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Pharmakoökonomie im Fokus

12.06.2007
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Pharmacon Meran 2007

Pharmakoökonomie im Fokus

Unbestreitbar sind die Ressourcen im Gesundheitswesen knapp. Da dies einen optimalen Mitteleinsatz erfordert, wächst die Bedeutung der Pharmakoökonomie. Der Apotheker sollte Kosten-Nutzen-Analysen verstehen und bewerten können.

 

»Pharmakoökonomie ist die Beschreibung und Analyse von Kosten und Nutzen der Arzneitherapie für Gesundheitswesen und Gesellschaft«, definierte Professor Dr. Knut Baumann von der Universität Braunschweig dieses Fachgebiet. Es gehe nicht um die Auswahl des billigsten Generikums, die Erhöhung der Zuzahlung oder das Deckeln von Arzneimittelpreisen. Vielmehr müsse der Einsatz der Mittel optimiert werden. »Um Rationierung abzufedern, ist Rationalisierung notwendig.«

 

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat seit der Gesundheitsreform 2007 die Aufgabe, Arzneimittel nicht nur anhand ihrer Wirksamkeit, sondern auch bezüglich der anfallenden Kosten zu bewerten. Noch steht kein einheitliches Verfahren dazu fest. Baumann sieht hier eine Chance für mehr Transparenz. »Wir als Apotheker müssen die Techniken des IQWiG kennen.«

 

Je nach Perspektive werden Studien unterschiedlich durchgeführt und bewertet. So interessieren sich Krankenversicherungen für die direkten Kosten wie Krankenhaustage und Arzneimittelpreise. Als Nutzen gilt eine schnelle Heilung. Aus gesamtgesellschaftlicher oder volkswirtschaftlicher Sicht werden auch indirekte Kosten in die Bewertung einbezogen. Dazu zählen Arbeitsausfall durch Krankheitstage und Frührente, also ein Produktivitätsverlust. Als Nutzen wird eine langfristige Genesung angesehen. Für den Patienten sind auch sogenannte intangible Kosten wichtig wie krankheitsbedingte Einschränkungen durch Schmerz oder Depression oder generell eine verminderte Lebensqualität. Die Bewertung von Kosten und Nutzen im Gesundheitssystem ist jedoch schwierig.

 

Je nach Perspektive und Fragestellung werden verschiedene Studienformen angewendet, die Baumann einteilte und an Beispielen vorstellte. So gibt es deskriptive nicht-vergleichende und vergleichende Pharmakoökonomie-Studien. Zum ersten Typ gehört die Krankheitskosten-Analyse, die nur die Kosten, aber nicht den Nutzen einer Therapie berücksichtigt. Diese Studien spielen eine Rolle bei der Zuweisung von Forschungsmitteln und für Präventionsprogramme.

 

Vergleichende Studien bewerten dagegen den Nutzen eines Arzneimittels gegenüber anderen Behandlungsmöglichkeiten. Die Studienformen unterscheiden sich in der Darstellung des Nutzens der Arzneimittel.

 

Die Kosten-Minimierungs-Analyse als einfachste Form geht von Äquivalenzdosen von Arzneimitteln aus, bei denen die Konsequenzen der Therapien wie Wirksamkeit und Nebenwirkungen identisch ausfallen, und betrachtet die Gesamtkosten. Zum Beispiel ist Clotrimazol-Creme auf den Grammpreis bezogen das preisgünstigste Mittel zur Fußpilzbehandlung, doch es muss lang angewendet werden. Topika mit Bifonazol haben zwar einen höheren Grammpreis, aber eine kürzere Therapiedauer, sodass die Gesamtkosten der Behandlung niedriger liegen als bei Clotrimazol, rechnete Baumann vor.

 

Am häufigsten werden Kosten-Effektivitäts-Analysen erstellt. Das Therapieergebnis muss hier einheitlich definierbar sein, um die Kosten vergleichen zu können. Typisch sind Formulierungen wie »Die Senkung des Blutdrucks um 10 mmHg mit diesem Arzneimittel kostet XX Euro«.

 

Beide Studientypen bewerten gut die technische Effizienz einer Therapie, eignen sich aber nicht als Entscheidungsgrundlage für die Zuweisung von Ressourcen, erläuterte der Referent. Hierfür seien komplexere Studienformen nötig, zum Beispiel die Kosten-Nutzwert-Analyse. Hier werden positive Effekte (der Nutzwert) umgerechnet in qualitätsbereinigte Lebensjahre (QALY). So entspricht ein Jahr bei 70 Prozent Lebensqualität 0,7 QALY, die in die Analyse eingehen. Problematisch ist, dass Lebensqualität von Patienten unterschiedlich eingeschätzt wird und Studien, in denen der Nutzwert mit unterschiedlichen Methoden erfasst wurde, nicht vergleichbar sind.

 

Statt in QALY wird bei der Kosten-Nutzen-Analyse im engeren Sinn auch der Nutzen einer Therapie in Geldeinheiten ausgedrückt, um besser vergleichen zu können. Der Referent gab jedoch zu bedenken, dass die monetäre Bewertung von Nutzen, zum Beispiel einer verhinderten Amputation oder einer Schmerzlinderung, schwierig und ethisch problematisch ist. Im westlichen Kulturkreis sei das Leben ein individueller Wert, der sich nicht mit Geld aufrechnen lässt. Pharmakoökonomische Studien liefern statistische Empfehlungen für Standardsituation, erinnerte Baumann, doch behandelt werden immer individuelle Menschen.

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