzieren sei. Dieser Aspekt werde in der Diskussion über das AMNOG gerne übersehen. /

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