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Essen der Zukunft

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05.06.2018
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Von Jennifer Evans, Berlin / Wie und was werden wir in Zukunft essen, und wie schonen wir dabei die Ressourcen? Eine Sonder­ausstellung im Berliner Kunstgewerbemuseum zeigt Arbeiten von mehr als 30 internationalen Designern. Ihre Ideen reichen vom Essen aus dem 3-D-Drucker über Teller aus Seetang bis hin zu Hühnern mit VR-Headsets.

Bevor die Besucher der Ausstellung »Food Revolution 5.0« in das Museum gelangen, müssen sie über die »urbane Streuobstwiese« auf der Terrasse am Kulturforum spazieren. Dort hängen 80 Apfelbäume am Tropf. Wasser und Dünger laufen durch Plastikschläuche zur Pflanze. Das Projekt des niederländischen Designers Ton Matton zeigt, »wie ein Platz in der Stadt zur Produktionsstätte für Nahrungsmittel werden kann«, sagt die Kuratorin der Ausstellung, Claudia Banz.

 

Im Museumsinneren teilt sich die Ausstellung in die vier Bereiche Farm, Markt, Küche und Tisch auf. Die Küche ist der Ort, an dem Geschmackstrends, Lebensstile, Wohlstand, Genuss und Versorgung zusammentreffen. Doch das Wissen über die Herkunft der Lebensmittel, deren Produktion und Lagerung seien vielfach verloren gegangen, so Banz. Zudem sei eine täglich festgelegte Abfolge von Mahlzeiten durch die zunehmend mobile Gesellschaft weitgehend aufgelöst. Nahrungsaufnahme findet oft unterwegs, alleine und zu jeder Tageszeit statt. Für die Ausstellung spielen Fragestellungen rund um die Menge und Zusammensetzung unserer Nahrung genauso eine Rolle wie Traditionen sowie der Überfluss von Essen. Weltweit werden laut Welternährungsorganisation jährlich rund 1,3 Milliarden Tonnen an Lebensmitteln vergeudet.

 

Insekten als Ressource

 

Die Exponate wollen zum Umdenken inspirieren. Banz sagt: »Schon jetzt sollte man sich daran gewöhnen, dass künftig aufgrund schwindender Ressourcen auch Insekten auf dem Speiseplan stehen werden.« Wem das nicht so liegt, der kann es mit der »Minimal Nano Diät« der asiatischen Künstlerin Pei-Ying Lin versuchen. Die spekulative Esskultur befreit den Körper von Stoffwechselbelastungen und Verdauung. Nano-Essen ist transparent und mit allen notwendigen Nährstoffen angereichert. Optisch abwechslungsreich ist ein solches Menu allerdings nicht. Ganz anders sieht es mit dem »Digital Food« des Spaniers Martí Guixé aus. In seiner Vorstellung kommt das Essen der Zukunft aus dem 3-D-Drucker. Einfach die persönlichen Gesundheitsdaten eingeben und nach einer algorithmischen Analyse spuckt der Drucker dann das passende Gericht mit den aktuell benötigten Nährstoffen, Vitaminen und Proteinen aus. Je nach Vorlieben kann das Ergebnis noch in Geschmack, Textur und Form angepasst werden. Banz: »Dieses Konzept schont außerdem die Ressourcen, weil man nur druckt, wenn man Hunger hat.«

 

Mit Technik tricksen

Auch Essstörungen kommen in den Arbei­ten der Designer zur Sprache. Ein spezieller Bestecksatz beispiels­weise intensiviert beim Essen die Geschmacks­noten durch retronasale Aroma­wahrnehmung. Durch eine Stimulation des Frontallappens der Großhirnrinde soll sich so die Wahrnehmung jener Menschen verändern, die unter Orthorexia nervosa leiden – dem krankhaften Verlangen, besonders gesund zu essen. Das Besteck trickst ihr Gehirn durch die intensiven Sinneswahrnehmungen aus. Und macht so die mit der Krankheit einhergehende Angst, ungesunde Lebensmittel zu verspeisen, besser kontrollierbar. Damit solle sich das gesamte Essverhalten Betroffener verbessern, meint die Londoner Designerin Marina Mellado. Positiv beeinflussen will auch Marije Vogelzang das Essverhalten. Ihre bunten Objekte – platziert zwischen den Lebensmitteln auf dem Teller – sollen dem Gehirn größere Portionen vorgaukeln und so zu maßvollem Genuss zu bewegen.

 

Einig sind sich die Künstler, dass die Küche in Zukunft ihre »soziale Kraft« behalten sollte. Die Installation einer gemeinschaftlichen Kochlandschaft hat der Berliner Werner Aisslinger kreiert. Sie ist eine Verbindung aus Sitztreppe, Kochstelle und Arena. Der Designer kritisiert damit den passiven Konsum digitaler Kochshows. Stattdessen ist der Mensch hier in einer analogen, historischen Arena, wo er zugleich Koch, Zuschauer und Genießer ist. Den kommunikativen Gedanken gemeinsamen Essens verfolgt ein österreichisches Designer-Duo mit dem Projekt »Mobile Gastfreundschaft«. Mit einer schubkarrenartigen Küche samt Sitzgruppe zog es durch verschiedene Metropolen der Welt, um fremde Menschen im Freien zusammenzubringen – und wie früher bei gemeinsamen Mahlzeiten Geschichten zu erzählen.

 

Pilze statt Plastik

Geht es nach dem Amsterdamer Design-Studio Officina Corpuscoli, kommt künftig nur noch »Myzel« auf den Tisch. Derzeit untersucht es, wie die Biomasse pilzartiger Organismen verwendet werden kann, um daraus eine Alternative zu Plastik zu produzieren. Entsorge man Teller, Tassen oder Vasen aus Myzel würden sie wieder zum Nährstoffboden für neues Leben, so Banz. Ein weiterer Ansatz für Geschirr kommt vom Londoner Department of Seaweed. Es hat Prototypen für Schüsseln aus Blättern der japanischen Braunalge entwickelt. Die Vorteile dieser Pflanze lassen sich mit Blick auf ihre Nutzung und Ökobilanz auch auf europäische Algenspezies übertragen. Algen gelten auch als Superfood und enthalten Eiweiße, Kohlenhydrate und Omega-3-Fettsäuren. Im Notfall könnte sich der Mensch allein von ihnen ernähren, wie die von einem britischen Designer-Duo ausgestellte Algenmaske veranschaulicht. »Das Kohlendioxid in der Atemluft löst das Wachstum der Algen aus. Diese wachsen dem Konsumenten direkt in den Mund zurück. Der Mensch werde so als symbiotisches Wesen präsentiert und führe ähnlich einer Pflanze eine Art photosynthetischen Prozess durch, indem er durch die eigene Atmung Nahrung und Sauerstoff erzeuge«, erläutert Banz.

 

Mit nachhaltiger Landwirtschaft hat sich ein Projekt des Fraunhofer Instituts befasst. Auf einer vertikalen Farm wachsen auf mehreren Ebenen Salat und Kräuter in einem sogenannten hydroponischen System. Dabei stehen die Pflanzen nicht in der Erde, sondern in einem Substrat beziehungsweise einem Rinnensystem, aus dem die Nährstoffe in der benötigten Konzentration direkt bei der Pflanze ankommen. Schädlinge haben es unter den künstlichen Bedingungen schwer und der Anbau gelingt auch in Städten auf kleinstem Raum. Außerdem hat das Gemüse Bio-Qualität.

 

Mit einem Augenzwinkern präsentiert Banz das Ausstellungsstück »Second Livestock« des US-Designers Austin Stewart. Es zeigt ein Huhn mit VR-Headset. Angesichts des Stresses, dem das Tier in den Ställen bei der Massenhaltung ausgesetzt ist, stehe ihm die Flucht aus der Realität in Form eines virtuellen Kurzurlaubs zu, erläutert Banz.

 

Was macht der Mensch aber, wenn Fleisch künftig Mangelware ist? Die Holländerin Chloé Rutzerveld präsentiert dazu ihre Arbeit »In Vitro Me«: ein Bioreaktor-Amulett, das eng an der menschlichen Brust körpereigenes Musekelgewebe kultiviert. Durch die Verbindung mit dem Blutkreislauf gelingt der notwendige Austausch von Wärme, Sauerstoff, Nährstoffen sowie Abfallprodukten. Banz: »Der Körper wird praktisch zur Farm, der Mensch zum Koproduzenten.«

 

Frage der Verantwortung

Die Ideen und Modelle der Designer wollen motivieren, die Einstellung zu Lebensmitteln zu überdenken und zu verändern. Deutlich wird, wie stark die Industrialisierung im 20. Jahrhundert die Entwicklung und den Umgang mit Essen beeinflusst hat, Lebensmittel zu Massenprodukten wurden und die Grenze zwischen (Ess-)Kultur und Kommerz zunehmend verschwimmt. Biodiversität verschwindet mehr und mehr. Nach Angaben der Kuratorin stammen heute 75 Prozent der Lebensmittel auf der Welt von nur 12 Pflanzen und fünf Tierarten ab. Außerdem gehen auf das Konto der industriellen Landwirtschaft gut 70 Prozent des Süßwasserverbrauchs und ein Drittel der zivilisationsbedingten Treibhausemissionen. Banz betont: »Die Welt braucht eine Food Revolution, die neue Technologien mit handwerklichen Kulturtechniken und kulturellem Wissen verbindet.« Das eigentliche Umdenken, dass der Konsum von Essen auch eine Frage der Verantwortung ist, beginne jedoch bei jedem Einzelnen zu Hause. /

»Food Revolution«

Die Sonderausstellung »Food Revolution 5.0« ist bis zum 30. September 2018 im Berliner Kunstgewerbemuseum zu sehen.

www.smb.museum

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