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Schlechtes Vorbild

01.06.2007
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Schlechtes Vorbild

Die Situation ist ohne Frage eine Katastrophe. Seit einigen Jahren gibt es Medikamente, die Lebenserwartung und Lebensqualität von HIV-Infizierten und Aids-Kranken deutlich verbessern. In Deutschland, den USA oder Frankreich werden heute die meisten Patienten damit behandelt. In Afrika, weiten Teilen Asiens und Lateinamerikas sind antiretrovirale Medikamente jedoch für die meisten Menschen unerschwinglich. Hilfsorganisationen wie Apotheker ohne Grenzen, Misereor oder action medeor kritisieren zu Recht, dass große Teile der Menschheit vom Nutzen moderner Arzneimitteltherapie ausgeschlossen werden (siehe hier). Manche Pharmahersteller, die viel Geld dafür ausgeben, sich und ihre Produkte als Heilsbringer der Menschheit darzustellen, verweigern denjenigen Staaten ihre Produkte, in denen die Gewinnaussichten nicht das gesteckte Klassenziel erreichen. Das gilt übrigens nicht nur für Aids. An Malaria oder Tuberkulose sterben weltweit noch mehr Menschen. Da es für diese Medikamente in den Industrienationen nur einen begrenzten Markt gibt, läuft hier die Forschung ohnehin auf Sparflamme.

 

Es ist aber zu schlicht, die Industrie als allein Schuldigen zu verurteilen. Zum einen gibt es Firmen wie Boehringer Ingelheim, die ihre HIV-Medikamente deutlich preiswerter in den Entwicklungsländern auf den Markt bringen. Andere Unternehmen, wie Abbott, sind da weniger entgegenkommend. Auf der anderen Seite werden Industrieunternehmen aber auch nicht deshalb gegründet, um die Menschheit zu beglücken, sondern um Geld zu verdienen. Am Umsatz und am Gewinn werden ihre Vorstandsvorsitzenden gemessen, nicht an den Sympathiewerten in der Bevölkerung. Große Konzerne stellen deshalb eher durchsetzungsfähige Menschen ein als solche mit Sozialkompetenz.

 

Noch trauriger als das Verhalten der Pharmaunternehmen ist aber die Rolle der G8-Staaten. Da sie alle demokratisch legitimierte Regierungen haben, gilt die Kritik zumindest mittelbar auch für die Einwohner dieser Länder, also auch für uns. Halbherzig sind die Bemühungen, den Menschen in den Entwicklungsländern den Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten zu erleichtern. Es ist seit Langem bekannt, dass die meisten Menschen auf der Welt keinen Zugang zu modernen Arzneimitteln haben. Das interessiert aber nur wenige Menschen in Deutschland, wenn sich nicht gerade Bono, Bob Geldof oder Herbert Grönemeyer publikumswirksam um dieses Thema kümmern.

 

Dass sich die G8-Staaten beim Gipfel in Heiligendamm auf eine höhere Summe für den Kampf gegen Aids einigen werden, darf bezweifelt werden. Wenn wir die Situation in den Entwicklungsländern zu Recht für untragbar halten, dann ist es unser aller Aufgabe, das Thema aktuell zu halten. Es nützt nichts, mit dem Finger allein auf die Industrie zu zeigen. Als schlechtes Beispiel taugen auch wir.

 

Daniel Rücker

Stellvertretender Chefredakteur

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