Pharmazeutische Zeitung online
Approbationsordnung

Flexibler als gedacht

31.05.2017  09:31 Uhr

Von Robert Fürst, Manfred Schubert-Zsilavecz, Dieter Steinhilber und Ilse Zündorf / In letzter Zeit werden Rufe laut, die Approbationsordnung für Apotheker (AAppO) zu überarbeiten. Gerne wird das Regelwerk als großes Hindernis dargestellt, das den Weg zu Veränderungen in der Lehre versperrt. Aber ist das wirklich so?

Die AAppO enthält verbindliche inhaltliche und strukturelle Vorgaben für das Pharmaziestudium. Allerdings kann man immer wieder feststellen, dass das Wissen über diese Verordnung – auch bei Hochschullehrern und Standesvertretern – oftmals unzureichend ist. 

Ein genauer Blick in die Ordnung eröffnet eine klare Sicht: Die Stoffgebiete wurden sinnvoll formuliert und es sind sogar enorme Gestaltungsspielräume vorhanden.

Die Bundesapothekerordnung (BApO) regelt die Zulassung zum Beruf des Apothekers, dem der Staat eine wichtige Aufgabe übertragen hat: »Der Apotheker ist berufen, die Bevölkerung ordnungsgemäß mit Arzneimitteln zu versorgen. Er dient damit der Gesundheit des einzelnen Menschen und des gesamten Volkes.« (1) In der BApO wird das Bundesgesundheitsministerium unter Zustimmung des Bundesrats ermächtigt, in einer Rechts­ver­ordnung die »Mindestanforderungen an das Studium der Pharmazie« zu regeln. (2) Bundeseinheitlich ausgebildete Apotheker sind das Leitmotiv, das die Festlegung sowohl der Struktur als auch der Inhalte der Ausbildung in der AAppO begründet.

 

Für die universitäre Ausbildung ist ein »Studium der Pharmazie von vier Jahren an einer Universität« (3) vorgesehen, das durch den Ersten und Zweiten Abschnitt der Pharmazeutischen Prüfung (1. und 2. Staatsexamen) gegliedert wird. (4) Sehr interessant ist die Formulierung zu den Zielen: »Die Universitätsausbildung soll den Studierenden unter Berücksichtigung der Anforderungen und der Veränderungen in der Berufswelt die erforderlichen Kenntnisse, Fähigkeiten und Methoden so vermitteln, dass sie zu wissenschaftlicher Arbeit, zur kritischen Einordnung der wissenschaftlichen Erkenntnisse und zur verantwortlichen Ausübung des Apothekerberufs befähigt werden.« (5) Hier wird nicht nur die Wissenschaftlichkeit der universitären Ausbildung sehr stark betont, sondern auch der notwendige Bezug zum Beruf eingefordert. Insgesamt eine, wie wir finden, sehr moderne und gut gelungene Zielsetzung des Pharmazie-Studiums.

Tabelle: Die zehn Stoffgebiete des Studiums der Pharmazie

Stoffgebiete Gesamt Praktika Seminare Scheine
A Allgemeine Chemie der Arzneistoffe, Hilfsstoffe und Schadstoffe 462 336 56 3
B Pharmazeutische Analytik 392 308 2
C Wissenschaftliche Grundlagen, Mathematik und ­Arzneiformenlehre 280 140 14 3
D Grundlagen der Biologie und Humanbiologie 392 210 4
E Biochemie und Pathobiochemie 196 98 1
F Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie 364 84 42 2
G Biogene Arzneistoffe 238 84 42 1
H Medizinische Chemie und Arzneistoffanalytik 420 280 2
I Pharmakologie und Klinische Pharmazie 406 112 98 3
K Wahlpflichtfach 112 1
Summe3262165225222
  • Eine detaillierte Auflistung zu den Stoffgebieten finden Sie hier zum Download (pdf).

Verlängerte Studiendauer

 

Ob eine Studiendauer von nur vier Jahren diesem Ziel allerdings heutzutage gerecht werden kann, muss kritisch hinterfragt werden. Keine andere naturwissenschaftliche Ausbildung ist so kurz wie die der Pharmazeuten in Deutschland. In Zeiten einer sehr kritischen Betrachtung von Gesamtstudienzeiten ist eine politische Diskussion zu diesem Thema, die unweigerlich auch die Finanzierung miteinschließt, aber leider sehr schwierig. Trotzdem: Aus Sicht der Hochschullehre wäre eine Verlängerung des Studiums sinnvoll, insbesondere mit Blick auf eine eigenständige wissenschaftliche Arbeit am Ende des Studiums.

 

Zu den Inhalten, die gelehrt werden müssen, findet sich in der AAppO folgende Regelung: »Die Universitätsausbildung umfasst eine Ausbildung zu den in der Anlage 1 angeführten Stoffgebieten und einem Wahlpflichtfach, die in Form von Vorlesungen, Seminaren und praktischen Lehrveranstaltungen mit den angegebenen Regelstundenzahlen und Bescheinigungen zu vermitteln sind.« (6) Die Anlage 1 der AAppO enthält eine Auflistung der »Stoffgebiete des Studiums der Pharmazie« (siehe Abbildung Seite 16 und Tabelle oben). Zehn Stoffgebiete werden genannt, vier davon entfallen auf das Grundstudium, sechs werden im Hauptstudium behandelt. Die Inhalte sind sehr allgemein formuliert, sodass dem Hochschullehrer großer Freiraum bei der Ausgestaltung der Themen bleibt.

 

29 Stunden pro Woche

 

Insgesamt umfasst das Studium 3262 Unterrichtsstunden. Diese Summe muss durch 14 teilbar sein, da ein Semester mit einer durchschnittlichen Vorlesungs-/Lehrzeit von 14 Wochen angesetzt wird. So ergeben sich insgesamt 233 Semesterwochenstunden (SWS) Unterricht. Verteilt auf 8 Semester kommt man auf einen Durchschnittswert von knapp über 29 SWS.

29 Stunden pro Woche sind also in der Vorlesungszeit zu unterrichten. Weder Vor- noch Nachbereitung des Stoffs ist in diese Stundenzahl eingerechnet. Die daraus folgende Verdichtung der Semesterwochen ist enorm und erfordert höchste Disziplin, wie wir alle wissen. Es existiert wohl kaum ein anderes annähernd so eng getaktetes und verschultes Studium.

 

Wünscht man sich eine Ausweitung der Regelstudienzeit (auf 9 oder 10 Semester), so muss klar sein, dass keinesfalls eine Steigerung der Unterrichtszeit erfolgen darf, sondern eher Freiräume für Vertiefung, Reflexion und insbesondere selbstständiges pharmazeutisch-wissenschaftliches Arbeiten geschaffen werden sollten.

 

Bei jedem Stoffgebiet ist angegeben, wie viele Stunden insgesamt zu unterrichten sind und wie viele davon auf Praktika und Seminare entfallen (Regelstundenzahlen). Zudem ist die Zahl der Bescheinigungen (Scheine) je Stoffgebiet festgelegt. Interessanterweise wird nicht vorgeschrieben, auf welche Themen innerhalb des Stoffgebiets sich diese Bescheinigungen beziehen. Falls Sie sich also jemals gefragt haben, warum Sie einen Schein zum Thema »Arzneipflanzen-Exkursionen, Bestimmungsübungen« machen mussten, so lautet die Antwort darauf, dass Ihre Alma Mater sich das so überlegt und in ihrer Studienordnung festgelegt hat.

 

Die AAppO schreibt nur die Anzahl der Scheine pro Stoffgebiet vor, aber nicht die Veranstaltungen, also die Themen, für die es einen Schein gibt. Freie Auswahl also für die Hochschulen und dami­t für profilbildende Schwerpunktsetzung. Trotzdem sind die Studienordnungen und die Themen der scheinpflichtigen Veranstaltungen in Deutschland relativ homogen.

 

Grund hierfür ist, dass sich die Pharmazie-Standorte weitgehend an einen Musterstudiengang gehalten haben, der in der Änderungsverordnung zur AAppO aus dem Jahr 2000 in der Bundesrats-Drucksache 243/00 wiedergegeben wird. Dieser Musterstudiengang wird als »Leitfaden für die Umsetzung der Stoffgebiete in die Studienordnungen« bezeichnet und schlägt eine mögliche Verteilung der Unterrichtsstunden auf die verschiedenen Themen der Stoffgebiete, also eine Zuweisung genauer Stundenzahlen und der konkreten Veranstaltungsart (Vorlesung, Praktikum, Seminar) vor.

 

Vorbild Musterstudiengang

 

Wohlgemerkt, es handelt sich bei dem Musterstudiengang nur um einen Vorschlag. Abweichungen sind durchaus möglich, werden aber kaum genutzt. Falls beispielsweise an einem Standort die Meinung besteht, dass 2 SWS für »Arzneipflanzen-Exkursionen, Bestimmungsübungen« zu viel sind, kann das jederzeit geändert werden. Die freigewordenen Stunden müssen dann innerhalb desselben Stoffgebiets und derselben Veranstaltungsart einem anderen Thema zugeteilt werden.

 

Kaum bekannt ist vermutlich der Eingangspassus der Anlage 1: »Eine Verschiebung von Unterrichtsstunden zwischen einzelnen Stoffgebieten im Umfang von bis zu 42 Unterrichtsstunden je Gebiet ist möglich. Der Gesamtumfang an praktischen Übungen und Seminaren einschließlich von Vorlesungen mit Übungen oder mit Seminaren darf jeweils dadurch nicht berührt werden.« (7) Die Tragweite dieser zwei Sätze ist gigantisch. Man könnte, als (theoretische) Maximalverschiebung, aus 9 Stoffgebieten je 42 Unterrichtsstunden, insgesamt also 378, nehmen und in ein einziges Stoffgebiet packen. Wünsche nach mehr Klinischer Pharmazie oder mehr Ausbildung in Immunologie sind dadurch ohne Weiteres möglich, wenn an anderer Stelle entsprechend reduziert wird. Dies ist alles ohne Änderung der bestehenden Approbationsordnung machbar.

 

Gestaltungsspielraum

Jeder Hochschulstandort hat bereits heute den nötigen Gestaltungsspielraum, um bestimmte Akzente in Forschung und Lehre zu setzen. Diese Flexibilität wird bisher jedoch kaum genutzt. Sollte es künftig einen Trend geben, über attraktive Studieninhalte ein eigenständiges, standortspezifisches Profil zu generieren, wäre das über die genannte Verschiebung von Unterrichtsstunden möglich. In einem aktuellen Positionspapier des Wissenschaftsrats, das Gremium, das Bund und Länder wissenschaftspolitisch berät, wird der profilbildenden Lehre ein großer Stellenwert eingeräumt.

 

In der AAppO sind sowohl die Prüfungsarten als auch der Prüfungsstoff der Staatsexamina festgelegt. »Im Ersten Abschnitt der Pharmazeutischen Prüfung wird schriftlich, im Zweiten und Dritten Abschnitt der Pharmazeutischen Prüfung mündlich geprüft.« (8) Zudem ist geregelt, dass es sich bei der schriftlichen Prüfung um Multiple-Choice-Fragen handeln muss. Die Nutzung von deutschlandweit einheitlichen Multiple-Choice-Fragen führt zur absoluten Vergleichbarkeit beziehungsweise Transparenz und ermöglicht auch die Aufstellung von gewollten oder ungewollten Standort­rankings. Ob diese Art der Fragen jedoch didaktisch sinnvoll ist, ist fraglich. Zwar lässt die AAppO Ausnahmen von der Teilnahme am 1. Staatsexamen zu (alternatives Prüfungsverfahren). (9) Allerdings sind nicht alle zuständigen Landesbehörden begeistert, derartige Ausnahmen dauerhaft zu genehmigen.

Prüfungsstoff des 2.

<typohead type="2" class="balken">Pharmazeutische Biologie</typohead type="2">

  • Gebräuchliche Arzneipflanzen, Drogen und Phytopharmaka; deren ­Gewinnung, Inhaltsstoffe, Wirkung, therapeutische Anwendung sowie deren pharmazeutische und klinische Beurteilung;
  • Erkennung, Reinheits- und Qualitätsprüfung von Drogen; analytische ­Verfahren zur Untersuchung und Standardisierung von pflanzlichen ­Ausgangsstoffen und Fertigpräparaten;
  • Isolierungsverfahren von Naturstoffen;
  • Gebräuchliche Antibiotika und biogene Zytostatika; deren Gewinnung, ­Wirkmechanismen und therapeutische Anwendung; Mechanismen der Resistenzentwicklung;
  • Grundprinzipien der Biosynthese von pflanzlichen und mikrobiellen ­Naturstoffen;
  • Biochemie und Klinische Chemie;
  • Grundlagen der Immunologie;
  • Einsatz immunologischer und enzymatischer Methoden in Analytik und ­Diagnostik;
  • Herstellung, Prüfung und Anwendung von Impfstoffen, Immunglobulinen und Immunsera;
  • Blutprodukte;
  • Molekularbiologische Arbeitstechniken, gentechnologische Verfahren zur Gewinnung von Arzneistoffen;
  • Gentherapeutika;
  • Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen.

Themen für Prüfungen

 

Der Prüfungsstoff des Ersten beziehunsgweise Zweiten Abschnitts der Pharmazeutischen Prüfung (1. oder 2. Staatsexamen) wird in den Anlagen 13 und 14 festgelegt. In der AAppO heißt es: »Die Fragen (in den Prüfungen) müssen auf den in Anlage 13 (oder 14) festgelegten Prüfungsstoff abgestellt sein.« (10) Die vorgegebene Sammlung der Themen soll verhindern, dass völlig abstruse Themen geprüft werden.

 

Die Zuständigkeit des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) für das 1. Staatsexamen ergibt sich aus folgendem Passus der AAppO: »Bei der Festlegung der Prüfungsfragen sollen sich die Landesprüfungsämter nach Maßgabe einer Vereinbarung der Länder einer Einrichtung bedienen, die die Aufgabe hat, Prüfungsfragen für den Ersten Abschnitt der Pharmazeutischen Prüfung herzustellen.« (11)

 

Das IMPP erarbeitet Multiple-Choice-Fragen auf Grundlage eines selbsterstellten sogenannten Gegenstandskatalogs, der den in der AAppO vorgegebenen Prüfungsstoff konkretisiert. Diese bundesweit einheitliche Prüfung schränkt die prinzipielle Flexibilität, die die AAppO bietet, deutlich ein. Denn die Lehrenden haben in dieser Phase des Studiums keinen Einfluss auf das, was geprüft wird, was im Umkehrschluss bedeutet, dass das, was geprüft wird, auch gelehrt werden muss.

Unbedeutende Details

 

Multiple-Choice-Fragen zu entwerfen, ist nicht einfach und kann dazu verleiten, stark in pharmazeutisch unbedeutende Details abzudriften. Ein interessantes Beispiel aus dem letzten 1. Staatsexamen in der Pharmazeutischen Biologie: Welcher Satz zum Thema Angiospermen trifft zu: »Der Kernphasenwechsel der Angiospermen ist dikaryo-haplontisch.« oder »Der Wechsel von der diploiden zur haploiden Kernphase erfolgt durch Meiose von Megasporenmutterzelle beziehungsweise Pollenmutterzelle.« Alles klar? Ein weiteres Beispiel aus der Pharmazeutischen Chemie: Zum Thema IR-Spektroskopie wurde gefragt, welche Molekülschwingung der Bande 1155 cm-1 zuzuordnen ist. Die Art der Fragestellung hat wenig mit dem Verständnis der Methode oder der Fähigkeit von Studierenden zur IR-­Spektren-Interpretation zu tun, sondern fördert lexikalisches Auswendiglernen von Zuordnungstabellen für IR-Banden. Hier sehen wir durchaus einen deutlichen Reformbedarf.

 

Während der Prüfungsstoff des 1. Staatsexamens die für die Pharmazie relevanten, naturwissenschaftlichen Grundlagen abdeckt, lässt der Katalog für das 2. Staatexamen sämtliche, auch sehr moderne Aspekte der Fächer zu. Am Beispiel des Prüfungsstoffs der Pharmazeutischen Biologie für das 2. Staatsexamen (siehe Kasten oben) ist leicht nachzuvollziehen, dass sowohl nach der klinischen Evidenzbasis von Kamillenextrakt, dem Wirkmechanismus von Trastuzumab und auch nach den Grundlagen von CRISPR/Cas gefragt werden kann.

 

Für eine Änderung der AAppO gibt es sicherlich Argumente: Die Studiendauer ist zu kurz, Multiple-Choice-Fragen sind didaktisch nicht unbedingt optimal und eine wissenschaftliche Abschlussarbeit fehlt. Aber ein Argument gehört nicht dazu: Moderne Lehre und damit Schwerpunktsetzung an den jeweiligen Hochschulstandorten könne nicht im Rahmen der gültigen AAppO erbracht werden. Wir meinen, dass die aufgezeigten Freiheitsgrade bezüglich Inhalt und Umfang der Lehrveranstaltungen enorm sind und eigentlich nur genutzt werden müssen. Der Studiengang ist genau so modern und am Puls der Zeit, wie die einzelnen Standorte es wollen. /

Die Autoren

Dr. Robert Fürst, Professor für Pharmazeutische Biologie, Dr. Ilse Zündorf, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Dr. Dieter Steinhilber und Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz, Professoren für Pharmazeutische Chemie, sind an der Goethe-Universität Frankfurt am Main tätig.

Literatur 

  1. § 1 Bundes-Apothekerordnung
  2. § 5 Abs. 1 Bundes-Apothekerordnung
  3. § 1 Abs. 1 AAppO
  4. § 1 Abs. 2 AappO
  5. § 2 Abs. 1 AAppO
  6. § 2 Abs. 2 AAppO
  7. Anlage 1 Satz 1 und 2 AappO
  8. § 8 Abs. 1 AAppO
  9. § 8 Abs. 2 AAppO
  10. § 17 Abs. 3 und § 17 Abs. 4 AappO
  11. § 10 Abs. 3 Satz 2 AappO

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