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Pharmacon Meran

Mut zum Sachverstand

19.05.2008  11:05 Uhr

Pharmacon Meran

Mut zum Sachverstand

Von Brigitte M. Gensthaler, Meran

 

Die Auswüchse des Versandhandels mit Arzneimitteln sind aus Sicht von Magdalene Linz, Präsidentin der Bundesapothekerkammer, nicht mehr akzeptabel: »Für Sicherheit und Verbraucherschutz im Arzneimittelbereich stehen Apothekerinnen und Apotheker ein und nicht Dönerbuden und Tankstellen.«

 

Die Apotheker kämpfen für ein Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Medikamenten, berichtete Linz bei der Eröffnung der 46. Fortbildungswoche für praktische und wissenschaftliche Pharmazie am 18. Mai in Meran. Der Berufsstand werde immer für eine optimale Arzneimittelversorgung eintreten. »Unser Heilberuf ist unersetzbar«, stellte Linz vor mehr als 700 Teilnehmern fest.

 

Im März hatte das Bundesverwaltungsgericht in seinem Urteil zum Bestell- und Abholservice von Arzneimitteln in dm-Drogeriemärkten diese Variante des Versandhandels bestätigt. Das Gericht sah dabei keinen Unterschied, ob eine Apotheke mit Versandhandelserlaubnis Medikamente über einen Zustellservice ausliefert oder ein »Zwischenhändler« wie dm eingeschaltet wird. Dies eröffnet anderen Versand- und Abholmodellen Tür und Tor. Linz: »Wird es Arzneimittel bald an der Dönerbude oder an der Tankstelle geben?«

 

Frühzeitig haben die Apotheker vor den Gefahren des Versandhandels gewarnt, erinnerte Linz. Doch der Gesetzgeber habe an mehr Wettbewerb und ein Höchstmaß an Bequemlichkeit für die Patienten gedacht. Jetzt sei es wenig hilfreich, wenn Bundeskriminalamt, Zoll und Bundesgesundheitsministerium das ständig wachsende Problem der Arzneimittelfälschungen beklagen. Viele Probleme wären vermeidbar, wenn der Versandhandel verboten wäre.

 

Die Berufsorganisationen setzen sich daher intensiv für eine Neuregelung ein, berichtete Linz und dankte ausdrücklich den Landesapothekerkammern und -verbänden für den Schulterschluss mit der ABDA. Ziel sei es, verschreibungspflichtige Medikamente wieder aus dem Versand herauszunehmen.

 

Offen ist noch die Entscheidung des EuGH im Vorlageverfahren DocMorris. Auch wenn interessierte Kreise immer wieder den Fall des Fremd- und Mehrbesitzverbots voraussagen: »Der EuGH hat noch nicht entschieden und wir dürfen uns von solchen Sirenengesängen nicht verunsichern lassen«, sagte Linz.

 

Die Bundesregierung habe ein deutliches Votum abgegeben, dass sie zum Fremd- und Mehrbesitzverbot stehe. Zudem steige auf europäischer Ebene die Zahl derer, die eine Liberalisierung kritisch sehen. Dies zeigten beispielsweise die Schlussanträge des Generalanwalts Yves Bot im Vertragsverletzungsverfahren, das die EU-Kommission wegen der Regelungen des §14 Apothekengesetz gegen die Bundesrepublik Deutschland angestrengt hatte. Der Anwalt habe dargelegt, dass die Mitgliedstaaten das Niveau des Gesundheitsschutzes für ihre Bürger selbst festlegen können. Daher sei Deutschland berechtigt vorzuschreiben, dass die Arzneimittelversorgung eines Krankenhauses aus einer Hand erfolgen muss. Sie hoffe, dass der Generalanwalt auch im Vorlageverfahren so konsequent für die »Arzneimittelversorgung aus einer Hand« plädieren wird, sagte Linz.

 

Beratung ist Pflicht

 

Die Umsetzung der Rabattverträge bereitet den Apothekern nach wie vor Sorgen, auch wenn sich die Lieferfähigkeit deutlich verbessert hat. Doch ohne die Bereitschaft der Apotheker, die Umsetzung der Rabattverträge aktiv zu unterstützen, wären Höchstpreise für verschreibungspflichtige Arzneimittel eingeführt worden, erinnerte Linz.

 

Die erste große Welle der Verunsicherung bei den Patienten sei vorbei, aber es bestehe immer noch erhöhter Beratungsbedarf. Dennoch dürften die Kollegen die pharmazeutische Information und Beratung nicht hinanstellen. »Dazu sind wir verpflichtet und daran werden wir gemessen.«

 

Die Präsidentin begrüßte es, dass mit dem neuen Rahmenvertrag nach §129 SGB V pharmazeutische Aspekte bei der Arzneimittelauswahl eingeführt wurden. Danach darf der Apotheker von der Abgabe eines rabattbegünstigten anstelle des verordneten Arzneimittels absehen, wenn er pharmazeutische Bedenken hat. »Wir müssen den Mut haben, begründete pharmazeutische Bedenken geltend zu machen und auch gegenüber den Krankenkassen zu verteidigen«, ermunterte Linz die Kollegen. Eine Liste mit kritischen Arzneistoffen oder Darreichungsformen werde es aber nicht geben, sondern nur fachliche Hinweise, wann besondere Vorsicht beim Austausch geboten ist.

 

Wichtig sei es, dass sich die pharmazeutischen Fachkräfte in einer Apotheke darüber verständigen, wie sie grundsätzlich vorgehen wollen, damit die einzelnen Entscheidungen von allen mitgetragen wird. Pharmazeutische Bedenken dürften aber nicht als »Deckmantel« dienen, um die Abgabe von rabattbegünstigten Arzneimitteln zu vermeiden.

 

Anders als in den Vorjahren hatte Dr. Maximin Liebl, Präsident der Apothekerkammer der Provinz Bozen, »nichts Negatives« vom italienischen Apothekenmarkt zu berichten. Aber nur, weil alle Gesetzesvorhaben vom Sturz der Regierung Prodi hinweggefegt wurden. Jedoch würden die Apotheker vom drastischen Rückgang der Krankenkassenumsätze gebeutelt. Und der Druck auf die Ärzte steige, billige Generika zu verordnen. In einigen Regionen bezahlten die Kassen nur noch das billigste Präparat einer Wirkstoffklasse, erklärte Liebl am Beispiel der Protonenpumpenblocker.

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