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Medizinversorgung der Ärmsten

Wie sich Pharmakonzerne engagieren

Nur eine Handvoll der weltweit führenden Pharmaunternehmen kümmert sich um die Entwicklung neuer Arzneien für Menschen in Entwicklungsländern – und ihr Engagement konzentriert sich auf nur fünf Krankheiten. Das zeigt der sogenannte Access-to-Medicine-Index (ATMI) 2018, der das Bemühen von Konzernen um bessere Gesundheitsversorgung in ärmeren Ländern abbildet.
Cornelia Dölger
30.11.2018
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»Das öffentliche Gesundheitswesen hat in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte gemacht«, räumt ATMI-Geschäftsführerin Jayasree K. Iyer ein. Um aber die Lücken zu schließen, die beim Zugang unterversorgter Regionen zu Medikamenten nach wie vor bestünden, müssten weltweit mehr Hersteller an einen Tisch gebracht werden. »Wenn sich mehr Unternehmen dieser Gruppe anschließen würden, würde das zu wesentlicher Entspannung führen«, teilte Iyer mit. Nur auf diese Weise ließen sich Rückschritte vermeiden, die derzeit drohten, falls nur eins der Unternehmen sein Engagement zurückfahre. »Die Situation ist fragil«, sagte die ATMI-Chefin.

Dem Index zufolge setzen sich die fünf Branchenriesen Glaxo-Smith-Kline, Novartis, Johnson & Johnson, Merck sowie Takeda federführend für die Entwicklung neuer und dringend benötigter Arzneimittel für die Ärmsten ein. Der Darmstädter Konzern Merck gelangte demnach unter die Top 5, weil er bereits vor zwei Jahren das Merck Global Health Institute gründete, das bezahlbare und verfügbare Therapien zur Behandlung von Infektionskrankheiten wie Malaria und Bilharziose entwickle, hebt der ATMI hervor. Außerdem setze sich Merck für den Aufbau wichtiger Gesundheitszentren in abgelegenen Regionen Kenias ein.

Das Krankheitsspektrum, auf das sich die Hersteller konzentrieren, sei deutlich zu klein, heißt es kritisch in dem Index. Bislang stünden Malaria, HIV/Aids, Tuberkulose sowie die Chagas-Krankheit und Leishmaniose im Fokus des Bemühens – deutlich zu wenig angesichts von 45 Krankheiten, die die Weltgesundheitsorganisation WHO sowie andere Organisationen als hoch prioritär für Forschung und Entwicklung identifiziert hätten.

Geld und Gesellschaftsdruck sind ausschlaggebend

Dass Geld beim Engagement von Konzernen eine bedeutende Rolle spielt, liegt in der Natur der Sache. So habe die ATMI-Analyse gezeigt, dass die meisten hochpriorisierten Entwicklungsprojekte mit Unterstützung öffentlicher Forschungseinrichtungen durchgeführt würden. Es komme aber auch durchaus vor, dass Unternehmen Produkte ohne finanzielle Förderung entwickelten, heißt es in dem Index.

Hierbei könne gesellschaftlicher Druck das Verhalten von Konzernen beeinflussen, erklärt ATMI-Forschungsleiter Danny Edwards. »Wenn sich die Gesellschaft der Prioritäten bewusst ist, hilft das, die Bemühungen der Branche zu konzentrieren.« So könnten etwa Aufrufe zum Handeln oder für Spendengelder  durchaus dazu führen, dass sich mehr Konzerne in den  betroffenen Regionen engagieren - auch in Bereichen mit geringem kommerziellem Potenzial, so Edwards.

Insgesamt hätten sich die weltweiten Bedingungen für den Zugang zu Arzneimitteln positiv entwickelt, stellen die Autoren des Index fest. Drei Konzerne hätten seit Veröffentlichung des letzten Index 2016 neue Strategien entwickelt oder gefestigt, fünf bauten in unterversorgten Gebieten innovative Absatzmodelle auf. Inzwischen würde auch sensibler darauf geachtet, ob die Zielkundschaft sich die Produkte überhaupt leisten könne, heißt es. Im Vergleich zu 2016 hätten die Pharmaunternehmen insgesamt mehr Projekte mit Fokus auf globale Gesundheitsprioritäten in der Pipeline.

Der Index wird alle zwei Jahre von der Access-to-Medicine-Foundation erstellt, einer Non-Profit-Organisation, die unter anderem von der britischen Regierung, dem niederländischen Außen- sowie dem Gesundheitsministerium und der Bill & Melinda-Gates-Stiftung unterstützt wird. Er bewertet, was die 20 größten Pharma-Unternehmen tun, um den Zugang zur Gesundheitsversorgung in Entwicklungsländern zu verbessern. Die Aktivitäten reichen von Spenden über Patente bis zur Kompetenzvermittlung.

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