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Calciumsupplemente

Neue Daten zu kardialen Risiken

23.05.2011
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Von Christina Hohmann / Einer aktuellen Metaanalyse zufolge erhöhen Calciumsupplemente mit und ohne zusätzliches Vitamin D das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse, vor allem für Herzinfarkt. Der Anstieg fällt aber moderat aus.

Calciumsupplemente, meist in Kombination mit Vitamin D, werden in der Osteoporose-Prophylaxe vielfach eingesetzt. Bereits im vergangenen Jahr hat eine Metaanalyse zu den kardiovaskulären Risiken von Calciumpräparaten für Aufregung gesorgt. Mark Bolland und seine Kollegen von der Universität Auckland in Neuseeland kamen zu dem Ergebnis, dass die Supplemente das Risiko für Herzinfarkt leicht erhöhen. Die Studie überzeugte die Fachwelt aber nicht.

Nun legt die Arbeitsgruppe um Bolland neue Daten zu diesem Sachverhalt vor. Sie führten eine Reanalyse von Daten der Women’s Health Initiative Calcium/Vitamin D Study (WHI CaD Study) durch, wobei sie Frauen ausschlossen, die zum Zeitpunkt der Randomisierung schon Calciumsupplemente einnahmen. Dies könnte mögliche Effekte der Supplementierung verschleiern, argumentieren die Forscher. In ihre Untersuchung gingen nun die Daten von 16 718 Frauen ein, die bei Randomisierung noch kein Calcium nahmen. Sie erhielten über sieben Jahre täglich 1 g Calcium und 400 IU Vitamin D beziehungsweise Placebo. Der Analyse zufolge betrug die Risikoerhöhung in der Verumgruppe 21 Prozent für Herzinfarkt, 17 Prozent für Schlaganfall und 13 Prozent für kardiovaskuläre Mortalität. Die Gesamtmortalität unterschied sich zwischen den beiden Gruppen nicht. Dies berichten Bolland und seine Kollegen im »British Medical Journal«.

 

Im gleichen Artikel führen sie auch die Ergebnisse einer Metaanalyse von acht placebokontrollierten Studien zu kardiovaskulären Risiken unter Supplementation von Calcium oder Calcium plus Vitamin D mit insgesamt 28 000 Probanden auf. Auch hier war das Risiko in der Verumgruppe für Herzinfarkt um 24 Prozent und für die Kombination der Endpunkte Herzinfarkt und Schlaganfall um 15 Prozent erhöht. Die Autoren folgern aus ihren Daten, dass Calciumsupplemente sowohl mit als auch ohne Vitamin D das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, vor allem für Myokardinfarkt, moderat erhöhen. Eine Neubewertung des Einsatzes der Supplemente in der Osteoporoseprophylaxe sei angebracht, schreiben sie in der Veröffentlichung. /

 

 

Quelle: Bolland, M. J., et al., Calcium supplements with or without vitamin D and risk of cardiovascular events: reanalysis of the Women’s Health Initiative limited access dataset and meta-analysis. BMJ, 2011; 342: d2040.

Kommentar

Mark Bollands neue Veröffentlichung erhärtet den Verdacht, dass eine Calciumsupplementierung hinsichtlich des kardiovaskulären Risikos schädlich sein kann. Die Analysen werfen aber mehr Fragen auf, als sie klären. Denn in der WHI-Studie war für das erhöhte kardiovaskuläre Risiko nicht die Höhe der Gesamtcalciumzufuhr, sondern die Tatsache einer neu begonnenen Supplementierung per se der entscheidende Faktor. Für die 46 Prozent der Patientinnen, die keine Calcium- und Vitamin-D-Supplemente vor Randomisierung eingenommen hatten, erhöhte sich das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse, wohingegen die vorsupplementierten Patientinnen auch bei einer zusätzlichen Calciumgabe von 1000 mg täglich keine Veränderung ihres kardiovaskulären Risikos erfuhren. Das ist schwierig zu verstehen. Erhöht sich mein kardiovaskuläres Risiko auch dadurch, dass ich morgens eine Flasche calciumreiches Mineralwasser trinke? Ohne weitere Studien wird sich die Frage nicht klären lassen, ob eine hohe Gesamtzufuhr von Calcium oder eine bestimmte Art und Weise der Zufuhr ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko bedingen, und ob sich die bisherigen Post-hoc-Beobachtungen in einer Studie mit kardiovaskulärem Risiko als primärem Endpunkt bestätigen lassen.

 

Solche Studien sind angesichts der vorliegenden Daten wichtig und notwendig. Momentan erscheint die Kernaussage der DVO-Leitlinien 2009 zur Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose bei Erwachsenen gut praktikabel. Empfohlen wird dort eine Calciumzufuhr von 1000 mg täglich mit der Nahrung. Die Gesamtzufuhr von Nahrungscalcium und Supplementen sollte 1500 mg nicht überschreiten. Entsprechend der vorliegenden Daten sollte bei den meisten Patientinnen mit Osteoporose eine alleinige Vitamin-D-Gabe erfolgen. Auf Calciumsupplemente kann in Ausnahmefällen und unter Berücksichtigung des individuellen kardiovaskulären Risikos in geringen Dosierungen zurückgegriffen werden.

 

 

Dr. Friederike Thomasius

Osteoporose-Zentrum Frankfurt am Main

 

Professor Dr. Johannes Pfeilschifter

Alfried-Krupp-Klinikum, Essen

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