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Pharmacon Meran

Medikationsplan ist Etikettenschwindel

02.06.2015
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Von Kerstin A. Gräfe, Meran / Vergangene Woche wurde der Kabinettsentwurf zum E-Health-Gesetz beschlossen. Der Präsident der Bundesapothekerkammer (BAK), Andreas Kiefer, übte in seiner Eröffnungsrede zum Pharmacon Meran harsche Kritik. Er sprach von Etikettenschwindel, Konstruktionsfehlern und einem Gesetz zulasten Dritter.

Beginnen wollte Kiefer seine Rede jedoch mit einer positiven Nachricht. Als die Pille danach aus der Rezeptpflicht entlassen werden sollte, war die Aufregung groß gewesen und Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hatte die Sicherstellung der Beratung angemahnt. »Die Apotheker haben diese Herausforderung mit Bravour gemeistert«, so Kiefer. Sie hätten wieder einmal gezeigt, dass sie die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) sicherstellen könnten. Kiefer führte dies auf die Qualifikation und Motivation der Apotheker zurück sowie auf bereitgestellte Instrumente wie den BAK-Leitfaden zur Pille danach.

Er zeigte sich überzeugt, dass dieser Erfolg auch auf andere Bausteine wie den Medikationsplan übertragen werden kann. »Doch so wie dieser im Gesetz angelegt ist, kann er nur als Etikettenschwindel bezeichnet werden«, sagte Kiefer. Der Gesetzesentwurf habe zwei schwerwiegende Konstruktionsfehler. Zum einen würden die Daten der Selbstmedikation im Medika­tionsplan nicht berücksichtigt und eine strukturelle Einbindung der Apotheker finde nicht statt. »Der Gesetzentwurf ist zu kurz gesprungen«, so Kiefer. Da­rüber hinaus fehle die essenzielle systemische Medikationsanalyse durch den Apotheker. Insofern könne der jetzt im E-Health-Gesetz vorgesehene Medikationsplan höchstens als Sammlung von Anwendungshinweisen betrachtet werden.

 

Zeit und Geld

 

Sowohl die Erfassung der Medikation inklusive Selbstmedikation als auch die pharmazeutische Bewertung seien unerlässlich für einen Medikationsplan im Sinne der AMTS, betonte Kiefer. Doch dies koste Zeit und Geld und sei eine neue Dienstleistung, die honoriert werden müsse. »Das E-Health-Gesetz in seiner jetzigen Form geht eindeutig zulasten Dritter.«

 

Die Kompetenz der Apothekerschaft im Bereich AMTS sei allgemein anerkannt: Das Bundesgesundheitsministerium fördere das Projekt Prima (Primärsystem-Integration des Medikationsplans mit Akzeptanzuntersuchung), ein Modellprojekt der ABDA zum heilberufsübergreifenden Medikationsplan. Im Rahmen der Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte habe die Apothekerschaft die Federführung im Bereich AMTS. Zudem wüssten die Apotheker und die Projektpartner durch das Projekt ARMIN (Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen), welchen Wert das Vier-Augen-Prinzip mit klarer medizinischer und pharmazeutischer Kompetenzbeschreibung habe. Es sei nicht nachvollziehbar, warum der Gesetzentwurf Apotheker und Ärzte bei der Erstellung des Medikationsplans nicht gleichberechtigt aufführe, so Kiefer.

 

Maximilian Liebl, Präsident der Apothekerkammer der Provinz Bozen, zeichnete in seiner Begrüßungsansprache ein recht düsteres Szenario für die italienischen Apotheken. Derzeit würden im Parlament zwei Gesetze zur Liberalisierung behandelt: Zum einen soll das Fremd- und Mehrbesitzverbot aufgehoben werden, zum anderen sollen zukünftig verschreibungspflichtige Medikamente – sofern ein Apotheker anwesend ist – auch außerhalb von Apotheken abgegeben werden können. »Für den Bestand des Fremd- und Mehrbesitzverbots habe ich keine Hoffnung mehr«, sagte Liebl.

 

Schulden beim Großhandel

 

Erschwerend käme hinzu, dass die meisten Apotheken sich gegenüber dem Großhandel verschuldet hätten. In Italien gebe es keine gesetzlich klar geregelte Honorierung, vielmehr lebten die Apotheker von der reinen Marge. Vor allem in den Ballungszentren gehöre die Mehrzahl der Apotheken bereits dem Großhandel.

 

In Südtirol sehe die Situation insgesamt erfreulicher aus. Die Apotheker profitierten vom Tourismus, zudem sei Zweisprachigkeit Voraussetzung für den Betrieb einer Apotheke. Daher sei diese Region für Ketten nicht so interessant. Liebl zeigte sich trotz der widrigen Umstände optimistisch: »Ich bin überzeugt, dass dies nicht das Ende der eigenständigen Apotheke ist.« /

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